Zwietracht im Exil — Sogar alte Weggefährten fragen sich: Ist der Dalai Lama zu zaghaft?
Von TB | 14. März 2009 | Kategorie: Dalai Lama, Menschenrechte | Kommentare deaktiviertDie Zeit, 5.3.09, von Frank Sieren
Seit einem halben Jahrhundert ist Indien Fluchtort des Dalai Lama und seiner Anhänger. An eine Rückkehr nach Tibet glaubt niemand mehr – in der Gefolgschaft erhebt sich ein Murren gegen das Oberhaupt
Der Pfad ist ausgetreten. Weiß getünchte Steine markieren den Weg, durch die Gebirgskiefern sieht man die Zacken des nordindischen Dhauladhar-Massivs mit dem Hanuman Ka Tiba, dem 5600 Meter hohen »Weißen Berg«. Majestätisch zeichnet er sich vor dem tiefblauen Himmel ab.
Kein Pass führt zwischen diesen Gipfeln hindurch. Kein Mensch lebt dort. Zu steil, zu karg und zu hoch ist der Himalaya. Erst 1500 Kilometer weiter östlich, in der Nähe von Lhasa, der Hauptstadt Tibets, ist wieder Leben. Unerreichbar für die Pilger auf diesem ausgetretenen Kreispfad. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als an Tibet, ihre Heimat, nur zu denken. So laufen sie ein ums andere Mal im Kreis um die Exilresidenz des Dalai Lama im indischen Bundesstaat Himachal Pradesh.
Die Residenz Seiner Heiligkeit, wie der Dalai Lama hier genannt wird, ist den ganzen Rundweg über nicht zu sehen. Zunächst wird sie durch Bäume geschützt, dann durch eine zweieinhalb Meter hohe Mauer. Ein Mann nimmt den Hut ab und berührt die Mauer mit der Stirn. Näher ist Seiner Heiligkeit nicht zu kommen. Ein paar Esel schleppen Kies für ein neues Hotel am Pilgerpfad herbei. Am Wegesrand stehen Gebetsmühlen aus Holz, in den Bäumen hängen Stofffahnen, beschrieben mit Gebeten. Am Ende des Pfades verkaufen Bauern Spinat.
Anfang und Endpunkt des Kreisweges ist der Tempelkomplex Tsuglag Khang. Hier öffnet sich der Pfad und verbindet den Hügel des Dalai Lama mit einem Nachbarhügel. Dort leben seine Anhänger in dem Dorf McLeod Ganj, 1800 Meter hoch gelegen. Wie zwei ungleiche Höcker eines Kamels liegen die beiden Kuppen in der Landschaft, der Residenzhügel und der Dorfhügel. Momentan ist Seine Heiligkeit verreist.
Tenzin Gyatso ist der Mönchsname des 14. Dalai Lama, des Oberhaupts der Tibeter. Wie so oft, kämpft der mittlerweile 73-Jährige gerade irgendwo auf der Welt für die Anliegen seines Volkes, ein Kampf, der am 10. März 50 Jahre währt. 1959 hatten sich die Tibeter zu einem Aufstand gegen die chinesische Armee erhoben und verloren. Der Dalai Lama floh nach Indien ins Exil, rund 100000 Anhänger folgten. Sein Vorgänger hatte gleich zweimal ins Ausland fliehen müssen, 1904 vor der britischen Kolonialarmee und 1910 vor den kaiserlichen chinesischen Truppen. Aber beide Male konnte er nach wenigen Jahren wieder zurückkehren. Tenzin Gyatso jedoch sitzt seit 50 Jahren mit seiner Exilregierung und einigen Tausend verbliebenen Exiltibetern in McLeod Ganj fest. Im Dorf geht nun die Angst um, die Exilbewegung könnte in Vergessenheit geraten. Die Welt hat in diesem Jahr andere Sorgen, nicht nur den Klimawandel scheint sie vergessen zu haben. In Zeiten der Weltwirtschaftskrise haben es Minderheiten nicht leicht.
McLeod Ganj liegt nur wenige Kilometer von dem indischen Städtchen Dharamsala entfernt. Es wurde 1815 von dem britischen Offizier David McLeod als Sommerfrische gegründet. Die Häuser hier sind im Winter zugig und kalt, die Straße ist schlecht befahrbar; immer wieder wird sie vom Monsun weggespült. Dicht gedrängt stehen Flachdachbauten am Wegrand, einst waren sie doppelstöckig, inzwischen haben sie vier Stockwerke. Stromkabel spannen sich wie Spinnweben über die Straßen. In den Gassen flanieren Esoteriktouristen aus Europa, tibetische Mönche in roten Gewändern mischen sich darunter, geschäftstüchtige Inder, Händler aus Kaschmir. Junge Tibeter mit modisch ins Gesicht geföhnten Haaren umgarnen Touristinnen aus dem Westen. Sie tragen T-Shirts mit der Aufschrift Never give up.
