Eiserne Harmonie — China ist in diesem Jahr Gast auf der Frankfurter Buchmesse: Eindrücke aus einem Land, das seine Autoren auf Linie halten will
Von TB | 15. Juli 2009 | Kategorie: China | Kommentare deaktiviertSüddeutsche Zeitung, 11.7.09:
Zum Beispiel Yan Lianke. Der war kurz vor der Lesung rausgelaufen, weil er weinen musste; er hatte erfahren, dass er als einziger der elf anwesenden Schriftsteller nicht eingeladen ist nach Frankfurt. Jetzt steht er etwas linkisch in der Buchhandlung und sagte, er fühle sich unter all den anderen wie „ein Blatt unter Blüten“. Während er erzählt, von seiner Satire auf Mao und davon, aass in China laut einem Sprichwort „an den ernstesten Orten oft die besten Witze“ spielen, setzt im Publikum, unter den deutschen Journalisten, ein verunsichertes Gemurmel ein: Dessen Bücher gibt es aber doch auf Deutsch, oder? Ist es nicht der, der die großen Staatspreise gewonnen hat? Und der vom Staat an eine extrem linientreue Pekinger Universität berufen wurde, wo er nicth lehren muss, aber ein sicheres Gehalt bezieht? Und der darf nicht mit? Rätselhaftes China.
Eine internationale Journalistengruppe wird fünf Tage durch Peking geführt, als Vorbereitung auf die Frankfurter Buchmesse, auf der China in diesem Jahr Gastland ist. Wenn pflichtbewusste Deutsche und emsige Chinesen gemeinsam eine solche Reise ausarbeiten, dann kommt am Ende eine Art Iron-Man-Programm heraus. Weckruf morgens um halb sieben, Abfahrt halbt acht, dann Hochhaus, Bus, Parteizentrum, Bus, Künstlerkolonie, Bus, während des Mittagessens ein kurzer Vortrag über die Geschichte irgendeines eiförmigen Blasinstruments, aus dem Hintergrund ruft unsere Organisatorin mahnend: „Keep eating please“, und abends, nach dem geselligen Feuertopf, am besten noch das Video eines Dissidenten. Eine fünftägige Tour de Force durch die Verlags-, Kunst– und Onlinewelt Chinas – und durch Sprachregelungen und Gesetze des Schweigens, die einem Europäer so fremd sind wie die chinesische Zeichenschrift. Zuweilen fühlte man sich nach solchen Gesprächen beziehungsweise penetranten Fragen auf der einen und teflonglatten Antworten auf der anderen Seite so grobmotorisch, als sei man mit Springerstiefeln über das Büttenpapier der Genfer Konventionen gestapft. Was insofern paradox ist, als man eben genau nach den Genfer Konventionen, vulgo Menschenrechten, gefragt hatte.
Es gab in der Woche mehrere trostlose Treffen mit Funktionären. Am deprimierendsten war aber das Mittagessen mit Tie Ning, der Leiterin des chinesischen Schriftstellerverbandes: Nervös schob sie einzelne Nüsse und Bohnen auf dem Teller herum, ihre Augen glänzten hart wie schwarze Nägelköpfe, aber diese verdammte Arte-Mitarbeiterin hörte einfach nicht auf: „Sie müssen doch Liu Xiaobo kennen. Der hat hier mal den PEN geleitet.“ Nein, sagt Tie Ning, sie habe noch nie von diesem Liu Wieauchimmer gehört. Vom PEN auch nicht. Liu Xiaobo wurde im Dezember ohne Angabe von Gründen in Isolationshaft genommen. Der ehemalige Präsident des inoffiziellen, unabhängigen chinesischen PEN soll Hauptinitiator der Charta 08 gewesen sein, in der Intellektuelle in Anlehnung an die tschechische Charta 77 radikaldemokratische politische Reformen fordern. Tie Ning verzieht den Mund, als kaue sie auf Büroklammern herum und wiederholt: Sie hat noch nie von dem Mann gehört. Und von einem chinesischen PEN weiß sie auch nichts. So ist das, wenn man vier Monate vor der Buchmesse mit der Chefin der Schriftstellervereinigung reden will. Wohlgemerkt: Dieser Laden entscheidet darüber, wer von chinesischer Seite aus zur Frankfurter Buchmesse darf und wer nicht. Nein, sagt sie, das stimme nicht, darüber entscheide einzig und alleine das Ministerium für Presse und Publikation. Na denn, auf zum Ministerium!
