Eiserne Harmonie — China ist in diesem Jahr Gast auf der Frankfurter Buchmesse: Eindrücke aus einem Land, das seine Autoren auf Linie halten will

Süd­deut­sche Zei­tung, 11.7.09:
Zum Bei­spiel Yan Lianke. Der war kurz vor der Lesung raus­ge­lau­fen, weil er wei­nen musste; er hatte erfah­ren, dass er als ein­zi­ger der elf anwe­sen­den Schrift­stel­ler nicht ein­ge­la­den ist nach Frank­furt. Jetzt steht er etwas lin­kisch in der Buch­hand­lung und sagte, er fühle sich unter all den ande­ren wie „ein Blatt unter Blü­ten“. Wäh­rend er erzählt, von sei­ner Satire auf Mao und davon, aass in China laut einem Sprich­wort „an den erns­tes­ten Orten oft die bes­ten Witze“ spie­len, setzt im Publi­kum, unter den deut­schen Jour­na­lis­ten, ein ver­un­si­cher­tes Gemur­mel ein: Des­sen Bücher gibt es aber doch auf Deutsch, oder? Ist es nicht der, der die gro­ßen Staats­preise gewon­nen hat? Und der vom Staat an eine extrem lini­en­treue Pekin­ger Uni­ver­si­tät beru­fen wurde, wo er nicth leh­ren muss, aber ein siche­res Gehalt bezieht? Und der darf nicht mit? Rät­sel­haf­tes China.

China zu Gast an der Buchmesse Frankfurt 2009

Eine inter­na­tio­nale Jour­na­lis­ten­gruppe wird fünf Tage durch Peking geführt, als Vor­be­rei­tung auf die Frank­fur­ter Buch­messe, auf der China in die­sem Jahr Gast­land ist. Wenn pflicht­be­wusste Deut­sche und emsige Chi­ne­sen gemein­sam eine sol­che Reise aus­ar­bei­ten, dann kommt am Ende eine Art Iron-Man-Programm her­aus. Weck­ruf mor­gens um halb sie­ben, Abfahrt halbt acht, dann Hoch­haus, Bus, Par­tei­zen­trum, Bus, Künst­ler­ko­lo­nie, Bus, wäh­rend des Mit­tag­es­sens ein kur­zer Vor­trag über die Geschichte irgend­ei­nes eiför­mi­gen Blas­in­stru­ments, aus dem Hin­ter­grund ruft unsere Orga­ni­sa­to­rin mah­nend: „Keep eating please“, und abends, nach dem gesel­li­gen Feu­er­topf, am bes­ten noch das Video eines Dis­si­den­ten. Eine fünf­tä­gige Tour de Force durch die Verlags-, Kunst– und Onli­ne­welt Chi­nas – und durch Sprach­re­ge­lun­gen und Gesetze des Schwei­gens, die einem Euro­päer so fremd sind wie die chi­ne­si­sche Zei­chen­schrift. Zuwei­len fühlte man sich nach sol­chen Gesprä­chen bezie­hungs­weise pene­tran­ten Fra­gen auf der einen und tef­lon­glat­ten Ant­wor­ten auf der ande­ren Seite so grob­mo­to­risch, als sei man mit Sprin­ger­stie­feln über das Büt­ten­pa­pier der Gen­fer Kon­ven­tio­nen gestapft. Was inso­fern para­dox ist, als man eben genau nach den Gen­fer Kon­ven­tio­nen, vulgo Men­schen­rech­ten, gefragt hatte.

