Zwietracht im Exil — Sogar alte Weggefährten fragen sich: Ist der Dalai Lama zu zaghaft?

Die Zeit, 5.3.09, von Frank Sieren

Seit einem hal­ben Jahr­hun­dert ist Indien Flucht­ort des Dalai Lama und sei­ner Anhän­ger. An eine Rück­kehr nach Tibet glaubt nie­mand mehr – in der Gefolg­schaft erhebt sich ein Mur­ren gegen das Oberhaupt

Der Pfad ist aus­ge­tre­ten. Weiß getünchte Steine mar­kie­ren den Weg, durch die Gebirgs­kie­fern sieht man die Zacken des nord­in­di­schen Dhauladhar-Massivs mit dem Hanu­man Ka Tiba, dem 5600 Meter hohen »Wei­ßen Berg«. Majes­tä­tisch zeich­net er sich vor dem tief­blauen Him­mel ab.

Kein Pass führt zwi­schen die­sen Gip­feln hin­durch. Kein Mensch lebt dort. Zu steil, zu karg und zu hoch ist der Hima­laya. Erst 1500 Kilo­me­ter wei­ter östlich, in der Nähe von Lhasa, der Haupt­stadt Tibets, ist wie­der Leben. Uner­reich­bar für die Pil­ger auf die­sem aus­ge­tre­te­nen Kreis­pfad. Es bleibt ihnen nichts ande­res übrig, als an Tibet, ihre Hei­mat, nur zu den­ken. So lau­fen sie ein ums andere Mal im Kreis um die Exil­re­si­denz des Dalai Lama im indi­schen Bun­des­staat Hima­chal Pradesh.

Die Resi­denz Sei­ner Hei­lig­keit, wie der Dalai Lama hier genannt wird, ist den gan­zen Rund­weg über nicht zu sehen. Zunächst wird sie durch Bäume geschützt, dann durch eine zwei­ein­halb Meter hohe Mauer. Ein Mann nimmt den Hut ab und berührt die Mauer mit der Stirn. Näher ist Sei­ner Hei­lig­keit nicht zu kom­men. Ein paar Esel schlep­pen Kies für ein neues Hotel am Pil­ger­pfad her­bei. Am Weges­rand ste­hen Gebets­müh­len aus Holz, in den Bäu­men hän­gen Stoff­fah­nen, beschrie­ben mit Gebe­ten. Am Ende des Pfa­des ver­kau­fen Bau­ern Spinat.

Anfang und End­punkt des Kreis­we­ges ist der Tem­pel­kom­plex Tsug­lag Khang. Hier öffnet sich der Pfad und ver­bin­det den Hügel des Dalai Lama mit einem Nach­bar­hü­gel. Dort leben seine Anhän­ger in dem Dorf McLeod Ganj, 1800 Meter hoch gele­gen. Wie zwei unglei­che Höcker eines Kamels lie­gen die bei­den Kup­pen in der Land­schaft, der Resi­denz­hü­gel und der Dorf­hü­gel. Momen­tan ist Seine Hei­lig­keit verreist.

Ten­zin Gyatso ist der Mönchs­name des 14. Dalai Lama, des Ober­haupts der Tibe­ter. Wie so oft, kämpft der mitt­ler­weile 73-Jährige gerade irgendwo auf der Welt für die Anlie­gen sei­nes Vol­kes, ein Kampf, der am 10. März 50 Jahre währt. 1959 hat­ten sich die Tibe­ter zu einem Auf­stand gegen die chi­ne­si­sche Armee erho­ben und ver­lo­ren. Der Dalai Lama floh nach Indien ins Exil, rund 100000 Anhän­ger folg­ten. Sein Vor­gän­ger hatte gleich zwei­mal ins Aus­land flie­hen müs­sen, 1904 vor der bri­ti­schen Kolo­ni­al­ar­mee und 1910 vor den kai­ser­li­chen chi­ne­si­schen Trup­pen. Aber beide Male konnte er nach weni­gen Jah­ren wie­der zurück­keh­ren. Ten­zin Gyatso jedoch sitzt seit 50 Jah­ren mit sei­ner Exil­re­gie­rung und eini­gen Tau­send ver­blie­be­nen Exil­ti­be­tern in McLeod Ganj fest. Im Dorf geht nun die Angst um, die Exil­be­we­gung könnte in Ver­ges­sen­heit gera­ten. Die Welt hat in die­sem Jahr andere Sor­gen, nicht nur den Kli­ma­wan­del scheint sie ver­ges­sen zu haben. In Zei­ten der Welt­wirt­schafts­krise haben es Min­der­hei­ten nicht leicht.

McLeod Ganj liegt nur wenige Kilo­me­ter von dem indi­schen Städt­chen Dha­ram­sala ent­fernt. Es wurde 1815 von dem bri­ti­schen Offi­zier David McLeod als Som­mer­fri­sche gegrün­det. Die Häu­ser hier sind im Win­ter zugig und kalt, die Straße ist schlecht befahr­bar; immer wie­der wird sie vom Mon­sun weg­ge­spült. Dicht gedrängt ste­hen Flach­dach­bau­ten am Weg­rand, einst waren sie dop­pel­stö­ckig, inzwi­schen haben sie vier Stock­werke. Strom­ka­bel span­nen sich wie Spinn­we­ben über die Stra­ßen. In den Gas­sen fla­nie­ren Eso­te­riktou­ris­ten aus Europa, tibe­ti­sche Mön­che in roten Gewän­dern mischen sich dar­un­ter, geschäfts­tüch­tige Inder, Händ­ler aus Kasch­mir. Junge Tibe­ter mit modisch ins Gesicht geföhn­ten Haa­ren umgar­nen Tou­ris­tin­nen aus dem Wes­ten. Sie tra­gen T-Shirts mit der Auf­schrift Never give up.

