Presseschau: Anführer der Uiguren sollen hingerichtet werden!

Süd­deut­sche Zei­tung, 8.7.09,  von Tobias Matern

Der Statt­hal­ter Pekings in der Pro­vinz Xin­jiang hat Todes­stra­fen ange­droht: Die Regie­rung werde die uigu­ri­schen Rädels­füh­rer der Unru­hen hin­rich­ten lassen.

Die Ver­ant­wort­li­chen für die Unru­hen in der chi­ne­si­schen Pro­vinz Xin­jiang müs­sen die Todes­strafe fürch­ten. Die Regie­rung werde die uigu­ri­schen Rädels­füh­rer hin­rich­ten las­sen, kün­digte der Chef der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei in Urumqi, Li Zhi, am Mitt­woch an.

Es seien meh­rere Mord­ver­däch­tige fest­ge­nom­men wor­den. Die meis­ten seien Stu­den­ten. Nach Tagen gewalt­sa­mer Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Uigu­ren und Han-Chinesen in der Pro­vinz­haupt­stadt hät­ten die Sicher­heits­kräfte die Situa­tion unter Kontrolle.

Hu reist ab

Wegen der Unru­hen brach der chi­ne­si­sche Staats­prä­si­dent Hu Jin­tao sei­nen Auf­ent­halt beim G-8-Gipfel der Indus­trie­na­tio­nen in Ita­lien ab. “Auf­grund der Ver­schlim­me­rung der Unru­hen hat sich Prä­si­dent Hu Jin­tao ent­schie­den, seine Rück­kehr nach China vor­zu­zie­hen und nicht am G-8-Gipfel teil­zu­neh­men”, sagte ein Spre­cher der Bot­schaft in Rom.

Bun­des­kanz­le­rin Angela Mer­kel hatte am Rande des Gip­fels der größ­ten Indus­trie­na­tio­nen mit Hu über die Unru­hen spre­chen wol­len. Nach offi­zi­el­len Anga­ben wur­den bei den Unru­hen am Wochen­ende 156 Men­schen getö­tet und mehr als tau­send ver­letzt. Peking wirft im Exil leben­den Uigu­ren vor, hin­ter den Aus­schrei­tun­gen zu stecken.

Die Uigu­ren machen dage­gen die chi­ne­si­sche Seite für die Gewalt ver­ant­wort­lich. Der Uigu­ri­sche Welt­kon­gres­ses (WUC) ver­brei­tet, es seien “600 bis 800″ Men­schen gestor­ben. Das sagte der WUC-Vizepräsident Asgar Can am Mitt­woch in Mün­chen. Die Zah­len stützte er auf Berichte von Augen­zeu­gen. Über­prü­fen las­sen sie sich nicht. Die Demons­tran­ten wür­den inzwi­schen auch in ande­ren Tei­len der Pro­vinz auf die Straße gehen, sagte Can.

Der Wes­ten muss sich einmischen

Der WUC-Vizepräsident kri­ti­sierte die Staa­ten­ge­mein­schaft für ihre Zurück­hal­tung im Umgang mit China. Der Wes­ten müsste “seine Wirt­schafts­be­zie­hun­gen zu Peking davon abhän­gig machen, dass die Men­schen­rechte ein­ge­hal­ten wer­den”, for­derte Can. Die in den USA im Exil lebende Uiguren-Führerin Rebiya Kadeer schrieb im Wall Street Jour­nal, es gebe Berichte über mehr als hun­dert Tote in der Stadt Kash­gar. Kadeer sprach sich gegen Gewalt­an­wen­dung auf bei­den Sei­ten aus.

In Urumqi erklärte Bür­ger­meis­ter Jerla Isa­mu­din in einer Fern­seh­an­spra­che, die Lage sei unter Kon­trolle. Zehn­tau­sende schwer bewaff­nete Sicher­heits­kräfte bezo­gen auf einer Haupt­ver­kehrs­straße Stel­lung, und teil­ten die Stadt, in der 2,3 Mil­lio­nen Men­schen leben, fak­tisch zwi­schen Han-Chinesen und Uigu­ren auf. Laut der offi­zi­el­len Nach­rich­ten­agen­tur Xin­hua nahm die Poli­zei mehr als 1400 Men­schen fest. Gepan­zerte Trup­pen­trans­por­ter patrouil­lier­ten im Zen­trum, Hub­schrau­ber kreis­ten darüber.

Repor­ter berich­te­ten jedoch, die Unru­hen dau­er­ten an. Bür­ger errich­te­ten Bar­ri­ka­den. Spre­cher der Uigu­ren beklag­ten sich über Zen­sur. Das Inter­net würde gekappt. Amnesty Inter­na­tio­nal for­derte, unab­hän­gige Beob­ach­ter nach Xin­jiang zu schi­cken. Die Gewalt gilt als Rück­schlag für die chi­ne­si­sche Regie­rung, die zum 60. Jah­res­tag der kom­mu­nis­ti­schen Herr­schaft im Okto­ber das Bild einer “har­mo­ni­schen Gesell­schaft” Chi­nas prä­sen­tie­ren wollte. Zusam­men mit Tibet ist die Pro­vinz Xin­jiang eines der sen­si­bels­ten Gebiete Chi­nas. Die Uigu­ren sind Mus­lime, die meis­ten Ein­woh­ner aber sind von Peking ange­sie­delte Chi­ne­sen. Der Dalai Lama zeigte sich “zutiefst betrübt und besorgt” über die Lage in Xinjiang.

Taz, 8.7.09:  Unbe­kannte Uigu­ren — Im Schat­ten des Dalai Lama

Das Los der Uigu­ren rührt im Wes­ten nur wenige. Wäh­rend die Tibe­ter welt­weit bekannt sind, wis­sen die meis­ten fast nichts über ihre nörd­li­chen Nach­barn. Woran liegt das?

VON MATTHIAS LOHRE

Das Pro­blem fängt schon bei den Namen an. Wie heißt noch mal die chi­ne­si­sche Pro­vinz, in der der­zeit die Unru­hen herr­schen? Und wel­che Schreib­weise ist die rich­tige für die Min­der­heit, um die es dabei geht? Uigu­ren oder Uighu­ren? Wer sind sie, und warum begeh­ren sie auf? Das Bild der Uigu­ren im Wes­ten ist ver­schwom­men. Wäh­rend ihre süd­li­chen Nach­barn mit dem Dalai Lama ein welt­weit bekann­tes Mar­ken­zei­chen haben, lie­gen die Anlie­gen der mus­li­mi­schen Bewoh­ner Xin­jiangs im Dun­keln. Ein Ver­gleich der bei­den “auto­no­men Regio­nen” zeigt, wie viel sie gemein­sam haben — und dass sie Ent­schei­den­des trennt.

Das Schick­sal Tibets und das Xin­jiangs ähneln ein­an­der sehr. Beide Pro­vin­zen sind dünn besie­delt, lie­gen im tie­fen Wes­ten Chi­nas. Ihre Bewoh­ner fürch­ten wegen des geziel­ten und mas­si­ven Zuzugs von Han-Chinesen um ihre kul­tu­relle Eigen­stän­dig­keit. Offi­zi­ell genie­ßen die ins­ge­samt rund 5 Mil­lio­nen Tibe­ter wie die etwa 9 Mil­lio­nen Uigu­ren Vor­teile gegen­über den Han-Chinesen: Als aner­kannte eth­ni­sche Min­der­hei­ten sind sie nicht an die Ein-Kind-Politik gebun­den. Ihre Kul­tur wird offi­zi­ell als schüt­zens­wer­tes Erbe Chi­nas geprie­sen. Tou­ris­mus und Indus­trie brin­gen Geld in den rauen Wes­ten. Dies sind einige der vie­len Par­al­le­len zwi­schen Tibet und Xin­jiang. Doch ihre Wahr­neh­mung im Wes­ten könnte kaum unter­schied­li­cher sein.

