Ökozid am „Dritten Pol“: Das grosse Gletscherschmelzen in Tibet

World Tibet News, www​.tibet​.ca, 12. Novem­ber 2009 -
Rezen­sion des Films “Meltdown in Tibet” von Jamyang Norbu.
Al Gore’s neues Buch „Our Coice: A Plan to solve the Cli­mate Cri­sis“ erschien gerade recht­zei­tig, um noch vor der Klima-Konferenz in Kopen­ha­gen im Dezem­ber vor­zu­lie­gen. Bei den Dis­kus­sio­nen in der däni­schen Haupt­stadt wird gewiss das Schmel­zen der Eis­de­cke an den Polen ein wich­ti­ges Thema sein. Am nächs­ten Tag wird die Öffent­lich­keit dann durch die Medien mit anrüh­ren­den Bil­dern von Eis­bä­ren auf den letz­ten Eis­schol­len in einem sonst eis­freien Polar­meer und ver­lo­ren drein­bli­cken­den Pin­gui­nen informiert.

Einen Trai­ler zu die­sem Film von Michael Buck­ley (Wild Yak Films) gibt es auf der Web­site www​.meltdown​in​Ti​bet​.com.
Ein Thema, von dem wir fürch­ten, dass es bei der Kon­fe­renz nicht dis­ku­tiert wird (eben­so­we­nig wie in Al Gore’s Buch) ist die ökolo­gi­sche Krise in einem ande­ren Teil der Welt, deren Aus­wir­kun­gen genauso ver­hee­rend sein wer­den wie die der gro­ßen Eis­schmelze in der Ark­tis und Ant­ark­tis. Einige Exper­ten bezeich­nen die­ses Gebiet als den „Drit­ten Pol“ der Erd­er­wär­mung. Es geht natür­lich um das tibe­ti­sche Hochland.

Glet­scher im Hima­laya und auf dem tibe­ti­schen Hoch­land schrump­fen der­ma­ßen rasant, daß sogar ein oder zwei chi­ne­si­sche Wis­sen­schaft­ler in Panik gerie­ten. “Infolge der glo­ba­len Erwär­mung zie­hen sich die Glet­scher auf dem Qinghai-Tibet Pla­teau groß­flä­chig und viel schnel­ler als in jedem ande­ren Teil der Erde zurück“, sagte kürz­lich Qin Daha, ein ehe­ma­li­ger Direk­tor des chi­ne­si­schen meteo­ro­lo­gi­schen Insti­tuts. „Kurz­fris­tig wird dies zu einer Ver­grö­ße­rung der Seen füh­ren und Hoch­was­ser und Schlamm­la­wi­nen aus­lö­sen. Lang­fris­tig gese­hen sind die Glet­scher lebens­not­wen­dig für den Was­ser­haus­halt von Flüs­sen wie Indus und Gan­ges. Wenn sie ver­schwin­den, dann ist die Was­ser­ver­sor­gung in jenen Regio­nen gefährdet.“

Tibe­ter und Tibet-Unterstützer wis­sen sehr gut, dass die dro­hende und fast unaus­weich­li­che ökolo­gi­sche Kata­stro­phe auf dem tibe­ti­schen Hoch­land nicht nur das Resul­tat der glo­ba­len Erwär­mung ist, son­dern in glei­chem, wenn nicht noch höhe­rem Maße eine Folge der extre­men Aus­beu­tung und Zer­stö­rung der „Berge und Was­ser­läufe“ (tib. ri-lung) Tibets durch das kom­mu­nis­ti­sche China.