Lange for­der­ten die Exil­ti­be­ter von Indien aus die Unab­hän­gig­keit Tibets und such­ten welt­weit Ver­bün­dete. Aber China wurde den Welt­mäch­ten als Part­ner immer wich­ti­ger. Der Wes­ten wollte bil­lige Pro­dukte – und Zugang zum rie­si­gen chi­ne­si­schen Markt. Zwar wurde der Dalai Lama zu einer der welt­weit belieb­tes­ten Per­sön­lich­kei­ten, doch keine wich­tige Regie­rung wollte seine Unab­hän­gig­keits­for­de­run­gen offen unter­stüt­zen. So ist McLeod Ganj inzwi­schen zu einem 50 Jahre wäh­ren­den Pro­vi­so­rium gewor­den. Wäh­rend sich die Tibe­ter in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten immer mehr in ihrem indi­schen Exil ein­rich­te­ten, war ihr Ober­haupt gezwun­gen, seine poli­ti­sche Stra­te­gie anzu­pas­sen. Seit 1988 for­dert der Dalai Lama nur noch kul­tu­relle Auto­no­mie inner­halb eines chi­ne­si­schen Natio­nal­staa­tes. Doch China und der Dalai Lama haben unter­schied­li­che Vor­stel­lun­gen von Auto­no­mie. Bis heute konn­ten sie sich nicht einigen.

Wäh­rend die Exil­ti­be­ter in Indien fest­sit­zen, kann die chi­ne­si­sche Regie­rung in Tibet fast unge­hin­dert agie­ren. So ver­sucht sie, dort mög­lichst viele Han-Chinesen anzu­sie­deln. Neue Stra­ßen und Eisen­bah­nen sol­len die ent­le­gene Region eng an Peking bin­den. Die Tibe­ter füh­len sich in die Enge getrie­ben. Vor einem Jahr ver­schärfte sich die Lage des­halb dra­ma­tisch: Wie­der schlug die chi­ne­si­sche Armee einen Auf­stand nie­der, Dut­zende Men­schen kamen um, Hun­derte ver­schwan­den in Gefäng­nis­sen. Exil­ti­be­ter stör­ten dar­auf­hin welt­weit den Fackel­lauf im Vor­feld der Olym­pi­schen Spiele. Auf inter­na­tio­na­len Druck hin wur­den Ver­hand­lun­gen auf­ge­nom­men. Mitt­ler­weile spre­chen die chi­ne­si­sche Regie­rung und die Exil­ti­be­ter nicht mehr miteinander.

Da hilft kaum mehr als Beten, glau­ben viele Exiltibeter.

In der Tem­pel­an­lage unter­halb des Resi­denz­hü­gels wirft sich eine alte Frau mit Lap­pen an den Hän­den immer wie­der auf ein Holz­brett nie­der. »Um ihr Ego her­un­ter­zu­brin­gen«, erklärt ein ame­ri­ka­ni­scher Tou­rist sei­ner Frau. Der Glaube der Tibe­ter, auch ihr Rin­gen um Auto­no­mie, ist zu einem Schau­spiel unter den Augen west­li­cher Zuschauer gewor­den. Im Haupt­raum des Tem­pels steht eine Sta­tue des Bud­dha Shakya­muni, auf den der Bud­dhis­mus zurück­geht. Zu sei­nem Fuße lie­gen die Opfer­ga­ben: Ahoy Choco-Crunch Goo­dies und Kraft Kartoffelchips.

Seit 50 Jah­ren war­ten sie nun. Sie kön­nen keine Inder wer­den, sind weder Tibe­ter noch Chi­ne­sen. Sie sind staa­ten­los. Ihre rund sechs Mil­lio­nen Lands­leute in Tibet sind der chi­ne­si­schen Staats­ge­walt aus­ge­lie­fert, und der Dalai Lama ist auch nicht mehr der Jüngste. Hin­ter den Fas­sa­den wird dis­ku­tiert und gestrit­ten dar­über, wie es wei­ter­ge­hen könnte. Die Men­schen ent­wi­ckeln ihre eige­nen Vor­stel­lun­gen, wäh­rend der Dalai Lama auf Rei­sen ist.

Lhakpa Kyizom war noch nie in Tibet. Die 27-Jährige hat ihr Haar zu einem Pfer­de­schwanz zusam­men­ge­bun­den, sie trägt Jeans und Pull­over. Ihre jun­gen Gesichts­züge haben etwas dis­zi­pli­niert Kämp­fe­ri­sches. Kyizoms Eltern star­ben, als sie fünf war. So kam das Mäd­chen in ein Wai­sen­haus, das von der jün­ge­ren Schwes­ter des Dalai Lama gelei­tet wurde. Mit zehn Jah­ren erkrankte Kyizom an Tuber­ku­lose und wurde, gemein­sam mit ihrer Schwes­ter, von einer bud­dhis­ti­schen Nonne auf­ge­nom­men, einer Deut­schen namens Ursula. Das Haus von Schwes­ter Ursula liegt an der Seite des Dorf­hü­gels, die der Resi­denz Sei­ner Hei­lig­keit abge­wandt und dem Hima­laya zuge­wandt ist. »Sie war sehr streng«, erin­nert sich Kyizom. »Wir haben deut­sche Dis­zi­plin von ihr gelernt. Wie man sich klei­det. Tisch­ma­nie­ren. Wann und wie man reden darf, wenn die Erwach­se­nen spre­chen. Und sie zeigte mir, wie ich meine Haare käm­men muss.« Auch ein wenig Deutsch lernte Kyizom, Voka­beln, die sie gut gebrau­chen konnte, als Ursula Alz­hei­mer bekam und den Dalai Lama mit Richard Gere verwechselte.

