Dalai Lama in der Schweiz: Das bringt den Bundesrat in ein Dilemma

20 min, 5.1.10, von Lukas Mäder -

Brüs­kiert die Schweiz China zum zwei­ten Mal inner­halb kur­zer Zeit? Die Tibe­ter in der Schweiz for­dern vom Bun­des­rat, dass er den Dalai Lama im April emp­fängt. Daran hätte China keine Freude. Fin­det der Bun­des­rat einen Aus­weg aus dem Dilemma?

China ist zutiefst ver­är­gert über die Schweiz. Das kom­mu­nis­ti­sche Land stört sich daran, dass die Schweiz zwei Uigu­ren aus Guan­tá­namo auf­nimmt. Das werde die Bezie­hun­gen unter­gra­ben, sagte ein Regie­rungs­spre­cher. Und bereits droht ein wei­te­res Ereig­nis die Chi­ne­sen zu empö­ren: Vom 7. bis 12. April weilt das reli­giöse Ober­haupt der Tibe­ter, der Dalai Lama, in der Schweiz. «Die tibe­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen in der Schweiz for­dern, dass der Bun­des­rat den Dalai Lama offi­zi­ell emp­fängt», sagt Dicky Tethong, Vor­stands­mit­glied der Gesell­schaft Schweizerisch-Tibetische Freund­schaft. Das wie­derum würde China erzür­nen. In der Ver­gan­gen­heit hatte das Land wie­der­holt Druck aus­ge­übt, um einen Emp­fang des Dalai Lamas zu ver­hin­dern. Zuletzt warnte China diese Woche den ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten Barack Obama vor einem sol­chen Treffen.

Emp­fang im Bun­des­haus gefordert

Den Dalai Lama zu tref­fen, sei «ein Stück weit eine Frage des Anstan­des», sagte der dama­lige SVP-Präsident Ueli Mau­rer 2005 im «Tages-Anzeiger». Der Bun­des­rat solle dies tun, auch wenn die Chi­ne­sen keine Freude daran hät­ten. Inzwi­schen sitzt Mau­rer selbst in der Lan­des­re­gie­rung und kann mit­re­den beim bun­des­rät­li­chen Abwä­gen zwi­schen wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen und Anstand. Letz­te­ren for­dern auch die Tibe­ter in der Schweiz. Das Tref­fen solle nicht in einem Neben­ge­bäude statt­fin­den, son­dern im Bun­des­haus, sagt Tethong. In den nächs­ten Tagen wol­len die tibe­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen ihre Anlie­gen in einem Schrei­ben an den Bun­des­rat darlegen.

In der Ver­gan­gen­heit hatte sich der Bun­des­rat jeweils schwer­ge­tan mit dem Anstand gegen­über dem Dalai Lama. Beim letz­ten Besuch in der Schweiz ver­zich­tete die Lan­des­re­gie­rung auf ein Tref­fen mit dem reli­giö­sen Ober­haupt der Tibe­ter – angeb­lich aus ter­min­li­chen Grün­den. Das geis­tige Ober­haupt der Tibe­ter musste sich mit der Natio­nal­rats­prä­si­den­tin Chi­ara Simoneschi-Cortesi begnü­gen. Dass er nicht von einem Bun­des­rat emp­fan­gen wurde, sei für ihn kein Pro­blem, sagte der Dalai Lama damals. Und beim letz­ten Tref­fen, das bereits fünf Jahre zurück­liegt, wählte die Regie­rung einen infor­mel­len Rah­men. Zuviel Ehre für den Dalai Lama würde die Chi­ne­sen ver­är­gern. Nach lan­gem Zögern traf schliess­lich im August 2005 der dama­lige Bun­des­rat Pas­cal Cou­che­pin den Dalai Lama am Rande einer Ver­an­stal­tung an der ETH. Der Ort, der Rah­men und die Funk­tion Cou­che­pins als Reli­gi­ons­mi­nis­ter sorg­ten dafür, dass auch nicht der geringste Anschein eines offi­zi­el­len Emp­fangs entstand.

«Absage wäre Bück­ling vor China»

Dies­mal könne der Bun­des­rat keine ter­min­li­chen Gründe vor­schie­ben, sagt SP-Nationalrat Mario Fehr. Er hat bereits im letz­ten Sep­tem­ber eine Anfrage an den Bund gerich­tet, in der er den Besuchs­ter­min nennt und den Bun­des­rat anfragt, den Ter­min in sei­ner Agenda vor­zu­mer­ken. Die Ant­wort blieb unver­bind­lich. Seit die­ser Anfrage habe sich der Bun­des­rat nicht mehr mit dem Thema beschäf­tigt, sagt Bun­des­rats­spre­cher André Simo­nazzi. Eine Anfrage für ein Tref­fen liege nicht vor. Trotz­dem blickt Fehr, der auch Prä­si­dent der Par­la­men­ta­ri­schen Gruppe für Tibet ist, dem Besuch opti­mis­tisch ent­ge­gen: Er erwarte, dass ein Regie­rungs­mit­glied den Dalai Lama tref­fen werde. «Eine Absage wäre ein Bück­ling vor China, den die Schwei­zer Bevöl­ke­rung nicht ver­ste­hen würde.»

Tat­sa­che ist, dass der Besuch des Dalai Lama für die Schwei­zer Regie­rung unge­le­gen kommt. Bereits belas­tet die Auf­nahme der zwei Uigu­ren aus Guan­tá­namo die Bezie­hun­gen. Und dass China auch vor Dro­hun­gen nicht zurück­schreckt, hatte es im Vor­feld des Ent­scheids klar­ge­macht. In einem Brief an den Bun­des­rat drohte die chi­ne­si­sche Bot­schaft mit einer Ver­schlech­te­rung der Bezie­hun­gen. Und diese sind in die­sem Jahr beson­ders inten­siv: Die bei­den Län­der fei­ern 60 Jahre diplo­ma­ti­sche Bezie­hun­gen mit hoch­ran­gi­gen Besu­chen, ein poli­ti­scher Dia­log über die bila­te­ra­len Bezie­hun­gen soll auf­ge­nom­men und das über­ar­bei­tete bila­te­rale Inves­ti­ti­ons­schutz­ab­kom­men in Kraft gesetzt wer­den. Schliess­lich reist im August Bun­des­prä­si­den­tin Doris Leuthard an die Expo 2010 in Shang­hai und beim wirt­schafts­po­li­tisch wich­tigs­ten Dos­sier, dem Frei­han­dels­ab­kom­men, ist bis Ende Jahr eine Mach­bar­keits­stu­die geplant. Für Natio­nal­rat Fehr ist alles kein Hin­de­rungs­grund für ein Tref­fen: «Man kann mit China pro­blem­los Han­del trei­ben und gleich­zei­tig über Men­schen­rechte reden oder den Dalai Lama treffen.»

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Ein Kommentar
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  1. Ja, ja, der Besuch des Dalai Lama kommt der Schwei­zer Regie­rung ungelegen…Wann kommt er denn gele­gen? Die Bun­des­räte soll­ten end­lich den Mut zu mini­ma­lem Anstand auf­brin­gen und S.H.d.14. Dalai Lama im BUNDESHAUS emp­fan­gen!!! Soll sich doch die Chi­ne­si­sche Regie­rung dar­über auf­re­gen. Wir regen uns auch über sie auf und es ändert sich nichts. Also ihr 7 “Angsthasen”…zeigt end­lich Mut!