Chinesische Diplomaten spionieren die “Fünf Gifte” aus

Der Spie­gel, Nr. 29/2009,  Geheim­dienste  -
Chi­ne­si­sche Diplo­ma­ten spio­nie­ren ille­gal in Deutsch­land. Die Bun­des­re­gie­rung will das nicht län­ger hin­neh­men, und auch die Bun­des­an­walt­schaft ermittelt.

An den ehren­wer­ten Kon­sul Ji Wumin erin­nert man sich in der Bun­des­re­gie­rung noch ziem­lich prä­zise, nur allzu posi­tiv sind die Erin­ne­run­gen nicht. Etwa ein Dut­zend Mal ertapp­ten die Ver­fas­sungs­schüt­zer den Diplo­ma­ten, der am chi­ne­si­schen Gene­ral­kon­su­lat in Mün­chen arbei­tete, dabei, wie er Agen­ten führte, Spit­zel mit Fra­gen füt­terte und alles sam­melte, was er über die uigu­ri­sche Min­der­heit in Bay­ern auf­trei­ben konnte. Ehe es zum Eklat kam, ver­ließ Ji Deutsch­land 2007 und kehrte zurück nach Peking.

Spionage aus China

Für die chi­ne­si­sche Regie­rung war die Aus­beute offen­bar äußerst ergie­big, denn Ji soll nun erneut in die Bun­des­re­pu­blik ent­sandt wer­den. Und wie­der soll der Top-Diplomat im Gene­ral­kon­su­lat in Mün­chen resi­die­ren, deren Beleg­schaft ein waches Auge auf die welt­größte Exil­ge­meinde von Uigu­ren wirft. Aus Pekin­ger Sicht ist Mün­chen ein Brenn­punkt, an dem viele Fäden der Uigu­ren zusam­men­lau­fen. Erst in der ver­gan­ge­nen Woche schleu­der­ten Unbe­kannte meh­rere Brand­sätze auf das Gene­ral­kon­su­lat. Seit den blu­ti­gen Unru­hen in der chi­ne­si­schen Stadt Ürümqi ist die Lage auch in Mün­chen ange­spannt. Doch eine Fors­tet­zung der Agen­ten­kar­riere des Herrn Kon­sul möchte die Bun­des­re­gie­rung verhindern.

Das Aus­wär­tige Amt hat der chi­ne­si­schen Regie­rung vor kur­zem infor­mell signa­li­siert, dass Ji in Deutsch­land nicht erwünscht sei. Weil die Chi­ne­sen bis­lang keine Anstal­ten machen, die umstrit­tene Per­so­na­lie zurück­zu­zie­hen, berei­tet die Bun­des­re­gie­rung die Ableh­nung sei­nes Visu­man­trags vor. In der Welt der Diplo­ma­tie käme das einer offe­nen Maß­re­ge­lung gleich.

Der zwi­schen­staat­li­che Affront ist Teil einer ver­än­der­ten Sicht auf die Poli­tik aus Peking. Lange galt China als Groß­macht und als Part­ner, der poli­tisch und ökono­misch umwor­ben wer­den musste. Seit­dem die Bun­des­re­gie­rung aller­dings mas­si­ven Hacker­an­grif­fen aus Fern­ost aus­ge­setzt ist und der Ver­fas­sungs­schutz ver­stärkte Spio­na­ge­ver­su­che regis­triert, hat sich das Bild gewan­delt (SPIEGEL 25/2007). In den deutsch-chinesischen Bezie­hun­gen schwingt mitt­ler­weile Miss­trauen mit. Heinz Fromm, der Prä­si­dent des Bun­des­amts für Ver­fas­sungs­schutz (BfV), hat ein eige­nes Refe­rat ein­ge­rich­tet, das sich nur um chi­ne­si­sche Agen­ten küm­mert. Wie die Rus­sen wer­den die Chi­ne­sen von der deut­schen Spio­na­ge­ab­wehr inzwi­schen als Geg­ner betrachtet.

Zwi­schen 20 und 50 Agen­ten aus Peking, schätzt der Ver­fas­sungs­schutz, tra­gen in Deutsch­land Infor­ma­tio­nen zusam­men, in der Regel „äußerst vor­sich­tig“, wie es in einer gehei­men Ana­lyse des BfV heißt. Wenn es aber um die Bekämp­fung ver­meint­li­cher Staats­feinde gehe, „legen sie ihre Zurück­hal­tung ab und ris­kie­ren sogar ein Bekannt­wer­den ihrer Aktivitäteten“.