Mit dem Dalai Lama hat die Sache der Tibe­ter, die nach mehr Eigen­stän­dig­keit rufen, einen nicht zu über­schät­zen­den Anwalt. Der ewig lächelnde, auf inter­es­sante Art fremd­ar­tig wir­kende 74-Jährige befrie­digt die Sehn­sucht vie­ler West­ler nach einer bewun­derns­wer­ten Auto­ri­tät. Seine Bot­schaf­ten von Fried­fer­tig­keit und Koope­ra­tion kom­men beson­ders gut an in Europa, das sich nach einem Jahr­hun­dert hei­ßer und kal­ter Kriege nach Ruhe sehnt.

Hinzu kommt eine vage Sehn­sucht vie­ler West­ler nach Spi­ri­tua­li­tät, die sie im Bud­dhis­mus fin­den. Und mit dem beein­dru­cken­den Pan­orama des tibe­ti­schen Hoch­lands und der ehe­ma­li­gen Resi­denz des Dalai Lama in Lhasa bie­tet sich ihnen oben­drein eine ein­drück­li­che Sehn­suchts­land­schaft. Kurzum: Fast jeder Euro­päer hat ein Bild Tibets im Kopf, und meist ist es ein positives.

Für die­sen Gefühls­ex­port vie­ler Euro­päer kön­nen die Tibe­ter natür­lich nichts. Doch sor­gen diese Fak­to­ren für eine starke Iden­ti­fi­zie­rung mit der fer­nen Berg­re­gion. Xin­jiang hin­ge­gen fehlt all dies.

Schon oft hat­ten die Uigu­ren Pech. Ein­ge­klemmt zwi­schen mäch­ti­gen Nach­barn, wur­den sie von die­sen als Ver­hand­lungs­masse benutzt. Das kom­mu­nis­ti­sche China nutzt das karge, von Wüs­ten geprägte Land als Puf­fer zwi­schen sich und den Nach­barn Russ­land, Afgha­nis­tan, Pakis­tan und Indien. In den 60er-Jahren zün­de­ten die Chi­ne­sen hier stolz ihre Atom­bom­ben. Heute pro­fi­tiert das 1,3-Milliarden-Land von Xin­jiang als Haupt­an­bau­ge­biet für Baum­wolle und von den Boden­schät­zen. Für wirk­li­che Auto­no­mie in Xin­jiang, der “neuen Grenze”, ist da aus Sicht Bei­jings kein Platz.

Mit­ge­fühl im Wes­ten gibt es für die­ses Dilemma rela­tiv wenig. Ein Auf­schrei blieb aus, als die jahr­hun­der­te­alte Innen­stadt von Kasch­gar, dem reli­giö­sen und kul­tu­rel­len Zen­trum Xin­jiangs, zer­stört wurde. Das liegt zum einen daran, dass es hier­zu­lande an Wis­sen fehlt. Hinzu kom­men wie­der ein­mal welt­po­li­ti­sche Ent­wick­lun­gen, auf die die Uigu­ren kei­nen Ein­fluss haben.

Heute lei­den die Uigu­ren, seit dem 13. Jahr­hun­dert weit­ge­hend mus­li­misch, unter der Furcht vor einem wei­te­ren Erstar­ken des Isla­mis­mus. Nach den Anschlä­gen vom 11. Sep­tem­ber ließ sich Chi­nas Zen­tral­re­gie­rung die Chance nicht ent­ge­hen, den Kampf gegen auf­be­geh­rende Uigu­ren als Schlacht im welt­wei­ten “Krieg gegen den Ter­ror” zu deklarieren.

UNO und USA taten Bei­jing den Gefal­len, die Ost­tur­kes­ta­ni­sche Mus­li­mi­sche Bewe­gung auf die Liste inter­na­tio­na­ler Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen zu setzen.

Chi­nas Regie­rung kann so behaup­ten, bei ihrem Kampf gegen Auf­stän­di­sche in Xin­jiang im Ein­klang mit dem Wes­ten zu han­deln. Zudem wur­den im US-Gefangenenlager Guan­tá­namo auch 22 Uigu­ren festgehalten.

Es sieht nicht gut aus für die Anlie­gen der Uigu­ren. Der Dalai Lama wird heute welt­weit von Regie­rungs– und Staats­chefs zum Besuch emp­fan­gen. 17 der Uigu­ren aus Guan­tá­namo sol­len nach ihrer Frei­las­sung mit Mühe und Not Auf­nahme fin­den im Insel­staat Palau.

Taz, 8.7.09: Por­trait der “Mut­ter der Uiguren”

Pekings Sün­den­bock

Rebiya Kadeer ist Spre­che­rin der Exil-Uiguren. Die neun­fa­che Mut­ter ist skru­pel­lose Geschäfts­frau, war einst Chi­nas Vorzeige-Uigurin. Bis sie in Ungnade fiel. Nun nennt Peking sie “Drahtzieherin”.

VON SVEN HANSEN

BERLIN taz | Für die Regie­rung in Peking ist sofort klar gewe­sen, dass Rebiya Kadeer hin­ter den gewalt­tä­ti­gen Unru­hen in Ürümqi steckt, der Haupt­stadt von Chi­nas Nord­west­pro­vinz Xin­jiang. Denn in der Logik der chi­ne­si­schen Pro­pa­ganda kann so viel Gewalt nur von Außen kom­men. Das war schon im März 2008 bei den Unru­hen in Tibet so, als Peking den Dalai Lama umge­hend zum Allein­ver­ant­wort­li­chen erklärte.

Laut der offi­zi­el­len Nach­rich­ten­agen­tur Xin­hua habe die Poli­zei in den ver­gan­ge­nen Tagen Tele­fon­ge­sprä­che Kade­ers auf­ge­zeich­net, die beleg­ten, dass sie „Draht­zie­he­rin“ der Unru­hen in Ürümqi sei. Ein Kom­men­tar des KP-Blatts Volks­zei­tung ver­gleicht sie mit dem Dalai Lama und nennt sie eine „eiserne Sepa­ra­tis­tin, die gemein­same Sache mit Ter­ro­ris­ten und isla­mi­schen Extre­mis­ten macht, und eine Auf­wieg­le­rin, die unauf­hör­lich ihre Anhän­gern in und außer­halb Chi­nas zur Unruhe anstiftet“.

Die seit 2005 im Exil bei Washing­ton in den USA lebende Kadeer weist die Vor­würfe zurück und sagt, sie habe nur mit ihrem Bru­der in Ürümqi tele­fo­niert und ihn auf­ge­for­dert, zu Hause zu blei­ben. Von so viel Bekannt­heit und Ein­fluss wie dem Dalai Lama kann Kadeer ansons­ten nur träumen.

Zwar wurde sie auch schon vom dama­li­gen US-Präsidenten George W. Bush emp­fan­gen. Aber bis­her war die Prä­si­den­tin des in Mün­chen ansäs­si­gen „Welt­kon­gres­ses der Uigu­ren“ den meis­ten so unbe­kannt wie ihr mus­li­mi­sches Turk­volk im Nord­wes­ten Chi­nas vor dem Ver­such, das US-Gefangenenlager in Guan­tá­namo zu schlie­ßen und dort ein­sit­zende Uigu­ren nicht an Peking auszuliefern.

„Unser Schick­sal ähnelt dem der Tibe­ter – wir wer­den von China auch wie diese behan­delt und gefol­tert“, sagt Kadeer. Öffent­lich tritt die 62-Jährige, die sich selbst „Mut­ter der Uigu­ren“ nennt, meist mit einer Doppa auf. Die tra­di­tio­nelle vier­eckige bestickte Kappe trägt sie über ihren gefloch­te­nen lan­gen Zöpfen.

