Botschaft Seiner Heiligkeit des Dalai Lama an das tibetische Volk zum tibetischen Neujahr im Zeichen des Erd-Ochsen

Depart­ment of Infor­ma­tion & Inter­na­tio­nal Rela­ti­ons (DIIR), CTA
Dha­ram­sala, 24. Februar 2009

Anläß­lich des Erd-Ochsen-Neujahrs des 17. Rabjung-Zyklus im Tibe­ti­schen Königs­jahr 2136* möchte ich allen Tibe­tern meine Grüße ent­bie­ten, sowohl denen in Tibet als auch denen, die außer­halb Tibets leben. Ich bete, dass Friede und Wohl­stand herr­schen und unsere gerechte Sache zu einer all­mäh­li­chen Lösung gelan­gen möge.

Obwohl es keine alten oder neuen Pha­sen in der stän­di­gen Umlauf­be­we­gung der Pla­ne­ten gibt, aus denen sich Tage, Nächte, Monate und Jahre erge­ben, besteht in der gan­zen Welt die Tra­di­tion, den Anfang eines Neuen Jah­res nach Voll­en­dung des vor­her­ge­hen­den fei­er­lich zu bege­hen. Ebenso haben auch wir im Schnee­land Tibet die Tra­di­tion, das Neue Jahr im ers­ten Mond­mo­nat mit aus­ge­dehn­ten Fest­lich­kei­ten zu fei­ern, die sowohl spi­ri­tu­elle als auch welt­li­che Ele­mente ent­hal­ten. Im letz­ten Jahr wur­den wir jedoch Zeuge, wie als Reak­tion dar­auf, dass über­all in Tibet die Men­schen ihre Ver­bit­te­rung aber die Poli­tik der chi­ne­si­schen Behör­den bekun­de­ten, Hun­derte von Tibe­tern ums Leben kamen und Tau­sende ver­haf­tet und gefol­tert wurden.

Da die Tibe­ter in Tibet unend­li­ches Leid und unsäg­li­che Schwie­rig­kei­ten zu ertra­gen hat­ten, ist das Neu­jahrs­fest dies­mal gewiss keine Zeit, in der wir wie üblich fei­ern und Froh­sinn wal­ten las­sen soll­ten. Ich bewun­dere die ent­schlos­sene Hal­tung der Tibe­ter inner­halb und außer­halb Tibets, zur Begrü­ßung des neuen Jah­res auf fest­li­che Akti­vi­tä­ten zu ver­zich­ten. Ein jeder sollte diese Periode viel­mehr nut­zen, um von untu­gend­haf­tem Tun Abstand zu neh­men und sich posi­ti­ven Hand­lun­gen zu wid­men, um die Tugen­den zu pfle­gen und Ver­dienste anzu­sam­meln, damit all die­je­ni­gen, die ihr Leben um der Sache Tibets wil­len opfer­ten, vor allem jene, die ihr Leben in den tra­gi­schen Ereig­nis­sen im ver­gan­ge­nen Jahr ver­lo­ren, durch suk­zes­sive Wie­der­ge­bur­ten in höhe­ren Berei­chen bald die Bud­dha­schaft ver­wirk­li­chen mögen. Das Ver­dienst edler Hand­lun­gen sollte auch den­je­ni­gen zugute kom­men, die gegen­wär­tig Leid erfah­ren, damit sie so bald wie mög­lich das Glück der Frei­heit genie­ßen mögen. Durch eine sol­che Ansamm­lung kol­lek­ti­ver Ver­dienste soll­ten wir uns alle um eine bal­dige Lösung für die gerechte Sache Tibets bemühen.

Wie vor­aus­zu­se­hen war, haben die Behör­den in Tibet die Kam­pa­gne des Har­ten Durch­grei­fens wie­der gestar­tet. In den meis­ten Städ­ten in ganz Tibet herrscht eine unge­wöhn­lich hohe Mili­tär­prä­senz, über­all sind viele bewaff­nete Sicher­heits­kräfte und Trup­pen unter­wegs. Aller­orts müs­sen jene, die auch nur das geringste Anzei­chen ihrer Sehn­süchte in der Öffent­lich­keit erken­nen las­sen, mit Fest­nahme und Fol­ter rech­nen. Beson­ders den Klös­tern wur­den dras­ti­sche Restrik­tio­nen auf­er­legt, die patrio­ti­sche Umer­zie­hung ist wie­der in vol­lem Schwunge und aus­län­di­sche Tou­ris­ten kön­nen Tibet nur in sehr beschränk­tem Maße besuchen.

In gera­dezu pro­vo­ka­ti­ver Weise ord­nete die Regie­rung an, das Neu­jahrs­fest nun erst recht zu fei­ern. Wenn wir alle diese Ent­wick­lun­gen betrach­ten, wird deut­lich, dass Absicht und Ziel der Behör­den hin­ter die­sen Maß­nah­men sind, die Tibe­ter einem sol­chen Grad an Grau­sam­keit und Schi­ka­nen aus­zu­set­zen, dass sie es nicht mehr aus­hal­ten kön­nen und sich ver­an­lasst sehen, erneut zu demons­trie­ren. Sollte dies gesche­hen, gibt es den Behör­den jeden Vor­wand, in noch nie erleb­ter und unvor­stell­bar gewalt­tä­ti­ger Weise zuzu­schla­gen. Daher möchte ich ein­dring­lich an das tibe­ti­sche Volks appel­lie­ren, es möge sich in Geduld üben und nicht auf diese Pro­vo­ka­tio­nen rea­gie­ren, damit nicht das wert­volle Leben so vie­ler Tibe­ter ver­geu­det wird, und sie nicht Fol­ter und Leid erfah­ren müssen.

Es ver­steht sich von selbst, welch große Hoch­ach­tung ich für den Enthu­si­as­mus, die Ent­schlos­sen­heit und den Opfer­mut der Tibe­ter in Tibet emp­finde. Es ist jedoch schwie­rig, durch das bloße Opfer sei­nes Lebens wirk­lich etwas zu errei­chen. In ers­ter Linie haben wir uns unwi­der­ruf­lich dem Pfad der Gewalt­lo­sig­keit ver­pflich­tet, und es ist wich­tig, dass wir nicht von ihm abweichen.

Noch ein­mal bete ich, dass das tibe­ti­sche Volk von Unter­drü­ckung und Fol­ter befreit wer­den und sich des Glücks der Frei­heit erfreuen möge. Mögen alle Lebe­we­sen alle­zeit glück­lich sein!

Der Dalai Lama

Den 25. Februar 2009 (was dem ers­ten Tag des ers­ten Monats des tibe­ti­schen Jah­res des Erd-Ochsen entspricht)

* Anm. des Übs: Das tibe­ti­sche Königs­jahr ist die Anzahl der Jahre seit der Thron­be­stei­gung des ers­ten tibe­ti­schen Königs Nya­tri Tsenpo im Jahre 127 v. Chr. Es müs­sen daher 127 Jahre zu unse­rer Zeit­rech­nung hin­zu­ge­rech­net wer­den, also 2009 + 127 = 2136. Durch die Ver­knüp­fung von zwölf Tier­na­men mit fünf Elem­ent­na­men ergibt sich ein 60 Jahre dau­ern­der Rab­jung genann­ter Zyklus. Wir befin­den uns im 17. Zyklus des lau­fen­den Groß­zy­klus (60 x 60), der im Jahr 1027 unse­rer Zeit­rech­nung begon­nen hat.

Nicht­au­to­ri­sierte Über­set­zung: Adel­heid Dön­ges, Revi­sion: Ange­lika Mensching

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