Gespannte Ruhe im Tibet-Konflikt: Die scharlachrote Angst
Von TB | 12. März 2009 | Kategorie: News | Kommentare deaktiviertHandelsblatt, 10.3.09. Ein interessanter Report von Andreas Hoffbauer aus Kangding
Demonstrierende Mönche, blutige Unruhen – so fing es vor einem Jahr an. Seither schwelt es in Tibet. Und heute jährt sich der erste Aufstand dort zum fünfzigsten Mal. Chinas Regierung hat viel Militär und Polizei in die Bergregionen im Westen des Landes geschickt. Die Behörden sind nervös. Denn der Konflikt mit den Tibetern droht neu aufzubrechen.
Die Luft ist klar und dünn, jeder Schritt fällt schwer auf fast 3 700 Meter Höhe, dort, wo die Regierung die nächste Bedrohung wittert. Der Taxifahrer hatte sich geweigert, die staubige Straße hinaufzufahren. „Ich lasse euch an der Hauptstraße raus, den Rest müsst ihr laufen.“ Was wie eine für einen Touristenort erstaunliche Unfreundlichkeit anmutete, stellte sich schnell als Angst heraus.
Schon an der Abzweigung von der Hauptstraße wartet ein weißer Polizei-Jeep mit abgedunkelten Fenstern. Zwei dunkel gekleidete Männer folgen dem Besuch, der zum Nanwu-Kloster hinaufwill. Westliche Besucher sehen die Sicherheitsbehörden hier nicht gerne. Erst recht in diesen Tagen.
Das Kloster von Kangding mit seinem buddhistischen Tempel liegt in einer der schönsten Regionen Chinas, im Westen der chinesischen Provinz Sichuan gelegen, umgeben von 6 000 und 7 000 Meter hohen, schneebedeckten Bergen: ein Ort des himmlischen Friedens, eigentlich. Ein religiöser Ort, an dem schon vor 1 100 Jahren meditiert wurde. Die Region gehörte früher zu Groß-Tibet, hier wohnen überwiegend Tibeter.
Das ist einer der Gründe, warum die Regierung nervös ist, warum sie Polizei und Militärs nach Kangding – mit rund 100 000 Einwohnern eine Kleinstadt – geschickt hat.
„Der Dalai Lama ist das Kostbarste, was wir in unserem Herzen tragen“
Denn als vor einem Jahr in Lhasa die schweren Unruhen ausbrachen, gab es auch in West-Sichuan Proteste. Seither schwelt der Tibet-Konflikt, der Jahrestag der Ausschreitungen steht an, und die Behörden fürchten, dass sich alles wiederholt.
Es gibt Anzeichen dafür, dass die Sorge begründet ist. In Aba, etwas nördlich von Kangding, hat sich Ende Februar ein Mönch angezündet. Zuvor war es in der Stadt Litang zu Demonstrationen für den in Peking so verhassten Dalai Lama gekommen.
Für Chinas kommunistische Führung ist der Tibet-Konflikt nicht allein ein Streit über den Dalai Lama, das geistliche Oberhaupt der Tibeter, und um das ferne Lhasa. Es geht auch um West-Sichuan und die tibetischen Gebiete der angrenzenden Provinzen Gansu und Qinghai. Es geht um eine Gegend, in der weit mehr Tibeter leben als in der autonomen Region Tibet. Und in den Bergen von West-Sichuan etwa ist der Einfluss des Dalai Lama noch immer groß.
Viele Menschen haben ein Foto von ihm im Schrank versteckt oder aber im Handy gespeichert, obwohl es in China streng verboten ist, Bilder und Schriften von ihm zu besitzen. „Der Dalai Lama ist das Kostbarste, was wir in unserem Herzen tragen“, sagt ein junger Mann hinter verschlossenen Türen irgendwo in den Bergen von Sichuan. Für die Tibeter sei und bleibe er der wahre Führer. „Ich wünsche mir, dass er eines Tages zurückkehren kann.“ So denken viele, dennoch wandelt sich etwas. Vor allem Jugendliche haben in Zeiten der Wirtschaftskrise eher Interesse an einem Job als an Religion. „Die junge Generation ist sicherlich weniger religiös als die ihrer Eltern“, sagt ein tibetischer Offizieller. Und ein 16-Jähriger sagt in einem Tempel, er komme, um für mehr Glück und eine bessere Zukunft zu beten. Der religiöse Einfluss mag abgenommen haben, dafür sind neue Konflikte entstanden.
