Die Nazis waren keine Freunde der Tibeter, und das alte Tibet war zwar eine Feudalgesellschaft, aber eine milde: Was die Weltwoche über den Dalai Lama schrieb, ist blanker Unsinn.
Von TB | 24. März 2009 | Kategorie: Politik | Kommentare deaktiviertWeltwoche, 18.3.09, von Klemens Ludwig
«Abstossende Zwerginnen»
Kaum jemand polarisiert so sehr wie der Dalai Lama. Die einen sehen in ihm den «weisesten Menschen auf Erden», die anderen den Vertreter eines brutalen Feudalsystems, Freund alter Nazis und moderner Terroristen, der nur Binsenweisheiten von sich gibt.
Diese Vorwürfe übernimmt David Signer. Was jedoch als Aufklärung daherkommt, entpuppt sich als vertraute Klischees: Nazi-Expeditionen nach Tibet, geistige Nähe zu einem japanischen Giftgas-Attentäter und keine Distanzierung von einem tyrannischen Feudalsystem. Die Frage drängt sich auf, was ist dran an den Vorbehalten?
Fraglos zählten Nationalsozialisten im Umfeld von Reichsführer SS Heinrich Himmler Tibet zur Basis einer arischen Urkultur. Drei Tibetexpeditionen unter Leitung des Biologen und Zoologen Ernst Schäfer, Universität Göttingen, sollten Kontakte knüpfen, doch offenbar war Schäfers Respekt vor den Abkömmlingen der «arischen Urkultur» nicht sehr gross. Die Sherpas beschrieb er als «anmassendes, niederträchtiges Geschmeiss».
Über eine Begegnung mit Nomadenfrauen erregte er sich: «Abstossenden Zwerginnen ähnlicher als menschlichen Wesen, sind sie das ekelerregendste an Weiblichkeit, was ich je zu Gesicht bekommen habe … Ein wahrer Abschaum der Menschheit!» Insgesamt spielte die Asienbegeisterung innerhalb der SS eine untergeordnete Rolle; nach dem Überfall auf Polen wurde sie gänzlich aufgegeben.
Die Tibeter haben sich für die vermeintliche geistige Verbundenheit ohnehin nie interessiert. Das Gleiche gilt für den Kontakt mit dem japanischen Sektenführer und Giftgas-Attentäter Shoko Asahara. In den achtziger Jahren traf Asahara zweimal mit dem Dalai Lama zusammen; daraus wurde nie ein Geheimnis gemacht. Er hat sich als japanischer Buddhist ausgegeben und damit das Interesse des Dalai Lama geweckt. Der Dalai Lama ging jedoch lange vor den terroristischen Aktivitäten auf Distanz zu Asahara. Wenn er dennoch von einem «Freund» spricht, so ist das für ihn ein extrem dehnbarer Begriff.
Auch Signers Kritik an den «Binsenweisheiten» des tibetischen Oberhaupts ist seltsam vertraut. Wenn sich der Dalai Lama darauf beschränken würde, allgemeine Plattitüden von sich zu geben, wäre die ihm entgegengebrachte Bewunderung in der Tat seltsam. Der Dalai Lama holt jedoch – wie es die moderne Psychologie nennt – die Menschen dort ab, wo sie stehen; und er äussert sich auch zu Themen wie die Evolution, die Relativitätstheorie oder die Quantenphysik. Seit Jahren sucht er zudem den engen Austausch von Naturwissenschaft und Buddhismus. Binsenweisheiten?
Die Behauptung, der Dalai Lama repräsentiere ein altes, tyrannisches Feudalsystem, hält einem sorgfältigen Quellenstudium ebenso wenig stand. Zweifellos war Tibet nie ein theokratischer Musterstaat. Klöster und Adel besassen den grössten Teil der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Sie hielten viele Bauern in Schuldknechtschaft und übten das Bildungsmonopol aus. Zudem nahmen viele Tibeter Anstoss an der rabiaten Mönchspolizei, die allein ihrem Kloster Rechenschaft schuldig war.
Hunger und Elend
Dennoch waren die Grundbedürfnisse im alten Tibet gesichert. Das lässt sich anhand nahezu aller unabhängigen Reiseberichte belegen, die es seit dem 17. Jahrhundert gibt. Viele Autoren waren christliche Missionare, wie António de Andrade oder Johann Grueber. Da die Tibeter sich nicht missionieren lassen wollten, waren die Berichte über das «verstockte Volk» nicht gerade schmeichelhaft, doch von sozialer Verelendung, Hungersnöten, Flucht oder Auswanderung war nirgends die Rede. Hätten die Reisenden dies bemerkt, wäre es überliefert. Berichte über Elend, Verstümmelungen und Grausamkeiten gehen auf chinesische Quellen zurück und dienen dazu, die Annexion zu legitimieren.
Dennoch – das alte Tibet war reformbedürftig. Das sah auch der 13. Dalai Lama. Er beschränkte die Privilegien von Adel und Klerus, straffte die Verwaltung, schuf eine unabhängige Polizeitruppe und richtete Post– sowie Telegrafendienste ein. Zudem verbot er die Todesstrafe, kurbelte mit einer Währungsreform die Wirtschaft an und brach das Bildungsmonopol der Klöster. Sein Biograf, der englische Kolonialbeamte Charles Bell, berichtet lebhaft, wie der 13. Dalai Lama häufig selbst hohe Äbte gemassregelt hat, wenn sie Bauern unrechtmässige Abgaben auferlegt hatten.
Der 1935 geborene 14. Dalai Lama knüpfte an die Reformbemühungen seines Vorgängers an. Er befreite viele Bauern aus der Schuldknechtschaft, indem er per Dekret alle Schulden, die älter als acht Jahre waren, tilgte und bei den jüngeren Landwirten die Zinszahlungen aussetzte.
Viel Zeit blieb ihm jedoch nicht, denn 1950 marschierte die Volksbefreiungsarmee in Tibet ein. Mit den Chinesen kam der Hunger. Die Umstellung auf Weizen statt Gerste und die Kollektivierung der Landwirtschaft ruinierten das Land, wie selbst Parteichef Hu Yaobang bei einem Tibet-Besuch im Mai 1980 feststellen musste. Erst als die Massnahmen rückgängig gemacht wurden, erholte sich Tibet.
Doch selbst wenn das alte Tibet ein grausamer Feudalstaat gewesen wäre, könnte das einen Einmarsch ebenso wenig rechtfertigen wie die feudale Struktur des chinesischen Kaiserreichs die Kanonenbootpolitik der europäischen Kolonialmächte.
Klemens Ludwig ist Autor der Biografie «Dalai Lama – Botschafter des Mitgefühls». Beck-Verlag, 2008