Lange forderten die Exiltibeter von Indien aus die Unabhängigkeit Tibets und suchten weltweit Verbündete. Aber China wurde den Weltmächten als Partner immer wichtiger. Der Westen wollte billige Produkte – und Zugang zum riesigen chinesischen Markt. Zwar wurde der Dalai Lama zu einer der weltweit beliebtesten Persönlichkeiten, doch keine wichtige Regierung wollte seine Unabhängigkeitsforderungen offen unterstützen. So ist McLeod Ganj inzwischen zu einem 50 Jahre währenden Provisorium geworden. Während sich die Tibeter in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr in ihrem indischen Exil einrichteten, war ihr Oberhaupt gezwungen, seine politische Strategie anzupassen. Seit 1988 fordert der Dalai Lama nur noch kulturelle Autonomie innerhalb eines chinesischen Nationalstaates. Doch China und der Dalai Lama haben unterschiedliche Vorstellungen von Autonomie. Bis heute konnten sie sich nicht einigen.
Während die Exiltibeter in Indien festsitzen, kann die chinesische Regierung in Tibet fast ungehindert agieren. So versucht sie, dort möglichst viele Han-Chinesen anzusiedeln. Neue Straßen und Eisenbahnen sollen die entlegene Region eng an Peking binden. Die Tibeter fühlen sich in die Enge getrieben. Vor einem Jahr verschärfte sich die Lage deshalb dramatisch: Wieder schlug die chinesische Armee einen Aufstand nieder, Dutzende Menschen kamen um, Hunderte verschwanden in Gefängnissen. Exiltibeter störten daraufhin weltweit den Fackellauf im Vorfeld der Olympischen Spiele. Auf internationalen Druck hin wurden Verhandlungen aufgenommen. Mittlerweile sprechen die chinesische Regierung und die Exiltibeter nicht mehr miteinander.
Da hilft kaum mehr als Beten, glauben viele Exiltibeter.
In der Tempelanlage unterhalb des Residenzhügels wirft sich eine alte Frau mit Lappen an den Händen immer wieder auf ein Holzbrett nieder. »Um ihr Ego herunterzubringen«, erklärt ein amerikanischer Tourist seiner Frau. Der Glaube der Tibeter, auch ihr Ringen um Autonomie, ist zu einem Schauspiel unter den Augen westlicher Zuschauer geworden. Im Hauptraum des Tempels steht eine Statue des Buddha Shakyamuni, auf den der Buddhismus zurückgeht. Zu seinem Fuße liegen die Opfergaben: Ahoy Choco-Crunch Goodies und Kraft Kartoffelchips.
Seit 50 Jahren warten sie nun. Sie können keine Inder werden, sind weder Tibeter noch Chinesen. Sie sind staatenlos. Ihre rund sechs Millionen Landsleute in Tibet sind der chinesischen Staatsgewalt ausgeliefert, und der Dalai Lama ist auch nicht mehr der Jüngste. Hinter den Fassaden wird diskutiert und gestritten darüber, wie es weitergehen könnte. Die Menschen entwickeln ihre eigenen Vorstellungen, während der Dalai Lama auf Reisen ist.
Lhakpa Kyizom war noch nie in Tibet. Die 27-Jährige hat ihr Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, sie trägt Jeans und Pullover. Ihre jungen Gesichtszüge haben etwas diszipliniert Kämpferisches. Kyizoms Eltern starben, als sie fünf war. So kam das Mädchen in ein Waisenhaus, das von der jüngeren Schwester des Dalai Lama geleitet wurde. Mit zehn Jahren erkrankte Kyizom an Tuberkulose und wurde, gemeinsam mit ihrer Schwester, von einer buddhistischen Nonne aufgenommen, einer Deutschen namens Ursula. Das Haus von Schwester Ursula liegt an der Seite des Dorfhügels, die der Residenz Seiner Heiligkeit abgewandt und dem Himalaya zugewandt ist. »Sie war sehr streng«, erinnert sich Kyizom. »Wir haben deutsche Disziplin von ihr gelernt. Wie man sich kleidet. Tischmanieren. Wann und wie man reden darf, wenn die Erwachsenen sprechen. Und sie zeigte mir, wie ich meine Haare kämmen muss.« Auch ein wenig Deutsch lernte Kyizom, Vokabeln, die sie gut gebrauchen konnte, als Ursula Alzheimer bekam und den Dalai Lama mit Richard Gere verwechselte.
