Medienspiegel: S.H. der Dalai Lama in der Schweiz
Von TB | 15. März 2010 | Kategorie: News | Kommentare deaktiviert1. Über 10’000 lauschen Vortrag des Dalai Lama
2. Der Dalai Lama spricht zur Bevölkerung
3. Dalai Lama spricht zum ersten Mal direkt zu Schweizern
4. Dalai Lama nicht in der Schweiz um Regierung zu treffen
5. Mit Dalai Lama, ohne Calmy-Rey
6. «China fehlt es an moralischer Autorität»
7. Was hilft es Tibet, wenn der Dalai Lama ein Superstar ist?
8. Tibetisches Jugendparlament gegründet
9. Die Suche nach dem Guten in uns
10. Der Dalai Lama – Verkörperung menschlichen Ideals
1. Über 10’000 lauschen Vortrag des Dalai Lama
Bieler Tagblatt, 11.4.10
Mit einem Vortrag im ausverkauften Zürcher Hallenstadion ist der fünftägige Besuch des Dalai Lama zu Ende gegangen. 10’500 Personen lauschten den Worten des buddhistischen Mönches, der über “Universelle Verantwortung und Wirtschaft” sprach.
Er müsse zugeben, räumte der Dalai Lama ein, das Thema des Vortrages behage ihm nicht. Sein Wissen über Wirtschaft sei nämlich “gleich null”, schmunzelte das geistige Oberhaupt der Tibeter. Eines wisse er aber doch: Die Wirtschaftskrise der jüngsten Zeit habe in vielen Ländern ernsthafte Besorgnis hervorgerufen.
Durch Gespräche mit Freunden, darunter auch Geschäftsleute, sei er zum Schluss gelangt, dass die globale Krise etwas mit unserer Geisteshaltung zu tun habe: “Ein ganzheitlicher Blick auf die Dinge fehlt”, sagte der Dalai Lama. Das Gefühl fürs Gemeinwohl sei verloren gegangen, ebenso die “moralischen Prinzipien”.
Damit die Menschen glücklicher würden, brauche es wieder mehr dieser Prinzipien. Im Grundsatz gehe es darum, anderen Menschen nach Möglichkeit zu helfen. Diese Haltung führe zu mehr Selbstvertrauen, was wiederum mehr Offenheit und Vertrauen mit sich bringe. Der 74-Jährige plädierte deshalb dafür, den Blick auf die “innere Welt” zu richten.
Bereits am Samstagnachmittag hatten mehrere tausend Personen einer 50-minütigen Ansprache des Dalai Lama beigewohnt, die er anlässlich einer Solidaritätskundgebung für Tibet in der Zürcher Innenstadt hielt. Es war das erste Mal, dass er im Rahmen einer solchen Veranstaltung direkt zur Schweizer Bevölkerung sprach.
Am Samstagmorgen war der Dalai Lama mit den Teilnehmern des Ersten Tibetischen Jugendparlaments zusammengetroffen. Dabei habe er die Jugendlichen an ihre grosse Verantwortung gegenüber der Tibetbewegung erinnert, teilte der Verein Tibeter Jugend in Europa (VTJE) mit.
2. Der Dalai Lama spricht zur Bevölkerung
Neue Zürcher Zeitung, 10.4.10
Mehrere tausend Personen an Solidaritätskundgebung für Tibet
Mehrere tausend Personen haben am Samstagnachmittag in der Zürcher Innenstadt an einer Solidaritätskundgebung für Tibet teilgenommen. Höhepunkt war die 50-minütige Rede des Dalai Lama. Es war das erste Mal, dass er direkt zur Bevölkerung sprach.
(sda) In Europa ist dies bisher erst einmal vorgekommen, und zwar vor zwei Jahren in Berlin. Damals hielt das geistige Oberhaupt der Tibeter vor dem Brandenburger Tor eine Rede, wie Migmar Raith, Mediensprecher der Gesellschaft Schweizerisch-Tibetische Freundschaft (GSTF), auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA sagte.
Die mehrstündige Kundgebung auf dem Zürcher Münsterhof stand unter dem Motto «Die Schweiz für Tibet. Tibet für die Welt», zu der die GSTF aufgerufen hatte. Nacheinander traten bekannte Schweizer Kunstschaffende auf, darunter The Young Gods, Endo Anaconda und Kutti MC.
