Jahresbericht des TCHRD 2009: Ein Jahr schwerer Repressalien und willkürlicher Verurteilungen

phayul​.com, 22. Januar 2010 -

Wie das Tibe­ti­sche Zen­trum für Men­schen­rechte und Demo­kra­tie, www​.tchrd​.org, in sei­nem kürz­lich ver­öf­fent­lich­ten Jah­res­be­richt dar­legt, war das Jahr 2009, nach­dem es 2008 zu Unru­hen in der Region gekom­men war, von will­kür­li­chen Ver­ur­tei­lun­gen und ver­stärk­ten Repres­sa­lien gekennzeichnet.

„Für die Tibe­ter in Tibet war es ein wei­te­res Jahr schwe­rer Repres­sio­nen, von ein­schnei­den­den staat­li­chen Sicher­heits­maß­nah­men, von Iso­la­tion und Unter­drü­ckung“. Das TCHRD doku­men­tierte in dem Berichts­jahr 334 Fälle von Tibe­tern, die von den Gerich­ten zu ver­schie­den lan­gen Gefäng­nis­stra­fen von ein paar Mona­ten bis zu lebens­läng­lich, ja sogar zum Tode, ver­ur­teilt wurden.

„In fast allen uns bekannt gewor­de­nen Fäl­len hat­ten die Ange­klag­ten kei­nen unab­hän­gi­gen Rechts­bei­stand, und in den paar weni­gen, wo sie einen Ver­tei­di­ger ihrer Wahl hin­zu­ge­zo­gen hat­ten, sorg­ten die Behör­den dafür, daß diese recht­mä­ßi­gen Ver­tre­ter ent­we­der durch Dro­hun­gen oder durch Ver­fah­renstak­ti­ken wie­der aus­ge­schal­tet wur­den“, heißt es in dem Bericht.

Allen Behaup­tun­gen der Behör­den zum Trotz, daß es in Tibet keine Fol­ter gäbe und beim Umgang mit den Demons­tran­ten Zurück­hal­tung geübt würde, wurde in dem gesam­ten von China ver­wal­te­ten Tibet in den Poli­zei­sta­tio­nen, Haft­zen­tren und Gefäng­nis­sen sys­te­ma­tisch zur Fol­ter gegrif­fen. Man kann sagen, Fol­ter ist in Tibet „ende­misch“ geworden.

In dem Bericht, der ein gan­zes Kapi­tel der Reli­gi­ons­frei­heit wid­met, heißt es, im Namen der „Wah­rung der Sta­bi­li­tät“ hät­ten die Behör­den die Unter­drü­ckung der tibetisch-buddhistischen Klös­ter inten­si­viert, die ihnen schon seit eh und je als „Keim­zel­len des Abweich­ler­tums“ gel­ten. Der Bericht stellt fest, daß die Ver­fol­gung in den reli­giö­sen Insti­tu­tio­nen Tibets ein­deu­tig durch die Tat­sa­che belegt wird, daß seit den Pro­tes­ten von 2008 die Zahl der Selbst­morde von Mön­che und Non­nen stän­dig zuge­nom­men hat.

Obwohl „Der Erste Arbeits­plan zum Schutz der Men­schen­rechte 2009/2010“, der vom Infor­ma­ti­ons­büro des chi­ne­si­schen Staats­ra­tes am 13. April 2009 her­aus­ge­ge­ben wurde, als will­kom­mene Initia­tive begrüßt wird, sym­bo­li­siere das Doku­ment nur „theo­re­ti­sche Ver­bes­se­run­gen“. Dem steht „Chi­nas Unfä­hig­keit gegen­über, die in sei­nem Gesetz ver­an­ker­ten Schutz­be­stim­mun­gen zu ver­wirk­li­chen, beson­ders was die sum­ma­ri­schen Exe­ku­tio­nen in Tibet und Ost­tur­kes­tan betrifft“.

Der Bericht macht deut­lich, daß das kom­mu­nis­ti­sche Regime wäh­rend des gan­zen Jah­res 2009, in das eine Reihe von für China poli­tisch hoch­bri­san­ten Jah­res­ta­gen fiel, wie etwa die Feier des 50ährigen Jubi­lä­ums des Dalai Lama und der Tibe­ter im Exil, mit eiser­ner Faust regierte.

„Die Erhe­bung des tibe­ti­schen Vol­kes 2008 war wie ein Don­ner­ruf nach Refor­men und nach einer Lösung der Tibet­frage, doch die Regie­rung wei­gert sich immer noch hart­nä­ckig, die legi­time Stimme des Vol­kes zu hören“, heißt es in dem Bericht.

