Pekings tibetische Marionette: Der 11. Pantschen Lama hält Buddhisten zur Regimetreue an

Neue Zür­cher Zei­tung, 5.2.10, von Peter A. Fischer -

Chi­nas Füh­rung hat nicht nur ihre Kri­tik am Dalai Lama ver­schärft. Sie ver­sucht gleich­zei­tig, den von ihr erwähl­ten, umstrit­te­nen 11. Pant­schen Lama als Alter­na­tive zu eta­blie­ren. Die­ser will offen­bar den Bud­dhis­mus in den Dienst der Par­tei stellen.

Die Dra­ma­tur­gie wirkt gut gewählt. Am Diens­tag hat Peking, wie berich­tet, Vor­schlä­gen von Ver­tre­tern des Dalai Lama eine kom­pro­miss­lose Absage erteilt und das geis­tige Ober­haupt der Tibe­ter erneut als poli­ti­schen Spal­ter ver­un­glimpft. Am Don­ners­tag setzte das eng­lisch­spra­chige Web­por­tal der staat­li­chen Nach­rich­ten­agen­tur Xin­hua eine bebil­derte Mel­dung an die Spitze, wonach sich Jia Qing­lin mit den neu­ge­wähl­ten Füh­rern der offi­zi­el­len Asso­zia­tion von Chi­nas Bud­dhis­ten getrof­fen und sie dabei auf­ge­for­dert hat, zu sozia­ler Sta­bi­li­tät und eth­ni­scher Ein­heit im Land bei­zu­tra­gen. Jia ist laut offi­zi­el­ler Zäh­lung der viert­höchste Funk­tio­när im Aus­schuss des Polit­bü­ros, des höchs­ten Füh­rungs­gre­mi­ums von Chi­nas Kom­mu­nis­ti­scher Par­tei. Wie am Don­ners­tag eben­falls bekannt­ge­ge­ben wurde, ist an der von Jia besuch­ten natio­na­len Kon­fe­renz der Bud­dhis­ten in Peking der erst 19-jährige, vom Dalai Lama nicht aner­kannte 11. Pant­schen Lama zum Vize­prä­si­den­ten der Asso­zia­tion gewählt worden.

Streit um Reinkarnation

Tra­di­tio­nell gilt der Pant­schen Lama in der Gelug-Schule des tibe­ti­schen Bud­dhis­mus als nach dem Dalai Lama zweit­wich­tigs­ter Gelehr­ter. Seine Reinkar­na­tion wird jeweils unter Mit­hilfe des Dalai Lama gesucht und in Pekin­ger Les­art schliess­lich durch das Los unter drei Kan­di­da­ten bestimmt. Als nach dem Tod des 10. Pant­schen Lama der ins Exil geflüch­tete Dalai Lama 1995 ohne vor­he­rige Zustim­mung der Kom­mu­nis­ten einen der Kan­di­da­ten der Fin­dungs­kom­mis­sion als Reinkar­na­tion erkannt hatte, lies­sen die Kom­mu­nis­ten die­sen kur­zer­hand ver­schwin­den und bestimm­ten statt­des­sen Gyain­cain Norbu, offen­bar den Sohn zweier tibe­ti­scher Kom­mu­nis­ten, zum 11. Pant­schen Lama. Seit­her ist unter Tibe­tern umstrit­ten, wer der rich­tige Pant­schen Lama ist. Auch in China ver­eh­ren viele Tibe­ter statt des 11. lie­ber nach wie vor offen den 10. Pant­schen Lama.

Peking scheint dies in den gros­sen Plä­nen für «sei­nen» 11. Pant­schen Lama nicht zu beir­ren. Das Regime hat ihn unter sei­ner Obhut sorg­fäl­tig aus­bil­den las­sen und lässt ihn nun immer häu­fi­ger als regime­treuen geist­li­chen Füh­rer in der Öffent­lich­keit auf­tre­ten. 2004 besuchte der neue Pant­schen Lama erst­mals offi­zi­ell Lhasa; im letz­ten Jahr liess er inter­na­tio­nale Ambi­tio­nen erken­nen, indem er sich mit einer eng­lisch­spra­chi­gen Rede an das in China ver­an­stal­tete 2. Welt-Buddhismus-Forum wandte.

Sozia­lis­ti­scher Buddhismus

Obwohl Chi­nas Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei offi­zi­ell ihren Mit­glie­dern immer noch den Athe­is­mus vor­schreibt, wird in letz­ter Zeit ver­stärkt betont, Reli­gion solle einen will­kom­me­nen Bei­trag zum Auf­bau des «Sozia­lis­mus mit chi­ne­si­schen Eigen­schaf­ten» leis­ten. So erklärte auch das Polit­bü­ro­mit­glied Jia an der Ver­samm­lung der Bud­dhis­ten, die Anstren­gun­gen, bud­dhis­ti­sche Talente zu för­dern und die bud­dhis­ti­sche Aus­bil­dung zu ver­bes­sern, müss­ten ver­stärkt wer­den. Er for­derte die Bud­dhis­ten laut Xin­hua dazu auf, am Auf­bau einer geein­ten und sta­bi­len chi­ne­si­schen Gesell­schaft hart mitzuarbeiten.

Dem 11. Pant­schen Lama scheint es am Wil­len dazu nicht zu feh­len. Laut der amt­li­chen Nach­rich­ten­agen­tur hat der neu gewählte Vize­prä­si­dent sich an die Schluss­ver­samm­lung der Bud­dhis­ten auf Tibe­tisch und Han­chi­ne­sisch gewandt und ihr dabei ver­spro­chen, er werde «die Füh­rer­schaft der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Chi­nas hoch­hal­ten, dem Sozia­lis­mus anhän­gen, die natio­nale Ein­heit schüt­zen, die eth­ni­sche Ein­heit stär­ken und den bud­dhis­ti­schen Aus­tausch auf der Basis des Rechts sowie der Liebe zur Nation und zum Bud­dhis­mus ver­bes­sern». Er wolle aktiv bei der Bil­dung einer «har­mo­ni­schen Gesell­schaft» — einem Lieblings-Slogan der gegen­wär­ti­gen Pekin­ger Füh­rung -, mitwirken.

Peking sei­ner Sache sicher

Damit bleibt nur noch die Frage, ob es der Pekin­ger Pro­pa­gan­da­ma­schine auch gelin­gen wird, der Mehr­heit der in China leben­den Tibe­ter ihre bis­her in der Regel unbe­irr­bare Ver­eh­rung für den altern­den Dalai Lama aus­zu­re­den und sie dazu zu brin­gen, dem regime­treuen Pant­schen Lama zu fol­gen. Es scheint, als ob sich die Pekin­ger Füh­rung gegen­wär­tig ihrer Sache ziem­lich sicher ist.

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