Es seien überwiegend chinesische Firmen, die hier das Gold aus dem Gebirge holen, schimpft ein Tibeter. „Und sie bohren Löcher auch in Berge, die uns heilig sind.“
In den vergangenen Jahrzehnten hat Peking seine tibetischen Gebiete mit aller Macht modernisiert. Da sind die Goldminen, da sind die Hochspannungsnetze, die Bauarbeiter über die Berglandschaft ziehen. Viele der riesigen Masten stehen schon, fertig für den Anschluss. Im Städtchen Luding wird unter Hochdruck an einem riesigen Staudamm gebaut. Die alten Häuser am Zhedou-Fluss stehen leer für die Flutung. Das alles und das Tempo, mit dem es geschieht, haben dazu geführt, dass viele Tibeter die neue Welt der Han-Chinesen nicht als Fortschritt verstehen, sondern als Bedrohung. In Regionen wie West-Sichuan waren die Klöster früher der einzige Ort für eine Ausbildung und damit für jede Art der Entwicklung.
Die Großprojekteder Regierung haben nun zur Folge, dass es immer mehr Han-Chinesen in die Region zieht: in am Reißbrett entworfene Städte, die in den Schluchten und Tälern entstehen. Städte ohne Geschichte, ohne heimische Wurzeln.
Die Augen sprechen ihre eigene Sprache
Etwas außerhalb Kandings, unweit des Klosters, ist eine Kleinstadt neu gebaut worden. Noch ist „Neu-Kanding“ unbewohnt, doch die Wohnblocks, Einkaufsstraßen, Schulen, Plätze und Büros sollen bald bezogen werden. Ein Kloster gibt es dort nicht.
Im alten Nanwu-Tempel füllt sich der Innenhof mit jungen Mönchen. Jeder trägt eine Schale und Essstäbchen, so eilen sie vom Kloster-Mahl in die umliegenden Stuben. In der Anlage leben etwa 80 Mönche, das Kloster ist eines der größten und aktivsten der Region.
Unruhen? Darüber wüssten sie nichts, sagt ein Mönch und zieht sein rotes Gewand enger um die Schulter. Es ist kalt, sie müssen vorsichtig sein, was sie erzählen, wo und wem. Die beiden Aufpasser, Staatssicherheit in Zivil, fotografieren sich derweil im Klosterhof, die Besucher und Mönche stets im Hintergrund.
„Darüber weiß ich nichts.“ Es ist die Standardantwort, wenn man danach fragt, warum die Stimmung in der Gegend so angespannt sei. „Wir studieren die ganze Zeit und kommen nicht raus“, sagt ein anderer Mönch. Seine Augen sagen etwas anderes. Dieser sorgenvolle Blick, der in vielen Gesprächen mit Einheimischen auffällt.
Berichtet wird, dass die chinesischen Behörden den Mönchen massiv gedroht haben. In Chengdu, der Provinzhauptstadt von Sichuan, einige Hundert Kilometer entfernt, ist die Staatsgewalt offen präsent. Im tibetischen Viertel eilen Mönche zwischen bunten Läden hin und her. Einer probiert einen Tempel-Gong aus, ein anderer hat seinen neuen Umhang vom Schneider geholt. Doch Gebetsfahnen und Räucherduft können die bedrohliche Atmosphäre nicht verbergen. Alle 50 Meter steht ein Polizeiauto, am Straßenrand parkt demonstrativ ein blauer Mannschaftsbus. Darin warten paramilitärische Einheiten auf Befehle.
In Kangding marschiert Sonderpolizei mit Helm und Schutzschilden durch die Stadt. Das Zentrum ist voll von Polizeifahrzeugen.
Die Tibet-Frage? Die Besitzerin des tibetischen Familienrestaurants, wo es süßen Joghurt und dampfende Fleischbrocken gibt, antwortet nur ausweichend, sie wischt mit nervösen Bewegungen den bunt bemalten Kistentisch ab. „Seit einem Jahr“, sagt sie nur, „kommen kaum Kunden.“ Und das ist nicht allein ihr Problem. In ganz Westchina herrscht Ausnahmezustand. Das hat den Tourismus zusammenbrechen lassen. Das schwere Erdbeben, die Ausschreitungen, irgendwie hat alles dazu beigetragen. Dabei war die Stadt Kangding nicht einmal von dem schweren Erdbeben betroffen, das im vergangenen Mai die Provinz erschütterte. Doch nach den Ausschreitungen in Lhasa wurde die Region für Ausländer lange gesperrt – jetzt ist sie wieder dicht.
