Internet: Neues von Chinas “GRÜNER DAMM” — Politpanne mit Porno-Blocker
Von TB | 15. Juni 2009 | Kategorie: News | Kommentare deaktiviertDer Spiegel, 16.6.09
Jugendschutz sollte es sein, ein politisches Fiasko wurde es: Chinas Regierung plante einen Porno-Blocker für alle Computer des Landes, der gleich noch unliebsame Seiten aus dem Netz tilgen sollte. Dann regte sich Widerstand — der bemerkenswert erfolgreich war.
“Grüner Damm” heißt der neueste Versuch der chinesischen Führung, das Internet zu zensieren — und im Gegensatz zu früheren Aktionen mündet er in ein politisches Fiasko.
Eine neue Vorschrift des Ministeriums für Industrie und Informationstechnologie verpflichtet Computerhändler, ab Juli nur noch Rechner mit der Filtersoftware zu verkaufen, die den malerisch klingenden Namen trägt. Das Programm soll über bestehende Netz-Blockaden hinaus Pornografie und andere “schädliche Inhalte” im Internet sperren — und hat damit eine heftige Debatte über Zensur und Eingriffe in das Privatleben der Bürger ausgelöst.
Sogar amtlich kontrollierte Medien kritisierten die Regierung. Die populäre chinesische Jugendzeitung “Organ des Kommunistischen Jugendverbandes” zweifelte am Recht der Kontrolleure, so stark in das “private Leben der Gesellschaft ” einzugreifen. Die einflussreiche Finanzzeitschrift “Caijing” nutzte auf ihrer Web-Seite die Gelegenheit, mehr Meinungsfreiheit zu verlangen: “Freie Rede und transparente Informationen sind die wichtigsten Elemente sozialer Gerechtigkeit. Deshalb sollten wir mit Internet-Regeln vorsichtiger umgehen.”
Die Regierung muss sich außerdem die Frage gefallen lassen, ob bei der Auftragsvergabe alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Die Firma, die den Filter entwickelt hat, ist die Jinhui Computer System Engineering aus der Provinz Henan. Sie arbeitet offenbar seit Jahren mit Polizei und Militär zusammen.
Nicht nur Pornos werden blockiert
Der “Grüne Damm” soll Bilder, Texte und Web-Adressen identifizieren können. Erkenntnissen von Software-Entwicklern zufolge durchleuchtet sie dabei unter anderem auch E-Mail-Programme — weshalb sich viele Chinesen nun über den Drang der Partei empören, nicht nur Jugendliche, sondern auch Erwachsene “zu begleiten”. Sie empfinden dies als Bevormundung. Kritiker befürchten vor allem, die Behörden könnten Informationen über angeklickte politisch kritische Web-Seiten sammeln. Chinesische Fachleute, die den Filter ausprobiert haben, fanden jedenfalls heraus, dass er nicht nur Porno-Web-Seiten blockiert, sondern auch Begriffe wie “Homosexualität” sperrt — was die Arbeit von Aids-Gruppen nahezu unmöglich macht.
Auch Web-Seiten mit Formulierungen der in China verbotenen Falun-Gong-Sekte wehrt der “Grüne Damm” ab. Selbst harmlose Begriffe aus buddhistischer Literatur können nicht aufgerufen werden. Der “4.6.”, Datum des Tiananmen-Massakers vor 20 Jahren, wird ebenso herausgefiltert wie die Formulierung “Auf nach Peking” — offenkundig, um Bittsteller und Beschwerdeführer davon abzuhalten, Reisen in die Hauptstadt zu organisieren.
Gleichwohl haben die Programmierer viele Fehler gemacht. So funktioniert ihre Software nicht mit dem Browser Firefox, und auch bei der Farbanalyse hapert es. So blockierte der “Grüne Damm” zum Beispiel Web-Seiten mit Fotos von Schweinen und Babys. Dafür dürfen chinesische Internet-Surfer weiter nackte schwarze Schönheiten bewundern.
“Unsere Jugend beschützen”
Schon zu Jahresbeginn hatte Chinas Internet-Polizei bei einer “Anti-Porno-Kampagne” 1250 Web-Seiten mit “vulgärem Inhalt” geschlossen. 40 Personen wurden festgenommen, weil sie Pornos im Internet verbreitet hätten, heißt es.
haben die Behörden inzwischen aufgefordert offenzulegen, auf welcher gesetzlichen Grundlage der neue Filterzwang eigentlich beruht. Auf einer “Anti-Grüner-Damm-Web-Seite” sammeln sich Gegner. Knapp 6000 Menschen haben eine Internet-Petition unterschrieben, bevor die entsprechende Web-Seite gesperrt wurde.
