«Tibeter brauchen eine Integrationsfigur»: Der Historiker Wangpo Tethong über ein Land als Projektionsfläche und die umstrittenen Seiten des Dalai Lama.

Welt­wo­cher 10/09, von David Signer

Herr Tethong, wer­den die Ver­hält­nisse in Tibet vor dem chi­ne­si­schen Ein­marsch 1949 von Tibet-Fans idealisiert?

Tibet war rück­stän­dig, extrem arm, keine Frage. Eine bäuerlich-nomadische Gesell­schaft, mit beschei­de­nem Han­del. Für Inves­ti­tio­nen, um das Land wirt­schaft­lich und tech­no­lo­gisch vor­wärts­zu­brin­gen, reichte die wirt­schaft­li­che Leis­tung nicht hin. Und es herrschte eine ekla­tante Ungleich­heit. Kein Tibet-Spezialist leug­net das. Bei der brei­te­ren Bevöl­ke­rung in Europa gibt es durch­aus eine Ten­denz, im frü­he­ren Tibet eine Idylle zu sehen. Es gibt seit lan­gem den euro­päi­schen Traum vom irdi­schen Para­dies, von «Shan­gri La», der sich an Tibet festmacht.

Der Dalai Lama hat der For­de­rung nach poli­ti­scher Unab­hän­gig­keit Tibets abge­schwo­ren und begnügt sich heute mit einer «Auto­no­mie». Iso­liert er sich damit von einem Teil der Bevölkerung?

Nur eine kleine Min­der­heit der Tibe­ter – dar­un­ter viele Junge – for­derte in der Ver­gan­gen­heit poli­ti­sche Unab­hän­gig­keit, das haben auch die Wah­len zum Exil­par­la­ment gezeigt. Der Dalai Lama ist nicht iso­liert. Der Wunsch, dass er zurück­kehrt, ist stark. In allen Regio­nen und bud­dhis­ti­schen Schu­len Tibets hat er gros­sen Rück­halt, der durch seine Abwe­sen­heit fast noch ver­stärkt wurde.

Warum ver­zich­tet er nicht auf sei­nen poli­ti­schen Füh­rungs­an­spruch und beschränkt sich auf die Rolle als reli­giö­ses Oberhaupt?

Man muss sich bewusst sein, dass der Dalai Lama eine his­to­risch gewach­sene Insti­tu­tion ist. Die enge Ver­bin­dung von poli­ti­scher und geist­li­cher Auto­ri­tät geht bis auf den 5. Dalai Lama zurück, mit dem das Sys­tem der Dalai Lamas 1642 begann. Ähnli­che Tra­di­tio­nen haben sich auch in Thai­land erhal­ten. Es war und ist aber nie eine abso­lute Macht.

Aber das setzt allen demo­kra­ti­schen Bemü­hun­gen eine enge Grenze.

Das stimmt teil­weise. Die Tibe­ter brau­chen eine Inte­gra­ti­ons­fi­gur, es wäre poli­tisch nicht geschickt, zum jet­zi­gen Zeit­punkt dar­auf zu ver­zich­ten. Mit­tel­fris­tig geht es sicher in Rich­tung einer demo­kra­ti­schen Ord­nung, even­tu­ell einer kon­sti­tu­tio­nel­len Mon­ar­chie. Der Dalai Lama wird poli­tisch eine mehr reprä­sen­ta­tive Rolle haben. Der nächste Dalai Lama wird sicher eine ganz andere Funk­tion ein­neh­men als der jetzige.

Ist die Rück­kehr eine reale Perspektive?

China for­dert, dass er aner­ken­nen müsste, dass Tibet und auch Tai­wan schon immer ein Teil von China waren. Der Dalai Lama sagt, auch wenn er sich jetzt mit einer Auto­no­mie inner­halb der chi­ne­si­schen Staats­ord­nung begnüge, so könne man doch die Geschichte nicht umschreiben.

Wäh­rend sei­ner Regie­rungs­zeit hat der Dalai Lama kaum Refor­men durchgeführt.

Er war fünf­zehn Jahre alt, als er den Thron bestieg. Und als er 1954 nach China zu Mao ging und durch­aus vom Sozia­lis­mus begeis­tert war, war er immer noch ein Teen­ager. Spä­ter, als er Ver­än­de­run­gen durch­füh­ren wollte, war er de facto ent­mach­tet. Sein Vor­gän­ger unter­nahm aller­dings durch­aus Anstren­gun­gen, das Land zu moder­ni­sie­ren. Ent­schei­dend für die Wür­di­gung sei­ner poli­ti­schen Bio­gra­fie ist die Zeit im Exil.

Es wird immer wie­der die­ses Kli­schee der fried­li­chen Tibe­ter gepflegt. Die Demons­tra­tio­nen im Vor­feld der Olym­piade waren aller­dings alles andere als gewaltlos.

Sicher gab es auch Gewalt von tibe­ti­scher Seite, das ist nicht erstaun­lich ange­sichts der jahr­zehn­te­lan­gen Repres­sion. Für den Wes­ten waren diese Bil­der über­ra­schend, weil Kli­schees vorherrschen.