Chi­nas eins­tige Vorzeige-Uigurin saß selbst fünf­ein­halb Jahre im Gefäng­nis. Auch sie wirft Peking „kul­tu­rel­len Völ­ker­mord“ an ihrer Volks­gruppe vor, wie dies der Dalai Lama im Hin­blick auf die Tibe­ter macht. Kadeer bezif­fert die Uigu­ren mit 20 Mil­lio­nen, China spricht dage­gen von sie­ben Mil­lio­nen. Kadeer nennt ihre Hei­mat, die vier­mal so groß wie Deutsch­land ist, Ostturkestan.

Peking nennt das 1949 annek­tierte Gebiet mit vor­mals wech­sel­haf­tem Sta­tus dage­gen Xin­jiang („Neue Grenze“). Als Tor zu Zen­tral­asien hat es für China gro­ßen stra­te­gi­schen Wert.

„China greift unsere eth­ni­sche Iden­ti­tät an“, sagte Kadeer im April 2008 vor der Presse in Ber­lin. Sie neigt dazu, Worte mit ein­dring­li­chen Arm­be­we­gun­gen zu unter­strei­chen. Sie spricht von Zwangs­um­sied­lun­gen und –assi­mi­la­tio­nen, der Unter­drü­ckung der uigu­ri­schen Spra­che und Kul­tur, Ver­trei­bun­gen und will­kür­li­chen Festnahmen.

„Wir wur­den in unse­rer Hei­mat Bür­ger zwei­ter Klasse.“ Wie in Tibet wür­den auch in ihrer Hei­mat sys­te­ma­tisch Han-Chinesen ange­sie­delt. Die seien inzwi­schen zah­len­mä­ßig stär­ker als die Uiguren.

Neun­fa­che Mut­ter, Eltern Goldsucher

Die mit meh­re­ren Men­schen­rechts­prei­sen aus­ge­zeich­nete und bereits vier­mal für den Frie­dens­no­bel­preis nomi­nierte Kadeer stammt von armen Eltern ab. Die such­ten bei ihrer Geburt im Altay-Gebirge gerade Gold. Mit 15 wird sie an einen wohl­ha­ben­den Uigu­ren verheiratet.

Als sie sich mit 27 schei­den lässt, ist sie bereits sechs­fa­che Mut­ter. Sie eröff­net einen Wasch­sa­lon und beginnt Geschäfte zu machen. 1978 hei­ra­tet sie den uigu­ri­schen Gelehr­ten und Regie­rungs­kri­ti­ker Sidik Rouzi. Mit ihm hat sie drei wei­tere leib­li­che sowie zwei adop­tierte Kinder.

Gewinne ein Uigure in der Bevöl­ke­rung an Ein­fluss, gebe ihm die Regie­rung ein Amt, um Macht über ihn zu gewin­nen und auf ihre Seite zu zie­hen, heisst es in ihrer auf deutsch von Alex­an­dra Cave­lius auf­ge­schrie­be­nen und 2007 ver­öf­fent­lich­ten Auto­bio­gra­fie „Die Him­mels­stür­me­rin“ (Heyne-Verlag, Mün­chen) über ihre Erfah­run­gen. So wurde Kadeer 1992 Dele­gierte des Natio­na­len Volks­kon­gres­ses in Peking, des Schein­par­la­ments. 1995 gehört sie Chi­nas offi­zi­el­ler Dele­ga­tion der Welt­frau­en­kon­fe­renz in Peking an.

Skru­pel­lose Geschäftsfrau

Als Geschäfts­frau fei­erte Kadeer Erfolge. Skru­pel­los nutzte sie die Umbrü­che in China und Zen­tral­asien aus. In Ürümqi eröff­net sie einen Markt und 1992 das erste Kauf­haus über­haupt. Sie wird Chi­nas reichste Frau. In ihrer Bio­gra­fie räumt sie offen die Betei­li­gung an der gän­gi­gen Kor­rup­tion ein. Den ange­häuf­ten Reich­tum recht­fer­tigt sie damit, dass sie nur so etwas für ihr Volk habe tun kön­nen. So initi­iert sie die „Tausend-Mütter-Bewegung“, die Uigu­rin­nen zu selbst­be­wuss­ten Geschäfts­frauen ausbildet.

Doch als Kadeer 1997 vor dem Volks­kon­gress die Zustände in ihrer Hei­mat kri­ti­siert, fällt sie in Ungnade. Bald ver­liert sie alle Ämter und ihren Reich­tum. Im August 1999 wird sie ver­haf­tet. Sie wollte ihrem inzwi­schen im US-Exil leben­den Mann Mate­rial über Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen zuschi­cken. Wegen „Ver­rats von Staats­ge­heim­nis­sen“ wird sie zu acht Jah­ren Gefäng­nis verurteilt.

„In den ers­ten Mona­ten im Gefäng­nis ver­misste ich mit jeder Faser mei­nes Kör­pers meine Fami­lie und meine Freunde. Nach Mona­ten der Ein­zel­haft sehnte ich mir nur noch nach der Nähe mei­ner irgend­ei­nes ande­ren Men­schen, und ich hoffte sogar: ‘Viel­leicht kommt jemand, um mich zu ver­hö­ren’“, schreibt sie. Auf­grund inter­na­tio­na­len Drucks kommt sie im März 2005 frei. Kadeer darf schließ­lich in die USA zu ihrem Mann ausreisen.

Seit Novem­ber 2006 führt sie, was für eine Frau in der män­ner­do­mi­nier­ten uigu­ri­schen Gesell­schaft unge­wöhn­lich ist, die Exil­ver­ei­ni­gung der Uigu­ren. „Sie hat die Posi­tion wegen ihres hohen Anse­hens“, sagt Ulrich Delius von der Gesell­schaft für bedroht Völ­ker. „Sie ist ein Aus­hän­ge­schild, das ver­steht zu gewinnen.“

Er hat Kadeer mehr­fach bei Besu­chen in Deutsch­land betreut. Aus Rache für ihre Exil­ak­ti­vi­tä­ten hat Peking zwei ihrer in China ver­blie­be­nen Söhne zu neun und sie­ben Jahre Haft ver­ur­tei­len las­sen. Laut Delius müsse sie des­halb immer wie­der abwä­gen, wie­weit sie in ihrer Kri­tik an Chi­nas Regie­rung gehen kann.

Aus Sicht Pekings ver­kör­pert Kadeer „die drei Übel“: Sepa­ra­tis­mus, Isla­mis­mus und Ter­ro­ris­mus. Seit den Ter­ror­an­schlä­gen vom 11. Sep­tem­ber 2001 in New York und Washing­ton dif­fa­miert Peking Uigu­ren, die sich für ihre Rechte ein­set­zen, pau­schal als Ter­ro­ris­ten. Dabei hel­fen ver­ein­zelte Ver­bin­dun­gen von Uigu­ren zu Isla­mis­ten in Zen­tral­asien, Afgha­nis­tan und Pakistan.

Die größ­ten Ver­lie­rer des 11. September

„Wir Uigu­ren zäh­len zu den größ­ten Ver­lie­rern des 11. Sep­tem­ber“, meint Kadeer. Denn heute wende die Regie­rung in Peking gegen die Uigu­ren Sicher­heits­ge­setze an, die sie frü­her nicht getraut hätte in Kraft zu setzen.