Das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie scheint inzwischen erkannt zu haben, was für ein Desaster es angerichtet hat. Es sei keineswegs Pflicht für die Hersteller, das Programm zu installieren, ließ es verlautbaren. Es könne auch auf CD mitgeliefert werden. Jeder Computerbenutzer dürfe dann selbst entscheiden, ob er die Software anwendet. “Sie hat nur einen Zweck: Unsere Jugend zu beschützen.”
Von Andreas Lorenz, Peking
08.06.2009 (Die Presse)
Die Volksrepublik will ab 1. Juli nur noch Computer mit einer „Zensur-Software“ zulassen. Westliche Unternehmen kommen in eine Zwickmühle.
Peking/Wien (mac). Zwanzig Jahre nachdem die Studentenproteste auf dem Pekinger Tian’anmen-Platz von der chinesischen Führung niedergeprügelt wurden, dreht Peking seinem Volk die Daumenschrauben ein wenig fester. Pünktlich zum Jahrestag waren in China sämtliche Informationen über das Massaker im Internet ebenso gesperrt wie der Nachrichtendienst Twitter oder Microsofts neue Suchmaschine Bing. An sich nichts Neues, an die Kontrollwut der kommunistischen Partei hat man sich mittlerweile gewöhnt. Doch nach einem Bericht des „Wallstreet Journal“ will China nun einen Schritt weitergehen.
Demnach wurden internationale Computerhersteller aufgefordert, ab 1. Juli nur noch Geräte im Land zu verkaufen, die zuvor mit einer „Zensur-Software“ ausgestattet worden sind. Das Programm mit dem Namen „Green Dam-Youth Escort“ blockiert eine bestimmte Datenbank an Webseiten, die von Peking jederzeit online erneuert werden kann. Offiziellen Angaben zufolge sollen damit Jugendliche vor „schädlichen Inhalten im Internet geschützt werden“. Dass China darunter aber nicht nur Pornografie, sondern auch politisch unangenehme Informationen versteht, ist spätestens seit der Errichtung der „Great Firewall of China“ bekannt. Schon heute ist es den Bürgern in der Volksrepublik nicht ohne Weiteres möglich, sich etwa im Internet über die Unabhängigkeitsbestrebungen Tibets zu informieren. Gab es bisher Möglichkeiten, die Sperren zu umgehen, würde das mit der Zensur-Software deutlich schwieriger werden.
Unterstützt Google die „Great Firewall“?
Nun stehen die PC-Hersteller vor der Wahl, entweder die politische Führung in einem großen Markt vor den Kopf zu stoßen, oder aber der Zensur in der Volksrepublik Vorschub zu leisten. Schon in der Vergangenheit mussten sich mehrere westliche Internetfirmen, wie etwa Google oder Yahoo!, den Vorwurf gefallen lassen, den Aufbau der „Great Firewall“ zu unterstützen, ohne auf die Rechte der Menschen im Land Rücksicht zu nehmen. So liefert Google etwa gänzlich andere Treffer, je nachdem, ob man in Peking oder in Wien nach dem Massaker am Tian’anmen-Platz googelt.
Die Platzhirsche am chinesischen Computermarkt stehen also vor einer schweren Entscheidung. Immerhin verdienten die größten drei (Lenovo, Hewlett-Packard und Dell) bisher sehr gut in einem Markt, der im Vorjahr noch 40 Millionen Computer nachgefragt hatte. Mehr Computer wanderten nur in den Vereinigten Staaten über den Ladentisch.
Rechner anfälliger für Cyber-Attacken
Im Gegenzug für den Zugang zu dem Riesenmarkt fordert die chinesische Führung nun genaue Zahlen darüber, wie viele Geräte ab 1. Juli im Land verkauft werden. Auf jedem PC muss die Zensur-Software entweder vorinstalliert, oder aber zumindest als CD beigelegt werden. Obwohl die chinesische Regierung bei Nichteinhalten offiziell keine Sanktionen angedroht hat, werden sich die Konzerne den Unmut der kommunistischen Partei nur ungern zuziehen.
Dass die beiden Entwicklerfirmen der Software nach Angaben der Zeitung in engen Verbindungen zum chinesischen Militär stehen, lässt westliche Hersteller allerdings laut daran zweifeln, dass die Software lediglich zum Schutz der Minderjährigen vor Pornografie dient. Vielmehr würde das Programm die Rechner anfällig für Cyber-Attacken machen und das Übertragen von persönlichen Daten ermöglichen.