Der Dalai Lama wird ver­ehrt. Muss man, nüch­tern betrach­tet, nicht sagen, dass er – zumin­dest poli­tisch – ver­sagt hat?

Die Ver­hand­lungs­lö­sung hat sich im Nichts auf­ge­löst, und es gibt keine Anzei­chen, dass sich in den nächs­ten Jah­ren etwas ändern wird. Die Haupt­ver­ant­wor­tung für das Schei­tern hat Peking mit sei­ner stu­ren Hal­tung. Die tibe­ti­sche Seite hat mei­nes Erach­tens mit immer grös­se­ren Zuge­ständ­nis­sen aber deut­lich über­trie­ben. Ein Kurs­kor­rek­tur muss folgen.

Ist die kol­por­tierte Zahl von 1,2 Mil­lio­nen tibe­ti­schen Opfern der chi­ne­si­schen Unter­drü­ckung nicht übertrieben?

Man muss prä­zi­sie­ren, dass es dabei nicht um getö­tete Tibe­ter geht, son­dern auch um indi­rekte Opfer, also Ver­hun­gerte, Selbst­mör­der und Men­schen, die wegen der Bedin­gun­gen in den Gefäng­nis­sen und Arbeits­la­gern umka­men. Auch dann noch ist die Zahl nicht wis­sen­schaft­lich fun­diert, son­dern eine Schätzung.

Gibt es nicht eine Ten­denz, jede Moder­ni­sie­rung, die die Chi­ne­sen in Tibet durch­füh­ren, als Zer­stö­rung der tibe­ti­schen Kul­tur zu interpretieren?

Klar wur­den Schu­len und Stras­sen gebaut, hat sich die Gesund­heits­ver­sor­gung gebes­sert – aber wo nicht in den letz­ten fünf­zig Jah­ren? Das wäre auch ohne die Chi­ne­sen gesche­hen. Ein Land wie Bhu­tan hat Tibet über­holt. Gleich­zei­tig wird in Tibet die tibe­ti­sche Kul­tur mar­gi­na­li­siert. In die­ser Debatte wird oft mit ver­schie­de­nen Ellen gemes­sen. Sagt jemand: Im Drit­ten Reich wur­den immer­hin Auto­bah­nen gebaut, ist man zu Recht empört.

Viel­leicht reizt die Ver­klä­rung des alten Tibet zu Antithesen?

Ja, aber das ist ein euro­päi­sches Pro­blem. Es gibt das Ide­al­bild vom Super­ti­be­ter, der dank tra­di­tio­nel­ler Medi­zin nie krank wird, prak­tisch unsterb­lich und immer lieb ist. Nicht alle Tibe­ter sind Bud­dhis­ten und medi­tie­ren. Die Ver­nied­li­chung zu apo­li­ti­schen Gut­men­schen ärgert mich. Es gibt einen «Krieg der Bil­der» um Tibet. Das Land eig­net sich als Pro­jek­ti­ons­flä­che, es zeigt sich uns ver­spie­gelt. Es gibt die Idea­li­sie­rer, die Pro­pa­ganda der Chi­ne­sen, die New-Age-Fantasten und brau­nen Okkul­tis­ten. Auch Tibe­ter mischen im Image-Kampf mit. In die­sem Getöse geht der legi­time Wunsch nach poli­ti­scher Selbst­be­stim­mung gele­gent­lich unter.

Wangpo Tethong, 45, ist ein tibe­ti­scher His­to­ri­ker. Sein Stu­dium an der Uni­ver­si­tät Zürich schloss er mit einer Arbeit über «Exil­ti­be­ti­sche Eli­ten» ab. Heute arbei­tet Tethong in einer Beratungsfirma.

Ein umstrit­te­ner Arti­kel in der Welt­wo­che 10/09:

Die Legen­den des Dalai Lama, von David Signer

Am 10. März jährt sich zum 50. Mal der Auf­stand der Tibe­ter gegen China. Das geis­tige Ober­haupt, der Dalai Lama, wird im Wes­ten ver­ehrt wie ein Pop­star. Selt­sam. Der all­seits ver­klärte Got­tes­staat war ein kor­rup­tes Feu­dal­sys­tem, das seine ärmli­chen Unter­ta­nen knechtete.

Kürz­lich konnte der Dalai Lama im Rah­men sei­ner jüngs­ten Europa-Reise in Baden-Baden den Deut­schen Medi­en­preis ent­ge­gen­neh­men, der bereits Pro­mi­nen­ten wie Nel­son Man­dela, Bill Clin­ton und Bono ver­lie­hen wurde. Am 10. März vor fünf­zig Jah­ren erho­ben sich die Tibe­ter gegen die chi­ne­si­sche Fremd­herr­schaft. Und es ist sieb­zig Jahre her, dass aus einem klei­nen Bau­ern­jun­gen «Seine Hei­lig­keit» wurde.