Auf dem Weg dorthin kommt man am „Vogelnest“, dem spektakulären Pekinger Olympiastadion, vorbei. Bei ihrer Bewerbung hatten die Chinesen seinerzeit beeindruckend clever die Menschenrechtskarte ausgespielt: „Wenn Sie Peking zum Gastgeber machen, dann helfen Sie der Entwicklung der Menschenrechte“, sagte Liu Jinming, der Vizepräsident des Pekinger Olympiakomitees im April 2001. Na, sagte die Weltgemeinschaft, dann müssen wir ja wohl. China wurde Gastland und ließ auch 2008, im Jahr der Spiele, wieder 1713 Menschen hinrichten. Die amerikanische Dui Hua Foundation geht sogar davon aus, dass in China jedes Jahr 6000 Menschen hingerichtet werden. Wie wohl Chinas Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse die Menschnrechtssituation nach vorne bringen wird?
Ein Saal im ZK-Ambiente, endlos lange Tische, Funktionäre in weißen Hemden, schüchterne Saaldinerinnen schenken der Gruppe westlicher Journalisten fortwährend Tee nach, während Wu Shulin, der Vizeminister des Amtes für Presse und Publikationen, von der Qual der Wahl erzählt, 5000 Jahre chinesische Kultur, wer ist da schon repräsentativ für eine Buchmesse? Er sei aber zuversichtlich, dass „wir in Frankfurt deutlich machen können, was für eine großartige Entwicklung unsere Gesellschaft in den vergangenen 60 Jahren durchlaufen hat“. Es ist ein nichtsagend-freundliches Miteinander – bis die Frage kommt, ob denn auch Taiwaner, Tibeter oder Mitglieder der Falun Gong in Frankfurt ausstellen dürften. Plötzlich explodiert der Vizeminister, niemals werde er diese Leute zulassen, sagt er, wobei er anscheinend die Falun Gong meint, aber ganz sicher ist das nicht, denn er redet immer nur von „diesen Leuten“ respektive „diesen Elementen“, als ob er sich ekle, den Namen in den Mund zu nehmen. Niemals! Diese Leute würden zwar wahrscheinlich nach Frankfurt kommen, „aber wir werden alles tun, um sie daran zu hindern, unsere Stabilität zu untergraben.“ Dann wird wieder gelächelt. Jeder könne ja fahren, einen Teil der Schriftsteller schlage der chinesische Schriftstellerverband vor, andere würden von ihren westlichen Verlagen eingeladen und wer darüber hinaus selber nach Frankfurt wolle, bitte schön, kein Problem.
Zum Abschied erhält jeder von uns ein Buch mit den Schriften von Konfuzius. Den hatten die Kommunisten jahrezehntelang verbannt, im Zuge der neoliberalen Öffnung wurde er aber aus der Mottenkiste geholt, jetzt muss er als Apologet herhalten für das rasante Anwachsen sozialer Ungleichheit: Nach dem Gini-Index, der weltweit die Ungleichverteilung des Einkommens misst, liegt China mittlerweile hinter den USA, was ja doch eine unbequeme Tatsache ist für ein Land, das sich nach wie vor sozialistisch nennt und den Vorrang sozialer und kollektiver Rechte vor den individuellen betont. Was aber schreibt der große Konfuzius dazu: Unruhen muss man im Keim ersticken. Es lebe die stabile Ordnung. Es lebe die Harmonie.
Harmonie ist einer dieser großartigen Begriffe im chinesischen Neusprech: In chinesischen Büchern steht oft hinten drin, sie seinen „harmonisiert“ worden. Millionen Chinesen verstehen oder verwenden das Wort auch, wenn wieder ein unliebsamer Zeitgenosse verhaftet wurde – Liu Xiaobo wurde „harmonisiert“ – oder wenn einer der angeblich 45 Millionen Blogs abgeschaltet wurde.
Überhaupt: die Millionen. Nebenbei war diese Reise auch eine Irrfahrt durch Masse und Macht. Die Zahlen, die an den fünf Tagen auf die alteuropäischen Besucher einprasseln, vermitteln diesen manchmal das Gefühl, aus hinterwäldlerischen Randregionen eines ohnehin dünnbesiedelten Kleinstaates zu stammen. Bald 300 Millionen Internetnutzer, 118 Millionenstädte; dann gibt es zum Beispiel diesen Internetverleger, der behauptet, Tag um Tag 8000 Texte freizuschalten, und von dem Sachbuch „China is not happy“ verkauften sich über Nacht mehr als eine Million Exemplare.