Kämpft Kadeer für ein unab­hän­gi­ges Ost­tur­kes­tan? Sie wolle die Selbst­be­stim­mung ihres Vol­kes, sagt sie aus­wei­chend. „Der Dalai Lama hat gesagt, er ist mit Auto­no­mie ein­ver­stan­den. Trotz­dem wer­den die Tibe­ter wei­ter unter­drückt, und der Dalai Lama wird wei­ter von Peking als Feind betrach­tet. Des­halb kämpfe ich nicht für Auto­no­mie oder Unab­hän­gig­keit, son­dern für die Men­schen­rechte der Uiguren.“

Über den künf­ti­gen Sta­tus ihrer Hei­mat könn­ten die Uigu­ren erst ent­schei­den, wenn die Vor­aus­set­zun­gen für eine freie Wahl geschaf­fen seien. Hin­weise auf ein poli­ti­sches Pro­gramm fin­den sich in ihrer stel­len­weise sehr pathe­ti­schen Auto­bio­gra­fie nicht. „Ihre Schwä­che ist sicher das ana­ly­ti­sche Ele­ment“, sagt Delius. „Sie ist keine Politologin.“

Die bis­her nicht beleg­ten Vor­würfe Pekings gegen Kadeer dürf­ten jetzt ihre inter­na­tio­nale Bekannt­heit mas­siv för­dern und damit auch ihren Ein­fluss, zumin­dest im Exil.

Taz, 7.7.09:   Ohne Auto­no­mie keine Lösung

Die Lage nach den Uiguren-Unruhen erin­nert an das Tibet-Drama im Olympia-Jahr

KOMMENTAR VON SVEN HANSEN

Chi­nas Staats– und Par­tei­chef Hu Jin­tao wird sich als Gast des G-8-Gipfels sicher andere Bil­der aus sei­ner Hei­mat wün­schen als die von eth­ni­scher Gewalt in Ürümqi. Nicht zuletzt der Auf­stieg Chi­nas ist ein Grund dafür, warum der G-8-Gipfel einer der letz­ten in die­ser Kon­stel­la­tion sein und durch ein Tref­fen der G 20 ersetzt wer­den dürfte. Wie 2008 vor den Olym­pi­schen Spie­len, als Peking bei sei­ner Reak­tion auf die Unru­hen in Tibet die Wir­kung nach innen und außen abwä­gen musste, hat Hu in LAquila eine Grat­wan­de­rung vor sich. Man wird ihn auf die Lage der Uigu­ren anspre­chen. Hu aber muss seine Worte mit Blick auf deren Wir­kung in der Hei­mat wählen.

2008 hat­ten die Unru­hen in Tibet und ihre Unter­drü­ckung in China und außer­halb Chi­nas kon­träre Reak­tio­nen aus­ge­löst. Inter­na­tio­nal beschä­digte Chi­nas Umgang mit den Tibe­tern sei­nen Ruf, wäh­rend sich innen­po­li­tisch die KP-Führung sel­ten auf einen so star­ken Kon­sens auch mit ihren Kri­ti­kern beru­fen konnte. Die jah­re­lang mit natio­na­lis­ti­scher Pro­pa­ganda gefüt­ter­ten Chi­ne­sen erboste vor allem, dass die anti­chi­ne­si­sche Gewalt der Tibe­ter im Aus­land nicht kri­ti­siert und China vor allem durch west­li­che Medien zum Allein­schul­di­gen gemacht wurde. Umge­kehrt ver­stand die Welt nicht, dass Peking — die dekla­rierte Auto­no­mie Tibets sowieso nie ernst­neh­mend — das Schei­tern sei­ner Poli­tik nicht sehen wollte, son­dern den har­ten Kurs unbe­irrt fortsetzte.

Das gegen­sei­tige Unver­ständ­nis zeigt sich auch jetzt im Falle der Uigu­ren und wird ihnen so wenig hel­fen wie vor einem Jahr den Tibe­tern. Pekings neue Medi­en­st­ra­te­gie, aus­län­di­sche Kor­re­spon­den­ten nach Ürümqi ein­zu­la­den, ist nicht mit Pres­se­frei­heit zu ver­wech­seln, zeigt aber, dass Peking sich um sein inter­na­tio­na­les Image sorgt. In Ürümqi rea­gie­ren die über­le­ge­nen Han-Chinesen mit anti-uigurischer Gewalt. Bei einer wei­te­ren Eska­la­tion würde sich Pekings poli­ti­sches Schei­tern voll­ends zeigen.

Um die jahr­zehn­te­al­ten Kon­flikte in Tibet und Xin­jiang zu lösen, braucht es nicht nur eine andere inter­na­tio­nale Medi­en­po­li­tik, son­dern echte Auto­no­mie. Dazu ist aber die KP, die auch keine Auto­no­mie für chi­ne­si­sche Orga­ni­sa­tio­nen kennt, nicht in der Lage. Solange sie an der Macht ist und ein Natio­na­lis­mus domi­niert, der einen Aus­gleich mit Uigu­ren und Tibe­tern nicht zulässt, wird es immer wie­der zu Gewalt kom­men. Das sollte Hu in LAquila klar­ge­macht werden.

Rhei­ni­scher Mer­kur, 9.7.09:  Lau­ter Vulkanausbrüche

Die gewalt­sa­men Zusam­men­stöße zwi­schen Uigu­ren und Han-Chinesen in Xin­jiang sind kein iso­lier­tes Ereig­nis. Das ganze Land wird von sozia­len Unru­hen erschüttert

VON JOHNNY ERLING, PEKING

In gro­ßen Pekin­ger Par­tei­ver­la­gen wer­den seit Früh­jahr unge­wöhn­li­che Schu­lungs­ma­te­ria­lien in hohen Auf­la­gen gedruckt. Die Bände für Hun­dert­tau­sende Beamte aus Par­tei und Regie­rung tra­gen tro­ckene Über­schrif­ten zu einem Thema, mit dem KP-Führer wenig Erfah­rung haben: „Wie gehe ich mit spon­ta­nen Zwi­schen­fäl­len har­mo­nisch um?“ Oder: „Wie beuge ich Mas­sen­pro­tes­ten vor?“
Für das sozia­lis­ti­sche Selbst­ver­ständ­nis Chi­nas bedeu­tet das eine kleine Revo­lu­tion. Wie bit­ter nötig sie das Land hat, zei­gen die Bil­der aus Ürümqi, der Haupt­stadt der Nord­west­pro­vinz Xin­jiang. Uigu­ren und Han-Chinesen haben sich mit Eisen­stan­gen und Äxten bewaff­net, gehen bru­tal auf­ein­an­der los. Die Poli­zei setzt Was­ser­wer­fer ein, gerät aber schnell in die Defen­sive. Einige Beamte sol­len gezielt in die Menge geschos­sen haben. Allein am Sonn­tag kamen nach offi­zi­el­len Anga­ben 156 Men­schen ums Leben, 1080 wur­den verletzt.

Kein Tag ver­geht in China, an dem es nicht irgendwo zu klei­ne­ren oder grö­ße­ren Unru­hen kommt. Sie ent­zün­den sich am Land­raub unter den Bau­ern, an unge­woll­ten Che­mie­an­la­gen oder Rie­sen­stau­däm­men, an der betrü­ge­ri­schen Pleite eines gro­ßen Wer­kes, das Tau­sende arbeits­los macht, an Flüs­sen, deren ver­gif­te­tes Was­ser Krebs­er­kran­kun­gen ver­ur­sacht. Beim ver­hee­ren­den Sichua­ner Erd­be­ben vor kaum einem Jahr star­ben mehr als zehn­tau­send Kin­der, weil ihre Schu­len wegen Pfuschs am Bau ein­stürz­ten. Die Eltern wol­len zum Pro­test nach Peking mar­schie­ren. In Schang­hai stürzte gerade ein Neubau-Wohnblock um wie ein Kar­ten­haus. Die Mie­ter im Vier­tel toben aus Angst und Wut.