Im Win­ter 1937/1938 machte sich ein Such­trupp aus der tibe­ti­schen Haupt­stadt Lhasa in die Pro­vinz Amdo auf. Die Dele­ga­tion hielt Aus­schau nach der Wie­der­ge­burt des vier Jahre zuvor ver­stor­be­nen 13. Dalai Lama. Man hatte des­sen Lei­che ein­bal­sa­miert und auf den Thron gesetzt, als sein Kopf plötz­lich zur Seite kippte und sein Gesicht nach Nord­os­ten zeigte. Das war den Zei­chen­deu­tern am Hof ein Hin­weis dar­auf, dass sein Nach­fol­ger in die­ser Rich­tung gesucht wer­den musste, was dann auch vom Staats­ora­kel bestä­tigt wurde.

Eine Vision des Regen­ten Reting Rin­po­che führte wei­ter zum Klos­ter Kum­bum und von dort zu einem bestimm­ten Haus mit einer Dach­rinne aus aus­ge­höhl­ten Wachol­de­räs­ten. Die Rei­sen­den klopf­ten an die Türe und baten um Unter­kunft. Sie hiel­ten Aus­schau nach einem Kna­ben, der – eben­falls gemäss einer Vision – etwa zwei­ein­halb Jahre alt sein sollte. Die­sen Jun­gen fan­den sie. Er sprach den Anfüh­rer des Trupps unauf­ge­for­dert mit «Sera Lama» an, in Anspie­lung auf sein Klos­ter. Auch seine abste­hen­den Ohren gal­ten als Zei­chen sei­ner Buddha-Ähnlichkeit.
Ein paar Tage spä­ter kehr­ten die Besu­cher zurück, dies­mal in offi­zi­el­ler Mis­sion. Sie leg­ten dem Klei­nen eine Reihe von Gegen­stän­den vor, die dem 13. Dalai Lama gehört hat­ten, zusam­men mit ähnli­chen, die nicht von ihm stamm­ten. Der Junge erkannte die rich­ti­gen Objekte, indem er jeweils rief: «Das gehört mir! Das gehört mir!»
Die Spe­zia­lis­ten tes­te­ten noch andere Kan­di­da­ten, aber der Fall war klar: Der Junge, der selt­sa­mer­weise einen weib­li­chen Namen trug – Lhamo Dhön­dup, «wunsch­er­fül­lende Göt­tin» –, war der 14. Dalai Lama.

Alle lie­ben den inzwi­schen 73-jährigen Dalai Lama. Spä­tes­tens seit Mar­tin Scor­sese 1998 des­sen Auto­bio­gra­fie unter dem Titel «Kun­dun» ins Kino brachte, kennt das Schwär­men keine Gren­zen mehr. Von Richard Gere über Brad Pitt, von Patti Smith über Peter Maf­fay, von Dolly Bus­ter bis Rob­bie Wil­liams: Alle ver­eh­ren das non­stop um die Welt jet­tende geist­li­che Ober­haupt der Tibe­ter. Als der Dalai Lama vor drei Jah­ren die Schweiz mit sei­ner Gegen­wart beehrte, pil­ger­ten wäh­rend sei­ner acht­tä­gi­gen Visite ins­ge­samt 30 000 Men­schen ins Zür­cher Hal­len­sta­dion, um ihn zu sehen. Ebenso ein­deu­tig wie die Idea­li­sie­rung des Dalai Lama, den auch Leute, die sonst jedem Hel­den­kult abhold sind, «Seine Hei­lig­keit» nen­nen, ist für die meis­ten der Fall Tibet: Man ist sich einig, dass das Berg­land vor dem Ein­marsch der Chi­ne­sen ein Para­dies von medi­tie­ren­den Mön­chen und glück­li­chen Bau­ern war, inmit­ten einer herr­li­chen Berg­ku­lisse – und es längst wie­der wäre ohne die bösen Besatzer.

In Wirk­lich­keit war Tibet bis vor fünf­zig Jah­ren eine klerikal-feudale Tyran­nei, ist vie­les am ver­brei­te­ten «All­ge­mein­wis­sen» über das Land Wunsch­den­ken, gibt es durch­aus auch dunkle Stel­len in der Bio­gra­fie des Dalai Lama und mischt sich eine Menge Obsku­res in die eso­te­ri­sche Lamaismus-Schwärmerei. Aber da es nur wenig Bericht­er­stat­tung vor Ort gibt, ist es nicht ein­fach, im Dschun­gel von exil­ti­be­ti­scher und chi­ne­si­scher Pro­pa­ganda die Wahr­heit aus­fin­dig zu machen.

Tyran­nei der Gottesfürchtigen

Nach sei­ner «Ent­de­ckung» wurde der junge Dalai Lama im Klos­ter Kum­bum unter­ge­bracht. In sei­ner Auto­bio­gra­fie «Das Buch der Frei­heit» beschreibt er die Ein­sam­keit in sei­ner neuen Rolle: «Meis­tens war ich ziem­lich unglück­lich. Ich begriff nicht, was es bedeu­tet, Dalai Lama zu sein. Ich emp­fand mich als klei­nen Jun­gen unter vie­len. Es war nicht unüb­lich, dass Kin­der schon ganz jung ins Klos­ter kamen, und ich wurde so wie all die ande­ren behandelt.»

