China will auch im Weltraum aufrüsten: Militärisches Raumfahrtprogramm

Finan­cial Times Deutsch­land, 4.11.09, von Kath­rin Hille -
Nur wer “genü­gend Macht” habe, werde sich im Wett­lauf um den Welt­raum Gehör ver­schaf­fen, sagt Chi­nas Luft­waf­fen­chef. Das ist ein kla­rer Kurs­wech­sel: Bis­lang wollte Peking den Him­mel vor allem fried­lich erobern.

Chi­nas Luft­waf­fen­chef Xu Qiliang hält ein Wett­rüs­ten im Welt­raum für unver­meid­lich. “Die Mili­ta­ri­sie­rung des Him­mels und des Welt­raums ist eine Her­aus­for­de­rung für den Frie­den der Mensch­heit”, zitierte die staat­li­che Nach­rich­ten­agen­tur Xin­hua den Gene­ral. “In Anbe­tracht die­ser Her­aus­for­de­rung kön­nen sich nur die­je­ni­gen Gehör ver­schaf­fen, die genü­gend Macht haben”, sagte Xu wei­ter. Nur wer aus­rei­chend Macht habe, könne auch den Frie­den sichern.

Damit weicht Xu vom Kurs der chi­ne­si­schen Regie­rung ab, die bis­lang ver­si­chert hat, Raum­fahrt­pro­gramme nicht für mili­tä­ri­sche Zwe­cke zu nut­zen. Offen­sicht­lich geht der Luft­waf­fen­chef nun davon aus, dass neben dem Wirt­schafts­sek­tor auch im Rüs­tungs­be­reich ein Wett­lauf zwi­schen China und den USA drohe. Zudem machen die Äuße­run­gen Xus deut­lich, dass der Kon­kur­renz­druck inner­halb des chi­ne­si­schen Mili­tärs zunimmt.

“Der Wett­be­werb zwi­schen den Streit­kräf­ten wei­tet sich in den Him­mel und in den Welt­raum aus”, erklärte Xu. Diese Ent­wick­lung sei his­to­risch unver­meid­bar und könne nicht rück­gän­gig gemacht wer­den. Xu kün­digte an, die chi­ne­si­sche Luft­waffe werde ihren Fokus von der rei­nen Ver­tei­di­gung des natio­na­len Ter­ri­to­ri­ums hin zu einer teil­weise auch offen­si­ven Hal­tung neu bestimmen.

Seit Lan­gem war­nen US-Militärexperten vor Chi­nas Auf­rüs­tung. Xus Äuße­run­gen dürf­ten in Washing­ton als Beleg für die Ambi­tio­nen Pekings gewer­tet wer­den, den USA im Welt­raum Paroli zu bie­ten. Schon 2007 hat China einen sei­ner Satel­li­ten abge­schos­sen. Exper­ten sahen darin den Beweis, dass Peking auch feind­li­che Satel­li­ten abschie­ßen könne und bereits über Kapa­zi­tä­ten zur Kriegs­füh­rung im Welt­raum verfüge.

Chi­ne­si­sche Mili­tär­ex­per­ten strit­ten jedoch ab, dass sie den Bau von Welt­raum­waf­fen pla­nen. Xu habe nur die Quelle einer Bedro­hung dar­ge­stellt und einen tech­no­lo­gi­schen Aus­blick gege­ben, sagte Wang Xiang­sui von der Beihang-Universität. “Natür­lich haben im Grunde alle Satel­li­ten, egal ob sie mili­tä­risch oder pri­vat genutzt wer­den, einen gewis­sen mili­tä­ri­schen Hintergrund.”

Sicher­heits­ex­per­ten gehen davon aus, dass Peking Xus Kom­men­tar her­un­ter­spie­len will. Die Aus­sage spie­gele kei­nen Stra­te­gie­schwenk wider, son­dern der Luft­waf­fen­chef wolle ledig­lich mehr Geld und Unter­stüt­zung für seine Teil­streit­kraft ein­wer­ben. Er stehe im Wett­be­werb mit der schnell wach­sen­den Marine der chi­ne­si­schen Streitkräfte.

Krieg der Sterne – neues Wett­rüs­ten im All?

Tho­mas Ritter

Chi­ne­si­sche Mili­tär­ex­per­ten war­nen vor einem ver­schärf­ten Wett­rüs­ten im All, zu dem China und wei­tere Groß­mächte gezwun­gen sein wer­den, sofern die USA nicht ihre Ambi­tio­nen auf­ge­ben, den erd­na­hen Welt­raum allein zu domi­nie­ren. Ame­rika und die NATO hin­ge­gen kri­ti­sie­ren Chi­nas Bestre­bun­gen, dort eine eigene mili­tä­ri­sche Prä­senz auf­zu­bauen. Beson­ders steht ein Test in der Kri­tik, den China bereits im Januar 2007 durch­führte. Damals schos­sen die Chi­ne­sen einen ihrer eig­nen ver­al­te­ten Satel­li­ten mit­tels einer neu­ar­ti­gen Waffe ab.