Unmut der Provinz

Jahr­zehn­te­lang funk­tio­nierte Chi­nas Poli­tik nach der Devise Deng Xia­o­pings, des ers­ten Refor­mers nach Maos Tod. Für Deng hatte die Sta­bi­li­tät des Lan­des Vor­rang vor allen ande­ren Erwä­gun­gen. Doch seine her­ri­schen Ent­schei­dun­gen mögen in eine Zeit gepasst haben, in der China noch eine halb­wegs funk­tio­nie­rende Kom­man­do­wirt­schaft war. Mitt­ler­weile sind andere Töne gefragt: „Dia­log ist heute das Motto der Zeit“, um Inter­es­sen­kon­flikte zu lösen, kom­men­tierte diese Woche die neue Wochen­zei­tung „Shi­dai Zhoubao“ („Time Weekly“). Peking hat 30 000 Kreis­funk­tio­nä­ren den Marsch­be­fehl erteilt, sich in den Par­tei­hoch­schu­len der Metro­po­len auf den Umgang mit plötz­lich auf­tre­ten­den Pro­ble­men trai­nie­ren zu las­sen, vor allem, wie man sie deeskaliert.

Im tie­fen Hin­ter­land ist jedoch alles beim Alten geblie­ben. Gerade dort hat sich viel Unmut ange­staut, beson­ders bei Min­der­hei­ten, die jahr­zehn­te­lang gegen­über Han-Chinesen benach­tei­ligt wor­den sind. Die KP-Eliten in Tibet oder Xin­jiang set­zen nicht nur auf wirt­schaft­li­che Moder­ni­sie­rung, son­dern auch auf Gewalt und Unter­drü­ckung, um Hin­der­nisse aus dem Weg zu räu­men. Das ging gut, solange es das welt­ver­bin­dende Inter­net noch nicht gab.

Wie ant­ago­nis­tisch Pekings Statt­hal­ter in der Pro­vinz mit men­schen­ver­ach­ten­der Spra­che und Tat auf Kri­sen rea­gie­ren, erfuhr die Außen­welt zuerst im März 2008 durch die Tra­gö­die in Tibet. Schein­bar über Nacht schien sich dort die Wut der Straße zu ent­la­den. Ein joh­len­der tibe­ti­scher Mob zog durch Lhasa und fiel mit Knüp­peln, Stei­nen und pri­mi­ti­ven Brand­bom­ben über Chi­ne­sen und ihre Läden her. Die Funk­tio­näre in der Pro­vinz ver­sag­ten bei der Dees­ka­la­tion eines Kon­flikts – was auch an Peking selbst liegt, das nicht zum Dia­log mit dem Dalai Lama bereit ist. Tibets KP-Chef Zhang Qingli denun­zierte das im Exil lebende Ober­haupt der Tibe­ter als Anstif­ter und „Teu­fel in Mönchsrobe“.

Frap­pie­rend ist die Ähnlich­keit, mit der sich die Ereig­nisse in Xin­jiang wie­der­ho­len, nur noch gewalt­tä­ti­ger. Es ist in kur­zem Abstand die zweite große Tra­gö­die in Chi­nas Min­der­hei­ten­po­li­tik. Seit Mao 1949 den Nord­wes­ten „befreite“ und sich sechs Jahre spä­ter China ein­ver­leibte, ist die „auto­nome Region“ ein gären­der eth­ni­scher Kon­flikt­herd. Knapp die Hälfte der 21 Mil­lio­nen Ein­woh­ner sind Uigu­ren. Sie trifft die Zuwan­de­rung von Han-Chinesen stär­ker als die Tibe­ter, die erst seit dem Bau der neuen Tibet-Eisenbahn ihre Mar­gi­na­li­sie­rung erle­ben. Die Gren­zen zu Zen­tral­asien und die Nähe zum mus­li­mi­schen Fun­da­men­ta­lis­mus (in Pakis­tan und Afgha­nis­tan) machen Xin­jiang außer­dem beson­ders anfäl­lig für den Ein­fluss der Nach­barn. Vor allem fürch­tet Peking das Ein­drin­gen ter­ro­ris­ti­scher und sepa­ra­tis­ti­scher Grup­pen, die mit einem Teil der Uigu­ren für die Wie­der­ge­burt eines unab­hän­gi­gen Ost­tur­kes­tans kämpfen.

Gefähr­li­cher Übergang

Ent­zün­det haben sich die Unru­hen am ver­gan­ge­nen Sonn­tag jedoch an einem haus­ge­mach­ten Pro­blem – dem blu­ti­gen Überg­riff von Han-Chinesen auf uigu­ri­sche Wan­der­ar­bei­ter in einer süd­chi­ne­si­schen Fabrik. Der Auf­ruhr brach zudem erst aus, als die Behör­den einen Soli­da­ri­täts­pro­test von 200 Uigu­ren in Urumqi mit bra­chia­ler Gewalt auf­lös­ten. In eini­gen Stadt­tei­len kam es zu pogro­m­ar­ti­gen Aus­schrei­tun­gen gegen Han-Chinesen.

Die Par­tei­füh­rung in Xin­jiang rea­gierte auf die Kata­stro­phe wie die Genos­sen in Tibet. Polit­bü­ro­mit­glied Wang Lequan, zugleich Par­tei­chef der Pro­vinz, machte den Welt­kon­gress der Exilu­i­gu­ren und ihre im Aus­land lebende Prä­si­den­tin Rebiya Kadeer ver­ant­wort­lich. Er pro­pa­gierte einen „Kampf auf Leben oder Tod“ um die „Ein­heit Chi­nas“ und ver­langte, der Staats­fein­din Kadeer „die Haut abzu­zie­hen“, um ihr „wah­res Gesicht“ zu entlarven.

Der in Peking lebende Kri­ti­ker der chi­ne­si­schen Min­der­hei­ten­po­li­tik, Wang Lixiong, sieht nun den Hass der Uigu­ren wei­ter wach­sen. Staat und Gesell­schaft befän­den sich heute im wirt­schaft­li­chen, poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Übergang. Doch der sei zugleich die „gefähr­lichste Zeit“ für ein Regime, das nur mit alten Metho­den und in alter Weise seine Herr­schaft aus­übe. Tibet und Xin­jiang blei­ben Zeit­bom­ben – und kön­nen jeder­zeit auch Unru­hen andern­orts im Land auslösen.

Süd­deut­sche Zei­tung, 7.7.09:  Kolo­nia­lis­ten im eige­nen Land — Warum fällt der chi­ne­si­schen KP als Reak­tion auf das Stre­ben nach Auto­no­mie immer nur Gewalt ein? Von Kai Stritt­mat­ter
China ist ein Viel­völ­ker­staat, das Land selbst erkennt 55 eth­ni­sche Min­der­hei­ten an. Doch anders als in der ehe­ma­li­gen Sowjet­union machen diese gerade mal acht Pro­zent der Bevöl­ke­rung aus. Die Han-Chinesen stel­len in fast allen Pro­vin­zen die erdrü­ckende Mehr­heit — außer in Tibet und in Xin­jiang. Doch auch dort haben Chi­ne­sen die Macht fest im Griff. “Auto­nom” sind diese Regio­nen nur dem Namen nach.

Die Gou­ver­neure dort mögen Tibe­ter oder Uigu­ren sein, die Par­tei­se­kre­täre aber sind immer Han-Chinesen, und sie haben das Sagen. In den Schu­len wird den Kin­dern die “natio­nale Ein­heit” ein­ge­bläut. Die Zur­schau­stel­lung eth­ni­scher Iden­ti­tät dul­det Peking nur als Kar­ne­val: Beim Natio­na­len Volks­kon­gress zum Bei­spiel wird es von den Abge­ord­ne­ten aus Lhasa oder Urumqi gera­dezu erwar­tet, dass sie in far­ben­fro­her Tracht auf­lau­fen, um als Jubel­ti­be­ter und Klatschu­i­gu­ren den Par­tei­füh­rern ihre Hul­di­gung zu erweisen.