„China is not happy“ ist ein grollendes Pamphlet von fünf nationalistischen Akademikern, eine Suada gegen Verweichlichung und Verwestlichung und ein Plädoyer dafür, dass das große China endlich seine Rolle als Weltheros antritt und „Verträge schließt mit dem Schwert in der Hand“, dass es die diplomatischen Beziehungen zu Frankriech abbrechen und überhaupt dem ganzen „diplomatischen Roulette“ des Westens den Rücken kehren solle, schließlich habe der Westen die Modernisierung über China gebracht. Klingt wie die beschränkte Hassprosa ostdeutscher Rechter, die mit der Globalisierung überfordert sind.
Die Reise war denn auch ein Trip durchs frenetisch modernisierte Peking, diese urbanistische Umwälzpumpe: Vor zwanzig Jahren gab es zwei „Stadtringe“, konzentrische Ringautobahnen, heute wird am sechsten gebaut. Eine unserer Dolmetscherinnen erzählt, dass sie letztes Mal nach den Sommerferien nicht mehr den Weg vom Bahnhof zu ihrer Wohnung gefunden habe, weil in der Zwischenzeit ein Areal von eineinhalb Quadratkilometern plattgemacht und neu gebaut worden sei. Die Stadtregierung hat viel vor mit Peking, sie möchte aus der Hauptstadt eine „internationale Marke“ machen: 2020 sollen nur noch zwei Millionen Menschen in den traditionellen Vierteln leben, die anderen sollen sich eine Bleibe am Stadtrand suchen.
Dabei nehmen die Verantwortlichen kein Blatt vor den Mund, wer bleiben und wer gehen soll: Ren Zhiqiang, Chef der Immobilienfirma Huayuan, verlangte, oberstes stadtplanerisches Ziel müsse es sein, „den Reichen zu ermöglichen, in die Stadt zu kommen und die Armen nach außen abzudrängen“. Der Maler Ruan Hui, der in den neunziger Jahren das Künstlerviertel 798 mitgründete, hat eine schöne Bilderserie über den Abriss der Hutongs, der traditionellen Wohnviertel gemacht. Jedes dieser Bilder trägt den Schriftzug „Chai Na“, was klingt wie die englischen Aussprache des Landesnamens, aber „Abreißen hier“ bedeutet – ein ganzes Land im Abriss.
Nun können Zeiten des Umbruchs und der sozialen Ungleichheit ja sehr produktiv sein für die Literatur, man denke an die europäische Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Bonner Sinologe Wolfgang Kubin aber wetterte vor drei Jahren in einem Interview, die ganze chinesische Gegenwartsliteratur tauge nichts, ja die Prosaschriftsteller seien seit den neunziger Jahren zu „Totengräbern einer Weltliteratur“ geworden. In seinen Augen ist die Literatur völlig korrumpiert, einmal durch die verschiedenen Zensurgremien und die Selbstzensur, zum anderen durch die Kommerzialisierung. Beides führe dazu, dass keine echten Probleme behandelt werden. Das klingt ungefähr so pauschal, wie wenn alte Feuilletondoyens über Popliteratur wettern. Das Erstaunliche aber ist, dass Kubins Brachialkritik in China begeistern aufgenommen wurde.
Nun stellt man sich das mit der Zensur ja gemeinhin recht simpel vor, nordkoreanisch sozusagen, eine undurchlässige Mauer des Schweigens. So ist das nicht in China. Zum einen scheinen im Gespräch zumindest kritische Intellektuelle das zu sagen, was sie denken, als Stichprobe mögen da ein paar Sätze des Künstlers Ai Wei Wei genügen, dem am Tag unseres Besuchs vorübergehend der Blog abgeschaltet worden war: „Nichts wird in diesem Land so kontrolliert und beschädigt wie die Verlagsindustrie. Es gibt strenge Zensur auf allen nur möglichen Ebenen, angefangen bei der Selbstzensur. 99 Prozent unserer Schriftsteller arbeiten innerhalb des Systems. Wenn es erst einmal Redefreiheit geben wird, dann werden all diese offiziellen Schriftsteller vergessen sein.“
Aber auch die Verlagslandschaft ist weitaus komplizierter strukturiert, als man sich das so vorstellt. Offiziell sind in China nur die rund 500 staatlichen Verlage berechtigt, Bücher zu publizieren und ISBN-Nummern zu vergeben. Bis vor kurzem existierten offiziell gar keine Privatverlage. In Wahrheit gibt es seit Jahren schon Tausende Privatverleger. Die kaufen von den staatlichen Verlagen ISBN-Nummern auf. Viele dieser Staatsverlage gleichen leeren Containern, sie haben gar kein eigenes Programm mehr, sondern spülen dem Staat nur noch durch den Verkauf ihrer ISBN-Nummern Geld in die Kassen. Einen Vorteil hat das auch für die Privatverlage: Normalerweise bekommt man nur dann eine ISBN-Nummer, wenn man ein Buch der Vorzensur vorgelegt hat. Die Privatverlage kaufen sozusagen die leeren Nummern, kleben sie auf eines ihrer Bücher und umgehen so die Vorzensur.