Ein Jahr nach der lan­des­wei­ten Erhe­bung gibt es immer noch Hun­derte von Tibe­tern, die ohne Kla­ge­er­he­bung inhaf­tiert sind. Der Bericht doku­men­tiert außer­dem 149 Fälle von Ver­haf­tun­gen von Tibe­tern in 2009. „Die tat­säch­li­che Zahl könnte viel höher lie­gen“, meinte der Geschäfts­füh­rer des TCHRD Urgen Ten­zin, wobei es dem Man­gel an Frei­heit zuzu­schrei­ben ist, daß die Lage in Tibet nicht, wie es sich gebührt, nach­ver­folgt wer­den kann.

Mit der Ver­ur­tei­lung und Hin­rich­tung von Tibe­tern wegen der Pro­teste von 2008 einer­seits und der Ein­füh­rung des „Skla­ven­be­frei­ungs­ta­ges“ in Tibet ande­rer­seits „bogen die Behör­den das Gesetz so, um allen unmiß­ver­ständ­lich klar­zu­ma­chen, daß die kom­mu­nis­ti­sche Par­tei über dem Gesetz steht.“ Doch durch eine sol­che Hand­lungs­weise pro­vo­zierte die chi­ne­si­sche Regie­rung die Gefühle der Tibe­ter, die in den Pro­tes­ten von 2008 zum Aus­bruch gekom­men waren, nur noch mehr.

Wie Urgen Ten­zin fort­fuhr, kamen der Lands­wirt­schafts­boy­kott der tibe­ti­schen Bau­ern und die Nicht­be­ge­hung des tibe­ti­schen Neu­jahrs­fes­tes (Losar) wei­te­ren Äuße­run­gen von Pro­test gleich.

In dem Berichts­jahr nah­men die chi­ne­si­schen Behör­den auch eine Reihe von tibe­ti­schen Schrift­stel­lern, Künst­lern, Internet-Bloggern und Publi­zis­ten aufs Korn, die die Ansich­ten der Tibe­ter zu den Rech­ten ihres Vol­kes, ihrer Kul­tur, Reli­gion und der emp­find­li­chen Umwelt deut­lich gemacht hat­ten. Sie wur­den fest­ge­nom­men und wegen der „Wei­ter­gabe von Staats­ge­heim­nis­sen“ ange­klagt und damit wegen Akti­vi­tä­ten, die sonst als ganz nor­male Mei­nungs­äu­ße­run­gen oder Glau­bens­be­kun­dun­gen gel­ten, vor Gericht gestellt.

Ein wei­te­res sehr besorg­nis­er­re­gen­des Thema, das in dem Bericht behan­delt wird, ist der dra­ma­ti­sche Rück­gang der Zahl der Flücht­linge, die seit dem Auf­stand vom März 2008 in Indien ange­kom­men sind. Noch im Jahr 2007 erreich­ten über 2.300 Tibe­ter das Tibe­ti­sche Auf­fang­la­ger für Flücht­linge in Dha­ram­sala. 2009 dage­gen gelang nur 691 Tibe­tern die Flucht, und 2008 hat­ten nur 627 Flücht­linge Indien erreicht, die meis­ten davon noch vor dem Auf­stand vom März.

„Ein solch star­ker Rück­gang bei dem Flücht­lings­strom in den letz­ten zwei Jah­ren ist direkt auf die Restrik­tio­nen zurück­zu­füh­ren, wel­che die chi­ne­si­sche Regie­rung den Tibe­tern bezüg­lich ihrer Bewe­gungs­frei­heit auf­er­legt, sowie auf die ver­schärfte Kon­trolle der Grenz­ge­biete. Infolge die­ser ein­schnei­den­den Maß­nah­men ist es für Tibe­ter unge­heuer gefähr­lich gewor­den, sich auf die Flucht ins Exil zu bege­ben“, fuhr Ten­zin fort.„Die Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen gehen unge­straft wei­ter, und es gibt nicht das geringste Anzei­chen, daß die chi­ne­si­sche Regie­rung die Zügel lockern würde“, heißt es in dem Bericht.

Außer­dem habe die von den west­li­chen Regie­run­gen über das ganze Jahr prak­ti­zierte Beschwich­ti­gungs­stra­te­gie das chi­ne­si­sche Regime ermu­tigt, seine poli­tisch moti­vier­ten Atta­cken gegen Tibe­ter und Uighu­ren als Ant­wort auf deren Pro­test­ak­tio­nen in ihren jewei­li­gen Regio­nen fortzusetzen.

Den Jah­res­be­richt in eng­li­scher und tibe­ti­scher Spra­che findn Sie hier.

Über­set­zung: Adel­heid Dön­ges, Revi­sion: Ange­lika Mensching

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