Konflikt an der Grenze zu Indien: Dalai Lama — Besuch verärgert China

Spie­gel, 7.11.09, von Padma Rao -
Zum fünf­ten Mal seit sei­ner Flucht aus Tibet besucht der Dalai Lama Tawang in Arun­achal Pra­desh, Ost-Indien. Es ist ein Besuch in heik­len Zei­ten: An der indisch-chinesischen Grenze häu­fen sich Pro­vo­ka­tio­nen und Manö­ver, Neu-Delhis Mili­tär berei­tet sich schon auf den Ver­tei­di­gungs­fall vor. “Die Lage kann leicht außer Kon­trolle gera­ten”, heißt es.

Weh­muts­voll weist Thub­ten Sha­s­tri in die Ferne, wo sich hin­ter dich­ten Kie­fer­wäl­dern und gel­ben Dächern, auf denen Hun­derte Gebets­fah­nen flat­tern, schnee­ge­krönte Berg­rie­sen abzeich­nen. “Sie gehö­ren zu Tibet und damit zu China”, sagt er. “Dort drü­ben wur­den letz­tes Jahr so viele Mön­che getö­tet. Zum Glück gehö­ren wir auf die­ser Seite zu Indien.”

Sha­s­tri ist selbst Mönch, ein kurz gescho­re­ner jun­ger Mann von 22 Jah­ren. Er erklärt Besu­chern auf dem Hin­ter­hof des Klos­ters Gan­den Nam­gyal (“Himm­li­sches Para­dies”) in Tawang, von wo man einen wei­ten Aus­blick hat, die 37 Kilo­me­ter ent­fernte Grenze und ihre Geschichte. Und er erläu­tert auch, warum die ost­in­di­sche Klein­stadt der­zeit so her­aus­ge­putzt wird, warum die Gebets­glo­cken poliert und die sel­ten benutz­ten Gäs­te­quar­tiere reno­viert werden.

Für die­sen Sonn­tag hat sich näm­lich ein Ehren­gast ange­kün­digt: Seine Hei­lig­keit, der Dalai Lama. Zum fünf­ten Mal seit sei­ner Flucht aus Tibet will das reli­giöse Ober­haupt der Tibe­ter nach Tawang rei­sen, um hier, im Bun­des­staat Arun­achal Pra­desh, drei Tage lang zu beten und zu leh­ren. Tawang hat für ihn und seine Lands­leute beson­dere Bedeu­tung, es ist der Geburts­ort eines sei­ner Vor­gän­ger und war 1959 seine erste Sta­tion im Exil.

Ebenso groß wie die Vor­freude ist aller­dings die Sorge, dass der Besuch alte Strei­tig­kei­ten wie­der anfa­chen und neue Span­nun­gen zwi­schen den bei­den gro­ßen Wirt­schafts– und Mili­tär­mäch­ten Asi­ens her­vor­ru­fen könnte.

Schon heute sind Pro­vo­ka­tio­nen, die meis­ten aus China, fast all­täg­lich. Ein­dring­linge aus dem Reich der Mitte pin­sel­ten an einen weit­hin sicht­ba­ren Fel­sen auf indi­schem Ter­ri­to­rium die Auf­schrift “Yel­low River”, also den Namen des zweit­längs­ten chi­ne­si­schen Flus­ses, der in Tibet ent­springt. Prompt grif­fen die Inder Farb­ent­fer­ner und sprüh­ten ihrer­seits auf Hindi “Bha­rat” (Indien) auf den Stein. Andern­orts warf ein chi­ne­si­scher Hub­schrau­ber Lebens­mit­tel­pa­kete ab — eine Unver­schämt­heit, wie man in Neu-Delhi fin­det. “Die Lage kann leicht außer Kon­trolle gera­ten”, warnt der natio­nale Sicher­heits­be­ra­ter Mayan­kote Kel­ath Narayanan.

Indien und China begin­nen mili­tä­ri­sche Manöver

50.000 chi­ne­si­sche Sol­da­ten nah­men im August an Manö­vern ent­lang der Grenze teil, fast 200.000 sind angeb­lich in Tibet schon sta­tio­niert. Indien rea­gierte mit der “Ope­ra­tion Alert”, einem Auf­ge­bot von Trup­pen und Kampf­flug­zeu­gen, und lässt nun eilig Stra­ßen und sel­ten genutzte Lan­de­bah­nen asphal­tie­ren. Die tibe­ti­sche Seite ist bereits mit einem eng­ma­schi­gen Stra­ßen­netz erschlos­sen und durch eine Eisen­bahn mit dem Hin­ter­land verbunden.

Die gemein­same Grenze der bei­den asia­ti­schen Riva­len zieht sich über 3380 Kilo­me­ter hin und wird nur durch das dazwi­schen gela­gerte Nepal und Bhu­tan unter­bro­chen. Jene gut 1000 Kilo­me­ter, die Arun­achal Pra­desh von China tren­nen, sind der umstrit­tenste Abschnitt, sie gel­ten als eine der bri­san­tes­ten Kon­fron­ta­ti­ons­li­nien in Asien. Denn die Chi­ne­sen hal­ten nicht nur rund 43.000 Qua­drat­ki­lo­me­ter umstrit­te­nes Gebiet in Kasch­mir besetzt, des­sen völ­ker­recht­li­cher Sta­tus seit gut 60 Jah­ren unge­klärt ist, in einer gerade erschie­ne­nen, in Tibet ver­teil­ten Bro­schüre aber “unab­hän­gig” genannt wird. Sie bean­spru­chen vor allem 90.000 Qua­drat­ki­lo­me­ter im indi­schen Nord­os­ten — mit dem gan­zen Bun­des­staat Arun­achal Pradesh.