Nach blu­ti­gen Unru­hen stellt sich immer wie­der die eine Frage: Warum hat die KP sol­che Pro­bleme mit wirk­li­cher Auto­no­mie? Warum fällt ihr als Reak­tion immer nur Gewalt ein?

Zum einen lässt sich das mit dem poli­ti­schen Sys­tem erklä­ren. China ist eine Einparteien-Diktatur. Wie alle Dik­ta­tu­ren ver­sucht das Sys­tem, alle Macht im Zen­trum zu ver­ei­nen, und rea­giert para­noid auf jede ver­meint­li­che Herausforderung.

Die KP wünscht auch unter Han-Chinesen kei­nen Plu­ra­lis­mus. “Die natür­li­che Folge des feh­len­den Respekts vor den Rech­ten des Indi­vi­du­ums ist die Respekt­lo­sig­keit vor den Rech­ten der Min­der­hei­ten”, schrieb 2008, nach der Gewalt in Tibet, eine chi­ne­si­sche Bloggerin.

Bei Tibe­tern und Uigu­ren kommt hinzu: Beide Völ­ker sind in der Reli­gion ver­wur­zelt, im Bud­dhis­mus die einen, im Islam die ande­ren. Vom Gebet zur “ille­ga­len reli­giö­sen Akti­vi­tät” aber ist es in China nur ein klei­ner Schritt. Und Letz­tere ist für die Behör­den oft syn­onym mit “Sepe­ra­tis­mus” und “Terrorismus”.

Auch der Han-Chauvinismus ist eine Erklä­rung für das, was nun geschieht. Chi­ne­sen hiel­ten ihr Land immer für das Zen­trum der Zivi­li­sa­tion und fan­den es nur natür­lich, dass selbst mili­tä­risch stär­kere Erobe­rer — Mon­go­len und Man­dschu­ren zum Bei­spiel — von ihrer über­le­ge­nen Kul­tur geschluckt und assi­mi­liert wur­den. Auch heute gel­ten vie­len Chi­ne­sen Völ­ker wie Tibe­ter und Uigu­ren als rück­stän­dig, schmut­zig, aber­gläu­big und undankbar.

Das führt zu einer “kolo­nia­len Atti­tüde”, wie sie der chi­ne­si­sche Autor Wang Lixiong in sei­nem Buch über das “Xinjiang-Problem” fest­stellt: einem Sys­tem, das nichts dabei fin­det, wenn her­bei­s­trö­mende Han-Siedler die bes­se­ren Jobs und die bes­se­ren Woh­nun­gen zuge­schanzt bekom­men, wäh­rend gleich­zei­tig die Roh­stoff­reich­tü­mer von Xin­jiang in den Wes­ten abtrans­por­tiert werden.

Ange­hö­rige von Min­der­hei­ten kla­gen seit Jah­ren, dass mit dem Anhei­zen eines groß­chi­ne­si­schen Natio­na­lis­mus durch die KP auch der Han-Chauvinismus spür­bar zunehme. Die Uigu­ren bekla­gen als jüngs­ten Fre­vel den Abriss der Alt­stadt von Kasch­gar. Die Chi­ne­sen nen­nen es “Stadt­er­neue­rung”, aber es ist kein Geheim­nis, dass für Poli­zei und Armee die Alt­stadt zu müh­sam zu über­wa­chen war.

Eine wei­tere Erklä­rung für die Reak­tion der KP ist die stra­te­gi­sche Lage der Pro­vin­zen: Tibet und Xin­jiang erstre­cken sich über rie­sige Gebiete an Chi­nas Flan­ken. Das chi­ne­si­sche Reich hat diese Gebiete einst zu sei­nem eige­nen Schutz besetzt, und die Regie­rung heute glaubt aus dem glei­chen Grund, dort nicht die geringste Schwä­che zei­gen zu dür­fen. Auch des­halb schickt Peking Sied­ler dort­hin: um die Han-Chinesen zur Mehr­heit zu machen. In Xin­jiang, wo Han-Chinesen 1950 nur fünf Pro­zent stell­ten, sind es heute schon 45 Prozent.

Hinzu kommt die Angst Pekings vor einer Wirt­schafts­krise. Und die amt­li­che Nach­rich­ten­agen­tur Xin­hua befürch­tete unlängst, 2009 könne das Jahr der “Wider­sprü­che und Kon­flikte” über­all im Land werden.

Finan­cial Times, 7.7.09: Ver­fol­ger im Verfolgungswahn

Die chi­ne­si­sche Regie­rung befin­det sich gerade auf dem bes­ten Wege, das Sze­na­rio her­bei­zu­füh­ren, wel­ches sie am meis­ten fürch­tet: dass Abspal­tungs­ten­den­zen in den Rand­re­gio­nen des Lan­des zu Mas­sen­be­we­gun­gen wer­den, die den Viel­völ­ker­staat in sei­ner Exis­tenz bedro­hen. Von außen kann man der­zeit nur schwer beur­tei­len, wer oder was für die Unru­hen in der Pro­vinz Xin­jiang im Ein­zel­nen ver­ant­wort­lich war. Eines aber steht fest: Die chi­ne­si­schen Sicher­heits­kräfte haben auf die Demons­tra­tio­nen von Zivi­lis­ten unnö­tig bru­tal rea­giert. Und lei­der ist es der Nor­mal­fall, dass die poli­ti­sche Füh­rung gera­dezu hys­te­risch gegen alles vor­geht, was in ihrer Wahr­neh­mung die Sou­ve­rä­ni­tät des Lan­des bedroht.

Auf­stände an den Rand­zo­nen sind für das Rie­sen­reich eine reale Bedro­hung, des­halb ver­sucht das Regime, jeg­li­che Form der Auf­leh­nung im Keim zu ersti­cken. Die bit­tere Iro­nie dabei ist, dass es eine echte, breite Unab­hän­gig­keits­be­we­gung so erst schaf­fen könnte. Das zei­gen Ent­wick­lun­gen im mus­li­misch gepräg­ten Xin­jiang ebenso wie in Tibet, auch wenn die Aus­gangs­lage in vie­ler Hin­sicht jeweils eine andere ist.

Tat­säch­lich gibt es Uigu­ren, die von einem unab­hän­gi­gen ‘EUR Ost­tur­kes­tan’ träu­men, das weite Teile Zen­tral­asi­ens umfas­sen würde. Ter­ro­ris­ten haben Anschläge ver­übt, und es gibt ver­mut­lich Ver­bin­dun­gen zur Ter­ror­or­ga­ni­sa­tion al-Kaida. Ebenso wie in Tibet geht es jedoch einem Groß­teil der Bevöl­ke­rung zunächst ein­mal darum, im all­täg­li­chen Leben von der Zen­tral­re­gie­rung in Peking mög­lichst wenig behel­ligt zu wer­den. Der Durch­schnitt­su­i­gure kann bis­lang nicht unter Gene­ral­ver­dacht gestellt wer­den, einer sepa­ra­tis­ti­schen Bewe­gung anzuhängen.

Seit Jah­ren tut Peking aller­dings alles dafür, dass sich das ändert. Die Zen­tral­re­gie­rung schränkt die Reli­gi­ons­frei­heit mas­siv ein und benach­tei­ligt die mus­li­mi­sche Bevöl­ke­rung wirt­schaft­lich. Sie bil­ligt offen­bar will­kür­li­che Gewalt­akte von Han-Chinesen gegen Uigu­ren, wie sich im Vor­feld der aktu­el­len Unru­hen gezeigt hat — um dann Pro­teste dage­gen nie­der­zu­schie­ßen. Selbst in Tibet, das noch nach Jahr­zehn­ten der Unter­drü­ckung offi­zi­ell der Gewalt­frei­heit anhängt, hat sich ein Teil der Bevöl­ke­rung radi­ka­li­siert, vor allem unter den Jün­ge­ren. Die Ver­schwö­run­gen, die die Zen­tral­re­gie­rung hin­ter jedem Pro­test wit­tert, beschwört sie selbst herauf.