Inzwischen unterrichtet Kyizom im Active Nonviolence Education Center im unteren Teil des Dorfes. Dort steht sie vor einer dunkelgrünen Tafel und erklärt Tibetern die Spielräume des gewaltfreien Widerstandes: »Erstens: Protest und Überzeugung. Zweitens: soziale, politische, und wirtschaftliche Nichtkooperation. Drittens: Intervention.« Ein Mann fragt, ob es noch gewaltfrei war, den olympischen Fackellauf zu stören. »Ja«, sagt Kyizom, »weil es den Fackellauf nicht störte, sondern nur provozierte.« – »Was war mit der chinesischen Rollstuhlfahrerin, die angegriffen wurde?«, fragt eine Frau. Kyizom schaut streng. »Ich habe nur gesehen, dass eine Rollstuhlfahrerin angegriffen wurde, aber nicht, wer sie angegriffen hat.« Kyizoms Definition von gewaltfrei ist sehr kreativ. Sie kämpft die großen Deutungskämpfe im ganz Kleinen: Wann wird Widerstand gegen Unrecht selbst zum Unrecht?
Der Tod der Mönche im Olympiajahr ist nicht vergessen
Kyizom hat Massenmedienkommunikation im indischen Kenai studiert. Sie ist stolz auf ihre Arbeit. Immer wieder erzählt sie die Geschichte der vier Exilmönche, die kurz nach dem Aufstand in Tibet im vergangenen Jahr zu ihr kamen. Sie hatten einen Mönch aus Tibet am Handy, in dessen Kloster die Chinesen gerade um sich schossen. »Es schnürte mir den Magen zusammen«, sagt Kyizom. Sie hat damals sofort eine Pressekonferenz einberufen, es wurde weltweit berichtet. Der Mönch, der angerufen hatte, nahm sich kurz danach das Leben. Auf einen Zettel, den man bei ihm fand, hatte er geschrieben: »Ich halte die chinesische Herrschaft nicht mehr aus.«
In den vergangenen 50 Jahren ist McLeod Ganj gewaltig gewachsen. Neben unzähligen tibetischen Stupas entstanden Gästehäuser für Pilger und Touristen. Die Schilder von Nichtregierungsorganisationen und Anlaufstellen für freiwillige Helfer säumen die Straßen, Cafés bieten Spaghetti bolognese an, abends wird Die Hard II auf dem Flachbildschirm gezeigt. Dazu läuft überall tibetische Musik.
Die kleine Buchhandlung Bücherwurm von Lhasang Tsering liegt etwas abseits, dennoch muss der 50-Jährige auf Kundschaft nicht warten. Er führt die einzige Buchhandlung im Ort. Tibet-Esoterik läuft besonders gut.
Schmal und faltig wie ein tibetischer Heiner Geißler sitzt Lhasang Tsering hinter seinem Tresen, vor ihm ein großer Taschenrechner, hinter ihm die bunte Tibet-Flagge. Tsering trägt einen langen Ziegenbart, im Ort gehört er zur alten Garde. Wie viele Tibeter hatte er als junger Mann einen Sponsor, der sein Leben im Exil finanzierte. Bei ihm war es eine amerikanische Millionärin. Als er 1971 mit der Schule fertig war, kam sie ihn für einen Sommer in McLeod Ganj besuchen. Er zeigte ihr Berge, Pflanzen und Vögel und nannte die Namen der Gipfel. Sie bot ihm ein Medizinstudium an. Doch Lhasang Tsering wollte Freiheitskämpfer werden. Nicht nur die Millionärin, auch der Dalai Lama war empört. »Wir brauchen Ärzte. Wie kann man nur ein so großzügiges Angebot ausschlagen?«, hielt er ihm vor. »In einem freien Tibet wäre ich als Bettler glücklich«, erwiderte der junge Tsering, »doch als Flüchtling eines besetzten Tibet kann ich auch als Arzt nie glücklich werden.« Als die amerikanische Millionärin starb, hinterließ sie Tsering nichts.
Lhasang Tsering legt dem letzten Kunden an diesem Vormittag noch eines seiner selbst gemachten Lesezeichen zum Buch in die Tüte und übergibt an seinen Sohn. Draußen scheint die Sonne. Tsering möchte sich bei einem Kaffee die kalten Knochen wärmen. Auf der Straße grüßt er fast jeden, der ihm entgegenkommt. Das Dorf ist zwar gewachsen, aber immer noch klein genug, dass alle ihn kennen, auch die indischen Kellner im Café.