Es gab in der Woche meh­rere trost­lose Tref­fen mit Funk­tio­nä­ren. Am depri­mie­rends­ten war aber das Mit­tag­es­sen mit Tie Ning, der Lei­te­rin des chi­ne­si­schen Schrift­stel­ler­ver­ban­des: Ner­vös schob sie ein­zelne Nüsse und Boh­nen auf dem Tel­ler herum, ihre Augen glänz­ten hart wie schwarze Nägel­köpfe, aber diese ver­dammte Arte-Mitarbeiterin hörte ein­fach nicht auf: „Sie müs­sen doch Liu Xiaobo ken­nen. Der hat hier mal den PEN gelei­tet.“ Nein, sagt Tie Ning, sie habe noch nie von die­sem Liu Wie­au­chim­mer gehört. Vom PEN auch nicht. Liu Xiaobo wurde im Dezem­ber ohne Angabe von Grün­den in Iso­la­ti­ons­haft genom­men. Der ehe­ma­lige Prä­si­dent des inof­fi­zi­el­len, unab­hän­gi­gen chi­ne­si­schen PEN soll Haupt­in­itia­tor der Charta 08 gewe­sen sein, in der Intel­lek­tu­elle in Anleh­nung an die tsche­chi­sche Charta 77 radi­kal­de­mo­kra­ti­sche poli­ti­sche Refor­men for­dern. Tie Ning ver­zieht den Mund, als kaue sie auf Büro­klam­mern herum und wie­der­holt: Sie hat noch nie von dem Mann gehört. Und von einem chi­ne­si­schen PEN weiß sie auch nichts. So ist das, wenn man vier Monate vor der Buch­messe mit der Che­fin der Schrift­stel­ler­ver­ei­ni­gung reden will. Wohl­ge­merkt: Die­ser Laden ent­schei­det dar­über, wer von chi­ne­si­scher Seite aus zur Frank­fur­ter Buch­messe darf und wer nicht. Nein, sagt sie, das stimme nicht, dar­über ent­scheide ein­zig und alleine das Minis­te­rium für Presse und Publi­ka­tion. Na denn, auf zum Ministerium!

Auf dem Weg dort­hin kommt man am „Vogel­nest“, dem spek­ta­ku­lä­ren Pekin­ger Olym­pia­sta­dion, vor­bei. Bei ihrer Bewer­bung hat­ten die Chi­ne­sen sei­ner­zeit beein­dru­ckend cle­ver die Men­schen­rechts­karte aus­ge­spielt: „Wenn Sie Peking zum Gast­ge­ber machen, dann hel­fen Sie der Ent­wick­lung der Men­schen­rechte“, sagte Liu Jin­ming, der Vize­prä­si­dent des Pekin­ger Olym­pia­ko­mi­tees im April 2001. Na, sagte die Welt­ge­mein­schaft, dann müs­sen wir ja wohl. China wurde Gast­land und ließ auch 2008, im Jahr der Spiele, wie­der 1713 Men­schen hin­rich­ten. Die ame­ri­ka­ni­sche Dui Hua Foun­da­tion geht sogar davon aus, dass in China jedes Jahr 6000 Men­schen hin­ge­rich­tet wer­den. Wie wohl Chi­nas Auf­tritt auf der Frank­fur­ter Buch­messe die Men­schnrechts­si­tua­tion nach vorne brin­gen wird?

Ein Saal im ZK-Ambiente, end­los lange Tische, Funk­tio­näre in wei­ßen Hem­den, schüch­terne Saal­di­ne­rin­nen schen­ken der Gruppe west­li­cher Jour­na­lis­ten fort­wäh­rend Tee nach, wäh­rend Wu Shulin, der Vize­mi­nis­ter des Amtes für Presse und Publi­ka­tio­nen, von der Qual der Wahl erzählt, 5000 Jahre chi­ne­si­sche Kul­tur, wer ist da schon reprä­sen­ta­tiv für eine Buch­messe? Er sei aber zuver­sicht­lich, dass „wir in Frank­furt deut­lich machen kön­nen, was für eine groß­ar­tige Ent­wick­lung unsere Gesell­schaft in den ver­gan­ge­nen 60 Jah­ren durch­lau­fen hat“. Es ist ein nichtsagend-freundliches Mit­ein­an­der – bis die Frage kommt, ob denn auch Tai­wa­ner, Tibe­ter oder Mit­glie­der der Falun Gong in Frank­furt aus­stel­len dürf­ten. Plötz­lich explo­diert der Vize­mi­nis­ter, nie­mals werde er diese Leute zulas­sen, sagt er, wobei er anschei­nend die Falun Gong meint, aber ganz sicher ist das nicht, denn er redet immer nur von „die­sen Leu­ten“ respek­tive „die­sen Ele­men­ten“, als ob er sich ekle, den Namen in den Mund zu neh­men. Nie­mals! Diese Leute wür­den zwar wahr­schein­lich nach Frank­furt kom­men, „aber wir wer­den alles tun, um sie daran zu hin­dern, unsere Sta­bi­li­tät zu unter­gra­ben.“ Dann wird wie­der gelä­chelt. Jeder könne ja fah­ren, einen Teil der Schrift­stel­ler schlage der chi­ne­si­sche Schrift­stel­ler­ver­band vor, andere wür­den von ihren west­li­chen Ver­la­gen ein­ge­la­den und wer dar­über hin­aus sel­ber nach Frank­furt wolle, bitte schön, kein Problem.

