Gespannte Ruhe im Tibet-Konflikt: Die scharlachrote Angst

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Han­dels­blatt, 10.3.09. Ein inter­es­san­ter Report von Andreas Hoff­bauer aus Kangding

Demons­trie­rende Mön­che, blu­tige Unru­hen – so fing es vor einem Jahr an. Seit­her schwelt es in Tibet. Und heute jährt sich der erste Auf­stand dort zum fünf­zigs­ten Mal. Chi­nas Regie­rung hat viel Mili­tär und Poli­zei in die Berg­re­gio­nen im Wes­ten des Lan­des geschickt. Die Behör­den sind ner­vös. Denn der Kon­flikt mit den Tibe­tern droht neu aufzubrechen.

Die Luft ist klar und dünn, jeder Schritt fällt schwer auf fast 3 700 Meter Höhe, dort, wo die Regie­rung die nächste Bedro­hung wit­tert. Der Taxi­fah­rer hatte sich gewei­gert, die stau­bige Straße hin­auf­zu­fah­ren. „Ich lasse euch an der Haupt­straße raus, den Rest müsst ihr lau­fen.“ Was wie eine für einen Tou­ris­ten­ort erstaun­li­che Unfreund­lich­keit anmu­tete, stellte sich schnell als Angst heraus.

Schon an der Abzwei­gung von der Haupt­straße war­tet ein wei­ßer Polizei-Jeep mit abge­dun­kel­ten Fens­tern. Zwei dun­kel geklei­dete Män­ner fol­gen dem Besuch, der zum Nanwu-Kloster hin­auf­will. West­li­che Besu­cher sehen die Sicher­heits­be­hör­den hier nicht gerne. Erst recht in die­sen Tagen.

Das Klos­ter von Kang­d­ing mit sei­nem bud­dhis­ti­schen Tem­pel liegt in einer der schöns­ten Regio­nen Chi­nas, im Wes­ten der chi­ne­si­schen Pro­vinz Sichuan gele­gen, umge­ben von 6 000 und 7 000 Meter hohen, schnee­be­deck­ten Ber­gen: ein Ort des himm­li­schen Frie­dens, eigent­lich. Ein reli­giö­ser Ort, an dem schon vor 1 100 Jah­ren medi­tiert wurde. Die Region gehörte frü­her zu Groß-Tibet, hier woh­nen über­wie­gend Tibeter.

Das ist einer der Gründe, warum die Regie­rung ner­vös ist, warum sie Poli­zei und Mili­tärs nach Kang­d­ing – mit rund 100 000 Ein­woh­nern eine Klein­stadt – geschickt hat.

„Der Dalai Lama ist das Kost­barste, was wir in unse­rem Her­zen tragen“

Denn als vor einem Jahr in Lhasa die schwe­ren Unru­hen aus­bra­chen, gab es auch in West-Sichuan Pro­teste. Seit­her schwelt der Tibet-Konflikt, der Jah­res­tag der Aus­schrei­tun­gen steht an, und die Behör­den fürch­ten, dass sich alles wiederholt.

Es gibt Anzei­chen dafür, dass die Sorge begrün­det ist. In Aba, etwas nörd­lich von Kang­d­ing, hat sich Ende Februar ein Mönch ange­zün­det. Zuvor war es in der Stadt Litang zu Demons­tra­tio­nen für den in Peking so ver­hass­ten Dalai Lama gekommen.

Für Chi­nas kom­mu­nis­ti­sche Füh­rung ist der Tibet-Konflikt nicht allein ein Streit über den Dalai Lama, das geist­li­che Ober­haupt der Tibe­ter, und um das ferne Lhasa. Es geht auch um West-Sichuan und die tibe­ti­schen Gebiete der angren­zen­den Pro­vin­zen Gansu und Qing­hai. Es geht um eine Gegend, in der weit mehr Tibe­ter leben als in der auto­no­men Region Tibet. Und in den Ber­gen von West-Sichuan etwa ist der Ein­fluss des Dalai Lama noch immer groß.