Andert­halb Jahre spä­ter, im Som­mer 1939, reiste er schliess­lich mit einer gros­sen Kara­wane in die 3600 Meter hoch gele­gene Haupt­stadt Lhasa, wo er die tra­di­tio­nelle Som­mer­re­si­denz des Dalai Lama, den Nor­bu­lingka, bezog. Seine Eltern wohn­ten in der Nähe. Manch­mal schlich er sich in ihr Haus, aber offi­zi­ell durfte er sie nicht mehr besu­chen. Im Win­ter 1940, er war gerade vier Jahre alt, wurde er offi­zi­ell als geist­li­ches Ober­haupt von Tibet ein­ge­setzt und bestieg den juwe­len­ge­schmück­ten Löwen­thron im Potala, dem berühm­ten Palast mit sei­nen mehr als tau­send Prunk­räu­men. Sein neuer Mönchs­name war Ten­zin Gyatso, «Ozean der Weis­heit».
Die fol­gen­den Jahre ver­brachte der Dalai Lama, iso­liert von sei­ner Fami­lie und ohne Kon­takt zu Gleich­alt­ri­gen, vor allem mit der mön­chi­schen Aus­bil­dung. «Das Stu­dium war sehr ein­sei­tig und in vie­ler­lei Hin­sicht für einen Staats­mann in der zwei­ten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts denk­bar unge­eig­net», schreibt er in sei­ner Auto­bio­gra­fie. Wäh­rend die­ser Zeit lernte der Dalai Lama auch den öster­rei­chi­schen Berg­stei­ger und SS-Kämpfer Hein­rich Har­rer ken­nen, der Ende der vier­zi­ger Jahre in Lhasa lebte. 1952 ver­öf­fent­lichte Har­rer seine Erin­ne­run­gen «Sie­ben Jahre in Tibet», die seit­her vier Mil­lio­nen Mal ver­kauft und in 48 Spra­chen über­setzt wur­den. Der Best­sel­ler diente als Grund­lage für den Film «Sie­ben Jahre in Tibet» mit Brad Pitt in der Haupt­rolle. Das Buch war die Initi­al­zün­dung für die jün­gere west­li­che Tibet-Begeisterung.
Die welt­ferne Ruhe des Dalai Lama wurde jäh unter­bro­chen durch den Ein­marsch der Chi­ne­sen in Ost­ti­bet. 1949 hat­ten die Kom­mu­nis­ten unter Mao Zedong die Macht über­nom­men und die Volks­re­pu­blik China aus­ge­ru­fen. Wenige Monate spä­ter ver­kün­dete Radio Peking die Absicht, Tibet vom «bri­ti­schen impe­ria­lis­ti­schen Joch» zu befreien und heim ins Mut­ter­land zu holen. Im Okto­ber 1950 nahm die Volks­be­frei­ungs­ar­mee die Stadt Chamdo ein. Hals über Kopf über­trug die tibe­ti­sche Natio­nal­ver­samm­lung dem Dalai Lama im Alter von fünf­zehn Jah­ren, drei Jahre frü­her als üblich, die Regie­rungs­ge­schäfte. Sein Hilfs­ap­pell an die Ver­ein­ten Natio­nen blieb, wegen des «unge­klär­ten Rechts­sta­tus Tibets», uner­hört.
Tat­säch­lich war die völ­ker­recht­li­che Situa­tion des Lan­des dif­fus. Vom 7. bis zum 10. Jahr­hun­dert war Tibet ein mäch­ti­ges Reich, das auch Teile Indi­ens und Chi­nas beherrschte. Nach und nach schrumpfte dann sein Ein­fluss, und seit Beginn des 17. Jahr­hun­derts bestimmte Peking über das Land. 1904 fiel Tibet unter bri­ti­sche Herr­schaft. Aber schon drei Jahre spä­ter erklärte ein Abkom­men zwi­schen Eng­land, China und Russ­land Tibet zum chi­ne­si­schen Pro­tek­to­rat. 1911 wurde der Kai­ser in Peking gestürzt, seine Trup­pen ver­lies­sen Tibet, und der dama­lige Dalai Lama rief die Unab­hän­gig­keit des Lan­des aus. Völ­ker­recht­lich wurde die Dekla­ra­tion nie wirk­sam, der Staat war poli­tisch iso­liert und wirt­schaft­lich kaum überlebensfähig.