Mitte der Achtziger wurde Tsering Präsident des einflussreichen tibetischen Jugendkongresses. »Wir haben der Jugend eine Perspektive gegeben«, sagt er und setzt sich. Doch seine Zeit als Funktionär währte nicht lange. Als der Dalai Lama die sogenannte Politik des Mittleren Weges verkündete und sich mit der Forderung nach kultureller Autonomie in Tibet zufriedengab, legte Tsering empört sein Amt nieder. Seither schreibt er Gedichte und verkauft Bücher. Wütend ist er noch immer. »Sind die Chinesen aus Versehen in Tibet eingefallen?«, fragt er. »Sind sie nur gekommen, um uns neue Straßen und Eisenbahnlinien zu bauen? Es geht so nicht weiter.«
Er zittert jetzt. Seit seinem leichten Schlaganfall kann er nicht mehr, wie er will. Lhasang Tsering ahnt, dass bald die nächste Generation dran ist. Wie werden die Jungen denken? Wie werden sie handeln? Werden sie seine Arbeit fortsetzen oder verraten? »Es sind vor allem die Jüngeren, die sofort zurückkehren würden«, sagt er, »sie kennen nur die guten Seiten Tibets – weil sie noch nie dort gelebt haben. Warum glaubt Seine Heiligkeit, dass ausgerechnet in der Wolfsschlucht der beste Platz ist, seine Schafe grasen zu lassen?« Tsering ist ein Poet, er redet gerne so. Was er meint, ist, dass die Tibeter unter der Oberherrschaft der Chinesen nicht zurückkehren sollen. Auch die Vorstellung des Dalai Lama von Gewaltfreiheit teilt Tsering nicht. Als die Tibeter beim jüngsten Aufstand Steine auf chinesische Soldaten warfen, sagte Seine Heiligkeit dazu: »Das ist Gewalt.« – »Aber war das nicht eine allzu menschliche Reaktion?«, fragt Tsering. »Dein Freund wurde niedergeschossen. Dein Bruder blutet. Dann schmeißt du Steine. Nicht weil du böse bist, sondern weil du ein Mensch bist.«
Alte Weggefährten fragen sich nun: Ist der Dalai Lama zu zaghaft?
Menschen verändern sich im Exil. So viele Jahre an einem Platz, der nicht der ihre ist. Wer Lhasang Tsering reden hört, ahnt zwischen seinen Sätzen eine vage Frage: Ist nicht jeder, der hier in McLeod Ganj festsitzt, viel mehr Exilant als der Dalai Lama selbst, der stets auf Reisen ist, zum Wohle seines Volkes?
Wer von Lhasang Tserings Buchladen ins Tal möchte, muss an Jampa Tashi vorbei. Sogar Seine Heiligkeit. Als der Dalai Lama vor einigen Tagen zu seiner Reise aufbrach, hat ihn der 40-jährige Tashi aus seinem Wohnheim an der unteren Dorfstraße gesehen. Seit der Entlassung aus dem Gefängnis lebt er hier.
Tashi ist neu im Dorf. Er war ein politischer Gefangener, der aus Tibet flüchten konnte. Jetzt und hier, in McLeod Ganj, ist er so etwas wie ein lebendes Mahnmal.
Tashi ist noch in Tibet zur Welt gekommen, als eines von acht Geschwistern. Aber das Geld der Eltern reichte nicht für alle, so wurde der Junge ins Kloster geschickt. Auch dorthin kamen mit den Jahren immer häufiger Chinesen. 1994 befahlen sie, dass fünf der elf Mönche das Kloster verlassen müssen. Darunter auch Tashi. Die Chinesen wollten keine zu großen Gruppen. Die Mönche protestierten auf dem Dorfplatz vor der Polizeistation und hielten Plakate mit Bildern des Dalai Lama hoch. Dazu skandierten sie »Free Tibet!«
Sie wussten, dass sie ihr Leben riskierten. Sie wurden verhaftet und verhört. Tagelang.
»Wer sind eure Anstifter?«, hätten die Polizisten wieder und wieder gefragt, erzählt Tashi, »wir wissen, dass reiche Geschäftsleute und hohe Lamas dahinterstecken.«
»Sie konnten sich nicht vorstellen, dass wir das selbst entschieden haben«, sagt Tashi. Er wurde mit elektrischen Schlagstöcken verprügelt. Und in einem kurzen Prozess zu zwölf Jahren Haft verurteilt.
