Die Nazis waren keine Freunde der Tibeter, und das alte Tibet war zwar eine Feudalgesellschaft, aber eine milde: Was die Weltwoche über den Dalai Lama schrieb, ist blanker Unsinn.

Welt­wo­che, 18.3.09, von Kle­mens Lud­wig
«Abstos­sende Zwer­gin­nen»
Kaum jemand pola­ri­siert so sehr wie der Dalai Lama. Die einen sehen in ihm den «wei­ses­ten Men­schen auf Erden», die ande­ren den Ver­tre­ter eines bru­ta­len Feu­dal­sys­tems, Freund alter Nazis und moder­ner Ter­ro­ris­ten, der nur Bin­sen­weis­hei­ten von sich gibt.

Diese Vor­würfe über­nimmt David Signer. Was jedoch als Auf­klä­rung daher­kommt, ent­puppt sich als ver­traute Kli­schees: Nazi-Expeditionen nach Tibet, geis­tige Nähe zu einem japa­ni­schen Giftgas-Attentäter und keine Dis­tan­zie­rung von einem tyran­ni­schen Feu­dal­sys­tem. Die Frage drängt sich auf, was ist dran an den Vorbehalten?

Frag­los zähl­ten Natio­nal­so­zia­lis­ten im Umfeld von Reichs­füh­rer SS Hein­rich Himm­ler Tibet zur Basis einer ari­schen Urkul­tur. Drei Tibet­ex­pe­di­tio­nen unter Lei­tung des Bio­lo­gen und Zoo­lo­gen Ernst Schä­fer, Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen, soll­ten Kon­takte knüp­fen, doch offen­bar war Schä­fers Respekt vor den Abkömm­lin­gen der «ari­schen Urkul­tur» nicht sehr gross. Die Sher­pas beschrieb er als «anmas­sen­des, nie­der­träch­ti­ges Geschmeiss».

Über eine Begeg­nung mit Noma­den­frauen erregte er sich: «Abstos­sen­den Zwer­gin­nen ähnli­cher als mensch­li­chen Wesen, sind sie das ekel­er­re­gendste an Weib­lich­keit, was ich je zu Gesicht bekom­men habe … Ein wah­rer Abschaum der Mensch­heit!» Ins­ge­samt spielte die Asi­en­be­geis­te­rung inner­halb der SS eine unter­ge­ord­nete Rolle; nach dem Über­fall auf Polen wurde sie gänz­lich aufgegeben.

Die Tibe­ter haben sich für die ver­meint­li­che geis­tige Ver­bun­den­heit ohne­hin nie inter­es­siert. Das Glei­che gilt für den Kon­takt mit dem japa­ni­schen Sek­ten­füh­rer und Giftgas-Attentäter Shoko Asa­hara. In den acht­zi­ger Jah­ren traf Asa­hara zwei­mal mit dem Dalai Lama zusam­men; dar­aus wurde nie ein Geheim­nis gemacht. Er hat sich als japa­ni­scher Bud­dhist aus­ge­ge­ben und damit das Inter­esse des Dalai Lama geweckt. Der Dalai Lama ging jedoch lange vor den ter­ro­ris­ti­schen Akti­vi­tä­ten auf Dis­tanz zu Asa­hara. Wenn er den­noch von einem «Freund» spricht, so ist das für ihn ein extrem dehn­ba­rer Begriff.

Auch Signers Kri­tik an den «Bin­sen­weis­hei­ten» des tibe­ti­schen Ober­haupts ist selt­sam ver­traut. Wenn sich der Dalai Lama dar­auf beschrän­ken würde, all­ge­meine Plat­ti­tü­den von sich zu geben, wäre die ihm ent­ge­gen­ge­brachte Bewun­de­rung in der Tat selt­sam. Der Dalai Lama holt jedoch – wie es die moderne Psy­cho­lo­gie nennt – die Men­schen dort ab, wo sie ste­hen; und er äussert sich auch zu The­men wie die Evo­lu­tion, die Rela­ti­vi­täts­theo­rie oder die Quan­ten­phy­sik. Seit Jah­ren sucht er zudem den engen Aus­tausch von Natur­wis­sen­schaft und Bud­dhis­mus. Binsenweisheiten?