An diesem kalten Morgen steht die Staatsmacht am Stadtrand in einer engen Rechtskurve. Auf dem „Tibet-Highway“ kontrolliert die Polizei alle Fahrzeuge. Der G 318 ist eine der wenigen Verbindungen zwischen Chengdu und Lhasa, hinter Kangding zieht sich die holprige Landstraße gen Westen hinauf weiter zum Himalaja-Plateau.
Nahkampftraining im Morgendunst
Alleine bis Lhasa, noch 1 500 Straßenkilometer entfernt, habe er 87 Kontrollen erlebt, sagt ein Fahrer, der oft auf der Route unterwegs ist. Dabei schmeißt er seine Zigarette verächtlich in den hart gefrorenen Matsch. Hinter ihm stampfen sich zwei schwer bewaffnete Militärpolizisten in Tarnanzügen die Füße warm. Die Polizei ist hier nicht allein.
„Sie können hier nicht weiterfahren“, sagt die Kontrolle, nachdem die ausländischen Pässe mit den Journalistenvisa geprüft sind.
„Warum nicht?“
Der junge Polizist lacht verlegen. „Hat mein Vorgesetzter so angeordnet.“ Er winkt einen schwer beladenen Lastwagen durch.
Der schaltet krachend einen Gang hoch und rumpelt langsam um die Kurve. Als der dröhnende Motorenlärm entschwindet, hallt aus dem Tal rhythmisches Gebrüll herauf. Vom Straßenrand kann man deutlich erkennen, wie in einem Militärlager Hundertschaften im Morgendunst den Nahkampf trainieren. Als am 14. März vergangenen Jahres die Gewalt in Lhasa eskalierte, setzten sich auch von Kangding über den Tibet-Highway Militäreinheiten in Gang, um die Aufstände niederzuschlagen.
Das könnte bald wieder der Fall sein. Soldaten und paramilitärische Kräfte haben rund um die wichtigsten Klöster Stellung bezogen. Auf den Dächern von Lhasa, auf jedem Marktplatz in Tibet sind Beamte der Staatssicherheit mit Videokameras stationiert. Für Ausländer ist die gesamte Region bis April komplett gesperrt. Touristen erhalten keine Reisegenehmigungen, ausländische Journalisten erst recht nicht.
Auch in Kangding ist in den vergangenen Monaten noch mehr Militär eingerückt. Neben den Kasernen sind im Ort auch provisorische Armeeunterkünfte zu sehen. Vor einer steht ein großes Zelt, daneben Militärfahrzeuge und Wasserwerfer. „Loyal zur Partei, das Vaterland lieben, dem Volke dienen“, mahnt darüber ein rotes Banner.
Nichts ist mehr dem Zufall überlassen. Das Internet sei „seit zwei Wochen abgeschaltet“, sagt jemand von der Hotelrezeption. Mit dem Handy können keine Textnachrichten gesendet oder empfangen werden. Die Polizei tut alles, damit ihr nichts entgeht. Im Teehaus „Klare Quelle“ sitzen tagsüber Männer am Fenster im 1. Stock, schlürfen Jasmintee und schauen gelangweilt über den großen Platz der Stadt. Das Lokal ist schon am Vormittag gut gefüllt, vor allem junge Leute kommen gern hierher. Eine Frau im gelben Parka tritt rasch an einen Tisch, an dem ein Ausländer sitzt.
„Polizei, die Ausweise bitte.“
Männer und Frauen, die eben noch locker geplaudert oder nebenan eine Partie Billard gespielt haben, notieren eifrig Passnummern, telefonieren mit ihren Handys. Die verqualmte Teestube ist vor allem eine klare Quelle der Staatssicherheit.
„Die Gegend befindet sich momentan in einer sehr sensiblen Phase“
Dass es unter diesen Umständen schwierig ist, offen über die Tibetfrage zu sprechen, leuchtet ein. Die Frage ist nur, ob die Überwachung dauerhaft Eskalationen verhindern kann. Die Vorbehalte der Tibeter jedenfalls verringert sie nicht.