Im Gefängnis waren sie elf Tibeter. Tashi sagt, dass sie die härtesten Arbeiten verrichten mussten, die längsten Arbeitszeiten hatten und das schlechteste Essen bekamen. Tashi hielt die zwölf Jahre durch. Bei seiner Entlassung sollte er unterschreiben, dass er nie mehr gegen China protestieren würde. Er weigerte sich. Seine Cousins wurden einbestellt. Seine Eltern waren inzwischen gestorben. Den Cousins wurde eröffnet, dass sie würden büßen müssen, falls ihr Verwandter noch einmal auffällig werden würde. Ihm blieb nur eines: Er musste verschwinden.
Im Juli 2007 kaufte sich Tashi falsche Papiere. Für umgerechnet 600 Euro. Er war nun ein Händler, der an der Grenze zu Nepal geschäftlich zu tun hatte. Nach seiner Flucht über die Berge brachten Helfer ihn ins Tibet Reception Center. Seitdem ist er frei. Versonnen schaut Tashi auf das Plakat, das er über sein Bett im Wohnheim gehängt hat. Ein luxuriöses österreichisches Kurhotel ist darauf zu sehen, im Hintergrund die Alpen. So erträumt er sich die Zukunft Tibets. Aber er hat Zeit, mehr Zeit als der Buchhändler Tsering. Denn nach zwölf Jahren Gefängnis ist das Exil fast wie der Himmel auf Erden.
Wer mit dem Bus in McLeod Ganj ankommt, der steigt auf einem kleinen Marktplatz aus, auf den alle Straßen sternförmig zulaufen. Der Platz ist so klein, dass der Dorfbus drei-, viermal hin und her rangieren muss, um wieder ins Tal zurückfahren zu können. Dr. Bhumo Tsering, eine Mittvierzigerin, beobachtet dieses Schauspiel von ihrem Büro aus mehrmals am Tag. Die Präsidentin der tibetischen Frauenorganisation reibt sich die Finger. Der Heizlüfter ist zu schwach für die Kälte. Über einer Reihe Aktenordner hängt ein großes Bild Seiner Heiligkeit; der Dalai Lama ist Dr. Tserings großes Vorbild, dennoch fragt sie: »Wenn wir der nachfolgenden Generation etwas hinterlassen wollen, warum nicht die Forderung nach Unabhängigkeit?«
Im vergangenen Jahr war Bhumo Tsering daher einmal ungehorsam dem Dalai Lama gegenüber: Sie war zur Zeit des olympischen Fackellaufs einfach losmarschiert, mit einer Gruppe von Frauen. In Richtung Tibet. Getrieben von Wut. In 100 Tagen wollten sie die Grenze erreichen. Dem Dalai Lama passte das gar nicht. »Was wollt ihr machen, wenn ihr da seid?«, fragte er. »Die Chinesen werden euch nicht mit offenen Armen empfangen.« Der Dalai Lama befürchtete auch, dass die indische Regierung unter Druck geraten könnte. »Ich kann euch euer demokratisches Recht nicht nehmen«, sagte er, »aber ich bitte euch inständig.« Die Vertreterinnen des Frauenverbandes hatten eigentlich eine Resolution verabschiedet, den Vorgaben des Dalai Lama zu folgen. Sie einigten sich auf einen Kompromiss. Sie warteten, bis die olympische Fackel Indien wieder verlassen hatte und zogen dann erst weiter.
Wochenlang liefen sie. Doch kurz vor der tibetischen Grenze wurden sie der indischen Regierung politisch zu riskant. Die Frauen wurden verhaftet und für zwei Wochen ins Gefängnis gesperrt. Sie hatten viel riskiert: Alle Exiltibeter müssen jedes Jahr ihre Aufenthaltsgenehmigung für Indien erneuern lassen. Auch ihre Kinder, die in Indien geboren sind, können keinen Pass bekommen. Die indische Regierung hat eine Vertretung im Dorf eingerichtet. An dieser Behörde hängt die Zukunft der Exiltibeter. Zwar werden in den allermeisten Fällen die Genehmigungen verlängert. »Aber die Prozedur ist erniedrigend«, sagt Bhumo Tsering. Auch das ist der Grund, warum sie auf einen Befreiungsschlag wartet. Inzwischen hat sie eine neue Idee. »Wir akzeptieren vorbehaltlos alle Forderungen der Chinesen und gehen alle gleichzeitig zurück«, sagt sie und lächelt still. »Dann schauen wir, was passiert.«
Tenzin Geyche scheint zu sehr Realist zu sein, um auf solche Ideen zu kommen. 43 Jahre lang stand er stets einen Schritt hinter Seiner Heiligkeit. Tenzin Geyche war der Privatsekretär des Dalai Lama, von 1964 bis 2007. Jetzt sitzt er im kleinen Pema Tang Hotel, das seine Frau betreibt, und blickt durch eines der großen Fenster des Speisesaals ins Tal. Von hier aus kann er den Tempelkomplex auf dem Nachbarhügel sehen, wo die Residenz Seiner Heiligkeit liegt. Manchmal scheint auf den beiden Hügeln eine Endzeitstimmung zu liegen, wie sie Thomas Mann im Zauberberg beschrieben hat. Ein Teil der orangefarbenen Vorhänge des Hotels ist zugezogen.
