China & die EU: Schwierige Partner
Von TB | 8. Juni 2009 | Kategorie: News | Kommentare deaktiviertDie Zeit, 1.6.09:
Je intensiver die Beziehungen, desto stärker die politischen Probleme: China und der EU fehlt ein tieferes Verständnis für die Positionen der Partner.
Die Beziehungen zwischen der EU und China durchliefen jüngst unruhige Zeiten. Der gemeinsame Gipfel wurde im letzten Jahr von der chinesischen Führung aus Protest gegen ein Treffen zwischen dem französischen Präsidenten Sarkozy und dem Dalai Lama abgesagt. Der verspätete Gipfel in Prag am 20. Mai diente dann als Gelegenheit zu zeigen, dass die EU und China dabei sind, sich auszusöhnen. Dennoch, beide Seite waren außerstande, einen gemeinsamen Bericht zu unterzeichnen, der klare Aussagen über die vorherrschenden Unterschiede in den bilateralen Beziehungen macht.
Wenngleich die strategische Partnerschaft zwischen der EU und China, die im Jahr 2003 begründet wurde, Abhängigkeit und Interaktion verstärkt haben, hat das nicht automatisch politische Gewinne nach sich gezogen. Im Gegenteil, die Intensivierung der bilateralen Beziehungen scheint zu einem Anstieg politischer Unstimmigkeit geführt zu haben.
Europas enttäuschte Erwartungen
Europäische Politiker und Medien sind in ihrer Diskussion über China kritischer geworden. Chinas internationaler Einfluss und Macht werden als signifikant steigend gesehen, während Chinas Entwicklung mehr und mehr als eine Art Kampfansage und nicht mehr als eine Chance betrachtet wird.
Aus der Perspektive Europas werden Hauptprobleme wie das hohe Handelsdefizit nicht adäquat angesprochen. Zusätzlicher Kritikpunkt ist Chinas politische Entwicklung. Europäische Akteure werden sich mehr und mehr der Tatsache bewusst, dass ihre Annäherung an China basierend auf der Idee und dem Ziel, dass die EU Chinas innere Entwicklung und internationales Verhalten beeinflussen könne, nicht sehr erfolgreich ist. Europas Gelehrte kritisieren zudem, dass die EU-Auslandspolitik gegenüber China reformiert werden muss. Kurz gesagt: Die strategische Partnerschaft zwischen der EU und China bleibt hinter den europäischen Erwartungen zurück.
China bleibt kritisch gegenüber Forderungen
Die Chinesen sehen dagegen die Beziehungen zu Europa viel positiver. Für Peking ist die EU ein zunehmend wichtiger internationaler Akteur, auch wenn Macht und Einfluss der EU in den einzelnen Politikbereichen unterschiedlich stark sind. China betrachtet die EU primär als ökonomische und technologische Macht.
Obgleich die EU ihre Position bei wichtigen Fragen wie dem Aufrüstungsembargo oder der Bewilligung des Marktwirtschaftsstatus gegenüber Peking nicht geändert hat und trotz der Höhen und Tiefen der bilateralen Beziehungen, rührt die chinesische Frustration vielmehr aus den wachsenden europäischen Erwartungen in Hinsicht auf Chinas internationale Verantwortung. Die steigenden europäischen Erwartungen werden als unfair und übermäßig anspruchsvoll bezeichnet, weil sie nicht berücksichtigten, dass China immer noch in einer schwierigen Phase seiner eigenen Entwicklung sei und innerhalb seiner beschränkten Möglichkeiten Verantwortung übernehme. Ferner finden chinesische Politiker, dass das Land manchmal unfairer Weise als Sündenbock für verschiedene politische Angelegenheiten im nationalen Diskurs mit den EU-Mitgliedsstaaten benutzt wird.
Ein europäisches Problem
Europa und China haben unterschiedliche Erwartungen und Vorstellungen ihrer bilateralen Beziehungen. Jedoch scheint Europa ein größeres Problem mit den EU-China-Beziehungen zu haben. Woran liegt das?
Europa und China sind internationale Akteure von unterschiedlichem Typ. Die EU will ein “post-moderner Akteur” sein, der darauf abzielt, die Erfahrungen des Integrationsprozesses in seinen Auslandsbeziehungen zu verbreiten. Sie drängt daher auf regionale Integration und schließt sich darin Prinzipien ein wie die Förderung von Menschenrechten und Demokratie. Gleichzeitig hat die EU traditionelle Wirtschafts– und Sicherheitsinteressen und kämpft darum, diese mit dem Bestreben eine normative Macht zu sein, in Einklang zu bringen.
China ist dagegen ein klassischer Nationalstaat. Seine Führung betrachtet internationale Beziehungen hauptsächlich aus einer pragmatischen Perspektive. Während China zwar erklärt, den Multilateralismus positiv zu sehen, ist es immer noch abgeneigt, andere Dimensionen dessen anzunehmen, beispielsweise das internationale Rechtsstaatsprinzip zumindest dann, wenn es einen direkten Einfluss auf seine Souveränität hat.
Dennoch, die größeren Probleme liegen auf Seiten der Europäer. Das Verhältnis zu China ist ein Test für die Fähigkeit der EU, sich in internationalen Beziehungen entlang seiner Vorstellungen zu engagieren. Ein Misslingen würde den Erfolg des Konzepts der europäischen Auslandsbeziehungen in Frage stellen. Das stellt die EU am Ende vor die Frage, ob und in welchem Ausmaß Europa bereit ist, Zugeständnisse auf die Anwendung grundsätzlicher Werte zu machen. Die Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen der EU und China wird dafür nicht nur ein tieferes Verständnis der Positionen der Partner benötigen. Die EU muss auch Fortschritte in der Gestaltung ihrer Auslandsbeziehungen machen.
