China will auch im Weltraum aufrüsten: Militärisches Raumfahrtprogramm
Von TB | 6. November 2009 | Kategorie: China | Kommentare deaktiviertFinancial Times Deutschland, 4.11.09, von Kathrin Hille -
Nur wer “genügend Macht” habe, werde sich im Wettlauf um den Weltraum Gehör verschaffen, sagt Chinas Luftwaffenchef. Das ist ein klarer Kurswechsel: Bislang wollte Peking den Himmel vor allem friedlich erobern.
Chinas Luftwaffenchef Xu Qiliang hält ein Wettrüsten im Weltraum für unvermeidlich. “Die Militarisierung des Himmels und des Weltraums ist eine Herausforderung für den Frieden der Menschheit”, zitierte die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua den General. “In Anbetracht dieser Herausforderung können sich nur diejenigen Gehör verschaffen, die genügend Macht haben”, sagte Xu weiter. Nur wer ausreichend Macht habe, könne auch den Frieden sichern.
Damit weicht Xu vom Kurs der chinesischen Regierung ab, die bislang versichert hat, Raumfahrtprogramme nicht für militärische Zwecke zu nutzen. Offensichtlich geht der Luftwaffenchef nun davon aus, dass neben dem Wirtschaftssektor auch im Rüstungsbereich ein Wettlauf zwischen China und den USA drohe. Zudem machen die Äußerungen Xus deutlich, dass der Konkurrenzdruck innerhalb des chinesischen Militärs zunimmt.
“Der Wettbewerb zwischen den Streitkräften weitet sich in den Himmel und in den Weltraum aus”, erklärte Xu. Diese Entwicklung sei historisch unvermeidbar und könne nicht rückgängig gemacht werden. Xu kündigte an, die chinesische Luftwaffe werde ihren Fokus von der reinen Verteidigung des nationalen Territoriums hin zu einer teilweise auch offensiven Haltung neu bestimmen.
Seit Langem warnen US-Militärexperten vor Chinas Aufrüstung. Xus Äußerungen dürften in Washington als Beleg für die Ambitionen Pekings gewertet werden, den USA im Weltraum Paroli zu bieten. Schon 2007 hat China einen seiner Satelliten abgeschossen. Experten sahen darin den Beweis, dass Peking auch feindliche Satelliten abschießen könne und bereits über Kapazitäten zur Kriegsführung im Weltraum verfüge.
Chinesische Militärexperten stritten jedoch ab, dass sie den Bau von Weltraumwaffen planen. Xu habe nur die Quelle einer Bedrohung dargestellt und einen technologischen Ausblick gegeben, sagte Wang Xiangsui von der Beihang-Universität. “Natürlich haben im Grunde alle Satelliten, egal ob sie militärisch oder privat genutzt werden, einen gewissen militärischen Hintergrund.”
Sicherheitsexperten gehen davon aus, dass Peking Xus Kommentar herunterspielen will. Die Aussage spiegele keinen Strategieschwenk wider, sondern der Luftwaffenchef wolle lediglich mehr Geld und Unterstützung für seine Teilstreitkraft einwerben. Er stehe im Wettbewerb mit der schnell wachsenden Marine der chinesischen Streitkräfte.
Krieg der Sterne – neues Wettrüsten im All?
Thomas Ritter
Chinesische Militärexperten warnen vor einem verschärften Wettrüsten im All, zu dem China und weitere Großmächte gezwungen sein werden, sofern die USA nicht ihre Ambitionen aufgeben, den erdnahen Weltraum allein zu dominieren. Amerika und die NATO hingegen kritisieren Chinas Bestrebungen, dort eine eigene militärische Präsenz aufzubauen. Besonders steht ein Test in der Kritik, den China bereits im Januar 2007 durchführte. Damals schossen die Chinesen einen ihrer eignen veralteten Satelliten mittels einer neuartigen Waffe ab.
Jetzt legen zwei chinesische Militärexperten in einem Buch nach, das von der staatlichen Waffenkontroll– und Abrüstungskommission herausgegeben wurde. Darin heißt es, dass China und weitere Staaten zu dem militärischen Wettlauf im All aufgrund der Bestrebungen der USA gezwungen worden seien.
»Eine strategische Konfrontation im All wird schwerlich zu vermeiden sein. Die Entwicklung von weltraumtauglichen Waffen zeigt, dass ein Wettrüsten im Weltraum beginnt«, schrieb Wu Tianfu vom Stab des Zweiten Artillerie-Korps. Das Korps kontrolliert Chinas nukleares Arsenal. »Wir können inzwischen sagen, dass eine solche Militarisierung des Weltraums inzwischen unaufhaltsam ist …«
Chinesische Diplomaten setzen sich immer wieder für strengere internationale Richtlinien ein, die ein kostenintensives und destabilisierendes Wettrüsten im All verhindern sollen. Die Analyse der Kommission offenbart nun einen weiteren Blickwinkel. Das chinesische Militär ist offenbar der Ansicht, für eine eskalierende Rivalität im Weltraum gerüstet sein zu müssen.
»In einer gar nicht fernen Zukunft wird der Weltraum auch Schauplatz der Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Staaten sein«, schrieb Xu Nengwu von Chinas nationaler Universität für Verteidigungswissenschaften und Technologie. Auch er verlangte nachdrücklich die Schaffung von Bedingungen, die eine Militarisierung des Weltraums verhindern, fügte jedoch hinzu: »Es dürfte sehr schwer sein, diese gemeinsamen Ideale und moralischen Normen für eine Zusammenarbeit zur Sicherung des erdnahen Orbits in kurzer Zeit in eine allgemein verbindliche Form zu bringen.«
Diese Warnungen wurden in einem Jahrbuch für globale Entwicklungen ausgesprochen, welches die chinesische Waffenkontroll– und Abrüstungskommission kürzlich herausgegeben hat. Darin wird auch die Forderung nach einem intensiveren Austausch zwischen Peking und Washington in Bezug auf die jeweiligen Interessen im All laut. Im Mai 2008 unterstützte der chinesische Präsident Hu Jintao nachdrücklich die russische Opposition gegen die amerikanischen Pläne, ein raketengestütztes Verteidigungssystem zu installieren, das auch Basen in Osteuropa umfassen soll.
Doch das Pentagon versucht, seine Sicherheitsstrategie für den Weltraum zu rechtfertigen. Peking stelle seine militärischen Fähigkeiten im Weltraum aggressiv dar, was der Abschuss des Satelliten im vergangenen Jahr beweise, sagte Brigadegeneral Jeffrey Horne gegenüber einer Kongresskommission im Mai 2008, und vertrat die Auffassung, die Vereinigten Staaten müssten vorausschauend ihre Interessen und Möglichkeiten im Weltraum sichern. Dies ist auch die Meinung amerikanischer Waffenproduzenten wie der Lockheed Martin Corp., Boeing und der Northrop Grumman Corp., die sich Aufträge in erheblichem Umfang für weltraumgestützte Waffen erhoffen.
Wu, der chinesische Militärexperte, sieht daher wohl auch nicht zu Unrecht sein Land als Opfer und nicht als Angreifer in diesem Konflikt.
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Quelle: Buckley, Chris: »Military experts warning: Space arms race growing«, in Jakarta Post vom 1. Juni 2008