Viele Men­schen haben ein Foto von ihm im Schrank ver­steckt oder aber im Handy gespei­chert, obwohl es in China streng ver­bo­ten ist, Bil­der und Schrif­ten von ihm zu besit­zen. „Der Dalai Lama ist das Kost­barste, was wir in unse­rem Her­zen tra­gen“, sagt ein jun­ger Mann hin­ter ver­schlos­se­nen Türen irgendwo in den Ber­gen von Sichuan. Für die Tibe­ter sei und bleibe er der wahre Füh­rer. „Ich wün­sche mir, dass er eines Tages zurück­keh­ren kann.“ So den­ken viele, den­noch wan­delt sich etwas. Vor allem Jugend­li­che haben in Zei­ten der Wirt­schafts­krise eher Inter­esse an einem Job als an Reli­gion. „Die junge Gene­ra­tion ist sicher­lich weni­ger reli­giös als die ihrer Eltern“, sagt ein tibe­ti­scher Offi­zi­el­ler. Und ein 16-Jähriger sagt in einem Tem­pel, er komme, um für mehr Glück und eine bes­sere Zukunft zu beten. Der reli­giöse Ein­fluss mag abge­nom­men haben, dafür sind neue Kon­flikte entstanden.

Es seien über­wie­gend chi­ne­si­sche Fir­men, die hier das Gold aus dem Gebirge holen, schimpft ein Tibe­ter. „Und sie boh­ren Löcher auch in Berge, die uns hei­lig sind.“

In den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten hat Peking seine tibe­ti­schen Gebiete mit aller Macht moder­ni­siert. Da sind die Gold­mi­nen, da sind die Hoch­span­nungs­netze, die Bau­ar­bei­ter über die Berg­land­schaft zie­hen. Viele der rie­si­gen Mas­ten ste­hen schon, fer­tig für den Anschluss. Im Städt­chen Luding wird unter Hoch­druck an einem rie­si­gen Stau­damm gebaut. Die alten Häu­ser am Zhedou-Fluss ste­hen leer für die Flu­tung. Das alles und das Tempo, mit dem es geschieht, haben dazu geführt, dass viele Tibe­ter die neue Welt der Han-Chinesen nicht als Fort­schritt ver­ste­hen, son­dern als Bedro­hung. In Regio­nen wie West-Sichuan waren die Klös­ter frü­her der ein­zige Ort für eine Aus­bil­dung und damit für jede Art der Entwicklung.

Die Groß­pro­jek­te­der Regie­rung haben nun zur Folge, dass es immer mehr Han-Chinesen in die Region zieht: in am Reiß­brett ent­wor­fene Städte, die in den Schluch­ten und Tälern ent­ste­hen. Städte ohne Geschichte, ohne hei­mi­sche Wurzeln.

Die Augen spre­chen ihre eigene Sprache

Etwas außer­halb Kan­dings, unweit des Klos­ters, ist eine Klein­stadt neu gebaut wor­den. Noch ist „Neu-Kanding“ unbe­wohnt, doch die Wohn­blocks, Ein­kaufs­stra­ßen, Schu­len, Plätze und Büros sol­len bald bezo­gen wer­den. Ein Klos­ter gibt es dort nicht.

Im alten Nanwu-Tempel füllt sich der Innen­hof mit jun­gen Mön­chen. Jeder trägt eine Schale und Ess­stäb­chen, so eilen sie vom Kloster-Mahl in die umlie­gen­den Stu­ben. In der Anlage leben etwa 80 Mön­che, das Klos­ter ist eines der größ­ten und aktivs­ten der Region.

Unru­hen? Dar­über wüss­ten sie nichts, sagt ein Mönch und zieht sein rotes Gewand enger um die Schul­ter. Es ist kalt, sie müs­sen vor­sich­tig sein, was sie erzäh­len, wo und wem. Die bei­den Auf­pas­ser, Staats­si­cher­heit in Zivil, foto­gra­fie­ren sich der­weil im Klos­ter­hof, die Besu­cher und Mön­che stets im Hintergrund.

„Dar­über weiß ich nichts.“ Es ist die Stan­dard­ant­wort, wenn man danach fragt, warum die Stim­mung in der Gegend so ange­spannt sei. „Wir stu­die­ren die ganze Zeit und kom­men nicht raus“, sagt ein ande­rer Mönch. Seine Augen sagen etwas ande­res. Die­ser sor­gen­volle Blick, der in vie­len Gesprä­chen mit Ein­hei­mi­schen auffällt.