Zwei Drit­tel Leibeigene

Das hing auch mit den ana­chro­nis­ti­schen, feudal-absolutistischen Ver­hält­nis­sen zusam­men. Das Tibet vor dem Ein­marsch der Chi­ne­sen wird vom Dalai Lama und von sei­nen Fans gerne idea­li­siert. In Wirk­lich­keit herrsch­ten dort gesell­schaft­li­che Struk­tu­ren, die sich seit dem 10. Jahr­hun­dert kaum ver­än­dert hat­ten. Zwei Drit­tel der Bevöl­ke­rung waren Leib­ei­gene, das heisst auf Gedeih und Ver­derb vom Adel und von den Tau­sen­den Klös­tern abhän­gig. Durch die rigide Abschot­tung war das Land auch medi­zi­nisch, wis­sen­schaft­lich und tech­nisch im Mit­tel­al­ter ste­hen­ge­blie­ben. Bil­dung und Gesund­heits­ver­sor­gung exis­tier­ten aus­ser­halb des Kle­rus schlicht­weg nicht. Durch mass­lose Steu­er­pflich­ten aus­ge­beu­tet, leb­ten die meis­ten Tibe­ter in bit­te­rer Armut. Wie in Indien gab es auch in Tibet eine rigide, kas­te­n­ähn­li­che Hier­ar­chie, die durch die bud­dhis­ti­sche Kar­mal­ehre legi­ti­miert wurde: Wenn einer wie ein Sklave leben musste, hatte das nichts mit Unter­drü­ckung zu tun, son­dern mit Schuld, die er in frü­he­ren Leben ange­häuft hatte. Das Rechts­we­sen war hoch­kor­rupt: Noch bis Mitte des 20. Jahr­hun­derts war es üblich, sich von der Straf­ver­fol­gung loszukaufen.

Wet­ter­leuch­ten des Rückblicks

In der Auto­bio­gra­fie des Dalai Lama hin­ge­gen klingt es para­die­sisch, wenn er sich ins Tibet sei­ner Jugend zurück­ver­setzt: «Nie­mand muss sich allzu sehr ins Zeug legen, um sei­nen Lebens­un­ter­halt zu ver­die­nen. Das Dasein ergibt sich wie von selbst, und alles läuft wun­der­bar.» Ent­spre­chend unter­nahm er wäh­rend sei­ner Regie­rung kaum Anstren­gun­gen, das Land zu refor­mie­ren, aus­ser dass er die Ver­erb­bar­keit von Steu­er­schul­den auf­hob. Dass poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen vor allem auf Ora­kel und Astro­lo­gie basie­ren, stellt für ihn, der sich sonst gerne demo­kra­tisch und fort­schritt­lich gibt, kein Pro­blem dar. Zwar for­dert er in sei­nem «Fünf-Punkte-Friedensplan» eine «Respek­tie­rung der demo­kra­ti­schen Frei­hei­ten des tibe­ti­schen Vol­kes», aber sel­ber hat er bis heute nicht ein­mal in den Exil­ge­mein­den, geschweige denn inner­halb der Exil­re­gie­rung den Ver­such unter­nom­men, sich demo­kra­tisch legi­ti­mie­ren zu las­sen. Er gibt sich selbst­ver­ständ­lich als ganz­heit­li­ches Ober­haupt der Tibe­ter aus, obwohl er, streng genom­men, nicht ein­mal als geist­li­cher Reprä­sen­tant für das gesamte Tibet spre­chen kann. Er ist ledig­lich das Ober­haupt des Gelugpa-Ordens, der soge­nann­ten Gelb­müt­zen, des­sen Füh­rungs­an­spruch er seit Jahr­zehn­ten sys­te­ma­tisch durch­zu­set­zen ver­sucht. Diese Wider­sprüch­lich­keit gilt auch für sein ökolo­gi­sches Enga­ge­ment. Er for­dert zwar, Tibet in eine Art Natur­re­ser­vat zu ver­wan­deln, und macht sich bei jeder Gele­gen­heit für ein ökolo­gi­sches Den­ken im Ein­klang mit der Mut­ter Natur stark. An sei­nem Sitz Dha­ram­sala jedoch wird der Müll seit dem Beginn des Exils bis heute ein­fach auf eine grosse Müll­halde gekippt.