Christine Hackenesch ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Bi– und multilaterale Entwicklungspolitik am Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE). Jin Ling ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung für EU-Studien am China Institute of International Studies (CIIS).
Das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik (DIE) zählt weltweit zu den führenden Forschungsinstituten und Thinktanks zu Fragen globaler Entwicklung und internationaler Entwicklungspolitik. Das DIE berät auf der Grundlage unabhängiger Forschung öffentliche Institutionen in Deutschland und weltweit zu aktuellen Fragen der Zusammenarbeit zwischen Industrie– und Entwicklungsländern.
Von Christine Hackenesch und Jin Ling, Deutsches Institut für Entwicklungspolitik
EU — China lediglich Zweckpartner
22.5.09,
Trotz erklärtem Willens beider Seiten zu einem Neuanfang bleibt das Verhältnis EU-China schwierig. So sehr Peking etwa in der Weltfinanzkrise Verantwortungsbereitschaft zeigt, so wenig ist es zu Zugeständnissen bei politischen Themen bereit: So stützt es – zynisch – menschenverachtende Regime in Nordkorea oder in Birma. Und völlig unbeweglich zeigt sich die Pekinger Führung bei den Themen Tibet, Taiwan oder Menschenrechte. Dies sind allesamt Fragen, die die Volksrepublik als innere Angelegenheiten betrachtet und hier verbittet sie sich jegliche „Einmischung“.
Doch beweist sich die Belastbarkeit von Beziehungen gerade dann, wenn man nicht einer Meinung ist. Die oft beschworene „strategische Partnerschaft“ zwischen der EU und China stößt hier eindeutig an ihre Grenzen. Offenbar ist das Problem fundamentaler Natur: Europa und das Reich der Mitte haben zwar durchaus gemeinsame Interessen – wie die Überwindung der Weltwirtschaftskrise –, aber weiterhin teils völlig unterschiedliche Wertvorstellungen. So bleibt das Verhältnis bei aller Bedeutung eine Zweckpartnerschaft.
Quelle: Luxemburger Wort, Wolf von Leipzig
Auf dem EU-China-Gipfel ist klare Haltung gefordert — Europa soll aktivere Rolle in der Tibet-Frage spielen: “Europäer dürfen sich nicht von China spalten lassen”
18.05.2009 ICT
(ots) — Am 20. Mai findet in Prag der im vergangenen Dezember abgesagte EU-China-Gipfel statt. Wie die Absage des Gipfels durch die chinesische Seite gezeigt hat, ist die Wichtigkeit der Tibet-Frage für die wechselseitigen Beziehungen kaum zu überschätzen. Kai Müller, Geschäftsführer der International Campaign for Tibet (ICT), sagt dazu: “Die Absage des EU-China-Gipfels zeigt nicht nur exemplarisch die Bedeutung Tibets für die Beziehungen zwischen Europa und China, sie macht auch deutlich, wie wichtig eine klare und unzweideutige Haltung der gesamten EU in der Tibet-Frage ist. Die Europäer dürfen sich nicht von der chinesischen Regierung spalten lassen. Die unklare europäische Haltung zur Tibet-Frage ist ein schwerer strategischer Fehler, mit dem sich die EU nur selbst Schaden zugefügt hat.”
Bislang sei die Politik der EU-Mitgliedstaaten und der europäischen Institutionen häufig uneinheitlich und widersprüchlich gewesen. Dadurch gelinge es der chinesischen Seite, einzelne Regierungen und Institutionen unter Druck zu setzen, ohne dass dies eine gesamteuropäische Solidarisierung zur Folge hätte. “Wir haben daher an Außenminister Steinmeier appelliert, sich für eine klare an Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit orientierte Tibet-Politik auf europäischer Ebene einzusetzen”, fügte Müller hinzu.
Die International Campaign for Tibet veröffentlicht aus Anlass des EU-China-Gipfels ein Policy Paper mit Empfehlungen an die Adresse der EU-Mitgliedstaaten. Unter anderem fordert ICT die EU auf,
- eine klare und einheitliche Position in der Tibet-Frage zu
entwickeln und zu vertreten, sowie
– mit Blick auf zukünftige Europa-Besuche des Dalai Lama einen
Gemeinsamen Standpunkt zu verabschieden, mit dem Inhalt, dass jeder
Mitgliedsstaat das uneingeschränkte Recht hat, den Dalai Lama zu
empfangen.
Immer noch sperre sich China gegen die Einsicht, dass die vom Dalai Lama angestrebte Autonomie Tibets innerhalb Chinas keinen tibetischen Staat zum Ziel hat. Um die bislang fruchtlos verlaufenen sino-tibetischen Verhandlungen voranzubringen, werde eine dritte Partei benötigt, die helfen könnte, die Tibet-Frage einer Lösung näher zu bringen. Dazu Kai Müller von der ICT: “Die internationale Gemeinschaft wünscht eine Lösung für Tibet, doch dafür benötigt es die Mitarbeit aller, nicht nur der Chinesen und der Tibeter. Die EU könnte hier sehr hilfreich sein. Dazu allerdings benötigt sie eine klare eigene Position zur Tibet-Frage basierend auf Prinzipien von Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten.”
Die EU solle daher Peking zu verstärkten und zielorientierten Verhandlungen mit den Vertretern des Dalai Lama auffordern und auch eine eigene, aktivere Rolle darin in Aussicht stellen.
Das vollständige Policy Paper finden Sie hier zum Download.