Ihre Solidarität bekundeten auch die Nationalräte Mario Fehr (sp., Zürich) und Doris Fiala (fdp., Zürich). Mit ihrem Auftritt hätten sie auch ein Zeichen nach Bern schicken wollen, sagte Raith.
Im Publikum wehten zahlreiche tibetische Flaggen, vereinzelt wurden auch Transparente mitgeführt, auf denen etwa «Free Tibet» oder «One Love» zu lesen war. Unter den Teilnehmenden waren nebst Tibeterinnen und Tibetern verschiedener Generationen auch zahlreiche Schweizerinnen und Schweizer. Auftritt des Dalai Lama als Höhepunkt
Unbestrittener Höhepunkt war der Auftritt des Dalai Lama, der mit frenetischem Jubel begrüsst wurde. Seine frei vorgetragene Rede dauerte mit knapp 50 Minuten fast doppelt so lange wie vorgesehen.
Das geistige Oberhaupt der Tibeter dankte den Teilnehmern, die er als «Brüder und Schwestern» begrüsste, für ihre Sympathie und ihr Interesse gegenüber der tibetischen Sache. Dabei gehe es nicht um die Frage, ob man für oder gegen Tibet sei. «Vielmehr geht es um Gerechtigkeit», betonte der Dalai Lama.
Die chinesische Regierung tendiere dazu, die Probleme in Tibet zu negieren. Das Publikum forderte er deshalb dazu auf, nach Tibet zu reisen und sich sich selbst ein Bild von den dortigen Zuständen zu machen. Er zeigte sich zuversichtlich, dass die gut besuchte Kundgebung auch von den chinesischen Regierung wahrgenommen werden wird.
3. Dalai Lama spricht zum ersten Mal direkt zu Schweizern
SF Tagesschau, 10.4.10
Mehrere tausend Personen haben in der Zürcher Innenstadt an einer Solidaritätskundgebung für Tibet teilgenommen. Höhepunkt war die 50-minütige Rede des Dalai Lama. Es war das erste Mal, dass er direkt zur Schweizer Bevölkerung sprach.
Die mehrstündige Kundgebung auf dem Zürcher Münsterhof stand unter dem Motto «Die Schweiz für Tibet. Tibet für die Welt», zu der die Gesellschaft Schweizerisch-Tibetische Freundschaft (GSTF) aufgerufen hatte.
Nacheinander traten bekannte Schweizer Kunstschaffende auf, darunter The Young Gods, Endo Anaconda und Kutti MC.
Ihre Solidarität bekundeten auch die Nationalräte Mario Fehr (SP/ZH) und Doris Fiala (FDP/ZH). Mit ihrem Auftritt hätten sie auch ein Zeichen nach Bern schicken wollen, sagte ein Sprecher von GSTF.
Im Publikum wehten zahlreiche tibetische Flaggen, vereinzelt wurden auch Transparente mitgeführt, auf denen etwa «Free Tibet» oder »One Love» zu lesen war. Unter den Teilnehmenden waren nebst Tibetern verschiedener Generationen auch zahlreiche Schweizer.
Begrüssung mit «Brüder und Schwestern»
Höhepunkt war der Auftritt des Dalai Lama, der mit frenetischem Jubel begrüsst wurde. Seine frei vorgetragene Rede dauerte mit knapp 50 Minuten fast doppelt so lange wie vorgesehen.
Das geistige Oberhaupt der Tibeter dankte den Teilnehmern, die er als «Brüder und Schwestern» begrüsste, für ihre Sympathie und ihr Interesse gegenüber der tibetischen Sache. Dabei gehe es nicht um die Frage, ob man für oder gegen Tibet sei. «Vielmehr geht es um Gerechtigkeit», betonte der Dalai Lama.
Selber nach Tibet reisen
Die chinesische Regierung tendiere dazu, die Probleme in Tibet zu negieren. Das Publikum forderte er deshalb dazu auf, nach Tibet zu reisen und sich sich selbst ein Bild von den dortigen Zuständen zu machen. Er zeigte sich überzeugt, dass Solidaritätskundgebungen wie diese über kurz oder lang auch das Denken der chinesischen Regierung beeinflussen werden.
Solange die chinesischen Verantwortlichen nicht bereit seien, das Tibetproblem realistisch zu betrachten und nur die Sprache der Gewalt und Unterdrückung anwendeten, solange werde es in dieser Frage keine Ruhe geben. Dies sei, so der Dalai Lama, «hundertprozentig sicher».