Um diese „unbe­queme Wahr­heit“ über das tibe­ti­sche Hoch­land ins Bewußt­sein der All­ge­mein­heit zu rücken, wurde ein neuer Doku­men­tar­film geschaf­fen, der einige wich­tige, und sehr beun­ru­hi­gende Fra­gen aufwirft:

- Was ist das Schick­sal der Quell­ge­biete der gewal­ti­gen Flüsse in Tibet?
– Warum ver­schwin­den die tibe­ti­schen Noma­den aus dem Gras­land?
– Warum baut China so viele rie­sige Stau­dämme auf dem tibe­ti­schen Hoch­land?
– Was für eine Aus­wir­kung wird dies auf die fluss­ab­wärts leben­den Men­schen haben?
– Was um Him­mels wil­len füh­ren Chi­nas Inge­nieure noch im Schilde?

In sei­nem 40minütigen Film „Meltdown in Tibet“ ver­wen­det Michael Buck­ley geheim gedreh­tes Film­ma­te­rial und Kame­ra­bil­der, um uns einen auf­re­gen­den Ein­blick in Chi­nas gigan­ti­sche und poten­ti­ell kata­stro­phen­träch­tige Staudamm-Projekte in Tibet zu geben. Er zeigt uns, wie die tibe­ti­schen Noma­den von ihrem ange­stamm­ten Land ver­trie­ben wer­den, um Platz für die Mega-Staudämme und die Berg­bau­pro­jekte zu schaf­fen. Aber das sei nur die Spitze des Eis­ber­ges, sagt uns der Autor des Films. Was sich dro­hend abzeich­net, ist eine Was­ser­krise rie­si­gen Aus­ma­ßes, die Mil­lio­nen von Men­schen in den über­be­völ­ker­ten Land­stri­chen von China, Indien, Pakis­tan, Ban­gla­desh, Nepal, Viet­nam, Thai­land, Kam­bo­dscha, Burma und Laos in Mit­lei­den­schaft zie­hen wird.

Ich kenne Michael Buck­ley seit den acht­zi­ger Jah­ren, als er Koau­tor des ers­ten Lonely Pla­net Guide to Tibet war, über den ich eine Rezen­sion für die Tibe­tan Review schrieb. Seit­her ist Buck­ley in ganz Tibet her­um­ge­kom­men, sei es zu Fuß, auf dem Moun­tain Bike oder im Land­crui­ser und in sei­nem Film auf einem auf­blas­ba­ren Floß. Außer dem Lonely Pla­net Guide hat Buck­ley noch eine ganze Reihe von Rei­se­bü­chern über Tibet geschrie­ben, aber seine wach­sende Haupt­sorge um die Umwelt­zer­stö­rung in Tibet und die Ver­nich­tung der Lebens­art sei­ner Bevöl­ke­rung hat ihn dazu ver­an­lasst, die­sen Film zu dre­hen und her­aus­zu­brin­gen. Wenn Peking die­sen in die Hand bekom­men sollte, wird es wahr­schein­lich das Ende sei­ner Rei­sen nach Tibet bedeuten.

Der Film wirkt des­halb so unmit­tel­bar und über­zeu­gend, weil Michael Buck­ley tat­säch­lich mit dem Floß die Wild­was­ser hin­ab­fuhr, von denen er spricht, und weil er die Qua­li­tät die­ser größ­ten asia­ti­schen Was­ser­läufe spek­ta­ku­lär im Film ein­fing. Dass er ins­ge­heim einige jener Stau­dämme filmte, wel­che die Chi­ne­sen an die­sen Flüs­sen bauen, ver­leiht dem Doku­men­tar­film sozu­sa­gen die rich­tige Authen­ti­zi­tät. Das mag sich hier nach Mäke­lei anhö­ren, aber der Film scheint sein Tempo ein wenig zu ver­lang­sa­men, wenn er die Flüsse ver­lässt und all­ge­meine Pro­bleme wie die chi­ne­si­sche Prä­senz in Tibet, den tibe­ti­schen Bud­dhis­mus und seine Bewah­rung behan­delt. Nichts­des­to­trotz ist „Meltdown in Tibet“ ein dra­ma­ti­scher, infor­ma­ti­ver und stel­len­weise sogar unter­halt­sa­mer Film, der der Umwelt­be­we­gung und der Sache der Tibe­ter erneut star­ken Auf­wind geben wird.