Ange­sichts der rück­stän­di­gen Ver­hält­nisse war es für China ein Leich­tes, die Beset­zung Tibets als Befrei­ung aus feu­da­ler Sta­gna­tion und Repres­sion dar­zu­stel­len. Im Mai 1951 wur­den die Gesand­ten der tibe­ti­schen Regie­rung in Peking mehr oder weni­ger genö­tigt, ein 17-Punkte-Abkommen zu unter­schrei­ben, das einer­seits die Inte­gra­tion Tibets in die Volks­re­pu­blik China fixierte, ande­rer­seits dem Land regio­nale Auto­no­mie und Reli­gi­ons­frei­heit zusi­cherte. Das poli­ti­sche Sys­tem sollte unver­än­dert blei­ben und Reform­pro­zesse ohne chi­ne­si­schen Druck durch­ge­führt wer­den. Sobald die tibe­ti­sche Regie­rung einige Monate spä­ter dem Ver­trag zuge­stimmt hatte, eta­blierte China eine mas­sive Mili­tär­prä­senz in Lhasa. Im Gefolge von Land­re­for­men – der Grund­be­sitz der Adels­fa­mi­lien und der Klös­ter sollte an bis­he­rige Skla­ven, Leib­ei­gene und unfreie Bau­ern ver­teilt wer­den kam es im Laufe der fünf­zi­ger Jahre zu meh­re­ren Auf­stän­den der feudal-klerikalen Elite, bis die Situa­tion 1959 in der Haupt­stadt eska­lierte. Am 17. März wurde der Norbulingka-Palast durch chi­ne­si­sche Trup­pen beschos­sen, der Dalai Lama floh nach Indien, und in Lhasa bra­chen Kämpfe aus. Am 21. März wurde die Erhe­bung blu­tig nie­der­ge­schla­gen, nach exil­ti­be­ti­schen Anga­ben star­ben zehn­tau­send Tibe­ter. Wäh­rend der Dalai Lama und sein Gefolge im indi­schen Dha­ram­sala Asyl fan­den, wütete die chi­ne­si­sche Kul­tur­re­vo­lu­tion auch in Tibet. Zwi­schen 1966 und 1976 wur­den Tau­sende von Klös­tern und Kul­tur­denk­mä­lern zer­stört. Die Schweiz war das erste euro­päi­sche Land, das 1961 tibe­ti­sche Flücht­linge auf­nahm und ihnen in Rikon Unter­kunft und Arbeit bot. 1967 wurde das klös­ter­li­che Tibet-Institut eröff­net.
Die Infor­ma­tio­nen des Dalai Lama und der Tibet-Unterstützer-Szene sind, was die chi­ne­si­sche Besat­zung angeht, nicht immer glaub­wür­dig. Meist wird ver­schwie­gen, dass inzwi­schen etwa die Hälfte der Klös­ter wie­der restau­riert und in Betrieb genom­men wor­den ist. Auch kann, zumin­dest seit Mitte der neun­zi­ger Jahre, von einem Ver­bot des Mönchs­we­sens keine Rede sein. Wird der Dalai Lama dar­auf ange­spro­chen, sagt er, die Klös­ter wür­den ledig­lich der Tou­ris­ten wegen reno­viert; es gehe den Chi­ne­sen also nicht darum, die tra­di­tio­nelle Kul­tur zu bewah­ren, son­dern sie als exo­ti­sche Kulisse wie­der­auf­zu­bauen und sie dadurch erst recht dem Unter­gang zu wei­hen. Eine Ein­schrän­kung wurde aller­dings – gegen den Wil­len des Dalai Lama zwei­fel­los durch­ge­setzt: Es dür­fen keine Kin­der mehr in die Klös­ter auf­ge­nom­men wer­den. In sei­ner Auto­bio­gra­fie behaup­tet «Seine Hei­lig­keit» auch, infolge des Umsied­lungs­pro­gramms über­steige der chi­ne­si­sche Anteil der Bevöl­ke­rung inzwi­schen den­je­ni­gen der Tibe­ter. Gemäss der umstrit­te­nen Volks­zäh­lung im Jahr 2000 beträgt der Anteil der Chi­ne­sen im Auto­no­men Gebiet Tibet 6,1 Pro­zent. Am höchs­ten ist er gemäss dem Zen­sus in Lhasa, wo er 17 Pro­zent erreicht. Immer wie­der kol­por­tiert wird auch die Behaup­tung, 1,2 Mil­lio­nen Tibe­ter seien Opfer des chi­ne­si­schen Ter­rors gewor­den, also etwa ein Fünf­tel der Bevöl­ke­rung. Manch­mal heisst es sogar in den offi­zi­el­len Ver­laut­ba­run­gen aus Dha­ram­sala, dabei habe es sich alle­samt um tibe­ti­sche Häft­linge gehan­delt, die Fol­ter oder Hin­rich­tung zum Opfer gefal­len seien, und oft ist dann von chi­ne­si­schen KZs die Rede. Zwei­fel­los ist China von rechts­staat­li­chen Ver­hält­nis­sen weit ent­fernt, aber der Vor­wurf der sys­te­ma­ti­schen, tau­send­fa­chen töd­li­chen Fol­ter, wie dies das Stich­wort «Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger» nahe­legt, ist kaum belegbar.

Eso­te­ri­sches Hickhack

Ende der acht­zi­ger Jahre kam es erneut zu Unru­hen in Tibet, und im Dezem­ber 1989 erhielt der Dalai Lama den Frie­dens­no­bel­preis. Etwa ein Jahr vor­her hatte er sich mit dem Japa­ner Shoko Asa­hara ange­freun­det, der in der Nähe von Tokio eine «spi­ri­tu­elle Gemein­schaft» mit meh­re­ren tau­send Mit­glie­dern unter­hielt. Im Laufe des Jah­res 1988 war Asa­hara laut Recher­chen des Autors Colin Gold­ner wie­der­holt beim Dalai Lama in Dha­ram­sala. Diese Gemein­schaft mit ihren laut dem Dalai Lama «schät­zens­wer­ten Zie­len und Akti­vi­tä­ten» war «Aum», eine der gefähr­lichs­ten und tota­li­tärs­ten Sek­ten über­haupt, die im März 1995 einen Gift­gas­an­griff in der Tokio­ter U-Bahn ver­übte. Jah­re­lang hat­ten die japa­ni­schen Auto­ri­tä­ten den grös­sen­wahn­sin­ni­gen Guru gewäh­ren las­sen, allen Warn­zei­chen zum Trotz; nicht zuletzt wegen der schüt­zen­den Hand des Dalai Lama. Als dann nach der Sarin-Attacke die Zen­tren end­lich durch­sucht wur­den, fand man einen Vor­rat an Gift– und Kampf­stof­fen, mit dem man meh­rere Mil­lio­nen Men­schen auf einen Schlag hätte töten kön­nen. Nicht mal zu einem Wort des Bedau­erns konnte sich der Dalai Lama durch­rin­gen. Noch im Spät­som­mer 1995 ver­kün­dete er auf der Ber­li­ner Frie­dens­uni­ver­si­tät, er sehe in Asa­hara einen «Freund, wenn auch nicht unbe­dingt einen vollkommenen».