Inzwi­schen unter­rich­tet Kyizom im Active Non­vio­lence Edu­ca­tion Cen­ter im unte­ren Teil des Dor­fes. Dort steht sie vor einer dun­kel­grü­nen Tafel und erklärt Tibe­tern die Spiel­räume des gewalt­freien Wider­stan­des: »Ers­tens: Pro­test und Über­zeu­gung. Zwei­tens: soziale, poli­ti­sche, und wirt­schaft­li­che Nicht­ko­ope­ra­tion. Drit­tens: Inter­ven­tion.« Ein Mann fragt, ob es noch gewalt­frei war, den olym­pi­schen Fackel­lauf zu stö­ren. »Ja«, sagt Kyizom, »weil es den Fackel­lauf nicht störte, son­dern nur pro­vo­zierte.« – »Was war mit der chi­ne­si­schen Roll­stuhl­fah­re­rin, die ange­grif­fen wurde?«, fragt eine Frau. Kyizom schaut streng. »Ich habe nur gese­hen, dass eine Roll­stuhl­fah­re­rin ange­grif­fen wurde, aber nicht, wer sie ange­grif­fen hat.« Kyizoms Defi­ni­tion von gewalt­frei ist sehr krea­tiv. Sie kämpft die gro­ßen Deu­tungs­kämpfe im ganz Klei­nen: Wann wird Wider­stand gegen Unrecht selbst zum Unrecht?

Der Tod der Mön­che im Olym­pia­jahr ist nicht vergessen

Kyizom hat Mas­sen­me­di­en­kom­mu­ni­ka­tion im indi­schen Kenai stu­diert. Sie ist stolz auf ihre Arbeit. Immer wie­der erzählt sie die Geschichte der vier Exil­mön­che, die kurz nach dem Auf­stand in Tibet im ver­gan­ge­nen Jahr zu ihr kamen. Sie hat­ten einen Mönch aus Tibet am Handy, in des­sen Klos­ter die Chi­ne­sen gerade um sich schos­sen. »Es schnürte mir den Magen zusam­men«, sagt Kyizom. Sie hat damals sofort eine Pres­se­kon­fe­renz ein­be­ru­fen, es wurde welt­weit berich­tet. Der Mönch, der ange­ru­fen hatte, nahm sich kurz danach das Leben. Auf einen Zet­tel, den man bei ihm fand, hatte er geschrie­ben: »Ich halte die chi­ne­si­sche Herr­schaft nicht mehr aus.«

In den ver­gan­ge­nen 50 Jah­ren ist McLeod Ganj gewal­tig gewach­sen. Neben unzäh­li­gen tibe­ti­schen Stu­pas ent­stan­den Gäs­te­häu­ser für Pil­ger und Tou­ris­ten. Die Schil­der von Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen und Anlauf­stel­len für frei­wil­lige Hel­fer säu­men die Stra­ßen, Cafés bie­ten Spa­ghetti bolo­gnese an, abends wird Die Hard II auf dem Flach­bild­schirm gezeigt. Dazu läuft über­all tibe­ti­sche Musik.

Die kleine Buch­hand­lung Bücher­wurm von Lha­sang Tse­ring liegt etwas abseits, den­noch muss der 50-Jährige auf Kund­schaft nicht war­ten. Er führt die ein­zige Buch­hand­lung im Ort. Tibet-Esoterik läuft beson­ders gut.

Schmal und fal­tig wie ein tibe­ti­scher Hei­ner Geiß­ler sitzt Lha­sang Tse­ring hin­ter sei­nem Tre­sen, vor ihm ein gro­ßer Taschen­rech­ner, hin­ter ihm die bunte Tibet-Flagge. Tse­ring trägt einen lan­gen Zie­gen­bart, im Ort gehört er zur alten Garde. Wie viele Tibe­ter hatte er als jun­ger Mann einen Spon­sor, der sein Leben im Exil finan­zierte. Bei ihm war es eine ame­ri­ka­ni­sche Mil­lio­nä­rin. Als er 1971 mit der Schule fer­tig war, kam sie ihn für einen Som­mer in McLeod Ganj besu­chen. Er zeigte ihr Berge, Pflan­zen und Vögel und nannte die Namen der Gip­fel. Sie bot ihm ein Medi­zin­stu­dium an. Doch Lha­sang Tse­ring wollte Frei­heits­kämp­fer wer­den. Nicht nur die Mil­lio­nä­rin, auch der Dalai Lama war empört. »Wir brau­chen Ärzte. Wie kann man nur ein so groß­zü­gi­ges Ange­bot aus­schla­gen?«, hielt er ihm vor. »In einem freien Tibet wäre ich als Bett­ler glück­lich«, erwi­derte der junge Tse­ring, »doch als Flücht­ling eines besetz­ten Tibet kann ich auch als Arzt nie glück­lich wer­den.« Als die ame­ri­ka­ni­sche Mil­lio­nä­rin starb, hin­ter­ließ sie Tse­ring nichts.

Lha­sang Tse­ring legt dem letz­ten Kun­den an die­sem Vor­mit­tag noch eines sei­ner selbst gemach­ten Lese­zei­chen zum Buch in die Tüte und über­gibt an sei­nen Sohn. Drau­ßen scheint die Sonne. Tse­ring möchte sich bei einem Kaf­fee die kal­ten Kno­chen wär­men. Auf der Straße grüßt er fast jeden, der ihm ent­ge­gen­kommt. Das Dorf ist zwar gewach­sen, aber immer noch klein genug, dass alle ihn ken­nen, auch die indi­schen Kell­ner im Café.

