Begegnung in China: Der smarte Herr Ma, der der Welt die Rolle Chinas erklärt

Die Presse (A), 25.6.09:
Pekings welt­ge­wand­ter Außen­amts­spre­cher Ma Zhaoxu wird blitz­schnell zum Dog­ma­ti­ker, wenn es um heikle The­men wie Tibet geht: “Der Dalai-Lama ist doch kein reli­giö­ser Füh­rer, son­dern ein Politiker”.

Ma Zhaoxu, chinesischer Außenamtssprecher
„Wir sind Freunde, wir kön­nen über alles spre­chen“, begrüßt Ma Zhaoxu freund­lich die kleine öster­rei­chi­sche Jour­na­lis­ten­gruppe im Außen­mi­nis­te­rium in Peking. Das prot­zige Gebäude im Zen­trum der Stadt sym­bo­li­siert gut Chi­nas neuen Anspruch auf eine Welt­macht­rolle – und der smarte Ma fun­giert als Sprach­rohr der wie­der­er­wach­ten, nach außen hin immer selbst­be­wuss­ter auf­tre­ten­den Groß­macht in Fernost.

Mitte der Acht­zi­ger­jahre gewann Ma einen von einer Sin­ga­pu­rer TV-Anstalt orga­ni­sier­ten Rede– und Dis­kus­si­ons­wett­be­werb unter asia­ti­schen Stu­den­ten, wurde zum „Star“. Danach ging er ins Außen­mi­nis­te­rium und arbei­tete sich zum Gene­ral­di­rek­tor der Infor­ma­ti­ons­ab­tei­lung und Chef­spre­cher des chi­ne­si­schen Außen­am­tes hoch. Als sol­cher ist er auch der offi­zi­elle Haupt­an­sprech­part­ner der Kor­re­spon­den­ten in Peking.

Also fra­gen auch wir ihn gleich direkt. Was kann und will er denn dage­gen tun, dass China einer­seits wegen sei­ner atem­be­rau­ben­den wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung zwar in der gan­zen Welt Respekt und Bewun­de­rung ern­tet; dass aber ande­rer­seits die Volks­re­pu­blik wegen ihrer Unter­stüt­zung für üble Regime wie die nord­ko­rea­ni­sche Fami­li­en­dik­ta­tur oder Bur­mas Mili­tär­junta und wegen Pekings völ­lig ver­krampf­tem Umgang mit dem Dalai-Lama stän­dig nega­tive Schlag­zei­len in der Welt macht? Da aber ist von Welt­ge­wandt­heit bald nicht mehr viel zu spü­ren, Dog­ma­tis­mus tritt an ihre Stelle.

Ma spult die bekann­ten For­meln von Har­mo­nie und fried­li­cher Ent­wick­lung, die für Chi­nas Image im Aus­land aus­schlag­ge­bend sein müss­ten, her­un­ter. Im Fall Burma betont er das Prin­zip der Nicht­ein­mi­schung („bei Nach­barn ist das sogar noch wich­ti­ger“), und im Fall Nord­ko­rea wie­der­holt er „die drei Grund­prin­zi­pien“ (1. Nichts unver­sucht las­sen, um Sta­bi­li­tät und Frie­den auf der korea­ni­schen Halb­in­sel zu wah­ren; 2. Ent­nu­kle­a­ri­sie­rung; 3. Lösung des Pro­blems im Rah­men der Sechs-Parteien-Gespräche).

In der Tibet­frage aber ist es mit diplo­ma­ti­scher Rou­tine vor­bei: „Der Dalai-Lama ist doch kein reli­giö­ser Füh­rer, son­dern ein Poli­ti­ker. Der unter­nimmt alles, um in den Schlag­zei­len der Welt­me­dien zu blei­ben und die Bezie­hun­gen Chi­nas zur west­li­chen Welt zu stö­ren“, eröff­net er die Schimpftirade.

„Euro­päer wis­sen zu wenig“

Er wisse schon, sagt Ma, dass es bei vie­len Euro­pä­ern gro­ßes Inter­esse für Tibet und den Bud­dhis­mus sowie viel Sym­pa­thie für den Dalai-Lama gebe. „Aber viele Euro­päer wis­sen von Tibet und sei­ner Geschichte ein­fach zu wenig. Sie ver­schlie­ßen die Augen davor, dass in Tibet vor der Befrei­ung durch die chi­ne­si­sche Volks­be­frei­ungs­ar­mee ein mit­tel­al­ter­li­ches Feu­dal­sys­tem herrschte und der Dalai-Lama an der Spitze die­ses Herr­schafts­sys­tems stand.“ Ohne Blick auf die his­to­ri­schen Tat­sa­chen aber sei es schwie­rig, über die Tibet­frage zu diskutieren.

„Und wie ist das mit der Pres­se­frei­heit in China?“, will ein Kol­lege von Ma wis­sen. „Es gibt keine abso­lute Frei­heit, und auch die Presse steht nicht über dem Recht“, holt Ma aus. Und über­haupt sei gar nicht sicher, ob in ande­ren Län­dern die Medien freier seien als in China. „Tritt Ma vor chi­ne­si­schen Jour­na­lis­ten auch so auf?“, fra­gen wir spä­ter Kol­le­gen. „Bei man­chen sei­ner Ant­wor­ten hät­ten chi­ne­si­sche Jour­na­lis­ten nur laut gelacht“, sagt einer.

BURKHARD BISCHOF

Share:
  • Print
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • email
  • Tumblr
  • Twitter
  • LinkedIn
  • PDF
  • Posterous

Keine Kommentare möglich.