Die Behaup­tung, der Dalai Lama reprä­sen­tiere ein altes, tyran­ni­sches Feu­dal­sys­tem, hält einem sorg­fäl­ti­gen Quel­len­stu­dium ebenso wenig stand. Zwei­fel­los war Tibet nie ein theo­kra­ti­scher Mus­ter­staat. Klös­ter und Adel besas­sen den gröss­ten Teil der land­wirt­schaft­li­chen Nutz­flä­che. Sie hiel­ten viele Bau­ern in Schuld­knecht­schaft und übten das Bil­dungs­mo­no­pol aus. Zudem nah­men viele Tibe­ter Anstoss an der rabia­ten Mönchs­po­li­zei, die allein ihrem Klos­ter Rechen­schaft schul­dig war.

Hun­ger und Elend

Den­noch waren die Grund­be­dürf­nisse im alten Tibet gesi­chert. Das lässt sich anhand nahezu aller unab­hän­gi­gen Rei­se­be­richte bele­gen, die es seit dem 17. Jahr­hun­dert gibt. Viele Auto­ren waren christ­li­che Mis­sio­nare, wie Antó­nio de And­rade oder Johann Gru­e­ber. Da die Tibe­ter sich nicht mis­sio­nie­ren las­sen woll­ten, waren die Berichte über das «ver­stockte Volk» nicht gerade schmei­chel­haft, doch von sozia­ler Ver­elen­dung, Hun­gers­nö­ten, Flucht oder Aus­wan­de­rung war nir­gends die Rede. Hät­ten die Rei­sen­den dies bemerkt, wäre es über­lie­fert. Berichte über Elend, Ver­stüm­me­lun­gen und Grau­sam­kei­ten gehen auf chi­ne­si­sche Quel­len zurück und die­nen dazu, die Anne­xion zu legitimieren.

Den­noch – das alte Tibet war reform­be­dürf­tig. Das sah auch der 13. Dalai Lama. Er beschränkte die Pri­vi­le­gien von Adel und Kle­rus, straffte die Ver­wal­tung, schuf eine unab­hän­gige Poli­zei­truppe und rich­tete Post– sowie Tele­gra­fen­dienste ein. Zudem ver­bot er die Todes­strafe, kur­belte mit einer Wäh­rungs­re­form die Wirt­schaft an und brach das Bil­dungs­mo­no­pol der Klös­ter. Sein Bio­graf, der eng­li­sche Kolo­ni­al­be­amte Charles Bell, berich­tet leb­haft, wie der 13. Dalai Lama häu­fig selbst hohe Äbte gemass­re­gelt hat, wenn sie Bau­ern unrecht­mäs­sige Abga­ben auf­er­legt hatten.

Der 1935 gebo­rene 14. Dalai Lama knüpfte an die Reform­be­mü­hun­gen sei­nes Vor­gän­gers an. Er befreite viele Bau­ern aus der Schuld­knecht­schaft, indem er per Dekret alle Schul­den, die älter als acht Jahre waren, tilgte und bei den jün­ge­ren Land­wir­ten die Zins­zah­lun­gen aussetzte.

Viel Zeit blieb ihm jedoch nicht, denn 1950 mar­schierte die Volks­be­frei­ungs­ar­mee in Tibet ein. Mit den Chi­ne­sen kam der Hun­ger. Die Umstel­lung auf Wei­zen statt Gerste und die Kol­lek­ti­vie­rung der Land­wirt­schaft rui­nier­ten das Land, wie selbst Par­tei­chef Hu Yaobang bei einem Tibet-Besuch im Mai 1980 fest­stel­len musste. Erst als die Mass­nah­men rück­gän­gig gemacht wur­den, erholte sich Tibet.

Doch selbst wenn das alte Tibet ein grau­sa­mer Feu­dal­staat gewe­sen wäre, könnte das einen Ein­marsch ebenso wenig recht­fer­ti­gen wie die feu­dale Struk­tur des chi­ne­si­schen Kai­ser­reichs die Kano­nen­boot­po­li­tik der euro­päi­schen Kolonialmächte.

Kle­mens Lud­wig ist Autor der Bio­gra­fie «Dalai Lama – Bot­schaf­ter des Mit­ge­fühls». Beck-Verlag, 2008

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