Mitte der Acht­zi­ger wurde Tse­ring Prä­si­dent des ein­fluss­rei­chen tibe­ti­schen Jugend­kon­gres­ses. »Wir haben der Jugend eine Per­spek­tive gege­ben«, sagt er und setzt sich. Doch seine Zeit als Funk­tio­när währte nicht lange. Als der Dalai Lama die soge­nannte Poli­tik des Mitt­le­ren Weges ver­kün­dete und sich mit der For­de­rung nach kul­tu­rel­ler Auto­no­mie in Tibet zufrie­den­gab, legte Tse­ring empört sein Amt nie­der. Seit­her schreibt er Gedichte und ver­kauft Bücher. Wütend ist er noch immer. »Sind die Chi­ne­sen aus Ver­se­hen in Tibet ein­ge­fal­len?«, fragt er. »Sind sie nur gekom­men, um uns neue Stra­ßen und Eisen­bahn­li­nien zu bauen? Es geht so nicht weiter.«

Er zit­tert jetzt. Seit sei­nem leich­ten Schlag­an­fall kann er nicht mehr, wie er will. Lha­sang Tse­ring ahnt, dass bald die nächste Gene­ra­tion dran ist. Wie wer­den die Jun­gen den­ken? Wie wer­den sie han­deln? Wer­den sie seine Arbeit fort­set­zen oder ver­ra­ten? »Es sind vor allem die Jün­ge­ren, die sofort zurück­keh­ren wür­den«, sagt er, »sie ken­nen nur die guten Sei­ten Tibets – weil sie noch nie dort gelebt haben. Warum glaubt Seine Hei­lig­keit, dass aus­ge­rech­net in der Wolfs­schlucht der beste Platz ist, seine Schafe gra­sen zu las­sen?« Tse­ring ist ein Poet, er redet gerne so. Was er meint, ist, dass die Tibe­ter unter der Ober­herr­schaft der Chi­ne­sen nicht zurück­keh­ren sol­len. Auch die Vor­stel­lung des Dalai Lama von Gewalt­frei­heit teilt Tse­ring nicht. Als die Tibe­ter beim jüngs­ten Auf­stand Steine auf chi­ne­si­sche Sol­da­ten war­fen, sagte Seine Hei­lig­keit dazu: »Das ist Gewalt.« – »Aber war das nicht eine allzu mensch­li­che Reak­tion?«, fragt Tse­ring. »Dein Freund wurde nie­der­ge­schos­sen. Dein Bru­der blu­tet. Dann schmeißt du Steine. Nicht weil du böse bist, son­dern weil du ein Mensch bist.«

Alte Weg­ge­fähr­ten fra­gen sich nun: Ist der Dalai Lama zu zaghaft?

Men­schen ver­än­dern sich im Exil. So viele Jahre an einem Platz, der nicht der ihre ist. Wer Lha­sang Tse­ring reden hört, ahnt zwi­schen sei­nen Sät­zen eine vage Frage: Ist nicht jeder, der hier in McLeod Ganj fest­sitzt, viel mehr Exi­lant als der Dalai Lama selbst, der stets auf Rei­sen ist, zum Wohle sei­nes Volkes?

Wer von Lha­sang Tse­rings Buch­la­den ins Tal möchte, muss an Jampa Tashi vor­bei. Sogar Seine Hei­lig­keit. Als der Dalai Lama vor eini­gen Tagen zu sei­ner Reise auf­brach, hat ihn der 40-jährige Tashi aus sei­nem Wohn­heim an der unte­ren Dorf­straße gese­hen. Seit der Ent­las­sung aus dem Gefäng­nis lebt er hier.

Tashi ist neu im Dorf. Er war ein poli­ti­scher Gefan­ge­ner, der aus Tibet flüch­ten konnte. Jetzt und hier, in McLeod Ganj, ist er so etwas wie ein leben­des Mahnmal.

Tashi ist noch in Tibet zur Welt gekom­men, als eines von acht Geschwis­tern. Aber das Geld der Eltern reichte nicht für alle, so wurde der Junge ins Klos­ter geschickt. Auch dort­hin kamen mit den Jah­ren immer häu­fi­ger Chi­ne­sen. 1994 befah­len sie, dass fünf der elf Mön­che das Klos­ter ver­las­sen müs­sen. Dar­un­ter auch Tashi. Die Chi­ne­sen woll­ten keine zu gro­ßen Grup­pen. Die Mön­che pro­tes­tier­ten auf dem Dorf­platz vor der Poli­zei­sta­tion und hiel­ten Pla­kate mit Bil­dern des Dalai Lama hoch. Dazu skan­dier­ten sie »Free Tibet!«

Sie wuss­ten, dass sie ihr Leben ris­kier­ten. Sie wur­den ver­haf­tet und ver­hört. Tagelang.

»Wer sind eure Anstif­ter?«, hät­ten die Poli­zis­ten wie­der und wie­der gefragt, erzählt Tashi, »wir wis­sen, dass rei­che Geschäfts­leute und hohe Lamas dahinterstecken.«

»Sie konn­ten sich nicht vor­stel­len, dass wir das selbst ent­schie­den haben«, sagt Tashi. Er wurde mit elek­tri­schen Schlag­stö­cken ver­prü­gelt. Und in einem kur­zen Pro­zess zu zwölf Jah­ren Haft verurteilt.

