Scharfe Sicherheitsvorkehrungen in Tibet: Operation “Hart zuschlagen”

Der Stan­dard (A), 14.3.09, von Johnny Erling

Wäh­rend Chi­nas Pre­mier Wen Jia­bao die Lage ruhig nennt, lau­fen Groß­raz­zien der Sicherheitskräfte

Exil­ti­be­ter und inter­na­tio­nale Men­schen­recht­s­in­itia­ti­ven haben Peking eine Poli­tik der Über­wa­chung und der Schi­ka­nen von Tibe­tern durch staat­li­che Sicher­heits­kräfte vor­ge­wor­fen, um jede Pro­test­ak­tion von vorn­her­ein zu ver­hin­dern oder im Keim zu ersti­cken. Die Kon­trol­len auf den Stra­ßen, in Häu­sern oder Geschäf­ten hät­ten seit Anfang März mit der Serie von Gedenk­ta­gen zum Volks­auf­stand in Tibet vor 50 Jah­ren und dem auf den heu­ti­gen Sams­tag fal­len­den Jah­res­tag der anti­chi­ne­si­schen Unru­hen vom 14. März 2008 in Lhasa mas­siv zugenommen.

Sol­che Anschul­di­gun­gen konn­ten von in Peking ansäs­si­gen Jour­na­lis­ten oder unab­hän­gi­gen Augen­zeu­gen bis­her nicht über­prüft wer­den, da die Region für alle aus­län­di­schen Besu­cher seit März gesperrt ist. Eine Bestä­ti­gung, dass die Vor­würfe sys­te­ma­ti­scher Groß­raz­zien zutref­fen, kam nun aus­ge­rech­net von Chi­nas Sicher­heits­be­hör­den selbst.

Ihre beim Volks­kon­gress in Peking ver­teilte Tages­zei­tung Ren­min Gongan­bao (China Police Daily) berich­tete auf ihrer Titel­seite unter der Über­schrift: “Erste Erfolge der Son­der­ak­tio­nen bei der Ord­nungs­kam­pa­gne ‘Hart zuschla­gen’” über ihre in Tibet gestar­tete neue “Anti­kri­mi­na­li­täts­kam­pa­gne”. Ziel der Poli­zei­raz­zien sei es, für eine “gute soziale Ord­nung” zu sor­gen, aus Anlass der wich­ti­gen Gedenk­tage, vom “50. Jah­res­tag der demo­kra­ti­schen Refor­men in Tibet” bis zum “60. Jah­res­tag der Grün­dung Chi­nas” am 1. Oktober.

Alle Poli­zei­or­ga­ni­sa­tio­nen in Tibet, dar­un­ter Bahn– und Flug­ha­fen­po­li­zei, seien zu kon­zer­tier­ten “Netz­ak­tio­nen” mobi­li­siert und koor­di­niert wor­den. Ziel sei es, alle nicht als Bür­ger regis­trier­ten Zuge­wan­der­ten oder Migran­ten auf­zu­spü­ren. Bis­her seien 20.888 ver­mie­tete Woh­nun­gen, 2420 Läden, 6906 Inter­net­ca­fés, Bars und Dis­cos und 58.853 von außer­halb nach Tibet Zuge­wan­derte kon­trol­liert und durch­sucht worden.

Echte Kri­mi­nelle, um die es den Behör­den angeb­lich geht, wur­den dabei aber kaum erwischt. Der Bericht nennt 40 ent­deckte kri­mi­nelle Fälle mit 26 Ver­däch­ti­gen, unter ihnen “vier Pro­sti­tu­ierte mit Kun­den” oder ein Hero­in­fund von 10,2 Gramm.

Kri­tik an USA und EU

Peking hat am Frei­tag zwei Tibet-Resolutionen des US-Repräsentantenhauses und des EU-Parlaments, die beide Chi­nas Füh­rung zum “kon­struk­ti­ven Dia­log mit dem Dalai Lama” auf­for­dern, als “grobe Ein­mi­schung” ver­ur­teilt. Die Ver­fas­ser woll­ten mit Absicht die Tibet-Frage inter­na­tio­na­li­sie­ren und ver­dreh­ten “kon­fus rich­tig und falsch”.