Jetzt legen zwei chi­ne­si­sche Mili­tär­ex­per­ten in einem Buch nach, das von der staat­li­chen Waf­fen­kon­troll– und Abrüs­tungs­kom­mis­sion her­aus­ge­ge­ben wurde. Darin heißt es, dass China und wei­tere Staa­ten zu dem mili­tä­ri­schen Wett­lauf im All auf­grund der Bestre­bun­gen der USA gezwun­gen wor­den seien.

»Eine stra­te­gi­sche Kon­fron­ta­tion im All wird schwer­lich zu ver­mei­den sein. Die Ent­wick­lung von welt­raum­taug­li­chen Waf­fen zeigt, dass ein Wett­rüs­ten im Welt­raum beginnt«, schrieb Wu Tianfu vom Stab des Zwei­ten Artillerie-Korps. Das Korps kon­trol­liert Chi­nas nuklea­res Arse­nal. »Wir kön­nen inzwi­schen sagen, dass eine sol­che Mili­ta­ri­sie­rung des Welt­raums inzwi­schen unauf­halt­sam ist …«

Chi­ne­si­sche Diplo­ma­ten set­zen sich immer wie­der für stren­gere inter­na­tio­nale Richt­li­nien ein, die ein kos­ten­in­ten­si­ves und desta­bi­li­sie­ren­des Wett­rüs­ten im All ver­hin­dern sol­len. Die Ana­lyse der Kom­mis­sion offen­bart nun einen wei­te­ren Blick­win­kel. Das chi­ne­si­sche Mili­tär ist offen­bar der Ansicht, für eine eska­lie­rende Riva­li­tät im Welt­raum gerüs­tet sein zu müssen.

»In einer gar nicht fer­nen Zukunft wird der Welt­raum auch Schau­platz der Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen ver­schie­de­nen Staa­ten sein«, schrieb Xu Nengwu von Chi­nas natio­na­ler Uni­ver­si­tät für Ver­tei­di­gungs­wis­sen­schaf­ten und Tech­no­lo­gie. Auch er ver­langte nach­drück­lich die Schaf­fung von Bedin­gun­gen, die eine Mili­ta­ri­sie­rung des Welt­raums ver­hin­dern, fügte jedoch hinzu: »Es dürfte  sehr schwer sein, diese gemein­sa­men Ideale und mora­li­schen Nor­men für eine Zusam­men­ar­beit zur Siche­rung des erd­na­hen Orbits in kur­zer Zeit in eine all­ge­mein ver­bind­li­che Form zu bringen.«

Diese War­nun­gen wur­den in einem Jahr­buch für glo­bale Ent­wick­lun­gen aus­ge­spro­chen, wel­ches die chi­ne­si­sche Waf­fen­kon­troll– und Abrüs­tungs­kom­mis­sion kürz­lich her­aus­ge­ge­ben hat. Darin wird auch die For­de­rung nach einem inten­si­ve­ren Aus­tausch zwi­schen Peking und Washing­ton in Bezug auf die jewei­li­gen Inter­es­sen im All laut. Im Mai 2008 unter­stützte der chi­ne­si­sche Prä­si­dent Hu Jin­tao nach­drück­lich die rus­si­sche Oppo­si­tion gegen die ame­ri­ka­ni­schen Pläne, ein rake­ten­ge­stütz­tes Ver­tei­di­gungs­sys­tem zu instal­lie­ren, das auch Basen in Ost­eu­ropa umfas­sen soll.

Doch das Pen­ta­gon ver­sucht, seine Sicher­heits­stra­te­gie für den Welt­raum  zu recht­fer­ti­gen. Peking stelle seine mili­tä­ri­schen Fähig­kei­ten im Welt­raum aggres­siv dar, was der Abschuss des Satel­li­ten im ver­gan­ge­nen Jahr beweise, sagte Bri­ga­de­ge­ne­ral Jef­frey Horne gegen­über einer Kon­gress­kom­mis­sion im Mai 2008, und ver­trat die Auf­fas­sung, die Ver­ei­nig­ten Staa­ten müss­ten vor­aus­schau­end ihre Inter­es­sen und Mög­lich­kei­ten im Welt­raum sichern. Dies ist auch die Mei­nung ame­ri­ka­ni­scher Waf­fen­pro­du­zen­ten wie der Lock­heed Mar­tin Corp., Boe­ing und der Nor­throp Grum­man Corp., die sich Auf­träge in erheb­li­chem Umfang für welt­raum­ge­stützte Waf­fen erhoffen.

Wu, der chi­ne­si­sche Mili­tär­ex­perte, sieht daher wohl auch nicht zu Unrecht sein Land als Opfer und nicht als Angrei­fer in die­sem Konflikt.

_______________

Quelle: Buck­ley, Chris: »Mili­tary experts warning: Space arms race gro­wing«, in Jakarta Post vom 1. Juni 2008

Share:
  • Print
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • email
  • Tumblr
  • Twitter
  • LinkedIn
  • PDF
  • Posterous

Keine Kommentare möglich.