Zwei­fel an der viel­ge­rühm­ten Weis­heit des Dalai Lama lässt auch die «Shugden-Affäre» auf­kom­men. Im Som­mer 1996 ver­bot er sei­nen Leu­ten, auf Anra­ten des Staats­ora­kels, die Ver­eh­rung der Schutz­gott­heit Dorje Shug­den (wört­lich: Donnerkeil-Phallusbrüller). Eine Reihe von Äbten und Mön­chen lehnte sich gegen die­sen Bann auf, man warf dem Dalai Lama Ver­let­zung der Reli­gi­ons­frei­heit vor, der sei­ner­seits mit einer sys­te­ma­ti­schen Durch­su­chung der Häu­ser und Klös­ter in den Exil­ge­mein­den auf diese Unbot­mäs­sig­keit rea­gierte. Shugden-Statuen wur­den zer­stört und reni­tente Mön­che ver­prü­gelt. Unter­stüt­zungs­ko­mi­tees behaup­te­ten sogar, China und die Shugden-Bewegung steck­ten unter einer Decke. Das kuriose und auto­ri­täre Ver­dikt führte zu einer Spal­tung der Gläu­bi­gen, die in einem Mord gip­felte: Am 4. Februar 1997 wur­den drei Mön­che aus dem engs­ten Umkreis des Dalai Lama mit Mes­ser­sti­chen ermor­det und ver­stüm­melt von Shugden-Anhängern. Dabei ist es nicht so, dass der Dalai Lama in auf­klä­re­ri­scher Weise den Bud­dhis­mus von «Aber­glau­ben» rei­ni­gen will. Der tibe­ti­sche Bud­dhis­mus ist ganz beson­ders von Magie– und Dämo­nen­vor­stel­lun­gen geprägt. Von den barock-brutalen Jen­seits­vor­stel­lun­gen zeugt auch das «Tibe­ta­ni­sche Toten­buch», das sich auch im Wes­ten seit Jahr­zehn­ten einer gros­sen Leser­schaft erfreut. Der Dalai Lama steht ganz in die­ser okkul­ten Tra­di­tion; weit ent­fernt davon, den Geis­ter­glau­ben als Illu­sion zu ent­lar­ven, ist er über­zeugt, dass Dorje Shug­den gegen ihn per­sön­lich Böses will.

Mit Eisen­stan­gen bewaff­nete Mönche

Die Unru­hen im Vor­feld der Olym­pi­schen Spiele wur­den in den west­li­chen Medien gemein­hin so dar­ge­stellt, dass sie ins Bild der «fried­lie­ben­den Tibe­ter» pass­ten: Ent­we­der ging die Gewalt angeb­lich nur von den Chi­ne­sen aus, oder dann wurde behaup­tet, die tibe­ti­schen Demons­tran­ten hät­ten ledig­lich aus Not­wehr gehan­delt. Film­do­ku­mente und Augen­zeu­gen­be­richte bele­gen aller­dings, wie mit Schlag­stö­cken und Eisen­stan­gen bewaff­nete Mön­che am 11. März maro­die­rend durch Lha­sas Alt­stadt zogen. Busse und Autos wur­den umge­wor­fen und ange­zün­det, chi­ne­si­sche Häu­ser und Läden geplün­dert und in Brand gesteckt. Molo­tow­cock­tails flo­gen auch in Kin­der­gär­ten, Schu­len und Kran­ken­häu­ser. Der Dalai Lama behaup­tete spä­ter, die Mön­che seien ver­klei­dete chi­ne­si­sche Sol­da­ten gewe­sen. Tibe­ter sind schliess­lich per defi­ni­tio­nem gewalt­los. Rund um die Welt kam es zu Solidaritätskundgebungen.