Tibetische Kultur und Sprache bewahren
Vor seiner Rede war der Dalai Lama bereits mit den Teilnehmern des Ersten Tibetischen Jugendparlaments zusammengetroffen. Dabei habe er die Jugendlichen an ihre grosse Verantwortung gegenüber der Tibetbewegung erinnert, wie der Verein Tibeter Jugend in Europa (VTJE) mitteilte.
Für das Fortbestehen des tibetischen Volkes sei es gemäss dem Dalai Lama sehr wichtig, die tibetische Kultur und Sprache zu bewahren. Für die Einberufung des Parlaments habe er lobende Worte gefunden.
Erst zweite Rede vor öffentlichem Publikum
Der Besuch des 74-jährigen Geistlichen geht am Sonntag mit einem öffentlichen Vortrag im Zürcher Hallenstadion zu Ende. Das zweistündige Referat trägt den Titel «Universelle Verantwortung und Wirtschaft». Insgesamt stehen 10’000 Tickets zum Verkauf.
In Europa war es bisher erst einmal vorgekommen, dass sich das geistige Oberhaupt der Tibeter direkt an ein öffentliches Publikum wandte. Dies war vor zwei Jahren in Berlin der Fall. Damals hielt der Dalai Lama vor dem Brandenburger Tor eine Rede, wie der Sprecher der GSTF sagte.
4. Dalai Lama nicht in der Schweiz um Regierung zu treffen
Sonntags-Zeitung (CH), 9.4.10
Der Dalai Lama ist nicht enttäuscht darüber, dass ihn der Bundesrat während seines derzeitigen Besuches nicht empfängt. Er sei aus anderen Gründen in die Schweiz gereist. Gleichzeitig zeigte er aber auch Verständnis für die Haltung der Regierung.
“Wieso sollte ich enttäuscht sein?” sagte das religiöse Oberhaupt der Tibeterinnen und Tibeter vor den Medien in Zürich. Er sei nicht ja nicht hierher gekommen, um die Regierung zu treffen. Der Hauptzweck seines Besuches sei vielmehr die dreitägige Konferenz im Zürcher Kongresshaus zum Thema “Altruismus und Mitgefühl in Wirtschaftssystemen”.
Ein anderer Grund für seinen Besuch seien die Feiern anlässlich der ersten Aufnahme tibetischer Flüchtlinge in der Schweiz vor fünfzig Jahren. “Es ist unsere Pflicht, dafür der Schweizer Regierung und der Bevölkerung zu danken”, sagte der Dalai Lama.
Enttäuscht wäre er gewesen, wenn er spezifische Fragen mit dem Bundesrat hätte besprechen wollen und dieser ihm ein Treffen verweigert hätte. Dies sei aber ganz offensichtlich nicht der Fall. Vielmehr pflege man mit der Schweizer Regierung “sehr enge Kontakte”.
Dass es nicht zum Treffen mit dem Bundesrat gekommen sei, darüber dürfte sicherlich die chinesische Regierung erfreut sein, sagte der Dalai Lama mit einem Schmunzeln. Auswirkungen auf die Schweizer Sympathien gegenüber Tibet habe dieser Entscheid jedoch sicher nicht.
Anderseits zeigte der Dalai Lama Verständnis für die Rolle der Landesregierung. Diese habe die Aufgabe, für das Wohl des Landes zu sorgen. “Es ist deshalb verständlich, in dieser wirtschaftlich schwierigen Zeit gute Beziehungen zu China zu pflegen”, hielt er fest.
5. Mit Dalai Lama, ohne Calmy-Rey
St. Galler Tagblatt, 9.4.10
Vor rund 50 Jahren kam Lobsang Dalu in die Schweiz, zusammen mit 1000 anderen Tibeter-Kindern. Zur gestrigen Gedenkfeier erschien zwar der Dalai Lama, aber kein Bundesrat. Ein Zeichen von Schwäche, findet Dalu.
Florian RIESEN
zürich. Ein herzhaftes, fröhliches Lachen war das erste, das der Dalai Lama beim Betreten des Saals von sich gab. Seine Heiligkeit war gestern nach Zürich gekommen, um am Festakt «50 Jahre Tibeter in der Schweiz – Merci Schwiiz» teilzunehmen. Die Schweiz hatte im Jahr 1960 als erstes Land der Welt beschlossen, Flüchtlinge aus Tibet aufzunehmen, die vor der Verfolgung durch die Chinesen nach dem Volksaufstand aus ihrer Heimat nach Indien geflohen waren.