Jahrzehntelang war Tenzin Geyche von der Disziplin des Dalai Lama fasziniert: »Er hat bei sich keinen Hass gegen die Chinesen zugelassen.« Seine Landsleute forderte er stets auf, es ihm gleichzutun. Inzwischen ist sich Geyche nicht mehr sicher, ob das die richtige Strategie gewesen ist. Was haben die Tibeter denn erreicht? Immer wieder ist Tenzin Geyche voller Hoffnung zu Verhandlungen gereist. Immer wieder ist er enttäuscht zurückgekehrt. Nächtelang hat er mit dem Dalai Lama diskutiert. Hat das Konzept der Autonomie statt der Unabhängigkeit mitgetragen. Hat versucht, seinen aufkeimenden Hass gegen die Chinesen zu unterdrücken. Denn wenn Seine Heiligkeit sich zügelt, was bleibt dann dem Sekretär anderes übrig? Es gelang, so lange Tenzin Geyche mit dem Dalai Lama unterwegs war. Die vielen Reisen lenkten ihn ab. Neue Länder, neue Regierungschefs, hier und da eine neue Formulierung, die man vielleicht als Erfolg verbuchen konnte.
Sogar der ehemalige Sekretär sagt: »Wir haben nichts zu verlieren«
Seit zwei Jahren jedoch hat Geyche Zeit, zu viel Zeit vielleicht. Von Freunden und Verwandten weiß er, dass nicht alles schlecht ist in China. »Wenn man sich nicht um Politik kümmert, kann man als Tibeter in Tibet natürlich sehr gut leben. Es hat keinen Sinn mehr«, sagt er. »Die Chinesen wissen, dass sie große wirtschaftliche Macht haben. Sie können andere Nationen herumschubsen. Sie können sich sogar mit den USA anlegen.« Und doch hätten sie noch immer Angst vor dem Einfluss Seiner Heiligkeit in Tibet! Vor dessen Charisma. Aber daraus entsteht kein Machtgleichgewicht, nur Ohnmacht, so empfindet es Tenzin Geyche. »Wie viel schlimmer kann es noch werden?«, fragt er. »Wir haben nichts zu verlieren. Dann können wir auch wieder für Unabhängigkeit eintreten.« Selbst, wenn die Tibeter dann die internationale Unterstützung verlieren würden. »Was soll’s«, sagt Tenzin Geyche. Es ist, als sage er sich los von Seiner Heiligkeit. »Es muss sein.«
Die Tür zum Speisezimmer geht auf, ein Angestellter bringt das Mittagessen. Es gibt Teigtaschen, Nudelsuppe und indisches Chicken Marsala. Tenzin Geyche isst und schweigt. Er hat den Glauben daran verloren, dass es eine pragmatische Lösung gibt. »Irgendwann ist das Maß voll. Pragmatismus ist sehr wichtig, und Seine Heiligkeit ist sehr pragmatisch, offen und liberal. Aber es muss etwas dabei herauskommen.« Geyche zögert. Dann sagt auch er: »Ich sollte nach Tibet gehen.«
Während der Sekretär langsam sein Essen aufisst, schiebt auf dem Nachbarhügel gegenüber der Bruder des Dalai Lama einen Stuhl auf die Terrasse seines einfachen Hauses. Das Haus liegt direkt über dem Regierungssitz. Von hier aus ist das Exildorf nicht zu sehen, auch nicht der Klosterkomplex voller Touristen. Nur weite, atemberaubende Landschaft. Es duftet nach Lavendel.
In diesem Haus hat der Dalai Lama gewohnt, als er aus Tibet geflohen war. Hier hat sein Exil begonnen, von dem niemand ahnte, dass es über 50 Jahre dauern würde.