Im Gefäng­nis waren sie elf Tibe­ter. Tashi sagt, dass sie die här­tes­ten Arbei­ten ver­rich­ten muss­ten, die längs­ten Arbeits­zei­ten hat­ten und das schlech­teste Essen beka­men. Tashi hielt die zwölf Jahre durch. Bei sei­ner Ent­las­sung sollte er unter­schrei­ben, dass er nie mehr gegen China pro­tes­tie­ren würde. Er wei­gerte sich. Seine Cou­sins wur­den ein­be­stellt. Seine Eltern waren inzwi­schen gestor­ben. Den Cou­sins wurde eröff­net, dass sie wür­den büßen müs­sen, falls ihr Ver­wand­ter noch ein­mal auf­fäl­lig wer­den würde. Ihm blieb nur eines: Er musste verschwinden.

Im Juli 2007 kaufte sich Tashi fal­sche Papiere. Für umge­rech­net 600 Euro. Er war nun ein Händ­ler, der an der Grenze zu Nepal geschäft­lich zu tun hatte. Nach sei­ner Flucht über die Berge brach­ten Hel­fer ihn ins Tibet Recep­tion Cen­ter. Seit­dem ist er frei. Ver­son­nen schaut Tashi auf das Pla­kat, das er über sein Bett im Wohn­heim gehängt hat. Ein luxu­riö­ses öster­rei­chi­sches Kur­ho­tel ist dar­auf zu sehen, im Hin­ter­grund die Alpen. So erträumt er sich die Zukunft Tibets. Aber er hat Zeit, mehr Zeit als der Buch­händ­ler Tse­ring. Denn nach zwölf Jah­ren Gefäng­nis ist das Exil fast wie der Him­mel auf Erden.

Wer mit dem Bus in McLeod Ganj ankommt, der steigt auf einem klei­nen Markt­platz aus, auf den alle Stra­ßen stern­för­mig zulau­fen. Der Platz ist so klein, dass der Dorf­bus drei-, vier­mal hin und her ran­gie­ren muss, um wie­der ins Tal zurück­fah­ren zu kön­nen. Dr. Bhumo Tse­ring, eine Mitt­vier­zi­ge­rin, beob­ach­tet die­ses Schau­spiel von ihrem Büro aus mehr­mals am Tag. Die Prä­si­den­tin der tibe­ti­schen Frau­en­or­ga­ni­sa­tion reibt sich die Fin­ger. Der Heiz­lüf­ter ist zu schwach für die Kälte. Über einer Reihe Akten­ord­ner hängt ein gro­ßes Bild Sei­ner Hei­lig­keit; der Dalai Lama ist Dr. Tse­rings gro­ßes Vor­bild, den­noch fragt sie: »Wenn wir der nach­fol­gen­den Gene­ra­tion etwas hin­ter­las­sen wol­len, warum nicht die For­de­rung nach Unabhängigkeit?«

Im ver­gan­ge­nen Jahr war Bhumo Tse­ring daher ein­mal unge­hor­sam dem Dalai Lama gegen­über: Sie war zur Zeit des olym­pi­schen Fackel­laufs ein­fach los­mar­schiert, mit einer Gruppe von Frauen. In Rich­tung Tibet. Getrie­ben von Wut. In 100 Tagen woll­ten sie die Grenze errei­chen. Dem Dalai Lama passte das gar nicht. »Was wollt ihr machen, wenn ihr da seid?«, fragte er. »Die Chi­ne­sen wer­den euch nicht mit offe­nen Armen emp­fan­gen.« Der Dalai Lama befürch­tete auch, dass die indi­sche Regie­rung unter Druck gera­ten könnte. »Ich kann euch euer demo­kra­ti­sches Recht nicht neh­men«, sagte er, »aber ich bitte euch instän­dig.« Die Ver­tre­te­rin­nen des Frau­en­ver­ban­des hat­ten eigent­lich eine Reso­lu­tion ver­ab­schie­det, den Vor­ga­ben des Dalai Lama zu fol­gen. Sie einig­ten sich auf einen Kom­pro­miss. Sie war­te­ten, bis die olym­pi­sche Fackel Indien wie­der ver­las­sen hatte und zogen dann erst weiter.

Wochen­lang lie­fen sie. Doch kurz vor der tibe­ti­schen Grenze wur­den sie der indi­schen Regie­rung poli­tisch zu ris­kant. Die Frauen wur­den ver­haf­tet und für zwei Wochen ins Gefäng­nis gesperrt. Sie hat­ten viel ris­kiert: Alle Exil­ti­be­ter müs­sen jedes Jahr ihre Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung für Indien erneu­ern las­sen. Auch ihre Kin­der, die in Indien gebo­ren sind, kön­nen kei­nen Pass bekom­men. Die indi­sche Regie­rung hat eine Ver­tre­tung im Dorf ein­ge­rich­tet. An die­ser Behörde hängt die Zukunft der Exil­ti­be­ter. Zwar wer­den in den aller­meis­ten Fäl­len die Geneh­mi­gun­gen ver­län­gert. »Aber die Pro­ze­dur ist ernied­ri­gend«, sagt Bhumo Tse­ring. Auch das ist der Grund, warum sie auf einen Befrei­ungs­schlag war­tet. Inzwi­schen hat sie eine neue Idee. »Wir akzep­tie­ren vor­be­halt­los alle For­de­run­gen der Chi­ne­sen und gehen alle gleich­zei­tig zurück«, sagt sie und lächelt still. »Dann schauen wir, was passiert.«

Ten­zin Gey­che scheint zu sehr Rea­list zu sein, um auf sol­che Ideen zu kom­men. 43 Jahre lang stand er stets einen Schritt hin­ter Sei­ner Hei­lig­keit. Ten­zin Gey­che war der Pri­vat­se­kre­tär des Dalai Lama, von 1964 bis 2007. Jetzt sitzt er im klei­nen Pema Tang Hotel, das seine Frau betreibt, und blickt durch eines der gro­ßen Fens­ter des Spei­se­saals ins Tal. Von hier aus kann er den Tem­pel­kom­plex auf dem Nach­bar­hü­gel sehen, wo die Resi­denz Sei­ner Hei­lig­keit liegt. Manch­mal scheint auf den bei­den Hügeln eine End­zeit­stim­mung zu lie­gen, wie sie Tho­mas Mann im Zau­ber­berg beschrie­ben hat. Ein Teil der oran­ge­far­be­nen Vor­hänge des Hotels ist zugezogen.