Die Presse (A), 7.7.09: Pekings Pro­blem mit Minderheiten

BURKHARD BISCHOF (Die Presse)

Das Auf­fla­ckern von Auf­stän­den in den gro­ßen Rand­pro­vin­zen sollte Chi­nas Füh­rung dazu brin­gen, ihre Min­der­hei­ten­po­li­tik zu überdenken.

China hat ein Min­der­hei­ten­pro­blem, sogar ein gewal­ti­ges. In immer kür­ze­ren Abstän­den wird das offi­zi­ell gezeich­nete Bild einer „har­mo­ni­schen Gesell­schaft“ Lügen gestraft – durch Bil­der, wie wild gewor­dene Tibe­ter Geschäfte von Han-Chinesen zer­stö­ren (im März 2008), oder jetzt durch Bil­der, wie wütende Uigu­ren chi­ne­si­sche Poli­zei­au­tos umwer­fen und auf Han-Chinesen ein­ste­chen. Dann tre­ten die chi­ne­si­schen Sicher­heits­kräfte auf und sor­gen mit bra­chia­ler Gewalt wie­der für Ruhe.

Ruhe halt bis zur nächs­ten Explo­sion. Denn mit Repres­sion ist das Grund­pro­blem der chi­ne­si­schen Min­der­hei­ten­po­li­tik nicht dau­er­haft zu lösen. Es ist nicht so, dass Peking nichts für seine gro­ßen Rand­pro­vin­zen Tibet und Xin­jiang tut, im Gegen­teil: Es flie­ßen viele Mit­tel aus der Zen­trale. Aber Peking glaubt, mit einer for­cier­ten Moder­ni­sie­rung das Wohl­wol­len von Tibe­tern, Uigu­ren und ande­ren Min­der­hei­ten im Land gleich­sam erkau­fen zu können.

Nur, diese Min­der­hei­ten ticken kul­tu­rell, reli­giös, gesell­schaft­lich oft völ­lig anders und füh­len sich durch die von Peking geför­der­ten Ein­wan­de­rungs­wel­len von Han-Chinesen zuneh­mend ent­frem­det und ent­mün­digt. Des­halb wen­den sie sich auch ver­mehrt radi­ka­len Heils­ver­kün­dern zu. Peking muss des­halb end­lich seine Min­der­hei­ten­po­li­tik einer Revi­sion unter­zie­hen. Sonst wird das Fla­ckern in Tibet und Xin­jiang zum Dauerfeuer.

Han­dels­blatt, 7.7.09: Unru­hen in China

China: Kra­wall statt Harmonie

von Andreas Hoffbauer

Vor gut einem Jahr roll­ten die Pan­zer durch Lhasa, am ver­gan­ge­nen Sonn­tag brann­ten Autos und Geschäfte in Urumqi. China kommt nicht zur Ruhe. Und wenn die Zahl der Opfer ein Grad­mes­ser für die innere Befind­lich­keit der neuen, strah­len­den Wirt­schafts­macht ist, dann sieht es nicht wirk­lich gut aus um das große Reich der Mitte. Zumin­dest hat die Gewalt­be­reit­schaft deut­lich zuge­nom­men: 140 Tote und mehr als 800 Ver­letzte wer­den von den Stra­ßen­schlach­ten zwi­schen Uigu­ren und Sicher­heits­kräf­ten aus der nord­west­li­chen Pro­vinz Xin­jiang gemeldet.

Der Schre­cken ist noch lange nicht vor­bei. In den kom­men­den Tagen dürf­ten viele Men­schen vor Ort bei Raz­zien aus ihren Häu­sern geholt, ver­schleppt und ver­ur­teilt wer­den. In Tibet sind Dut­zende von Demons­tran­ten wegen der anti­chi­ne­si­schen Pro­teste zu lan­gen Haft­stra­fen ver­ur­teilt wor­den. Ähnli­ches wer­den wir nun in Xin­jiang erle­ben. Doch damit dreht sich die Spi­rale der Wut immer wei­ter. Diese Logik muss unter­bro­chen wer­den, soll es in China nicht zu einer mas­si­ven Eska­la­tion kom­men. Denn längst sind auch Han-Chinesen die Opfer: In Lhasa wie in Urumqi ent­lud sich auf den Stra­ßen zunächst gegen sie eine Welle der Gewalt. Bis Poli­zei und Mili­tär anrückten.

Die ewi­gen Schuld­zu­wei­sun­gen haben den Tibet-Konflikt ver­här­tet. Und sie hel­fen auch jetzt beim Uiguren-Zoff nicht wei­ter. Das Grund­pro­blem ist, dass Peking den Umgang mit sei­nen eth­ni­schen Min­der­hei­ten nie als poli­ti­sches Pro­blem akzep­tiert hat. Viel zu wenig und nicht ernst­haft hat Peking bis­lang den Dia­log gesucht, um gemein­same Wege zu fin­den. Neue Stra­ßen, schöne Geschäfte, moderne Woh­nun­gen, bunte Trach­ten und Volks­tänze — das reicht nicht aus, eine erfolg­rei­che Inte­gra­ti­ons­po­li­tik umzusetzen.

Und so belegt die grau­same Bilanz von Urumqi nur erneut, wie fra­gil die starke Super­macht China in Wirk­lich­keit ist. Plötz­lich wird deut­lich, dass der Begriff von der “har­mo­ni­schen Gesell­schaft”, den die Füh­rung in Peking in jeder Rede über­stra­pa­ziert, nicht mehr als eine Wort­hülse der Par­tei­pro­pa­ganda ist. In Wirk­lich­keit zie­hen sich tiefe Risse durch das Reich, bro­delt es über­all. Wie schon bei den Unru­hen in Lhasa kann sich in Stun­den eine Gewalt ent­la­den, die nicht so ein­fach mit eini­gen loka­len Extre­mis­ten zu erklä­ren ist. Doch Peking rea­giert auch nach Urumqi mit dem alten Reflex: Die Gewalt wird nicht selbst­kri­tisch ana­ly­siert, son­dern sofort als vom Aus­land gesteu­ert verteufelt.

Doch die extrem gewalt­be­rei­ten jun­gen Men­schen in Lhasa und Urumqi wur­den nicht von bösen Mäch­ten aus dem Aus­land groß­ge­zo­gen. Sie sind das Ergeb­nis der Pekin­ger Poli­tik, die es über Jahre ver­passt hat, für die Min­der­hei­ten in China eine echte poli­ti­sche Lösung zu finden.

Spie­gel, 6.7.09:  Peking wirft Exil-Uiguren Ver­schwö­rung vor

Die Regie­rung in China bangt um die Sta­bi­li­tät im Land: Neue Unru­hen mit min­des­tens 140 Toten zei­gen, wie ange­spannt und gefähr­lich die Lage am mus­li­mi­schen Rand des Rie­sen­reichs ist. Peking hat schon einen Sün­den­bock gefun­den — und beschul­digt Exil-Uiguren, die im Wes­ten Asyl gefun­den haben.

Peking — Bil­der aus Ürümqi zei­gen blu­tende Men­schen, bren­nende Autos: Min­des­tens 140 Men­schen star­ben offi­zi­el­len Anga­ben zufolge bei Unru­hen am Sonn­tag in der nord­west­chi­ne­si­schen Pro­vinz Xin­jiang, mehr als 800 wur­den dem­nach verletzt.

Warum so viele Men­schen ums Leben gekom­men sind, ist bis­lang unklar. Auch gibt es noch keine Anga­ben dar­über, wie viele Uigu­ren und wie­viele Han-Chinesen unter den Toten sind.

