Begegnung in China: Der smarte Herr Ma, der der Welt die Rolle Chinas erklärt
Von TB | 27. Juni 2009 | Kategorie: China | Kommentare deaktiviertDie Presse (A), 25.6.09:
Pekings weltgewandter Außenamtssprecher Ma Zhaoxu wird blitzschnell zum Dogmatiker, wenn es um heikle Themen wie Tibet geht: “Der Dalai-Lama ist doch kein religiöser Führer, sondern ein Politiker”.

„Wir sind Freunde, wir können über alles sprechen“, begrüßt Ma Zhaoxu freundlich die kleine österreichische Journalistengruppe im Außenministerium in Peking. Das protzige Gebäude im Zentrum der Stadt symbolisiert gut Chinas neuen Anspruch auf eine Weltmachtrolle – und der smarte Ma fungiert als Sprachrohr der wiedererwachten, nach außen hin immer selbstbewusster auftretenden Großmacht in Fernost.
Mitte der Achtzigerjahre gewann Ma einen von einer Singapurer TV-Anstalt organisierten Rede– und Diskussionswettbewerb unter asiatischen Studenten, wurde zum „Star“. Danach ging er ins Außenministerium und arbeitete sich zum Generaldirektor der Informationsabteilung und Chefsprecher des chinesischen Außenamtes hoch. Als solcher ist er auch der offizielle Hauptansprechpartner der Korrespondenten in Peking.
Also fragen auch wir ihn gleich direkt. Was kann und will er denn dagegen tun, dass China einerseits wegen seiner atemberaubenden wirtschaftlichen Entwicklung zwar in der ganzen Welt Respekt und Bewunderung erntet; dass aber andererseits die Volksrepublik wegen ihrer Unterstützung für üble Regime wie die nordkoreanische Familiendiktatur oder Burmas Militärjunta und wegen Pekings völlig verkrampftem Umgang mit dem Dalai-Lama ständig negative Schlagzeilen in der Welt macht? Da aber ist von Weltgewandtheit bald nicht mehr viel zu spüren, Dogmatismus tritt an ihre Stelle.
Ma spult die bekannten Formeln von Harmonie und friedlicher Entwicklung, die für Chinas Image im Ausland ausschlaggebend sein müssten, herunter. Im Fall Burma betont er das Prinzip der Nichteinmischung („bei Nachbarn ist das sogar noch wichtiger“), und im Fall Nordkorea wiederholt er „die drei Grundprinzipien“ (1. Nichts unversucht lassen, um Stabilität und Frieden auf der koreanischen Halbinsel zu wahren; 2. Entnuklearisierung; 3. Lösung des Problems im Rahmen der Sechs-Parteien-Gespräche).
In der Tibetfrage aber ist es mit diplomatischer Routine vorbei: „Der Dalai-Lama ist doch kein religiöser Führer, sondern ein Politiker. Der unternimmt alles, um in den Schlagzeilen der Weltmedien zu bleiben und die Beziehungen Chinas zur westlichen Welt zu stören“, eröffnet er die Schimpftirade.
„Europäer wissen zu wenig“
Er wisse schon, sagt Ma, dass es bei vielen Europäern großes Interesse für Tibet und den Buddhismus sowie viel Sympathie für den Dalai-Lama gebe. „Aber viele Europäer wissen von Tibet und seiner Geschichte einfach zu wenig. Sie verschließen die Augen davor, dass in Tibet vor der Befreiung durch die chinesische Volksbefreiungsarmee ein mittelalterliches Feudalsystem herrschte und der Dalai-Lama an der Spitze dieses Herrschaftssystems stand.“ Ohne Blick auf die historischen Tatsachen aber sei es schwierig, über die Tibetfrage zu diskutieren.
„Und wie ist das mit der Pressefreiheit in China?“, will ein Kollege von Ma wissen. „Es gibt keine absolute Freiheit, und auch die Presse steht nicht über dem Recht“, holt Ma aus. Und überhaupt sei gar nicht sicher, ob in anderen Ländern die Medien freier seien als in China. „Tritt Ma vor chinesischen Journalisten auch so auf?“, fragen wir später Kollegen. „Bei manchen seiner Antworten hätten chinesische Journalisten nur laut gelacht“, sagt einer.
BURKHARD BISCHOF