Zum Abschluss des Volks­kon­gres­ses ver­tei­digte Minis­ter­prä­si­dent Wen Jia­bao die der­zei­tige Lage Tibets gegen jede aus­län­di­sche Kri­tik als “fried­lich und sta­bil”. Sie sei ein Beweis, dass “China dort die rich­tige Poli­tik betreibt”. Peking sei wei­ter­hin zu Gesprä­chen mit Abge­sand­ten des Dalai Lama bereit. Vor­aus­set­zung sei jedoch, dass das geist­li­che Ober­haupt der Tibe­ter dem Sepa­ra­tis­mus abschwöre. Der Dalai Lama weist den Vor­wurf des Sepa­ra­tis­mus zurück.

Unter­des­sen hat ein ehe­ma­li­ger chi­ne­si­scher Vize­jus­tiz­mi­nis­ter Fol­ter in den Gefäng­nis­sen des Lan­des kri­ti­siert. Häft­linge wür­den so mit­un­ter zu Geständ­nis­sen gezwun­gen, räumte Duan Zheng­kun in der Zei­tung China Daily ein.

Neue Zür­cher Zei­tung, 14.3.09: Scharfe Sicher­heits­vor­keh­run­gen in Tibet und gespannte Atmo­sphäre am Jah­res­tag der schwe­ren Unru­hen
Zum Jah­res­tag der mas­si­ven Pro­teste in Tibet hat starke chi­ne­si­sche Poli­zei­prä­senz am Sams­tag für eine gespannte Atmo­sphäre gesorgt. Augen­zeu­gen berich­te­ten aus der tibe­ti­schen Haupt­stadt Lhasa, dass bewaff­nete Poli­zis­ten patrouil­lier­ten und Heli­ko­pter kreisten.

(ap) Im ver­gan­ge­nen Jahr war der Jah­res­tag des Tibet-Aufstands vom 10. März 1959 Anlass für Pro­teste gegen die chi­ne­si­sche Herr­schaft. Ab dem 14. März kam es schliess­lich zu wochen­lan­gen Unru­hen, die von Tibet auf benach­barte Pro­vin­zen überg­rif­fen. Dabei kamen nach offi­zi­el­len Anga­ben 22 Men­schen ums Leben. Nach Schät­zun­gen von Exil­ti­be­tern war die Zahl der Toten jedoch zehn Mal so hoch.

Auch aus benach­bar­ten chi­ne­si­schen Regio­nen berich­te­ten Ein­woh­ner am Sams­tag von Sicher­heits­vor­keh­run­gen ähnlich wie in Lhasa. In der Pro­vinz­haupt­stadt Chengdu sperrte die Poli­zei die Zufahrt ins tibe­ti­sche Umland.

China bean­sprucht Tibet als Teil des eige­nen Ter­ri­to­ri­ums. 1951 mar­schier­ten chi­ne­si­sche Trup­pen in dem Hoch­land ein. Danach kam es immer wie­der zu Span­nun­gen, die im Auf­stand von 1959 gip­fel­ten. Bei der gewalt­sa­men Nie­der­wer­fung wurde am 17. März die Som­mer­re­si­denz des Dalai Lama beschos­sen, der dar­auf­hin über den Hima­laya nach Indien floh.

Demons­tra­tion in Taiwan

In der tai­wa­ni­schen Haupt­stadt Tai­peh pro­tes­tier­ten am Sams­tag hun­derte Men­schen gegen die chi­ne­si­sche Herr­schaft in Tibet. Die Demons­tran­ten führ­ten ein rie­si­ges Por­trät des Dalai Lama mit sich. Sie rie­fen unter ande­rem «Befreit Tibet» oder «Unab­hän­gig­keit für Tibet». Viele Demons­tran­ten äusser­ten die Befürch­tung, ihrem Land könnte das glei­che Schick­sal wie Tibet drohen.

Tai­wan und China sind seit dem Bür­ger­krieg von 1949 getrennt. Die Regie­rung in Peking betrach­tet die Insel aber wei­ter als Teil Chi­nas. In der Ver­gan­gen­heit hiess es, das Ziel einer Ver­ei­ni­gung werde not­falls auch mit Gewalt erreicht wer­den. Die Bezie­hun­gen haben sich aber deut­lich ver­bes­sert, seit in Tai­wan im Mai ver­gan­ge­nen Jah­res Prä­si­dent Ma Ying-jeou an die Macht kam.

Die Poli­zei in Nepal nahm am Sams­tag einen Nor­we­ger und eine Bri­tin fest, die vor einem Gebäude der chi­ne­si­schen Bot­schaft in Kath­mandu gegen die Tibet-Politik Pekings protestierten.

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