Zum Abschied erhält jeder von uns ein Buch mit den Schrif­ten von Kon­fu­zius. Den hat­ten die Kom­mu­nis­ten jah­re­zehn­te­lang ver­bannt, im Zuge der neo­li­be­ra­len Öffnung wurde er aber aus der Mot­ten­kiste geholt, jetzt muss er als Apo­lo­get her­hal­ten für das rasante Anwach­sen sozia­ler Ungleich­heit: Nach dem Gini-Index, der welt­weit die Ungleich­ver­tei­lung des Ein­kom­mens misst, liegt China mitt­ler­weile hin­ter den USA, was ja doch eine unbe­queme Tat­sa­che ist für ein Land, das sich nach wie vor sozia­lis­tisch nennt und den Vor­rang sozia­ler und kol­lek­ti­ver Rechte vor den indi­vi­du­el­len betont. Was aber schreibt der große Kon­fu­zius dazu: Unru­hen muss man im Keim ersti­cken. Es lebe die sta­bile Ord­nung. Es lebe die Harmonie.

Har­mo­nie ist einer die­ser groß­ar­ti­gen Begriffe im chi­ne­si­schen Neu­sprech: In chi­ne­si­schen Büchern steht oft hin­ten drin, sie sei­nen „har­mo­ni­siert“ wor­den. Mil­lio­nen Chi­ne­sen ver­ste­hen oder ver­wen­den das Wort auch, wenn wie­der ein unlieb­sa­mer Zeit­ge­nosse ver­haf­tet wurde – Liu Xiaobo wurde „har­mo­ni­siert“ – oder wenn einer der angeb­lich 45 Mil­lio­nen Blogs abge­schal­tet wurde.

Über­haupt: die Mil­lio­nen. Neben­bei war diese Reise auch eine Irr­fahrt durch Masse und Macht. Die Zah­len, die an den fünf Tagen auf die alt­eu­ro­päi­schen Besu­cher ein­pras­seln, ver­mit­teln die­sen manch­mal das Gefühl, aus hin­ter­wäld­le­ri­schen Rand­re­gio­nen eines ohne­hin dünn­be­sie­del­ten Klein­staa­tes zu stam­men. Bald 300 Mil­lio­nen Inter­net­nut­zer, 118 Mil­lio­nen­städte; dann gibt es zum Bei­spiel die­sen Inter­net­ver­le­ger, der behaup­tet, Tag um Tag 8000 Texte frei­zu­schal­ten, und von dem Sach­buch „China is not happy“ ver­kauf­ten sich über Nacht mehr als eine Mil­lion Exemplare.