Berich­tet wird, dass die chi­ne­si­schen Behör­den den Mön­chen mas­siv gedroht haben. In Chengdu, der Pro­vinz­haupt­stadt von Sichuan, einige Hun­dert Kilo­me­ter ent­fernt, ist die Staats­ge­walt offen prä­sent. Im tibe­ti­schen Vier­tel eilen Mön­che zwi­schen bun­ten Läden hin und her. Einer pro­biert einen Tempel-Gong aus, ein ande­rer hat sei­nen neuen Umhang vom Schnei­der geholt. Doch Gebets­fah­nen und Räu­cher­duft kön­nen die bedroh­li­che Atmo­sphäre nicht ver­ber­gen. Alle 50 Meter steht ein Poli­zei­auto, am Stra­ßen­rand parkt demons­tra­tiv ein blauer Mann­schafts­bus. Darin war­ten para­mi­li­tä­ri­sche Ein­hei­ten auf Befehle.

In Kang­d­ing mar­schiert Son­der­po­li­zei mit Helm und Schutz­schil­den durch die Stadt. Das Zen­trum ist voll von Polizeifahrzeugen.

Die Tibet-Frage? Die Besit­ze­rin des tibe­ti­schen Fami­li­en­re­stau­rants, wo es süßen Joghurt und damp­fende Fleisch­bro­cken gibt, ant­wor­tet nur aus­wei­chend, sie wischt mit ner­vö­sen Bewe­gun­gen den bunt bemal­ten Kis­ten­tisch ab. „Seit einem Jahr“, sagt sie nur, „kom­men kaum Kun­den.“ Und das ist nicht allein ihr Pro­blem. In ganz West­china herrscht Aus­nah­me­zu­stand. Das hat den Tou­ris­mus zusam­men­bre­chen las­sen. Das schwere Erd­be­ben, die Aus­schrei­tun­gen, irgend­wie hat alles dazu beige­tra­gen. Dabei war die Stadt Kang­d­ing nicht ein­mal von dem schwe­ren Erd­be­ben betrof­fen, das im ver­gan­ge­nen Mai die Pro­vinz erschüt­terte. Doch nach den Aus­schrei­tun­gen in Lhasa wurde die Region für Aus­län­der lange gesperrt – jetzt ist sie wie­der dicht.

An die­sem kal­ten Mor­gen steht die Staats­macht am Stadt­rand in einer engen Rechts­kurve. Auf dem „Tibet-Highway“ kon­trol­liert die Poli­zei alle Fahr­zeuge. Der G 318 ist eine der weni­gen Ver­bin­dun­gen zwi­schen Chengdu und Lhasa, hin­ter Kang­d­ing zieht sich die holp­rige Land­straße gen Wes­ten hin­auf wei­ter zum Himalaja-Plateau.

Nah­kampf­trai­ning im Morgendunst

Alleine bis Lhasa, noch 1 500 Stra­ßen­ki­lo­me­ter ent­fernt, habe er 87 Kon­trol­len erlebt, sagt ein Fah­rer, der oft auf der Route unter­wegs ist. Dabei schmeißt er seine Ziga­rette ver­ächt­lich in den hart gefro­re­nen Matsch. Hin­ter ihm stamp­fen sich zwei schwer bewaff­nete Mili­tär­po­li­zis­ten in Tarn­an­zü­gen die Füße warm. Die Poli­zei ist hier nicht allein.

„Sie kön­nen hier nicht wei­ter­fah­ren“, sagt die Kon­trolle, nach­dem die aus­län­di­schen Pässe mit den Jour­na­lis­ten­visa geprüft sind.

„Warum nicht?“

Der junge Poli­zist lacht ver­le­gen. „Hat mein Vor­ge­setz­ter so ange­ord­net.“ Er winkt einen schwer bela­de­nen Last­wa­gen durch.

Der schal­tet kra­chend einen Gang hoch und rum­pelt lang­sam um die Kurve. Als der dröh­nende Moto­ren­lärm ent­schwin­det, hallt aus dem Tal rhyth­mi­sches Gebrüll her­auf. Vom Stra­ßen­rand kann man deut­lich erken­nen, wie in einem Mili­tär­la­ger Hun­dert­schaf­ten im Mor­gen­dunst den Nah­kampf trai­nie­ren. Als am 14. März ver­gan­ge­nen Jah­res die Gewalt in Lhasa eska­lierte, setz­ten sich auch von Kang­d­ing über den Tibet-Highway Mili­tär­ein­hei­ten in Gang, um die Auf­stände niederzuschlagen.