„Wenn die Lage in Kangding nicht stabil ist, dann hat das Einfluss auf die ganze Region“, sagt An Deqiang. Der Vize-Propagandachef der Region ist ins Teehaus geeilt, um sich den Fragen der ausländischen Reporter zu stellen. Das ist in China eine kleine Sensation, doch An Deqiang ist keiner der alten Betonköpfe der Partei. Ein eloquenter junger Mann mit offenem Blick, nach hinten gekämmten Haaren, brauner Lederjacke. Er könnte in einer amerikanischen Werbeagentur die Slogans erfinden.
Er ahnt, dass das Image seiner Stadt und seines Landes auf dem Spiel steht. Er lobt die köstlichen Kartoffeln der Region und beklagt, dass viel zu oft übersehen werde, dass sich die Lebensbedingungen der Tibeter stark verbessert hätten. Ja, die Gegend befinde sich momentan in einer sehr „sensiblen Phase“, die Sicherheit sei erhöht worden, die Region sei nun „sehr stabil und friedlich“, Probleme gebe es nur in wenigen Orten. „Und ich kann Ihnen ehrlich sagen, dass es hier keine Festnahmen im Zusammenhang mit den Unruhen gegeben hat“, sagt der Parteimann zum Abschied.
Das allerdings klingt einige Kilometer weiter, in den kleinen Bergorten der Umgebung, anders. Hier rauscht das Schmelzwasser von den weißen Gipfeln herunter, flattern überall bunte tibetische Fähnchen im Wind. In einem Dorf lädt ein junger Mönch in sein Haus. Er traue sich kaum noch in seiner Mönchskutte nach Kangding, sagt er: „Erst vor zwei Tagen sind dort zwei Mönche von der Polizei festgehalten worden. Ich fühle mich nicht mehr sicher.“ Der Mittzwanziger erzählt, dass auch er schon verhaftet worden sei, weil er ein Amulett mit dem Bild des Dalai Lama um den Hals trug.
Als dessen Name fiel, verlor der bis dahin gelassene Parteimann An Deqiang seine Lockerheit. „Die Frage, ob man Bilder des Dalai Lama besitzen darf, und die Forderung der Tibeter nach mehr Unabhängigkeit, das ist doch nur die Oberfläche“, sagt er. „Die Wahrheit ist doch, dass der Dalai Lama den religiösen Deckmantel benutzt, um unser Land zu spalten.“ Es ist der kompromisslose Kurs der Führung in Peking.
Für den jungen Mönch in den Bergen stellt sich diese Frage gar nicht. „Ich will nicht die Unabhängigkeit“, sagt er beim Rundgang durch das kleine Dorf. „Ich bin doch mein ganzes Leben lang Chinese gewesen.“ Er wünsche sich für die tibetischen Regionen einfach etwas mehr Freiheiten, wie sie Hongkong habe.
Statt offener Worte gebären die Schluchten um Kangding immer neue Geschichten. Von gefolterten Mönchen, von mordenden Tibetern, von gierigen Han-Chinesen. Auch nach 50 Jahren ist für Chinas Tibet-Konflikt keine Lösung in Sicht. So rollen in Kangding weiter die Militärfahrzeuge ein, sitzen Spitzel im Teehaus „Klare Quelle“, versperrt die Polizei mit Maschinengewehren den Weg gen Westen. Und oben am Berg, im Kloster Nanwu, bläst wie an diesem Abend ein Mönch in eine Muschel. Weit trägt der Ton, der zu den letzten Studien des Tages ruft, durch das Tal. Die goldenen Dachspitzen des Tempels blitzen in der Abendsonne.
Jahrestage
Am Dienstag wird weltweit des 50. Jahrestages der blutigen Niederschlagung des tibetischen Aufstandes vom 10. März 1959 gedacht, die zur Flucht des Dalai Lamas ins Exil geführt hatte.
Am 10. März vor einem Jahr erinnerten einige Hundert Mönche mit einem friedlichen Protestmarsch an den 10. März 1959. Wenig später gingen chinesische Sicherheitskräfte gegen unbewaffnete Demonstranten vor, sogar mit gezielten Todesschüssen, um die Revolte zu unterbinden. Tagelang glichen Lhasa und viele Orte auf dem tibetischen Hochplateau einer Bürgerkriegszone.
Offizielle Zahlen, sofern es sie gab, besagten, es habe gut zwei Dutzend Tote gegeben. Laut anderen, unabhängigeren Quellen aber starben mehr als 200 Tibeter, und Dutzende Han-Chinesen wurden von Tibetern ermordet.