„China is not happy“ ist ein grol­len­des Pam­phlet von fünf natio­na­lis­ti­schen Aka­de­mi­kern, eine Suada gegen Ver­weich­li­chung und Ver­west­li­chung und ein Plä­do­yer dafür, dass das große China end­lich seine Rolle als Welt­he­ros antritt und „Ver­träge schließt mit dem Schwert in der Hand“, dass es die diplo­ma­ti­schen Bezie­hun­gen zu Fran­kriech abbre­chen und über­haupt dem gan­zen „diplo­ma­ti­schen Rou­lette“ des Wes­tens den Rücken keh­ren solle, schließ­lich habe der Wes­ten die Moder­ni­sie­rung über China gebracht. Klingt wie die beschränkte Hass­prosa ost­deut­scher Rech­ter, die mit der Glo­ba­li­sie­rung über­for­dert sind.

Die Reise war denn auch ein Trip durchs fre­ne­tisch moder­ni­sierte Peking, diese urba­nis­ti­sche Umwälz­pumpe: Vor zwan­zig Jah­ren gab es zwei „Stadt­ringe“, kon­zen­tri­sche Ring­au­to­bah­nen, heute wird am sechs­ten gebaut. Eine unse­rer Dol­met­sche­rin­nen erzählt, dass sie letz­tes Mal nach den Som­mer­fe­rien nicht mehr den Weg vom Bahn­hof zu ihrer Woh­nung gefun­den habe, weil in der Zwi­schen­zeit ein Areal von ein­ein­halb Qua­drat­ki­lo­me­tern platt­ge­macht und neu gebaut wor­den sei. Die Stadt­re­gie­rung hat viel vor mit Peking, sie möchte aus der Haupt­stadt eine „inter­na­tio­nale Marke“ machen: 2020 sol­len nur noch zwei Mil­lio­nen Men­schen in den tra­di­tio­nel­len Vier­teln leben, die ande­ren sol­len sich eine Bleibe am Stadt­rand suchen.

Dabei neh­men die Ver­ant­wort­li­chen kein Blatt vor den Mund, wer blei­ben und wer gehen soll: Ren Zhi­qiang, Chef der Immo­bi­li­en­firma Huayuan, ver­langte, obers­tes stadt­pla­ne­ri­sches Ziel müsse es sein, „den Rei­chen zu ermög­li­chen, in die Stadt zu kom­men und die Armen nach außen abzu­drän­gen“. Der Maler Ruan Hui, der in den neun­zi­ger Jah­ren das Künst­ler­vier­tel 798 mit­grün­dete, hat eine schöne Bil­der­se­rie über den Abriss der Hutongs, der tra­di­tio­nel­len Wohn­vier­tel gemacht. Jedes die­ser Bil­der trägt den Schrift­zug „Chai Na“, was klingt wie die eng­li­schen Aus­spra­che des Lan­des­na­mens, aber „Abrei­ßen hier“ bedeu­tet – ein gan­zes Land im Abriss.

Nun kön­nen Zei­ten des Umbruchs und der sozia­len Ungleich­heit ja sehr pro­duk­tiv sein für die Lite­ra­tur, man denke an die euro­päi­sche Lite­ra­tur zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts. Der Bon­ner Sino­loge Wolf­gang Kubin aber wet­terte vor drei Jah­ren in einem Inter­view, die ganze chi­ne­si­sche Gegen­warts­li­te­ra­tur tauge nichts, ja die Pro­sa­schrift­stel­ler seien seit den neun­zi­ger Jah­ren zu „Toten­grä­bern einer Welt­li­te­ra­tur“ gewor­den. In sei­nen Augen ist die Lite­ra­tur völ­lig kor­rum­piert, ein­mal durch die ver­schie­de­nen Zen­sur­gre­mien und die Selbst­zen­sur, zum ande­ren durch die Kom­mer­zia­li­sie­rung. Bei­des führe dazu, dass keine ech­ten Pro­bleme behan­delt wer­den. Das klingt unge­fähr so pau­schal, wie wenn alte Feuille­ton­do­yens über Pop­li­te­ra­tur wet­tern. Das Erstaun­li­che aber ist, dass Kubins Bra­chi­al­kri­tik in China begeis­tern auf­ge­nom­men wurde.