Die meis­ten Tibet-Schwärmer, und ins­be­son­dere die eso­te­risch Ange­hauch­ten, dürfte es über­ra­schen, dass sie unwis­sent­lich auch Gedan­ken­gut wei­ter­tra­gen, von dem einst viele deut­sche Nazis begeis­tert waren, wie der Dalai-Lama-Kritiker Colin Gold­ner minu­tiös nach­weist. Tibet übte schon früh eine Anzie­hungs­kraft auf rechts­ex­treme Okkul­tis­ten aus. 1939 besuchte eine Nazi­de­le­ga­tion Tibet, den Dalai Lama und den dama­li­gen Regen­ten. Ange­führt wurde die Rei­se­gruppe vom SS-Biologen Ernst Schä­fer. Er suchte in Tibet nach Über­res­ten eines ursprüng­lich nordisch-geistigen Adels. Die For­scher­truppe stand unter der direk­ten Ägide von Reichs­füh­rer Hein­rich Himm­ler, der von einer «okkul­ten Achse Ber­lin­Lhasa» träumte. Himm­ler war Anhän­ger der Theo­so­phie, zu der eine Ras­sen­lehre gehört, die gut in die Nazi-Ideologie passte. Ernst Schä­fer schloss in Lhasa einen Freund­schafts­pakt mit Tibet und kam mit einem Schrei­ben für «König Hit­ler» zurück, in dem der tibe­ti­sche Regent dem Füh­rer viel Glück wünschte in sei­nem «Bemü­hen um ein Reich auf ras­si­scher Grund­lage».
Sicher kann man dem Dalai Lama nicht rechts­ex­tre­mes Gedan­ken­gut unter­stel­len. Bes­ten­falls ist er etwas naiv und hat es ver­passt, sich deut­li­cher von den dubio­sen Tibet­be­wun­de­rern zu dis­tan­zie­ren. Auch die Bücher «Sei­ner Hei­lig­keit» sind sicher nicht gefähr­lich. Sie sind aller­dings auch kaum beson­ders geist­reich oder tief­sin­nig, son­dern beste­hen haupt­säch­lich aus Bin­sen­weis­hei­ten im Stil von: «Der Schlüs­sel zum wah­ren Glück ist der innere Frie­den, den man erlangt, indem man seine Lie­bes­fä­hig­keit, sein Mit­ge­fühl und seine Hin­wen­dung zum Mit­men­schen ent­wi­ckelt und Zorn, Ego­is­mus sowie Hab­gier bekämpft.»
Warum ist der Dalai Lama ins­be­son­dere bei wohl­ha­ben­den West­lern so beliebt? Abge­se­hen vom Cha­risma, das er zwei­fel­los aus­strahlt, und von einer per­fekt orga­ni­sier­ten, inter­na­tio­na­len PR-Maschinerie, bie­tet er, im Gegen­satz zu andern Reli­gio­nen mit ihrem ver­bind­li­chen Ver­hal­tens­ko­dex, Gratis-Spiritualität. In einem Leben, das geprägt ist von Ratio­na­li­tät, Skep­sis und Geld, wird unsere Sehn­sucht nach etwas Höhe­rem befrie­digt, ohne dass das irgend­wel­che kon­kre­ten Kon­se­quen­zen nach sich zöge. Wer mit einem «Free Tibet»-Sticker her­um­geht, darf poli­ti­sches Enga­ge­ment für sich bean­spru­chen, ohne dass er sich wirk­lich in die Nie­de­run­gen der Poli­tik bege­ben muss. Auch der Dalai Lama selbst hat schliess­lich kein Pro­blem mit Wider­sprü­chen. Abge­klärt strah­lend, bestrei­tet er jeden Macht­an­spruch, besteht jedoch zugleich auf sei­ner Füh­rungs­rolle; unauf­hör­lich pran­gert er den ver­brei­te­ten Mate­ria­lis­mus an, wäh­rend er von einem Luxus­ho­tel zum nächs­ten jet­tet. Kurz: Man braucht sich ledig­lich zu ihm zu beken­nen und fühlt sich kos­misch gut, lieb und über­le­gen; und dabei muss man nichts wei­ter tun, aus­ser zu lächeln. Wie er.
Erschie­nen in der Welt­wo­che Aus­gabe 10/09, auch mit Kom­men­ta­ren

Share:
  • Print
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • email
  • Tumblr
  • Twitter
  • LinkedIn
  • PDF
  • Posterous

Ein Kommentar
Hinterlasse einen Kommentar »

  1. Sehr geehrte Damen und Her­ren
    Der Arti­kel von Herr Signer ist schnodd­rig recher­chiert und denun­ziert die Tibe­ter als gan­zes Volk. Ihm muss drin­gend ent­geg­net wer­den. Herr Köp­pel hat dies ange­bo­ten; Herr Tethong mel­den Sie sich bitte bei mir.
    Es ist müs­sig über das alte Feu­dal­sys­tem zu jam­mern, zumal man nicht ein Sys­tem vor 60 Jah­ren mit heute ver­glei­chen kann. In den 40iger Jah­ren gab es auf der gan­zen Welt kaum Demo­kra­tie, nicht nur in Tibet. Eine Dis­kus­sion um die Höhe der Opfer­zah­len erin­nert mich irgend­wie an die Dis­kus­sion, ob nun im Holo­caust 5 oder 6 oder 7 Mil­lio­nen Juden ver­nich­tet wur­den. Die Frage ist, was bezweckt Herr Sin­ger mit der Anzweif­lung die­ser Zah­len ? Es ist ja wohl unbe­strit­ten, dass sowohl Völ­ker­mord in Tibet (wie auch in ganz China) geschah und dass auch heute noch Will­kür, Fol­ter und keine Mei­nungs­äus­se­rungs– und Reli­gi­ons­frei­heit in Tibet und in ganz Rot­china exis­tiert. Will Herr Signer dies auch mit dem alten Feu­dal­sys­tem recht­fer­ti­gen ? Sein Arti­kel ist so ein­sei­tig, dass er aus der Pro­pa­gan­da­kü­che Pekings stam­men könnte. Freund­li­che Grüsse, R.Hauser, Rechts­an­walt, Thalwil