Neben der klas­si­schen Wirt­schafts­spio­nage küm­mern sich die als Bot­schafts­mit­ar­bei­ter getarn­ten Nach­rich­ten­dienst­ler vor allem um die „fünf Gifte“, wie die Regie­rung ihre wich­tigs­ten Geg­ner blu­mig umschreibt. Gemeint sind Uigu­ren, die Falun-Gong-Sekte, die Bewe­gung für ein freies Tibet, die Befür­wor­ter eines unab­hän­gi­gen Tai­wan und die Anhän­ger der Demo­kra­tie­be­we­gung. Ent­sandt hat die Agen­ten in der Regel der größte chi­ne­si­sche Nach­rich­ten­dienst, das Minis­te­rium für Staats­si­cher­heit, das zustän­dig für „Auf­klä­rung und Unter­drü­ckung der fünf Gifte in China und im Aus­land“ ist und dem nach Über­zeu­gen der Ermitt­ler auch Kon­sul Ji Wumin angehört.

Zu den Spio­nage­me­tho­den des Minis­te­ri­ums gehört es, Exil­chi­ne­sen, die in ihre Hei­mat rei­sen wol­len, unter Druck zu set­zen, wenn sie ein Visum bean­tra­gen; Gast­wis­sen­schaft­ler in Deutsch­land müs­sen sich oft ver­pflich­ten, mit den Behör­den in Peking zusammenzuarbeiten.

Die ges­ti­gene Zahl der Akti­vi­tä­ten auf deut­schem Boden bleibt aller­dings nicht ohne Kon­se­quen­zen. Mitt­ler­weile geht auch die Jus­tiz sys­te­ma­tisch gegen die chi­ne­si­schen Spione vor. Die Bun­des­ant­walt­schaft in Karls­ruhe führt seit dem ver­gan­ge­nen Jahr ein soge­nann­tes Struk­tur­er­mitt­lungs­ver­fah­ren, in dem sämt­li­che Erkennt­nisse gebün­delt wer­den. Anders als bei Län­dern wie Russ­land oder Syrien begin­nen die Straf­ver­fol­ger fast bei null. Mit Spio­nage made in China gibt es kaum Erfah­run­gen, die Ermitt­ler müs­sen erst die Metho­den ver­ste­hen, nach denen die Asia­ten arbei­ten. In Karls­ruhe lie­gen des­halb auch Fälle wie der eines chi­ne­si­schen Mit­ar­bei­ters von Carl Zeiss Jena, die zei­gen, wie schwer sich die Bun­des­an­wälte mit dem unge­wohn­ten Thema tun.

Der Wis­sen­schaft­ler hatte auf­fäl­li­ges Inter­esse an der ver­trau­li­chen Tech­nik gezeigt und offen­bar ver­sucht, in gesperrte Teile des Com­pu­ter­net­zes vor­zu­drin­gen. Gleich­zei­tig fiel er den Ver­fas­sungs­schüt­zern auf, weil er Kon­takte zu chi­ne­si­schen Bot­schafts­be­am­ten unter­hielt, die als Geheim­dienst­mit­ar­bei­ter bekannt sind. Hand­feste Beweise fan­den die Fahn­der nicht, der Fall liegt auf Eis. In einem ande­ren Ver­fah­ren muss­ten die Anklä­ger ihre Ermitt­lun­gen ein­stel­len, weil ein chi­ne­si­scher Wis­sen­schaft­ler recht­zei­tig aus Deutsch­land ver­schwand. Er soll an einer süd­deut­schen Uni­ver­si­tät Geheim­nisse aus der Beschich­tungs­tech­no­lo­gie ent­wen­det haben, regel­mä­ßig am Wochen­ende flos­sen Daten aus der Uni nach China ab.

Im Fall des Diplo­ma­ten Ji Wumin gehen die Aus­for­schun­gen nun auch ohne den Kon­sul wei­ter. Jis Kol­le­gen, heißt es, sind eif­rig dabei, neue Quel­len in der Uigu­ren­ge­meinde zu führen.

Hol­ger Stark

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