«Wir warnen seit 20 Jahren davor, China wie ein kleines Kind zu verwöhnen», Interview mit Kelsang Gyaltsen, dem Delegierten des Dalai Lama

- über das Tref­fen mit Barack Obama, die Gesprä­che in China und die Hal­tung des Bun­des­rats.
Tages-Anzeiger, 18.2.10 -
Heute Don­ners­tag tref­fen sich mit Barack Obama und dem Dalai Lama zwei Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger. Das wird Streit aus­lö­sen. China pro­tes­tiert hef­tig. Über­rascht es Sie, dass die US-Regierung den Dalai Lama doch noch emp­fängt?
Nein, über­haupt nicht. Seit Bush Senior hat jeder ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent Seine Hei­lig­keit den Dalai Lama getrof­fen. Im ver­gan­ge­nen Okto­ber hat die US-Administration in Abspra­che mit dem Dalai Lama beschlos­sen, von einem Tref­fen abzu­se­hen, weil der US-Präsident im Novem­ber China besu­chen und die Bezie­hun­gen zu China nicht belas­ten wollte. Wir Tibe­ter haben zuge­stimmt, um die chi­ne­si­sche Regie­rung nicht unnö­tig zu pro­vo­zie­ren und ein güns­ti­ges Klima zu schaf­fen. Es war aber immer klar, dass Prä­si­dent Obama den Dalai Lama emp­fan­gen würde.

TA: Ist Ihr Ver­such, ein güns­ti­ges Klima zu schaf­fen, miss­lun­gen?
Kel­sang Gyalt­sen: Das ist nicht so ein­deu­tig. Immer­hin sind die Kon­takte zwi­schen der chi­ne­si­schen Regie­rung und den Gesand­ten des Dalai Lama nach einem Unter­bruch von 15 Mona­ten vor zwei Wochen wie­der­auf­ge­nom­men worden.

Auch wenn die chi­ne­si­sche Seite dabei all Ihre Vor­schläge zurück­ge­wie­sen und den Dalai Lama erneut als «Stö­ren­fried» beschimpft hat?
Das war zu erwar­ten. Nicht nur tibe­ti­sche Unter­händ­ler machen der­zeit die Erfah­rung, dass die chi­ne­si­sche Seite sehr unver­söhn­lich, kom­pro­miss­los, unnach­gie­big und arro­gant auftritt.

Wollte man Sie demü­ti­gen, als man Sie vor Beginn der Gesprä­che zum Geburts­ort Maos gefah­ren hat?
Wieso denn? Wir haben es immer begrüsst, wenn unsere chi­ne­si­schen Gast­ge­ber uns das Land zei­gen woll­ten. Wir Tibe­ter stre­ben ja keine Tren­nung und Unab­hän­gig­keit an, son­dern wol­len im Staats­ver­band der Volks­re­pu­blik China blei­ben. Des­halb ist es für uns wich­tig, zu sehen, wie China sich ent­wi­ckelt. Für uns wäre es natür­lich von gros­ser Bedeu­tung gewe­sen, wenn man uns dies­mal auch ermög­licht hätte, tibe­ti­sche Gebiete in der Volks­re­pu­blik zu besu­chen. Aber das haben unsere chi­ne­si­schen Gast­ge­ber nicht arrangiert.

Aus­ge­rech­net der Geburts­ort Maos, das war doch eine Pro­vo­ka­tion?
(Über­legt lange) Der Dalai Lama hat Mao Zedong sehr gut gekannt. 1954/55 war er fast zehn Monate in China und etwa sechs davon in Peking. Damals hat er Mao oft getrof­fen. Der Dalai Lama hat immer sehr posi­tiv über ihn gespro­chen. So hat er erzählt, dass er 1954 mit vie­len Sor­gen, Befürch­tun­gen und Fra­gen nach China gereist war. Nach zehn Mona­ten sei er aber vol­ler Hoff­nun­gen und Zuver­sicht nach Tibet zurück­ge­kehrt. Lei­der kam es wenige Jahre spä­ter zu einem extre­men Links­rutsch in der chi­ne­si­schen Poli­tik. China setzte 1958 zum «Gros­sen Sprung nach vorn» an. Das hat auch in Tibet zu immer grös­se­ren Pro­bleme geführt und 1959 schliess­lich zum gros­sen Volksaufstand.

Bewegt sich etwas in der Tibet-Frage?
Nein, es gibt kei­ner­lei Bewe­gung in der sehr unver­söhn­li­chen, rigi­den und unnach­gie­bi­gen chi­ne­si­schen Hal­tung. Den­noch hat uns die erneute Begeg­nung erlaubt, Peking münd­lich und schrift­lich die voll­um­fäng­li­che Posi­tion des Dalai Lama und der tibe­ti­schen Füh­rung im Exil über eine ein­ver­nehm­li­che Lösung des Tibet-Problems zu über­ge­ben. Wir hof­fen nun, dass die chi­ne­si­sche Seite diese Doku­mente in aller Ruhe begut­ach­tet und sie als Basis für wei­tere Gesprä­che nut­zen wird.