Das könnte bald wie­der der Fall sein. Sol­da­ten und para­mi­li­tä­ri­sche Kräfte haben rund um die wich­tigs­ten Klös­ter Stel­lung bezo­gen. Auf den Dächern von Lhasa, auf jedem Markt­platz in Tibet sind Beamte der Staats­si­cher­heit mit Video­ka­me­ras sta­tio­niert. Für Aus­län­der ist die gesamte Region bis April kom­plett gesperrt. Tou­ris­ten erhal­ten keine Rei­se­ge­neh­mi­gun­gen, aus­län­di­sche Jour­na­lis­ten erst recht nicht.

Auch in Kang­d­ing ist in den ver­gan­ge­nen Mona­ten noch mehr Mili­tär ein­ge­rückt. Neben den Kaser­nen sind im Ort auch pro­vi­so­ri­sche Armee­un­ter­künfte zu sehen. Vor einer steht ein gro­ßes Zelt, dane­ben Mili­tär­fahr­zeuge und Was­ser­wer­fer. „Loyal zur Par­tei, das Vater­land lie­ben, dem Volke die­nen“, mahnt dar­über ein rotes Banner.

Nichts ist mehr dem Zufall über­las­sen. Das Inter­net sei „seit zwei Wochen abge­schal­tet“, sagt jemand von der Hotel­re­zep­tion. Mit dem Handy kön­nen keine Text­nach­rich­ten gesen­det oder emp­fan­gen wer­den. Die Poli­zei tut alles, damit ihr nichts ent­geht. Im Tee­haus „Klare Quelle“ sit­zen tags­über Män­ner am Fens­ter im 1. Stock, schlür­fen Jas­min­tee und schauen gelang­weilt über den gro­ßen Platz der Stadt. Das Lokal ist schon am Vor­mit­tag gut gefüllt, vor allem junge Leute kom­men gern hier­her. Eine Frau im gel­ben Parka tritt rasch an einen Tisch, an dem ein Aus­län­der sitzt.

„Poli­zei, die Aus­weise bitte.“

Män­ner und Frauen, die eben noch locker geplau­dert oder nebenan eine Par­tie Bil­lard gespielt haben, notie­ren eif­rig Pass­num­mern, tele­fo­nie­ren mit ihren Han­dys. Die ver­qualmte Tee­stube ist vor allem eine klare Quelle der Staatssicherheit.

„Die Gegend befin­det sich momen­tan in einer sehr sen­si­blen Phase“

Dass es unter die­sen Umstän­den schwie­rig ist, offen über die Tibet­frage zu spre­chen, leuch­tet ein. Die Frage ist nur, ob die Über­wa­chung dau­er­haft Eska­la­tio­nen ver­hin­dern kann. Die Vor­be­halte der Tibe­ter jeden­falls ver­rin­gert sie nicht.

„Wenn die Lage in Kang­d­ing nicht sta­bil ist, dann hat das Ein­fluss auf die ganze Region“, sagt An Deqiang. Der Vize-Propagandachef der Region ist ins Tee­haus geeilt, um sich den Fra­gen der aus­län­di­schen Repor­ter zu stel­len. Das ist in China eine kleine Sen­sa­tion, doch An Deqiang ist kei­ner der alten Beton­köpfe der Par­tei. Ein elo­quen­ter jun­ger Mann mit offe­nem Blick, nach hin­ten gekämm­ten Haa­ren, brau­ner Leder­ja­cke. Er könnte in einer ame­ri­ka­ni­schen Wer­be­agen­tur die Slo­gans erfinden.

Er ahnt, dass das Image sei­ner Stadt und sei­nes Lan­des auf dem Spiel steht. Er lobt die köst­li­chen Kar­tof­feln der Region und beklagt, dass viel zu oft über­se­hen werde, dass sich die Lebens­be­din­gun­gen der Tibe­ter stark ver­bes­sert hät­ten. Ja, die Gegend befinde sich momen­tan in einer sehr „sen­si­blen Phase“, die Sicher­heit sei erhöht wor­den, die Region sei nun „sehr sta­bil und fried­lich“, Pro­bleme gebe es nur in weni­gen Orten. „Und ich kann Ihnen ehr­lich sagen, dass es hier keine Fest­nah­men im Zusam­men­hang mit den Unru­hen gege­ben hat“, sagt der Par­tei­mann zum Abschied.