Nun stellt man sich das mit der Zen­sur ja gemein­hin recht sim­pel vor, nord­ko­rea­nisch sozu­sa­gen, eine undurch­läs­sige Mauer des Schwei­gens. So ist das nicht in China. Zum einen schei­nen im Gespräch zumin­dest kri­ti­sche Intel­lek­tu­elle das zu sagen, was sie den­ken, als Stich­probe mögen da ein paar Sätze des Künst­lers Ai Wei Wei genü­gen, dem am Tag unse­res Besuchs vor­über­ge­hend der Blog abge­schal­tet wor­den war: „Nichts wird in die­sem Land so kon­trol­liert und beschä­digt wie die Ver­lags­in­dus­trie. Es gibt strenge Zen­sur auf allen nur mög­li­chen Ebe­nen, ange­fan­gen bei der Selbst­zen­sur. 99 Pro­zent unse­rer Schrift­stel­ler arbei­ten inner­halb des Sys­tems. Wenn es erst ein­mal Rede­frei­heit geben wird, dann wer­den all diese offi­zi­el­len Schrift­stel­ler ver­ges­sen sein.“

Aber auch die Ver­lags­land­schaft ist weit­aus kom­pli­zier­ter struk­tu­riert, als man sich das so vor­stellt. Offi­zi­ell sind in China nur die rund 500 staat­li­chen Ver­lage berech­tigt, Bücher zu publi­zie­ren und ISBN-Nummern zu ver­ge­ben. Bis vor kur­zem exis­tier­ten offi­zi­ell gar keine Pri­vat­ver­lage. In Wahr­heit gibt es seit Jah­ren schon Tau­sende Pri­vat­ver­le­ger. Die kau­fen von den staat­li­chen Ver­la­gen ISBN-Nummern auf. Viele die­ser Staats­ver­lage glei­chen lee­ren Con­tai­nern, sie haben gar kein eige­nes Pro­gramm mehr, son­dern spü­len dem Staat nur noch durch den Ver­kauf ihrer ISBN-Nummern Geld in die Kas­sen. Einen Vor­teil hat das auch für die Pri­vat­ver­lage: Nor­ma­ler­weise bekommt man nur dann eine ISBN-Nummer, wenn man ein Buch der Vor­zen­sur vor­ge­legt hat. Die Pri­vat­ver­lage kau­fen sozu­sa­gen die lee­ren Num­mern, kle­ben sie auf eines ihrer Bücher und umge­hen so die Vorzensur.

Yan Lianke, der Autor, der nicht mit darf zur Buch­messe, erzählte nach­her noch in der Buch­hand­lung, dass einer sei­ner Romane, der sich als Science-Fiction tarnt, erst zen­siert wurde, als er längst schon im Buch­han­del erhält­lich war: Er erzählt darin von einer Gruppe von Oppor­tu­nis­ten, die auf dem Land, in der Pro­vinz Henan, das Blut von Bau­ern mit­tels einer Über­land­pipe­line exporte­ren und so Geld machen – eine so dras­ti­sche wie deut­li­che Para­bel auf die rück­sichts­lose Kor­rup­tion der Kader. Aber da jeden Tag 500 neue Titel in die Buch­hand­lun­gen kom­men, dau­erte es eben seine Zeit, bis die Zen­so­ren davon Wind bekamen.

Yan ist auf der einen Seite ein hoch­de­ko­rier­ter Autor, ande­rer­seits wird er immer wie­der zen­siert, par­don har­mo­ni­siert. Er erzählt frei­mü­tig, er schreibe fürs Aus­land, was er wolle und strei­che dann sel­ber für den chi­ne­si­schen Markt einige Stel­len her­aus. „Aber eigent­lich sind wir ohne­hin total irre­le­vant. Es hört uns kei­ner mehr.“