Jahr­zehn­te­lang war Ten­zin Gey­che von der Dis­zi­plin des Dalai Lama fas­zi­niert: »Er hat bei sich kei­nen Hass gegen die Chi­ne­sen zuge­las­sen.« Seine Lands­leute for­derte er stets auf, es ihm gleich­zu­tun. Inzwi­schen ist sich Gey­che nicht mehr sicher, ob das die rich­tige Stra­te­gie gewe­sen ist. Was haben die Tibe­ter denn erreicht? Immer wie­der ist Ten­zin Gey­che vol­ler Hoff­nung zu Ver­hand­lun­gen gereist. Immer wie­der ist er ent­täuscht zurück­ge­kehrt. Näch­te­lang hat er mit dem Dalai Lama dis­ku­tiert. Hat das Kon­zept der Auto­no­mie statt der Unab­hän­gig­keit mit­ge­tra­gen. Hat ver­sucht, sei­nen auf­kei­men­den Hass gegen die Chi­ne­sen zu unter­drü­cken. Denn wenn Seine Hei­lig­keit sich zügelt, was bleibt dann dem Sekre­tär ande­res übrig? Es gelang, so lange Ten­zin Gey­che mit dem Dalai Lama unter­wegs war. Die vie­len Rei­sen lenk­ten ihn ab. Neue Län­der, neue Regie­rungs­chefs, hier und da eine neue For­mu­lie­rung, die man viel­leicht als Erfolg ver­bu­chen konnte.

Sogar der ehe­ma­lige Sekre­tär sagt: »Wir haben nichts zu verlieren«

Seit zwei Jah­ren jedoch hat Gey­che Zeit, zu viel Zeit viel­leicht. Von Freun­den und Ver­wand­ten weiß er, dass nicht alles schlecht ist in China. »Wenn man sich nicht um Poli­tik küm­mert, kann man als Tibe­ter in Tibet natür­lich sehr gut leben. Es hat kei­nen Sinn mehr«, sagt er. »Die Chi­ne­sen wis­sen, dass sie große wirt­schaft­li­che Macht haben. Sie kön­nen andere Natio­nen her­um­schub­sen. Sie kön­nen sich sogar mit den USA anle­gen.« Und doch hät­ten sie noch immer Angst vor dem Ein­fluss Sei­ner Hei­lig­keit in Tibet! Vor des­sen Cha­risma. Aber dar­aus ent­steht kein Macht­gleich­ge­wicht, nur Ohn­macht, so emp­fin­det es Ten­zin Gey­che. »Wie viel schlim­mer kann es noch wer­den?«, fragt er. »Wir haben nichts zu ver­lie­ren. Dann kön­nen wir auch wie­der für Unab­hän­gig­keit ein­tre­ten.« Selbst, wenn die Tibe­ter dann die inter­na­tio­nale Unter­stüt­zung ver­lie­ren wür­den. »Was soll’s«, sagt Ten­zin Gey­che. Es ist, als sage er sich los von Sei­ner Hei­lig­keit. »Es muss sein.«

Die Tür zum Spei­se­zim­mer geht auf, ein Ange­stell­ter bringt das Mit­tag­es­sen. Es gibt Teig­ta­schen, Nudel­suppe und indi­sches Chi­cken Mar­sala. Ten­zin Gey­che isst und schweigt. Er hat den Glau­ben daran ver­lo­ren, dass es eine prag­ma­ti­sche Lösung gibt. »Irgend­wann ist das Maß voll. Prag­ma­tis­mus ist sehr wich­tig, und Seine Hei­lig­keit ist sehr prag­ma­tisch, offen und libe­ral. Aber es muss etwas dabei her­aus­kom­men.« Gey­che zögert. Dann sagt auch er: »Ich sollte nach Tibet gehen.«

Wäh­rend der Sekre­tär lang­sam sein Essen auf­isst, schiebt auf dem Nach­bar­hü­gel gegen­über der Bru­der des Dalai Lama einen Stuhl auf die Ter­rasse sei­nes ein­fa­chen Hau­ses. Das Haus liegt direkt über dem Regie­rungs­sitz. Von hier aus ist das Exil­dorf nicht zu sehen, auch nicht der Klos­ter­kom­plex vol­ler Tou­ris­ten. Nur weite, atem­be­rau­bende Land­schaft. Es duf­tet nach Lavendel.

In die­sem Haus hat der Dalai Lama gewohnt, als er aus Tibet geflo­hen war. Hier hat sein Exil begon­nen, von dem nie­mand ahnte, dass es über 50 Jahre dau­ern würde.