Das aller­dings klingt einige Kilo­me­ter wei­ter, in den klei­nen Ber­gor­ten der Umge­bung, anders. Hier rauscht das Schmelz­was­ser von den wei­ßen Gip­feln her­un­ter, flat­tern über­all bunte tibe­ti­sche Fähn­chen im Wind. In einem Dorf lädt ein jun­ger Mönch in sein Haus. Er traue sich kaum noch in sei­ner Mönchs­kutte nach Kang­d­ing, sagt er: „Erst vor zwei Tagen sind dort zwei Mön­che von der Poli­zei fest­ge­hal­ten wor­den. Ich fühle mich nicht mehr sicher.“ Der Mitt­zwan­zi­ger erzählt, dass auch er schon ver­haf­tet wor­den sei, weil er ein Amu­lett mit dem Bild des Dalai Lama um den Hals trug.

Als des­sen Name fiel, ver­lor der bis dahin gelas­sene Par­tei­mann An Deqiang seine Locker­heit. „Die Frage, ob man Bil­der des Dalai Lama besit­zen darf, und die For­de­rung der Tibe­ter nach mehr Unab­hän­gig­keit, das ist doch nur die Ober­flä­che“, sagt er. „Die Wahr­heit ist doch, dass der Dalai Lama den reli­giö­sen Deck­man­tel benutzt, um unser Land zu spal­ten.“ Es ist der kom­pro­miss­lose Kurs der Füh­rung in Peking.

Für den jun­gen Mönch in den Ber­gen stellt sich diese Frage gar nicht. „Ich will nicht die Unab­hän­gig­keit“, sagt er beim Rund­gang durch das kleine Dorf. „Ich bin doch mein gan­zes Leben lang Chi­nese gewe­sen.“ Er wün­sche sich für die tibe­ti­schen Regio­nen ein­fach etwas mehr Frei­hei­ten, wie sie Hong­kong habe.

Statt offe­ner Worte gebä­ren die Schluch­ten um Kang­d­ing immer neue Geschich­ten. Von gefol­ter­ten Mön­chen, von mor­den­den Tibe­tern, von gie­ri­gen Han-Chinesen. Auch nach 50 Jah­ren ist für Chi­nas Tibet-Konflikt keine Lösung in Sicht. So rol­len in Kang­d­ing wei­ter die Mili­tär­fahr­zeuge ein, sit­zen Spit­zel im Tee­haus „Klare Quelle“, ver­sperrt die Poli­zei mit Maschi­nen­ge­weh­ren den Weg gen Wes­ten. Und oben am Berg, im Klos­ter Nanwu, bläst wie an die­sem Abend ein Mönch in eine Muschel. Weit trägt der Ton, der zu den letz­ten Stu­dien des Tages ruft, durch das Tal. Die gol­de­nen Dach­spit­zen des Tem­pels blit­zen in der Abendsonne.

Jah­res­tage

Am Diens­tag wird welt­weit des 50. Jah­res­ta­ges der blu­ti­gen Nie­der­schla­gung des tibe­ti­schen Auf­stan­des vom 10. März 1959 gedacht, die zur Flucht des Dalai Lamas ins Exil geführt hatte.

Am 10. März vor einem Jahr erin­ner­ten einige Hun­dert Mön­che mit einem fried­li­chen Pro­test­marsch an den 10. März 1959. Wenig spä­ter gin­gen chi­ne­si­sche Sicher­heits­kräfte gegen unbe­waff­nete Demons­tran­ten vor, sogar mit geziel­ten Todes­schüs­sen, um die Revolte zu unter­bin­den. Tage­lang gli­chen Lhasa und viele Orte auf dem tibe­ti­schen Hoch­pla­teau einer Bürgerkriegszone.

Offi­zi­elle Zah­len, sofern es sie gab, besag­ten, es habe gut zwei Dut­zend Tote gege­ben. Laut ande­ren, unab­hän­gi­ge­ren Quel­len aber star­ben mehr als 200 Tibe­ter, und Dut­zende Han-Chinesen wur­den von Tibe­tern ermordet.

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