In ganz Ostasien wird Wasser zur Mangelware und zum vielleicht größten Konfliktstoff
Von TB | 7. Dezember 2009 | Kategorie: News | Kommentare deaktiviertMain-Post, 3.12.09, von Frank Hollmann -
Chinas Bauern spüren den Klimawandel bereits heute.
In China hat sich der CO2-Ausstoß durch die schnelle wirtschaftliche Entwicklung seit 1980 verfünffacht. Mittlerweile ist ein Fünftel aller Treibhausgase „made in China“. Beim Klimagipfel in Kopenhagen ab nächster Woche, so fordern die Europäer, müsse die Volksrepublik sich deshalb besonders bereitwillig zeigen beim Zurückfahren von Emissionen.
Am Dongting See ist der Klimawandel unübersehbar. Chinas zweitgrößter See ist derzeit fast ausgetrocknet, nur zehn Prozent der sonst zur Regenzeit üblichen Wassermenge schwappt noch in dem gewaltigen Becken. Im Fischereihafen bei Yueang liegen die Boote auf dem rissigen, ausgetrockneten Seeboden, Folge jahrelanger Trockenheit. Der See gehört zum gewaltigen Flußsystem des Yangtze, Asiens größter Strom. Doch seit 1974 fällt der Wasserstand an zahlreichen Zuflüssen.
Staudamm verschärft Trockenheit
Die Regulierungen durch den Drei-Schluchten-Damm, das größte Wasserkraftwerk der Welt, haben die Situation zusätzlich verschärft. Umso höher der Wasserstand oberhalb des Damms, umso mehr Elektrizität wird produziert. Doch unterhalb der Staumauern dürsten die Menschen. Geschätzt zweieinhalb Millionen in sieben Provinzen sind ohne ausreichend Trinkwasser und müssen aus Tankwagen versorgt werden. Millionen Hektar Ackerland vertrockneten diesen Herbst, 500 000 Stück Vieh könnten verdursten.
Chinas Bauern spüren den Klimawandel auf der eigenen Scholle, nicht nur am Yangtze. Im Nordosten, Hauptanbauregion für Getreide, sind gewaltige Ackerflächen in Gefahr, befürchtet eine neue McKinsey-Studie mit dem vielsagenden Titel „vom Brotkorb zur Staubschüssel“. 35 Millionen Bauern drohe der Verlust der Hälfte ihres Einkommens, sollte die Region sich nicht auf höhere Temperaturen und größere Trockenheit einstellen. McKinsey sagt, dass China bis 2030 über zwei Milliarden Euro jährlich in den Kampf gegen die Verwüstung stecken muss.
Über einen riesigen, mehr als 1000 Kilometer langen Kanal sollen jährlich 45 Milliarden Kubikmeter Wasser aus dem Yangtze-Becken zum Gelben Fluss im weitaus trockeneren Norden gepumpt werden. Klimaforscher Bernd Wünnemann von der FU Berlin aber hält nichts von derart monströsen künstlichen Umleitungen: „Bei diesen langen Entfernungen und den riesigen Wasserverlusten durch die hohen Verdunstungsraten ist das eher ein Negativgeschäft. Das kann kurzfristig die Not in bestimmten Regionen lindern, während andere Regionen unterversorgt werden.“ Die jüngsten Dürren im Yangtze-Gebiet scheinen das zu bestätigen.
In Ostasien wird Wasser zur Mangelware und vielleicht zum großen Konfliktstoff. Die meisten großen Ströme des Kontinents entspringen auf dem Tibetplateau, darunter Indiens Brahmaputra, Myanmars Irawadi oder der Mekong, die Lebensader Vietnams und Kambodschas. Diese Ströme liefern das Wasser für 40 Prozent der Menschheit. Wer Tibet kontrolliert, kontrolliert auch Ostasiens Wasserhaushalt. Auch deshalb hält die Regierung in Peking die Bergregion mit eiserner Hand im Griff. Künftig aber, befürchten Klimaforscher, könnte weniger Wasser aus China in die Nachbarstaaten strömen. Der Klimawandel auf dem Dach der Welt geht rasanter voran als anderswo. Nirgendwo schmelzen die Gletscher schneller, jedes Jahr um über 130 Quadratkilometer. 90 Prozent aller Himalaya-Gletscher schrumpfen, einige um fast 50 Meter pro Jahr, sagt Rajeev Upadhay. Der indische Geologe studiert die Gletscher seit 15 Jahren.
Der deutsche Klimaforscher Bernd Wünnemann untersuchte im Spätsommer den Wasserhaushalt in Tibet. Im Einzugsgebiet von Yangtze und Gelbem Fluss ist seit Jahren ein gewaltiger Wassermangel festzustellen. Dieses Jahr sei zwar sehr regenreich gewesen, „das dürfte aber nur eine Eintagesfliege gewesen sein“, befürchtet Wünnemann. Schmelzender Permafrostboden birgt eine weitere Gefahr: Milliarden Tonnen Methan, die jetzt noch gefroren im Boden gebunden sind, könnten freigesetzt werden und den Treibhauseffekt daramtisch verschärfen.
Der Klimawandel auf dem Tibetplateau macht vor allem Indien nervös. Was, wenn China Teile des Wassers umleitet, wenn Dämme von Wasserkraftwerken am Oberlauf des Brahmaputra (den die Chinesen Yarlong Zangbo Jiang nennen) weniger Wasser durchlassen? Die Folge könnten verheerende Dürren im Nordosten Indiens und Bangladeschs sein. Der indische Bundesstaat Assam könnte zur Steppe werden.
In dieser umstrittenen Grenzregion beäugen sich die Führungen der beiden Milliardenvölker mit Argusaugen. Peking tobte, als Indiens Premier Singh kürzlich Arunachal Pradesh besuchte. Indien kontrolliert das südtibetische Gebiet seit einem kurzen blutigen Krieg 1962 und verstärkte dieses Jahr seine Grenztruppen. Im Gegenzug wirft Neu Delhi dem Nachbarn vor, maoistische Rebellen zu unterstützen.
Lebenswichtige Wasservorräte
Dabei müssten Asiens Schwergewichte eigentlich zusammenarbeiten, um die für beide lebensnotwendigen Wasservorräte des Tibetplateaus zu bewahren. Doch der Argwohn sitzt tief. Man wolle zwar gemeinsam mit China die Veränderungen im Himalaya beobachten, sagte Umweltminister Jairam Ramesh jüngst. Aber Indien werde Chinas Wissenschaftlern nicht erlauben, auf indische Gletscher zu steigen.
Dabei brauchen die Forscher dringend verlässliche Zahlen, betont Professor David Zhang von der Universität Hongkong: „Dieser Klimawandel wird extremer als alle anderen zuvor. Solch eine Erwärmung hat es in den letzten 2000 Jahren nicht gegeben. Wir Wissenschaftler haben noch keine Idee, wie sehr das das Ökosystem beeinflussen wird.“ Zhang macht sich Sorgen um den Frieden. Seine These: Wenn dichtbesiedelte Regionen wie Ostasien von klimabedingten Naturkatastrophen heimgesucht werden, steigt die Gefahr von Kriegen um die verbliebenen Ressourcen.