Tenzin Choegyal ist ein säkularer Mönch. Gekleidet ist er im westeuropäischen Jägerlook: weite grüne Cordhose, grüner Pullover, rötlich kariertes Hemd, Schuhe der Marke Mephisto. An die Reinkarnation glaubt Tenzin Choegyal nicht mehr. Aber auch wenn er nicht daran glaubt, gilt er selbst doch als die Wiedergeburt eines geistigen Führers in Ngari, einer Region im Westen Tibets: Ngari Rinpoche heißt er deshalb auch. Tenzin Choegyal war, wie der Buchhändler Tsering, Vorsitzender des Tibet Youth Congress; seine Frau Rinchen Khando Choegyal die Präsidentin des tibetischen Frauenverbandes. »Wenn ich ein chinesischer Führer wäre, würde ich davon ausgehen, dass ich die Tibeter in der Tasche habe. Und ich würde mich nicht darum scheren, was die Welt denkt«, sagt er. Auch die Menschen in China interessierten sich nicht sonderlich für Tibet: »Sie genießen ihre Freiheit, die in den letzten 20 Jahren größer geworden ist. Sie sind glücklich mit dem, was sie haben. Sie wollen mehr Wohlstand. Die tibetische Frage stört dabei nur. Sie halten die Tibeter für undankbar, weil die jetzt auch Straßen und Toiletten haben.« Buddhisten können schweigen. Auch der Rinpoche. Er ist nicht wütend. Aber er weiß, die Verhandlungsposition der Tibeter ist nicht gut: »Ohne Geld ist man am Pokertisch nichts wert. Wir haben nichts zu bieten.« Zum Sonnenuntergang wird auf der Terrasse Tee gereicht.
Die Jahre des Wartens haben Zweifel genährt und Zwist gesät
Als kleiner Junge war Tenzin Choegyal fasziniert von China. Die Familie des Dalai Lama verbrachte einige Winter in Peking. Rinpoche war nicht einmal zehn Jahre alt, er erlebte glückliche Zeiten dort.
1951 wurde der Dalai Lama von Mao eingeladen. Sein kleiner Bruder war das jüngste Mitglied der Delegation. Sie wohnten im Staatsgästehaus. Er durfte mit einem echten Schwert kämpfen, zum Fischteich gehen und Schlittschuh laufen. »Einmal habe ich mit einem Stock einen Fisch aus dem Teich gefischt und ihn auf dem Rasen zappeln lassen. Seine Heiligkeit hat das vom Fenster aus gesehen und schimpfte sehr mit mir.« Choegyal lernte schnell Chinesisch und wurde immer wieder gerufen, um zu übersetzen. Als sie von Mao empfangen wurden, musste er als Einziger im Staatsgästehaus zurückbleiben. Nur Erwachsene waren zugelassen. Er beschwerte sich bei einem Parteikader: »Ich bin den ganzen Weg von Tibet gekommen, um Mao zu sehen«. Der Mann brachte ihn zum Empfang. »Ich war sehr beeindruckt von Mao«, sagt Choegyal noch heute.
Wenige Jahre später kippte die Stimmung. Am 10. März 1959 lehnten sich die Tibeter gegen die Kommunisten auf. Kurz darauf musste der Dalai Lama fliehen. »Ich war 13«, erinnert sich der Bruder, »ich bekam die Diskussionen zwischen meiner Mutter und meiner Schwester mit.« Die Kommunisten hatten schon erste Häuser enteignet.
Dann packten sie die Esel für die Flucht. »Insgeheim war ich froh. Denn ich musste deshalb nicht ins Kloster.« Tenzin Choegyal studierte in Indien und in den USA, schmiss das Studium aber. »Das war so üblich in den Sechzigern«, sagt er. Fünf Jahre lang war er Soldat; Lhasang Tsering aus dem Bücherwurm war sein Vorgesetzter bei der indisch-tibetischen Grenzpolizei. »Wir teilen viele Ansichten, aber er ist extremer«, sagt Choegyal. Wer immer in Tserings Buchladen komme, erhalte eine moralische Lektion. In einem Punkt allerdings sind sich der Bruder des Dalai Lama und der Buchhändler einig: »Unsere Führer transformieren das Konzept der Gewaltfreiheit nicht sehr kreativ. Hungerstreik zum Beispiel funktioniert nur gegenüber Menschen, die ein schlechtes Gewissen haben.«
Tenzin Choegyal geht den Waldweg hinab zur Straße. Ausgerechnet der Bruder des Dalai Lama strahlt die innere Zerrissenheit der Tibeter am deutlichsten aus. Was sollen sie tun, was besser lassen, um ihre Situation zu verändern? Alles ist offen, und doch scheint alles entschieden zu sein. Es ist wie ein Schwebezustand. Und Seine Heiligkeit kämpft irgendwo da draußen darum, diesen Zustand der Balance zumindest zu erhalten. Wenn der Dalai Lama aber zurückkommt, wird er die Deformationen wieder spüren, den Zweifel und den Zwist, die 50 Jahre Exil unter den Bewohnern erzeugt haben. Viele sind schon gegangen, haben »Free Tibet«-Filialen in New York, Johannesburg oder Genf eröffnet. Und wieder ließe sich fragen: Ist das Resignation oder Ausweitung des Freiheitskampfes?