Michael Buck­ley bot an, eine DVD des Films an Tibet-Organisationen und Unter­stüt­zer zu schi­cken, die ihn öffent­lich vor­füh­ren möch­ten, um das Bewusst­sein der Leute für die dro­hende Umwelt­ka­ta­stro­phe in Tibet zu wecken.  Wei­te­res auf der Web­site. www​.Meltdown​in​Ti​bet​.com.

Akti­vis­ten für die Frei­heit in Tibet (Rang­zen) könn­ten den Film und die Kon­fe­renz in Kopen­ha­gen nut­zen, nicht nur um die chi­ne­si­sche Plün­de­rung des Hoch­pla­teaus zu gei­ßeln, son­dern um deut­lich zu machen, dass die­ser unwill­kom­mene Bei­trag zur Kli­ma­er­wär­mung die direkte Folge der chi­ne­si­schen Inva­sion, Beset­zung und Aus­beu­tung Tibets ist. Außer­dem waren in der Ver­gan­gen­heit, im unab­hän­gi­gen Tibet, die Noma­den, die Bau­ern, und sogar die Regie­rung ver­ant­wor­tungs­be­wusste Hüter ihres Lan­des und sei­ner unbe­rühr­ten Natur – ein Umstand, den Buck­ley in sei­nem Film immer wie­der unter­streicht. Ich schreibe gerade an einem Essay über tra­di­tio­nelle Anschau­un­gen und die Pra­xis des Umgangs mit der Natur im alten Tibet, den ich bald been­det haben werde und der noch einige Infor­ma­tio­nen zu die­sem spe­zi­el­len Thema lie­fern dürfte.

Seine Hei­lig­keit der Dalai Lama äußerte vor eini­gen Jah­ren unge­wöhn­lich deut­lich zu die­sem Thema: „Es ist unge­heuer wich­tig, die Öffent­lich­keit dar­über zu infor­mie­ren, dass die Ökolo­gie Tibets einer ganz beson­de­ren Auf­merk­sam­keit bedarf. Die Kom­mu­nis­ten beu­ten die natür­li­chen Res­sour­cen rück­sichts­los und aus zwei Grün­den aus: Ers­tens sind sie Igno­ran­ten, und zwei­tens ist ihnen alles gleichgültig“.

Tibe­ter und Tibet-Unterstützer in der gan­zen Welt haben die Initia­tive „Tibet Third Pole“, gestar­tet, um bei der bevor­ste­hen­den UN-Klimawandel-Konferenz in Kopen­ha­gen irgend­wie das Thema Tibet zur Spra­che zu brin­gen. „Tibet Third Pole“ gehö­ren Tibe­ter, Chi­ne­sen, west­li­che Wis­sen­schaft­li­cher, Ent­wick­lungs­ex­per­ten, Akti­vis­ten und über 170 Tibet-Unterstützungsgruppen welt­weit an.

Von Inte­na­tio­nal Tibet Sup­port­group Net­work gibt es eine neue Email Aktion an die fünf Par­tei­se­kre­täre der von Tibe­tern bewohn­ten Pro­vin­zen: TAR, Qing­hai, Sichuan, Gansu und Yunnan, an der man sich betei­li­gen kann.

Darin wer­den die Par­tei­se­kre­täre auf­ge­for­dert, ihre Poli­tik zu ändern und Schluß zu machen mit der Umsied­lung der tibe­ti­schen Nomaden.

Infor­ma­tio­nen über die Umwelt in Tibet: Rubrik „Ecodesk“ auf der Web­site www​.tibet​.net der Tibe­ti­schen Regierung-im-Exil:

Sowie die Seite: Tibet Environ­ment Watch: www​.tew​.org

Über­set­zung: Adel­heid Dön­ges, Revi­sion: Ange­lika Mensching

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