Die Grenze dort heißt auch McMahon-Line, nach jenem bri­ti­schen Chef­de­le­gier­ten, der sie 1914, ein Jahr nach der Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung Tibets, auf einer Kon­fe­renz im nord­in­di­schen Shimla aus­ge­han­delt hatte. Teil­neh­mer waren die tibe­ti­sche Regie­rung, China und die Bri­ten als Indi­ens Kolo­ni­al­macht. Der Shimla-Konvention zufolge wurde der süd­li­che Teil Tibets den Bri­ten zuge­spro­chen. Die junge Repu­blik Indien erbte ihn nach deren Abzug und nannte ihn Arun­achal Pra­desh. China aller­dings hat die Grenz­li­nie kate­go­risch abge­lehnt, erst recht nach der Okku­pa­tion Tibets 1950.

Seit Grün­dung der Volks­re­pu­blik hat Peking 13 strit­tige Grenz­ver­läufe mit sei­nen Nach­bar­staa­ten fried­lich geklärt, mit Indien ist dies trotz ins­ge­samt 13 Gesprächs­run­den nicht geglückt. 1962 über­rum­pelte die Volks­be­frei­ungs­ar­mee sogar indi­sche Grenz­ein­hei­ten und mar­schierte für wenige Tage in Arun­achal Pra­desh ein. Kurz dar­auf zogen sich die Streit­kräfte wie­der hin­ter die McMahon-Linie zurück, die chi­ne­si­sche Regie­rung erklärte sie jedoch zu einer bes­ten­falls vor­läu­fi­gen Kontrolllinie.

Erst jetzt stellt Neu-Delhi erheb­li­che Ent­wick­lungs­hilfe für die umstrit­tene Region bereit. Für not­wen­dige Infrastruktur-Verbesserungen erhält Arun­achal Pra­desh der­zeit umge­rech­net 3,5 Mil­li­ar­den Euro. Pre­mier Man­mo­han Singh ver­sprach den raschen Bau einer über 1500 Kilo­me­ter lan­gen Auto­bahn sowie zweier Was­ser­kraft­werke bis spä­tes­tens 2013.

Seine Mili­tärs blei­ben den­noch skep­tisch. Sie füh­len sich der chi­ne­si­schen Armee in jeder Hin­sicht unter­le­gen, und das werde sich nicht ändern, so ein Bri­ga­de­ge­ne­ral, solange feder­fuch­sige Hauptstadt-Bürokraten die Moder­ni­sie­rung des Waf­fen­ar­se­nals behin­der­ten: “Die Welt ist fixiert auf einen mög­li­chen Kon­flikt mit Pakis­tan, obwohl wir dort alles im Griff haben. Dage­gen wären wir für China eine leichte Beute.”

Zur­zeit herrscht allen­falls ein Krieg der Nadel­sti­che: Pre­mier Singh besuchte Arun­achal Pra­desh wegen der Regio­nal­wah­len am 13. Okto­ber — Peking pro­tes­tierte gegen diese Reise in ein “umstrit­te­nes Gebiet”.

Auch wei­ter­hin blo­ckiert die Pekin­ger Regie­rung Indi­ens Auf­nahme als stän­di­ges Mit­glied in den Uno-Sicherheitsrat. Regio­nale Pläne, wie zum Bei­spiel die Finan­zie­rung von Was­ser­pro­jek­ten in Arun­achal Pra­desh durch die Asian Deve­lop­ment Bank, ver­suchte Peking zu ver­hin­dern. Das gemein­sam geplante Pro­jekt einer Erdbeben-Messstation am Fuße des Mount Ever­est haben die Chi­ne­sen ohne Indien begon­nen. Indien unter­stellt, dass die Chi­ne­sen, die noch eine wei­tere seis­mo­gra­fi­sche Sta­tion in Grenz­nähe betrei­ben, nach indi­schen Nukle­ar­tests spü­ren wollen.

Ohne­hin ist Indien umzin­gelt. In Burma, Sri Lanka und Pakis­tan baut China Häfen, Koh­le­kraft­werke, Stra­ßen und Eisen­bahn­li­nien, um seine Prä­senz am Indi­schen Ozean zu erhö­hen. Für fast alle indi­schen Nach­barn ist die Volks­re­pu­blik wich­tigs­ter Waf­fen­lie­fe­rant, nicht zuletzt für Pakis­tan. “Mit aller Kraft” sollte gerade diese Koope­ra­tion “gebro­chen wer­den”, for­dert der frü­here Jus­tiz­mi­nis­ter Sub­ra­ma­nian Swamy.

Wäh­rend sich Indi­ens Sol­da­ten im Hima­laja auf den eisi­gen Win­ter vor­be­rei­ten, beten die Mön­che des Klos­ters in Tawang, dass der Dalai Lama seine Reise nicht womög­lich in letz­ter Minute stor­nie­ren möge. Denn Peking hat schon in schärfs­ten Tönen dage­gen pro­tes­tiert — wor­auf­hin Indi­ens Außen­mi­nis­ter Soma­nah­alli Mal­laiah Krishna unver­züg­lich betonte, der Exi­lant habe “die Frei­heit, in Indien zu rei­sen, wohin er will”.

“Der chi­ne­si­sche Dra­che ist ein sehr cle­ve­rer Dra­che”, sagt der Mönch Thub­ten Sha­s­tri und macht sich auf dem Weg, um für den “Gott­kö­nig” mit der Brille ein Bün­del Räu­cher­stäb­chen zu ent­zün­den und zu beten. “Dem Dra­chen kann man nie­mals trauen.”

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