Yan Lianke, der Autor, der nicht mit darf zur Buchmesse, erzählte nachher noch in der Buchhandlung, dass einer seiner Romane, der sich als Science-Fiction tarnt, erst zensiert wurde, als er längst schon im Buchhandel erhältlich war: Er erzählt darin von einer Gruppe von Opportunisten, die auf dem Land, in der Provinz Henan, das Blut von Bauern mittels einer Überlandpipeline exporteren und so Geld machen – eine so drastische wie deutliche Parabel auf die rücksichtslose Korruption der Kader. Aber da jeden Tag 500 neue Titel in die Buchhandlungen kommen, dauerte es eben seine Zeit, bis die Zensoren davon Wind bekamen.
Yan ist auf der einen Seite ein hochdekorierter Autor, andererseits wird er immer wieder zensiert, pardon harmonisiert. Er erzählt freimütig, er schreibe fürs Ausland, was er wolle und streiche dann selber für den chinesischen Markt einige Stellen heraus. „Aber eigentlich sind wir ohnehin total irrelevant. Es hört uns keiner mehr.“
Das kann man Guo Jingming nicht sagen. Der Starautor aus Shanghai sieht aus wie Dorian Gray als Mangafigur, ein dürrer Jüngling mit bleicher Haut und ausdruckslosen Knopfaugen. Gegen diesen bizarren Epheben hatte Michael Jackson den Sexappeal von Robert Mitchum nach harten Wüstendreharbeiten. Der 26-Jährige steht in den Räumen seines Verlegers wie ein linkischer Schulbub, nichts lässt darauf schließen, dass einem Chinas erfolgreichster Autor gegenübersteht, vor allem nicht das, was er sagt: Am liebsten wäre er 13, er liebe kleine Mädchen und wolle nur über positive Dinge schreiben.
Bei all seinen drei Pubertäts– und Einsamkeitsromanen wurde er des Plagiats bezichtigt, in einem Fall musste er 25 000 Dollar Strafe zahlen, was ihn nicht weiter anfechten dürfte. Guo gilt als reichster Autor Chinas. Er sagt, in seinem Alter könne er noch nicht „über reife Dinge wie Politik“ schreiben, aber dafür über Jugend und Liebe. „Ich meine Liebe im positiven Sinne, no sex, no drungs.“
Die Literaturwissenschaftlerin Lydia Liu von der Columbia-University schreibt, Autoren wie Guo Jingming seien die perfekten Kollaborateure: „Ihre Texte haben nichts Bedrohliches, sie passen perfekt zum neuen Dogma – Kapitalismus und Individualismus -, und insofern kann man sagen, dass sie kollaborieren.“ Vielleicht wurde er auch deshalb in den Schriftstellerverband aufgenommen.