Ten­zin Cho­egyal ist ein säku­la­rer Mönch. Geklei­det ist er im west­eu­ro­päi­schen Jäger­look: weite grüne Cord­hose, grü­ner Pull­over, röt­lich karier­tes Hemd, Schuhe der Marke Mephisto. An die Reinkar­na­tion glaubt Ten­zin Cho­egyal nicht mehr. Aber auch wenn er nicht daran glaubt, gilt er selbst doch als die Wie­der­ge­burt eines geis­ti­gen Füh­rers in Ngari, einer Region im Wes­ten Tibets: Ngari Rin­po­che heißt er des­halb auch. Ten­zin Cho­egyal war, wie der Buch­händ­ler Tse­ring, Vor­sit­zen­der des Tibet Youth Con­gress; seine Frau Rin­chen Khando Cho­egyal die Prä­si­den­tin des tibe­ti­schen Frau­en­ver­ban­des. »Wenn ich ein chi­ne­si­scher Füh­rer wäre, würde ich davon aus­ge­hen, dass ich die Tibe­ter in der Tasche habe. Und ich würde mich nicht darum sche­ren, was die Welt denkt«, sagt er. Auch die Men­schen in China inter­es­sier­ten sich nicht son­der­lich für Tibet: »Sie genie­ßen ihre Frei­heit, die in den letz­ten 20 Jah­ren grö­ßer gewor­den ist. Sie sind glück­lich mit dem, was sie haben. Sie wol­len mehr Wohl­stand. Die tibe­ti­sche Frage stört dabei nur. Sie hal­ten die Tibe­ter für undank­bar, weil die jetzt auch Stra­ßen und Toi­let­ten haben.« Bud­dhis­ten kön­nen schwei­gen. Auch der Rin­po­che. Er ist nicht wütend. Aber er weiß, die Ver­hand­lungs­po­si­tion der Tibe­ter ist nicht gut: »Ohne Geld ist man am Poker­tisch nichts wert. Wir haben nichts zu bie­ten.« Zum Son­nen­un­ter­gang wird auf der Ter­rasse Tee gereicht.

Die Jahre des War­tens haben Zwei­fel genährt und Zwist gesät

Als klei­ner Junge war Ten­zin Cho­egyal fas­zi­niert von China. Die Fami­lie des Dalai Lama ver­brachte einige Win­ter in Peking. Rin­po­che war nicht ein­mal zehn Jahre alt, er erlebte glück­li­che Zei­ten dort.

1951 wurde der Dalai Lama von Mao ein­ge­la­den. Sein klei­ner Bru­der war das jüngste Mit­glied der Dele­ga­tion. Sie wohn­ten im Staats­gäs­te­haus. Er durfte mit einem ech­ten Schwert kämp­fen, zum Fisch­teich gehen und Schlitt­schuh lau­fen. »Ein­mal habe ich mit einem Stock einen Fisch aus dem Teich gefischt und ihn auf dem Rasen zap­peln las­sen. Seine Hei­lig­keit hat das vom Fens­ter aus gese­hen und schimpfte sehr mit mir.« Cho­egyal lernte schnell Chi­ne­sisch und wurde immer wie­der geru­fen, um zu über­set­zen. Als sie von Mao emp­fan­gen wur­den, musste er als Ein­zi­ger im Staats­gäs­te­haus zurück­blei­ben. Nur Erwach­sene waren zuge­las­sen. Er beschwerte sich bei einem Par­tei­ka­der: »Ich bin den gan­zen Weg von Tibet gekom­men, um Mao zu sehen«. Der Mann brachte ihn zum Emp­fang. »Ich war sehr beein­druckt von Mao«, sagt Cho­egyal noch heute.

Wenige Jahre spä­ter kippte die Stim­mung. Am 10. März 1959 lehn­ten sich die Tibe­ter gegen die Kom­mu­nis­ten auf. Kurz dar­auf musste der Dalai Lama flie­hen. »Ich war 13«, erin­nert sich der Bru­der, »ich bekam die Dis­kus­sio­nen zwi­schen mei­ner Mut­ter und mei­ner Schwes­ter mit.« Die Kom­mu­nis­ten hat­ten schon erste Häu­ser enteignet.

Dann pack­ten sie die Esel für die Flucht. »Ins­ge­heim war ich froh. Denn ich musste des­halb nicht ins Klos­ter.« Ten­zin Cho­egyal stu­dierte in Indien und in den USA, schmiss das Stu­dium aber. »Das war so üblich in den Sech­zi­gern«, sagt er. Fünf Jahre lang war er Sol­dat; Lha­sang Tse­ring aus dem Bücher­wurm war sein Vor­ge­setz­ter bei der indisch-tibetischen Grenz­po­li­zei. »Wir tei­len viele Ansich­ten, aber er ist extre­mer«, sagt Cho­egyal. Wer immer in Tse­rings Buch­la­den komme, erhalte eine mora­li­sche Lek­tion. In einem Punkt aller­dings sind sich der Bru­der des Dalai Lama und der Buch­händ­ler einig: »Unsere Füh­rer trans­for­mie­ren das Kon­zept der Gewalt­frei­heit nicht sehr krea­tiv. Hun­ger­streik zum Bei­spiel funk­tio­niert nur gegen­über Men­schen, die ein schlech­tes Gewis­sen haben.«

Ten­zin Cho­egyal geht den Wald­weg hinab zur Straße. Aus­ge­rech­net der Bru­der des Dalai Lama strahlt die innere Zer­ris­sen­heit der Tibe­ter am deut­lichs­ten aus. Was sol­len sie tun, was bes­ser las­sen, um ihre Situa­tion zu ver­än­dern? Alles ist offen, und doch scheint alles ent­schie­den zu sein. Es ist wie ein Schwe­be­zu­stand. Und Seine Hei­lig­keit kämpft irgendwo da drau­ßen darum, die­sen Zustand der Balance zumin­dest zu erhal­ten. Wenn der Dalai Lama aber zurück­kommt, wird er die Defor­ma­tio­nen wie­der spü­ren, den Zwei­fel und den Zwist, die 50 Jahre Exil unter den Bewoh­nern erzeugt haben. Viele sind schon gegan­gen, haben »Free Tibet«-Filialen in New York, Johan­nes­burg oder Genf eröff­net. Und wie­der ließe sich fra­gen: Ist das Resi­gna­tion oder Aus­wei­tung des Freiheitskampfes?

