“Aufregung am Tiananmen-Platz” über “Die Geister vom Tiananmen”
Von TB | 8. Juni 2009 | Kategorie: China | Kommentare deaktiviertFocus, 4.6.09:
Vor 20 Jahren wurde Chinas Demokratiebewegung auf dem Tiananmen-Platz blutig niedergeschlagen. Am Jahrestag ist die Nervosität bei der Regierung groß. Sie greift zu ungewöhnlichen Maßnahmen.
Chinesische Behörden haben mit wenigen Ausnahmen Journalisten den Zugang auf den zentralen Pekinger Platz am Donnerstag verwehrt. Tausende ausländische und inländische Touristen haben jedoch offenbar Zutritt erhalten. Der Platz des Himmlischen Friedens wurde von Hunderten Polizisten bewacht. An zahlreichen Checkpoints kontrollierten Sicherheitsleute Taschen von Touristen und Passanten. Einige Reporter mussten nach eigenen Angaben auf Anweisung der Polizei ihre Filme löschen, nachdem am Rande des Platzes Aufnahmen von Sicherheitskräften gemacht hatten.
Zensur im Netz
Auch in der chinesischen Provinz wurden die Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Bereits am Mittwoch hatten die Behörden die Zensur des Internets verschärft und Tausende Blogs, Foren und Kommunikationsportale wie Twitter und Flickr gesperrt, um eine Diskussion über die blutige Niederschlagung der Studentenproteste am 3. und 4. Juni 1989 zu verhindern.
In aller Welt wird am Donnerstag der Niederschlagung der Proteste vor 20 Jahren gedacht. Während die chinesischen Behörden über die blutigen Ereignisse schweigen und die Sicherheitsvorkehrungen in Peking massiv verschärfen, waren unter anderem in London, Washington, Israel und in Japan Veranstaltungen geplant.
In Paris sollten die Namen der bislang bekannten Opfer des Militäreinsatzes verlesen werden. Zur Mahnwache in der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong wurden Zehnttausende Menschen erwartet. Beim Einsatz der Armee gegen Demonstranten auf dem Tiananmen-Platz in der Nacht zum 4. Juni 1989 waren offiziell 241 Menschen ums Leben gekommen, laut Menschenrechtsorganisationen hingegen mehrere 1000 Menschen.
Der Dalai Lama rief China zu Reformen auf. Seit den Ereignissen des 4. Juni habe sich viel geändert in China, hieß es in einer Mitteilung des Oberhauptes der Tibeter. China sei heute eine globale Wirtschaftsmacht, die sich zur Supermacht entwickele. „Eine Politik der Offenheit und des Realismus kann zu größerem Vertrauen und Harmonie in China führen und seine internationale Position als eine wahrhaft große Nation fördern.“ Er hoffe, dass die chinesischen Anführer „den Mut und die Weitsichtigkeit“ zu einer Politik hätten, die abweichende Meinungen toleriere.
China erbost über Clinton-Erklärung
Die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton sagte, China sollte als aufstrebende globale Macht „offener die dunkleren Ereignisse seiner Vergangenheit prüfen und öffentlich die Getöteten, Verhafteten und Vermissten auflisten – sowohl als Lehre als auch zum Heilen“.
Peking reagierte auf die Erklärung mit harscher Kritik. Sie enthalte „unbegründete Anklagen gegen die chinesische Regierung“, sagte Außenamtssprecher Qin Gang. „Wir geben unsere tiefe Unzufriedenheit zum Ausdruck“, fügte er hinzu. Über die Ereignisse vom 4. Juni 1989 gebe es bereits eine Einschätzung seitens der chinesischen Kommunistischen Partei und der Regierung.
Die Geister vom Tiananmen
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.6.09: Von Till Fähnders
Zwanzig Jahre später ist China ein anderes Land. Aber die Freiheit, für die von April bis Juni 1989 Pekings Studenten auf den Platz des Himmlischen Friedens (Tiananmen) zogen, ist bis heute nicht verwirklicht. Damals ließen die Parteiväter junge Soldaten auf nicht selten gleichaltrige Studenten, Arbeiter und Sympathisanten aus dem Volk feuern. Viele wurden von Panzern zerquetscht.
Die Macht komme aus den Gewehrläufen, hatte Mao Tse-tung einst gesagt, und die greisen Revolutionäre und die Scharfmacher in der Regierung glaubten es ihrem Ahnherren. Niemand außer der chinesischen Regierung kann heute mit Sicherheit sagen, ob Hunderte oder gar Tausende zu Tode kamen, nachdem die Militärführung in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni den Schießbefehl ausgesprochen hatte.
Chinas größtes Tabu
Aber die Kommunistische Partei schweigt und bekämpft jede öffentliche Erwähnung von „liu si“ (sechs vier) mit allen Mitteln. Viele junge Chinesen haben deshalb heute wenig Ahnung davon, was in diesem Pekinger Frühsommer einst passierte. Tiananmen ist – neben der Tibet-Frage – Chinas größtes Tabu.