Das kann man Guo Jing­ming nicht sagen. Der Star­au­tor aus Shang­hai sieht aus wie Dorian Gray als Man­ga­fi­gur, ein dür­rer Jüng­ling mit blei­cher Haut und aus­drucks­lo­sen Knopf­au­gen. Gegen die­sen bizar­ren Ephe­ben hatte Michael Jack­son den Sex­ap­peal von Robert Mitchum nach har­ten Wüs­ten­dreh­ar­bei­ten. Der 26-Jährige steht in den Räu­men sei­nes Ver­le­gers wie ein lin­ki­scher Schul­bub, nichts lässt dar­auf schlie­ßen, dass einem Chi­nas erfolg­reichs­ter Autor gegen­über­steht, vor allem nicht das, was er sagt: Am liebs­ten wäre er 13, er liebe kleine Mäd­chen und wolle nur über posi­tive Dinge schreiben.

Bei all sei­nen drei Puber­täts– und Ein­sam­keits­ro­ma­nen wurde er des Pla­gi­ats bezich­tigt, in einem Fall musste er 25 000 Dol­lar Strafe zah­len, was ihn nicht wei­ter anfech­ten dürfte. Guo gilt als reichs­ter Autor Chi­nas. Er sagt, in sei­nem Alter könne er noch nicht „über reife Dinge wie Poli­tik“ schrei­ben, aber dafür über Jugend und Liebe. „Ich meine Liebe im posi­ti­ven Sinne, no sex, no drungs.“

Die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Lydia Liu von der Columbia-University schreibt, Auto­ren wie Guo Jing­ming seien die per­fek­ten Kol­la­bo­ra­teure: „Ihre Texte haben nichts Bedroh­li­ches, sie pas­sen per­fekt zum neuen Dogma – Kapi­ta­lis­mus und Indi­vi­dua­lis­mus -, und inso­fern kann man sagen, dass sie kol­la­bo­rie­ren.“ Viel­leicht wurde er auch des­halb in den Schrift­stel­ler­ver­band aufgenommen.

Eine Art ver­le­ge­ri­sches Pen­dant dazu ist Jinbo Lu. Er hat frü­her sel­ber geschrie­ben, aber sich dann schnell aufs Ver­le­gen ver­legt. Warum? „I love money, I want to make a lot of money“ sagt er und erkärt dann, wie er Star­au­to­rin­nen pro­du­ziert: In Korea gab es 2005 diese 18-Jährige, sie nennt sich Lovely Tao, die unter dem Titel „This guy’s so hand­some“ einen Inter­netro­man ver­öf­fent­lichte, von dem sie danach sechs Mil­lio­nen gedruckte Exem­plare ver­kaufte. „Ich habe den Stil die­ser Korea­ne­rin genau unter­sucht: Sie schreibt für Elf– bis Fünf­zehn­jäh­rige. Die haben ihre eigene merk­wür­dige Logik. Und dann habe ich die­sen Stil kopiert.“ Wie jetzt? Sie als Autor? „Aber nein“, sagt er ganz gut­mü­tig, „ich habe ein gut­aus­se­hen­des Mäd­chen gesucht und ihr beige­bracht, genau so zu schrei­ben wie Lovely Tao. Bis­her hat sie 14 Bücher ver­öf­fent­licht.“ Wie haben Sie die denn gecas­tet? „Sie musste schön sein, sie musste zwan­zig sein, aber wie eine 13-Jährige ticken Und sie muss sich beneh­men wie eine Prin­zes­sin: viel lächeln, wenig reden.“

All das sagt er mit dem freund­li­chen Gesicht eines Schul­jun­gen und einem höf­lich beschei­de­nen Lächeln. Und ent­wi­ckelt diese Auto­rin ihre Stoffe jetzt sel­ber? „Aber nein, wir geben ihr für jede Geschichte ein Vorskript von rund 3000 Wör­tern. Sie schreibt dar­aus ein Buch mit jeweils zwölf Kapi­teln, mit zehn han­deln­den Per­so­nen.“ Die Bücher ver­kau­fen sich glän­zend. Nur mit Europa will es nicht recht klap­pen: Jinbo Lu hat zwar mit diver­sen euro­päi­schen Ver­le­gern gere­det, „aber die Logik in Europa ist anders.“ In China leb­ten die Teen­ager in einem per­ma­nen­ten Wett­kampf, „Euro­pean girls have no idea of com­pe­ti­tion.“ Als eine mit­rei­sende Kol­le­gin nach­fragt, ob er sich da nicht arg nach dem Markt richte, sagt er ver­ständ­nis­los: „Ich bin stolz auf den Inhalt, das ist alles self-help-literautre: Man lernt darin, wie man vom häss­li­chen Ent­lein zur wun­der­schö­nen Prin­zes­sin wird.“