Nur einer im Dorf hat sich diesem Deutungsdruck entzogen, auf seine ganz eigene Weise: Lobsang Wangyal organisiert die Miss-Tibet-Wahl – und hat 2008 der Gewinnerin fast die Schau gestohlen. Beide standen auf der Bühne. Sie als die Gewinnerin. Er als der Erfinder der Veranstaltung. Lobsang Wangyal trug einen Anzug aus einem Stoff, der entsteht, wenn man rosa Schleifchen mit Alufolie kreuzt. Dazu ein weißes Hemd und weiße Schuhe, die Haare zu einem langen Pferdeschwanz gebunden. Die Frauen hatten es dagegen schwer: Sie trugen traditionelle Kleider, tonnenartige Gewänder, deren brokatartige Stoffe an ihnen hingen wie Blei. Da standen sie nun nebeneinander: Tradition und Moderne.
Mister Tibet, wie sie Lobsang Wangyal in McLeod Ganj auch nennen, kommt gut an im Dorf. Er mag Techno, geht nicht ständig beten, sieht gut aus und ist durchaus feinsinnig. Dies, sagt er, sei seine Art, für Tibet zu kämpfen. »Die traditionelle Kultur wird gefördert und weltweit unterstützt, aber um die zeitgenössische Kultur Tibets kümmert sich niemand. Die ist für die Zukunft mindestens ebenso wichtig.« Lobsang Wangyal hat nicht nur die Miss-Tibet-Wahl erfunden, sondern auch das Freigeist Festival, die Olympischen Tibet Spiele, das Tibet Filmfestival und das Tibet Motorradrennen. Und er plant in Paris eine »Tibet Modenschau«. Er möchte der Welt zeigen, dass Tibet nicht stehen bleibt. »Zu viele haben sich in die Vergangenheit verbissen.« Für Gebete bleibe nicht viel Zeit, sagt er, »ich versuche, ein Buddhist zu sein«. Aber Lobsang Wangyal unterstützt das Mittlerer-Weg-Konzept Seiner Heiligkeit. Er findet es »künstlerisch«, »realistisch« und »ausgewogen«.
Diejenigen, die von der völligen Unabhängigkeit träumen, findet Lobsang Wangyal zum Lachen. »Die können ja nicht einmal sich selbst befreien.« Wangyal ist auf andere Art politisch: Er hat an die Veranstalter der Miss-Universum-Wahl geschrieben, ob seine Miss Tibet auch an der Weltausscheidung teilnehmen könnte. Er wusste natürlich, dass dies nur eigenständigen Ländern vorbehalten ist. Deshalb überraschte ihn die Antwort nicht: Die Show dauere jetzt schon zwei Stunden. Jede Kandidatin hätte nur sehr kurz Zeit. Deshalb könne man leider nichts machen. Aber es war ein Versuch. Ein Vorstoß aus unerwarteter Richtung.
Plötzlich erfasst Unruhe das Dorf. Ein indischer Polizist mit gewichtigem Schnauzbart lässt eilig Obstkarren versetzen, Stühle rücken. Alte lassen sich auf Kisten nieder, ihre Hände auf den Stock gestützt. Die Jungen klettern auf die Mauern. Zuckerwatteverkäufer drängen durch die Menge. Die Schaulustigen sind von einer wohligen Anspannung erfasst: Seine Heiligkeit kommt nach Hause. Der Dalai Lama ist bereits auf dem kleinen Flughafen gelandet. Zwischen den Feldern unten im Tal leuchten kleine rote Gruppen. Mönche auf dem Weg zur Hauptstraße.
Die Streitlustigen im Dorf wissen: Das Charisma Seiner Heiligkeit wird die Gemüter ein wenig beruhigen. Selbst Lhasang Tsering, der Buchhändler, ist heute fast versöhnlich. »Es ist einfach für uns, die Politik des Mittleren Weges zu kritisieren. Doch die Last, die Unsere Heiligkeit tragen muss, ist unvorstellbar«, sagt er und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: »Aber dazu sind Führer da. Sie müssen Druck aushalten können.«
Dann hört man auf dem Dach der Tempelanlage Musiker in tibetische Hörner blasen. Der Hofstaat kommt die Gasse herab. Eine lange Reihe Autos, mittendrin ein gepanzerter Suzuki-Allradwagen. Das Dalaimobil. Leibwächter laufen nebenher. Auf dem Beifahrersitz der Dalai Lama. Freundlich winkend, immer im Dienst. Und doch ein bisschen müde.
Es wird nicht leichter, Seine Heiligkeit zu sein.