Eine Art verlegerisches Pendant dazu ist Jinbo Lu. Er hat früher selber geschrieben, aber sich dann schnell aufs Verlegen verlegt. Warum? „I love money, I want to make a lot of money“ sagt er und erkärt dann, wie er Starautorinnen produziert: In Korea gab es 2005 diese 18-Jährige, sie nennt sich Lovely Tao, die unter dem Titel „This guy’s so handsome“ einen Internetroman veröffentlichte, von dem sie danach sechs Millionen gedruckte Exemplare verkaufte. „Ich habe den Stil dieser Koreanerin genau untersucht: Sie schreibt für Elf– bis Fünfzehnjährige. Die haben ihre eigene merkwürdige Logik. Und dann habe ich diesen Stil kopiert.“ Wie jetzt? Sie als Autor? „Aber nein“, sagt er ganz gutmütig, „ich habe ein gutaussehendes Mädchen gesucht und ihr beigebracht, genau so zu schreiben wie Lovely Tao. Bisher hat sie 14 Bücher veröffentlicht.“ Wie haben Sie die denn gecastet? „Sie musste schön sein, sie musste zwanzig sein, aber wie eine 13-Jährige ticken Und sie muss sich benehmen wie eine Prinzessin: viel lächeln, wenig reden.“
All das sagt er mit dem freundlichen Gesicht eines Schuljungen und einem höflich bescheidenen Lächeln. Und entwickelt diese Autorin ihre Stoffe jetzt selber? „Aber nein, wir geben ihr für jede Geschichte ein Vorskript von rund 3000 Wörtern. Sie schreibt daraus ein Buch mit jeweils zwölf Kapiteln, mit zehn handelnden Personen.“ Die Bücher verkaufen sich glänzend. Nur mit Europa will es nicht recht klappen: Jinbo Lu hat zwar mit diversen europäischen Verlegern geredet, „aber die Logik in Europa ist anders.“ In China lebten die Teenager in einem permanenten Wettkampf, „European girls have no idea of competition.“ Als eine mitreisende Kollegin nachfragt, ob er sich da nicht arg nach dem Markt richte, sagt er verständnislos: „Ich bin stolz auf den Inhalt, das ist alles self-help-literautre: Man lernt darin, wie man vom hässlichen Entlein zur wunderschönen Prinzessin wird.“
Abends, auf dem Weg ins Hotel, erfahren wir, dass am Tag unseres Besuchs beim Ministerum für Presse und Publikationen Anklage erhoben wurde gegen Liu Xiaobo: Er habe „mit dem Verbreiten von Gerüchten und der Diffamierung der Regierung zum Umsturz der Staatsmacht und zum Sturz des sozialistischen Systems aufgehetzt.“ Viele fürchten nun, dass die Behörden an Liu ein Exempel zur Abschreckung der mehr als 6000 in China lebenden Unterzeichner der Charta 08 statuieren wollen.
Auf der Busfahrt, vorbei an Hutongs und qualmenden Garküchen, Hochstraßen und vielen Hochhäusern, blättert ein Kollege in den Gedichten des großen Lyrikers Bei Dao:
„Das neue Jahrhundert / Ruhmsüchtig verdunkelt sich die Erde / Wir lesen vom Licht in einem Buch / aus Beton, wir lesen die Wahrheit…“
Immerhin, denkt man, der kann das alles hier veröffentlichen. Oder machen sich die Behörden bei einer so apokryphen Kunstform wie der Lyrik nicht mal mehr die Mühe, sie zu „harmonisieren“, weil das ohnehin keiner liest?
Chen Danqing lacht am nächsten Morgen in den hohen Raum seines Ateliers. Genau, sagt er, wen interessiert noch Lyrik? Chen hat sich selbst harmonisiert: Der Maler und Essayist hat vor einigen Jahren seinen Job an der Universität hingeschmissen, er fühlte sich zu sehr gegängelt und überwacht. So etwas tut man nicht in China, seither ist er berühmt.
Chen wundert sich über die Naivität des Westens: „Die meisten jungen Chinesen sind extrem nationalistisch. Die haben keine Ahnung, was am 4. Juni 1989 auf dem Tiananmen-Platz passierte. Was es mit Tibet und Taiwan auf sich hat. Sie sind nur extrem stolz auf sich und ihr Land. Und das wird noch zunehmen. Kennen Sie das Buch ‚China ist not happy’? Ich habe nicht den Eindruck, dass ihr darauf vorbereitet seid. Der Westen erinnert mich in seinem Umgang mit China an all die hiesigen Intellektuellen, die in den Achtzigern in die Partei gingen, um sie von innen heraus zu ändern. Geändert haben sich nur diese Leute, nicht die Partei. Ihr denkt immer noch, dass ihr im Dialog mit China das System ändern könnt. Davon sehe ich nichts. Im Gegenteil. China ändert euch.“
Nach dem Gespräch sagt die junge Übersetzerin, eine Germanistin, die ansonsten sehr sympatisch war, ziemlich entnervt: „Interessanter Typ, aber was der nur immer hat mit seinem Tiananmen.“
Alex Rühle