Mit der Bevölkerung hat die Partei einen stillen Pakt geschlossen: An der Herrschaft der Partei wird nicht gerüttelt, dafür bekommen die Menschen mehr persönliche Freiheiten und die Hoffnung, reich werden zu können. Die Regierung legitimiert ihren brutalen Militäreinsatz im Nachhinein mit Chinas wirtschaftlichen Erfolgen. Patriotismus ist an die Stelle der kommunistischen Ideologie getreten, und die Führung spricht das Gebet von der Einheit von Partei und Volk.
Auch im Verkehr mit dem Ausland gibt es eine Art Stillhalteabkommen: Nichteinmischung ist die Bedingung für gute Geschäfte. Die Führung in Peking hat gelernt, dass sie die Reaktionen des Auslands nicht zu fürchten braucht. Die auf den Juni 1989 folgenden (wenigen) Jahre politischer Isolation, das Waffenembargo und die seither übliche Kritik an der Menschenrechtslage perlten wie Wasser an ihr ab. Während sie die Appelle über sich ergehen ließ, wurden gleichzeitig nebenan Milliardenverträge unterzeichnet. Der „Wandel durch Handel“ fand nicht statt.
Nur leise Kritik aus dem Westen
Heute ist der Westen mehr denn je auf Kooperationen mit Peking angewiesen, sei es bei der Bewältigung der Wirtschaftskrise oder bei internationalen Konflikten wie um das nordkoreanische Atomprogramm. Kritik wird nur noch leise vorgebracht. Die Sprecherin des amerikanischen Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, die einst als harsche Kritikerin in Peking gefürchtet war, stattete der Hauptstadt nur wenige Tage vor dem Jahrestag des Tiananmen-Massakers einen Besuch ab.
Die Ereignisse aus dem Frühsommer 1989 waren dabei überhaupt kein Thema, und Menschenrechte wurden nur am Rande angesprochen. Auch die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton hatte bei ihrem China-Besuch vor einigen Monaten mitgeteilt, die Menschenrechtsdiskussion solle das Verhältnis zu China nicht mehr belasten.
Die Macht der Kommunistischen Partei ist heute vielleicht größer als je zuvor. Allein mit der Vertuschung der Ereignisse vor zwanzig Jahren ist das Volk aber noch nicht befriedet. Hätte Frau Pelosi einmal die Sitzungssäle verlassen, wäre sie von einer kleinen Schar Demonstranten empfangen worden, die sie um Unterstützung anflehen wollten. In China haben sich eine Menge Unzufriedenheit und Ungerechtigkeit aufgestaut. Jahr für Jahr kommt es zehntausendfach zu Unruhen. Auch viele der Übel, die vor zwanzig Jahren die Demonstrationen auslösten, sind noch lange nicht überwunden.
Noch weniger Freiheiten als vor 20 Jahren
Nach wie vor sind Korruption und Vetternwirtschaft, Pressezensur und politische Willkür kennzeichnend für den Alltag in der Volksrepublik. Insofern wäre eine Aufarbeitung der Ereignisse von 1989 wohl auch eine Möglichkeit, einer Lösung der aktuellen Probleme Chinas näher zu kommen. Doch auf diesem Weg müsste sich die Parteidiktatur über kurz oder lang selbst in Frage stellen, da viele Probleme direkt auf sie zurückzuführen sind.
Weil es in letzter Konsequenz um die Legitimität ihrer Alleinherrschaft geht, fürchtet die Führung bis heute die Geister vom Tiananmen. Internetseiten und Weblogs wurden in den vergangenen Tagen gesperrt. Kritiker wurden unter Hausarrest gestellt oder festgenommen. Menschenrechtsanwälte müssen um ihre Zulassung bangen. Jemand, der ein gutes Gewissen hat, braucht so etwas nicht zu tun. Die Partei ist sich ihrer Schuld bewusst, gesteht sie aber nicht ein, weil sie nicht ihre Macht aufs Spiel setzen möchte.
Die Studenten, die vor zwanzig Jahren mit Spruchbändern durch die Straßen zogen und auf dem Tiananmen-Platz eine „Göttin der Demokratie“ errichteten, hatten gar nicht unbedingt den Sturz der Partei im Sinn. Doch die Führung selbst wusste, dass ihr Protest schließlich darauf hinauslaufen müsste. Denn die Art von Freiheit, die das Volk in den wenigen Wochen vor dem Massaker erlebte, als es endlich frei demonstrieren und ungehemmt auf die Führung schimpfen konnte, ist unter der Herrschaft dieser Partei nicht möglich – heute wohl noch weniger als vor zwanzig Jahren.