Die Berichte über die Ursa­che des Blut­bads wider­spre­chen sich: Staat­li­chen Medien zufolge haben uigu­ri­sche Demons­tran­ten Pas­san­ten ange­grif­fen, Autos in Brand gesetzt, Bar­ri­ka­den errich­tet. Nach Anga­ben der chi­ne­si­schen Behör­den wur­den 260 Autos zer­trüm­mert oder in Brand gesetzt, 203 Häu­ser seien teils schwer beschä­digt worden.

Die chi­ne­si­sche Füh­rung beschul­digt Exil-Uiguren, die Unru­hen ange­zet­telt zu haben. Ein nament­lich nicht genann­ter chi­ne­si­scher Regie­rungs­be­am­ter hat nach Berich­ten der amt­li­chen Nach­rich­ten­agen­tur Xin­hua die Uiguren-Organisation “World Uyghur Kon­gress” (WUC) ver­ant­wort­lich gemacht. Die Pro­teste seien unter ande­rem von der Kon­gress­vor­sit­zen­den Rebiya Kadeer ange­zet­telt wor­den, einer uigu­ri­schen Men­schen­recht­le­rin, die in China in Haft saß, zitiert die “New York Times” einen ande­ren chi­ne­si­schen Beam­ten. Der­zeit hält sie sich in Washing­ton auf.

Der Vize­chef des Kon­gres­ses, Asgar Can, lebt in Mün­chen, wo es eine große Gruppe von Exil-Uiguren gibt. Er weist die Vor­würfe, der WUC und Kadeer seien Schuld an den Unru­hen, ent­schie­den zurück. Can sagte SPIEGEL ONLINE: “Die Chi­ne­sen suchen die Schuld immer bei ande­ren, wenn sie Feh­ler gemacht haben. Es war eine fried­li­che Demons­tra­tion, die durch das Ver­hal­ten der Poli­zei eska­liert ist.”

So hät­ten die Demons­tran­ten chi­ne­si­sche Fah­nen in der Hand gehal­ten, was zeige, dass sie keine Sepa­ra­tis­ten seien. Laut Can haben die Ein­satz­kräfte ver­sucht, die Pro­teste gewalt­sam zu been­den. So seien min­des­tens 17 Men­schen von Poli­zei­fahr­zeu­gen über­fah­ren wor­den. Inzwi­schen sei der Kon­takt des WUC zu den Demons­tran­ten abge­bro­chen, die Chi­ne­sen hät­ten die Tele­fon­lei­tun­gen unter­bro­chen. Für Diens­tag­nach­mit­tag plant der WUC Can zufolge eine Demons­tra­tion vor dem chi­ne­si­schen Kon­su­lat in München.

Ein chi­ne­si­scher Poli­zei­spre­cher sagte der Agen­tur Xin­hua, etwa 90 Unru­he­stif­ter wür­den gesucht. “Zehn Rädels­füh­rer” seien fest­ge­nom­men wor­den. Die Regie­rung folgt mit ihren Schuld­zu­wei­sun­gen einem bekann­ten Denk­mus­ter — bei Unru­hen in Tibet ver­weist sie gerne auf den Dalai Lama als angeb­li­chen Auf­rüh­rer. Der geist­li­che Füh­rer der Tibe­ter lebt eben­falls im Exil.

Uigu­ri­sche Quel­len erklär­ten laut Nach­rich­ten­agen­tu­ren, die chi­ne­si­sche Poli­zei habe eine fried­li­che Demons­tra­tion nie­der­ge­schla­gen. Auch andere Exil­grup­pen der Uigu­ren äußer­ten scharfe Kri­tik an den Sicher­heits­be­hör­den. “Wir sind zutiefst trau­rig ange­sichts der har­ten Hand und des Ein­sat­zes von Gewalt durch die chi­ne­si­schen Sicher­heits­kräfte gegen fried­li­che Demons­tran­ten”, sagte Alim Sey­toff, Vize­prä­si­dent der in Washing­ton ansäs­si­gen Gruppe ame­ri­ka­ni­scher Uigu­ren. “Wir for­dern die inter­na­tio­nale Gemein­schaft auf, die Tötung unschul­di­ger Uigu­ren zu ver­ur­tei­len”, sagte Seytoff.

Die Lage in Ürümqi ist Berich­ten zufolge wei­ter ange­spannt — fast alle Geschäfte in der Stadt sind geschlos­sen, Arbei­ter zie­hen zer­störte Fahr­zeuge von den Stra­ßen. Die chi­ne­si­sche Staats­macht demons­triert ihre Stärke: “Über­all sind Sol­da­ten, Poli­zis­ten ste­hen an jeder Ecke”, berich­tet ein ame­ri­ka­ni­scher Sti­pen­diat, der in Ürümqi lebt, der Nach­rich­ten­agen­tur AP. Der Ver­kehr sei kom­plett zum Erlie­gen gekommen.

Aus­gangs­punkt der Unru­hen war eine Demons­tra­tion von 1000 bis 3000 Uigu­ren am Sonn­tag. Sie for­der­ten die Unter­su­chung einer töd­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Mit­glie­dern ihrer Volks­gruppe mit Han-Chinesen in einer Spiel­zeug­fa­brik in Südchina.

Augen­zeu­gen berich­te­ten, dass sich die Sicher­heits­kräfte und die betei­lig­ten Uigu­ren ein Katz-und-Maus-Spiel gelie­fert hät­ten. Ein chi­ne­si­scher Mit­ar­bei­ter eines Hotels am Platz des Vol­kes im Zen­trum von Ürümqi berich­tete, er habe Schüsse gehört und gese­hen, wie gepan­zerte Fahr­zeuge auf­fuh­ren. In Fern­seh­bil­dern war schwar­zer Rauch über den Stra­ßen zu sehen. Meh­rere Fahr­zeuge lagen bren­nend auf der Seite.

Die Uigu­ren sind eine mus­li­mi­sche Min­der­heit in West­china. Mehr als acht Mil­lio­nen von ihnen leben in der Region Xin­jiang im Wes­ten Chi­nas, einem eth­ni­schen Kon­flikt­herd. Seit sich Peking das Gebiet im Nord­wes­ten 1955 als “Auto­nome Region” ein­ver­leibte und Han-Chinesen ansie­delte, kämp­fen die Uigu­ren für die Unab­hän­gig­keit des ehe­ma­li­gen Ostturkestans.

China macht die Sepa­ra­tis­ten für rund 300 Anschläge mit mehr als 160 Tote seit 1990 ver­ant­wort­lich. Vier Uiguren-Gruppen wur­den zu ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gun­gen erklärt. Men­schen­rechts­grup­pen wer­fen der chi­ne­si­schen Regie­rung vor, die Volks­gruppe mit Fol­ter, Mas­sen­ver­haf­tun­gen und Todes­ur­tei­len zu unter­drü­cken. Seit Mitte der neun­zi­ger Jahre wur­den laut Amnesty Inter­na­tio­nal über 3000 Uigu­ren ver­haf­tet und mehr als 200 hingerichtet.

Für Peking ist die Pro­vinz Xin­jiang von gro­ßer stra­te­gi­scher Bedeu­tung. Xin­jiang grenzt unter ande­rem an Pakis­tan und Afgha­nis­tan und ist reich an Boden­schät­zen wie Kohle, Gold und Uran. Es wer­den große Vor­kom­men von Erdöl und Erd­gas ver­mu­tet. In dem Gebiet, das fast fünf­mal so groß ist wie Deutsch­land, leben nur etwa 19,6 Mil­lio­nen Men­schen. Fast die Hälfte sind mus­li­mi­sche Uigu­ren, mehr als 40 Pro­zent Han– Chi­ne­sen — mit zuneh­men­der Tendenz.

FacebookEmailPrintPrintFriendlyShare

Keine Kommentare möglich.