Was steckt hin­ter der der­zeit so arro­gan­ten Hal­tung Chi­nas?
Sicher­lich hat sie mit dem neuen Selbst­be­wusst­sein Chi­nas zu tun und sei­nem Auf­stieg in den letz­ten Jahr­zehn­ten. Es gibt aber noch einen zwei­ten Fak­tor: Wir Tibe­ter haben die west­li­chen Regie­run­gen bereits vor 20 Jah­ren gewarnt, man solle China nicht wie ein klei­nes Kind ver­wöh­nen, son­dern zu einem ver­ant­wor­tungs­vol­len Mit­glied der inter­na­tio­na­len Gemein­schaft her­an­zie­hen. West­li­che Regie­run­gen haben aber der chi­ne­si­schen Füh­rung in den letz­ten Jahr­zehn­ten das Gefühl ver­mit­telt, China könne auch mit sei­ner Ein­par­tei­en­dik­ta­tur und sei­nen tota­li­tä­ren Zügen ein akzep­tier­tes Mit­glied der inter­na­tio­na­len Gemein­schaft werden.

Um gute Geschäfte zu machen?
Men­schen­rechte, Demo­kra­tie und Rechts­staat­lich­keit wur­den zwar bei allen Kon­tak­ten immer wie­der vor­ge­bracht, in der rea­len Poli­tik aber fie­len sie jeweils unter den Tisch. Man hat mit zu wenig Nach­druck und Prin­zi­pi­en­fes­tig­keit auf die­sen Wer­ten beharrt.

Wo zum Bei­spiel?
Bei der Ver­gabe der Olym­pi­schen Spiele 2008 hiess es, der Anlass würde dazu füh­ren, dass China sich öffnet. Alle Exper­ten und China­ken­ner sind aber der Ansicht, seit den Spie­len hät­ten sich die Frei­räume für Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten ver­engt und die Zen­sur ver­schärft. Diese Ent­wick­lun­gen hat­ten keine Aus­wir­kun­gen auf die Chi­na­po­li­tik der west­li­chen Regierungen.

Ändert sich das jetzt? Die Schweiz ist bereit, zwei Uigu­ren auf­zu­neh­men, obwohl China pro­tes­tiert.
Ich habe den Ein­druck, dass noch vor weni­gen Jah­ren viele Regie­run­gen geneigt waren, ein Auge zuzu­drü­cken, in der Hoff­nung, China würde sich am Ende in die rich­tige Rich­tung bewe­gen. Man sah das Land in einer Überg­angs­phase und wollte keine Hal­tung ein­neh­men, die von der chi­ne­si­schen Füh­rung als kon­fron­ta­tiv emp­fun­den wer­den musste. Heute schei­nen immer mehr Regie­run­gen zu rea­li­sie­ren, wohin sich China tat­säch­lich ent­wi­ckelt, und diese Rich­tung gefällt vie­len zu Recht nicht. Des­halb über­prü­fen sie ihre Haltung.

Hat Sie der Ent­scheid der Schweiz über­rascht?
Wir begrüs­sen natür­lich die Auf­nahme unse­rer uigu­ri­schen Lei­dens­ge­nos­sen. Wir Tibe­ter sind sel­ber dank­bar, als Flücht­linge von der Schweiz auf­ge­nom­men wor­den zu sein. Als ein­ge­bür­ger­ter Tibe­ter, als Schwei­zer, bin ich auch per­sön­lich sehr froh und stolz, dass sich der Bun­des­rat dies­mal für die huma­ni­tä­ren Werte der Schweiz ent­schie­den hat.

Wie ist heute die Situa­tion in Tibet?
Wie wir aus Tibet hören, gibt es immer noch eine sehr dichte Prä­senz von Sicher­heits­per­so­nal und Mili­tär. Die Über­wa­chung ist sehr inten­siv. Die Atmo­sphäre zwi­schen Tibe­tern und Chi­ne­sen hat sich seit den Demons­tra­tio­nen 2008 dra­ma­tisch ver­schlech­tert. Tibe­ter und Chi­ne­sen blei­ben unter sich. Es herrscht eine Atmo­sphäre von Miss­trauen, Ein­schüch­te­rung und Angst. Das sehen wir auch daran, dass immer weni­ger Flücht­linge aus Tibet nach Dha­ram­sala kom­men, zum Sitz der tibe­ti­schen Exil­re­gie­rung in Indien. Die Über­wa­chung der Gren­zen ist stren­ger gewor­den. Tibe­ter im Exil wagen es auch nicht mehr, nach Tibet zu tele­fo­nie­ren und den Kon­takt zu ihren Ver­wand­ten auf­recht­zu­er­hal­ten. Sie wol­len ihre Ver­wand­ten oder Freunde in Tibet nicht in Gefahr bringen.

Machen Gesprä­che unter die­sen Umstän­den noch Sinn?
Es war Deng Xia­o­ping, damals der starke Mann in China, der 1979 gesagt hat, man könne über alles reden und eine Lösung fin­den, solange die Tibe­ter nicht die Tren­nung und Unab­hän­gig­keit Tibets anstreb­ten. Auf der Basis die­ser Aus­sage fin­den die der­zei­ti­gen Gesprä­che statt. Wenn die chi­ne­si­sche Regie­rung diese Poli­tik von Deng Xia­o­ping ändern will, dann muss sie auch die Ver­ant­wor­tung dafür über­neh­men und den Mut auf­brin­gen, uns dies klar zu sagen.

Wieso kün­digt die tibe­ti­sche Seite den Dia­log nicht auf?
Wir füh­ren einen strikt gewalt­lo­sen Kampf für die Rechte unse­res Vol­kes. Aus die­sem Grund ist die Suche nach einer ein­ver­nehm­li­chen Lösung des Tibet-Problems durch Dia­log und Ver­hand­lun­gen das feste Prin­zip Sei­ner Hei­lig­keit des Dalai Lama. Er wird davon nicht abweichen.

Mit Kel­sang Gyalt­sen spra­chen Luciano Fer­rari und Tho­mas Knellwolf

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