Abends, auf dem Weg ins Hotel, erfah­ren wir, dass am Tag unse­res Besuchs beim Minis­terum für Presse und Publi­ka­tio­nen Anklage erho­ben wurde gegen Liu Xiaobo: Er habe „mit dem Ver­brei­ten von Gerüch­ten und der Dif­fa­mie­rung der Regie­rung zum Umsturz der Staats­macht und zum Sturz des sozia­lis­ti­schen Sys­tems auf­ge­hetzt.“ Viele fürch­ten nun, dass die Behör­den an Liu ein Exem­pel zur Abschre­ckung der mehr als 6000 in China leben­den Unter­zeich­ner der Charta 08 sta­tu­ie­ren wollen.

Auf der Bus­fahrt, vor­bei an Hutongs und qual­men­den Gar­kü­chen, Hoch­stra­ßen und vie­len Hoch­häu­sern, blät­tert ein Kol­lege in den Gedich­ten des gro­ßen Lyri­kers Bei Dao:

„Das neue Jahr­hun­dert / Ruhm­süch­tig ver­dun­kelt sich die Erde / Wir lesen vom Licht in einem Buch / aus Beton, wir lesen die Wahrheit…“

Immer­hin, denkt man, der kann das alles hier ver­öf­fent­li­chen. Oder machen sich die Behör­den bei einer so apo­kry­phen Kunst­form wie der Lyrik nicht mal mehr die Mühe, sie zu „har­mo­ni­sie­ren“, weil das ohne­hin kei­ner liest?

Chen Dan­qing lacht am nächs­ten Mor­gen in den hohen Raum sei­nes Ate­liers. Genau, sagt er, wen inter­es­siert noch Lyrik? Chen hat sich selbst har­mo­ni­siert: Der Maler und Essay­ist hat vor eini­gen Jah­ren sei­nen Job an der Uni­ver­si­tät hin­ge­schmis­sen, er fühlte sich zu sehr gegän­gelt und über­wacht. So etwas tut man nicht in China, seit­her ist er berühmt.

Chen wun­dert sich über die Nai­vi­tät des Wes­tens: „Die meis­ten jun­gen Chi­ne­sen sind extrem natio­na­lis­tisch. Die haben keine Ahnung, was am 4. Juni 1989 auf dem Tiananmen-Platz pas­sierte. Was es mit Tibet und Tai­wan auf sich hat. Sie sind nur extrem stolz auf sich und ihr Land. Und das wird noch zuneh­men. Ken­nen Sie das Buch ‚China ist not happy’? Ich habe nicht den Ein­druck, dass ihr dar­auf vor­be­rei­tet seid. Der Wes­ten erin­nert mich in sei­nem Umgang mit China an all die hie­si­gen Intel­lek­tu­el­len, die in den Acht­zi­gern in die Par­tei gin­gen, um sie von innen her­aus zu ändern. Geän­dert haben sich nur diese Leute, nicht die Par­tei. Ihr denkt immer noch, dass ihr im Dia­log mit China das Sys­tem ändern könnt. Davon sehe ich nichts. Im Gegen­teil. China ändert euch.“

Nach dem Gespräch sagt die junge Über­set­ze­rin, eine Ger­ma­nis­tin, die ansons­ten sehr sym­pa­tisch war, ziem­lich ent­nervt: „Inter­es­san­ter Typ, aber was der nur immer hat mit sei­nem Tiananmen.“

Alex Rühle

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