Nur einer im Dorf hat sich die­sem Deu­tungs­druck ent­zo­gen, auf seine ganz eigene Weise: Lob­sang Wan­gyal orga­ni­siert die Miss-Tibet-Wahl – und hat 2008 der Gewin­ne­rin fast die Schau gestoh­len. Beide stan­den auf der Bühne. Sie als die Gewin­ne­rin. Er als der Erfin­der der Ver­an­stal­tung. Lob­sang Wan­gyal trug einen Anzug aus einem Stoff, der ent­steht, wenn man rosa Schleif­chen mit Alu­fo­lie kreuzt. Dazu ein wei­ßes Hemd und weiße Schuhe, die Haare zu einem lan­gen Pfer­de­schwanz gebun­den. Die Frauen hat­ten es dage­gen schwer: Sie tru­gen tra­di­tio­nelle Klei­der, ton­nen­ar­tige Gewän­der, deren bro­kat­ar­tige Stoffe an ihnen hin­gen wie Blei. Da stan­den sie nun neben­ein­an­der: Tra­di­tion und Moderne.

Mis­ter Tibet, wie sie Lob­sang Wan­gyal in McLeod Ganj auch nen­nen, kommt gut an im Dorf. Er mag Techno, geht nicht stän­dig beten, sieht gut aus und ist durch­aus fein­sin­nig. Dies, sagt er, sei seine Art, für Tibet zu kämp­fen. »Die tra­di­tio­nelle Kul­tur wird geför­dert und welt­weit unter­stützt, aber um die zeit­ge­nös­si­sche Kul­tur Tibets küm­mert sich nie­mand. Die ist für die Zukunft min­des­tens ebenso wich­tig.« Lob­sang Wan­gyal hat nicht nur die Miss-Tibet-Wahl erfun­den, son­dern auch das Frei­geist Fes­ti­val, die Olym­pi­schen Tibet Spiele, das Tibet Film­fes­ti­val und das Tibet Motor­rad­ren­nen. Und er plant in Paris eine »Tibet Moden­schau«. Er möchte der Welt zei­gen, dass Tibet nicht ste­hen bleibt. »Zu viele haben sich in die Ver­gan­gen­heit ver­bis­sen.« Für Gebete bleibe nicht viel Zeit, sagt er, »ich ver­su­che, ein Bud­dhist zu sein«. Aber Lob­sang Wan­gyal unter­stützt das Mittlerer-Weg-Konzept Sei­ner Hei­lig­keit. Er fin­det es »künst­le­risch«, »rea­lis­tisch« und »ausgewogen«.

Die­je­ni­gen, die von der völ­li­gen Unab­hän­gig­keit träu­men, fin­det Lob­sang Wan­gyal zum Lachen. »Die kön­nen ja nicht ein­mal sich selbst befreien.« Wan­gyal ist auf andere Art poli­tisch: Er hat an die Ver­an­stal­ter der Miss-Universum-Wahl geschrie­ben, ob seine Miss Tibet auch an der Welt­aus­schei­dung teil­neh­men könnte. Er wusste natür­lich, dass dies nur eigen­stän­di­gen Län­dern vor­be­hal­ten ist. Des­halb über­raschte ihn die Ant­wort nicht: Die Show dauere jetzt schon zwei Stun­den. Jede Kan­di­da­tin hätte nur sehr kurz Zeit. Des­halb könne man lei­der nichts machen. Aber es war ein Ver­such. Ein Vor­stoß aus uner­war­te­ter Richtung.

Plötz­lich erfasst Unruhe das Dorf. Ein indi­scher Poli­zist mit gewich­ti­gem Schnauz­bart lässt eilig Obst­kar­ren ver­set­zen, Stühle rücken. Alte las­sen sich auf Kis­ten nie­der, ihre Hände auf den Stock gestützt. Die Jun­gen klet­tern auf die Mau­ern. Zucker­wat­te­ver­käu­fer drän­gen durch die Menge. Die Schau­lus­ti­gen sind von einer woh­li­gen Anspan­nung erfasst: Seine Hei­lig­keit kommt nach Hause. Der Dalai Lama ist bereits auf dem klei­nen Flug­ha­fen gelan­det. Zwi­schen den Fel­dern unten im Tal leuch­ten kleine rote Grup­pen. Mön­che auf dem Weg zur Hauptstraße.

Die Streit­lus­ti­gen im Dorf wis­sen: Das Cha­risma Sei­ner Hei­lig­keit wird die Gemü­ter ein wenig beru­hi­gen. Selbst Lha­sang Tse­ring, der Buch­händ­ler, ist heute fast ver­söhn­lich. »Es ist ein­fach für uns, die Poli­tik des Mitt­le­ren Weges zu kri­ti­sie­ren. Doch die Last, die Unsere Hei­lig­keit tra­gen muss, ist unvor­stell­bar«, sagt er und fügt nach einer kur­zen Pause hinzu: »Aber dazu sind Füh­rer da. Sie müs­sen Druck aus­hal­ten können.«

Dann hört man auf dem Dach der Tem­pel­an­lage Musi­ker in tibe­ti­sche Hör­ner bla­sen. Der Hof­staat kommt die Gasse herab. Eine lange Reihe Autos, mit­ten­drin ein gepan­zer­ter Suzuki-Allradwagen. Das Dalai­mo­bil. Leib­wäch­ter lau­fen neben­her. Auf dem Bei­fah­rer­sitz der Dalai Lama. Freund­lich win­kend, immer im Dienst. Und doch ein biss­chen müde.

Es wird nicht leich­ter, Seine Hei­lig­keit zu sein.

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