Zunächst kamen 1000 Kinder; unterdessen leben rund 4000 Tibeter hier. Der Dalai Lama schilderte in seiner Ansprache die misslichen Bedingungen, unter denen die Kinder in Indien – ohne Eltern, schuftend und ohne medizinische Versorgung – zu leben hatten. «Das Wichtigste war damals, das Überleben dieser Kinder zu sichern.»
Schnee fast wie in Tibet
Lobsang Dalu ist eines der 1000 tibetischen Kinder, die damals in die Schweiz kamen. Für den heute 57-Jährigen hatte die Feier im Swissôtel in Oerlikon darum eine ganz besondere Bedeutung. Lobsang erinnert sich noch ganz genau, wie er damals als 13-Jähriger mit einer Gruppe von Kindern am 24. Januar 1964 in der Schweiz landete. «Es war eine schöne Ankunft, denn es lag Schnee. Das erinnerte mich an meine Heimat in Tibet.» Im indischen Exil in Dharamsala hingegen habe es nie Schnee gegeben.
Lobsang lebte darauf einige Jahre im Pestalozzi-Kinderdorf in Trogen, wo er auch eine Erziehung in tibetischer Kultur geniessen durfte. Das sei sehr wichtig für die Entwicklung seiner Identität gewesen, erklärt er. «Ich fühle mich heute nach wie vor als Tibeter. Die Schweiz ist jedoch zu meiner zweiten Heimat geworden.» Und schmunzelnd fügt er an: «Ich habe einen Schweizer Pass und bin ein Appenzeller.» Lobsang ist mit einer tibetischen Frau verheiratet, wohnt in der Stadt Zürich im Kreis 3 und arbeitet in einem Altersheim als Krankenpfleger.
Wiedersehen mit der Mutter
Einmal ist Lobsang seit seiner Flucht nach Tibet zurückgekehrt. Es sind gemischte Gefühle, die ihn an diesen Besuch erinnern. Einerseits traf er dort nach einer 30jährigen Trennung zum ersten Mal seine Mutter. Andererseits war es für ihn deprimierend, die Unterdrückung und die Zerstörung seiner Kultur durch die Chinesen aus nächster Nähe zu erfahren. «Ich habe viele Klöster gesehen, die im Namen des Kommunismus zerstört worden sind. Zudem erzählte man mir, dass mein Onkel umgebracht worden ist. » Für das Überleben der tibetischen Kultur hat sich Lobsang in der Schweiz stets eingesetzt. So hat er sich beispielsweise mehrere Jahre in einer tibetischen Kindergruppe im Pestalozzi-Kinderdorf engagiert oder war bei der Gründung des tibetischen Jugendvereins dabei. In guter Erinnerung ist ihm ausserdem die Demonstration tibetischer Aktivisten auf dem Bundesplatz im Jahr 1999 beim Besuch des chinesischen Präsidenten Jiang Zemin, an der er selbst teilgenommen hat. Nachdem Bundespräsidentin Ruth Dreifuss damals zudem die Lage in Tibet öffentlich thematisierte, kam es zum Eclat: «Die Schweiz hat einen Freund verloren», sagte der chinesische Präsident wutentbrannt.
Von Seiten der Behörden nahmen an dem Festakt gestern die Zürcher Stadtpräsidentin Corinne Mauch und zahlreiche Nationalräte aus der Parlamentariergruppe Tibet–Schweiz teil.
Enttäuscht vom Bundesrat
Aus dem Bundesrat war niemand anwesend. Man habe dafür keine Zeit, hatte sich Aussenministerin Micheline Calmy-Rey bereits vor einigen Wochen entschuldigen lassen.
Lobsang hat dafür absolut kein Verständnis: Die Demokratie habe in der Schweiz eine lange Tradition. Freiheit und Menschenrechte seien hier wichtig, erklärt er. «Dass sich der Bundesrat nun von China diktieren lässt, wen sie treffen darf und wen nicht, schadet dem Ansehen der Schweiz in der ganzen Welt.»
6. «China fehlt es an moralischer Autorität»
Neue Zürcher Zeitung, 9.4.10
Dalai Lama tritt in Zürich vor die Medien
Der Dalai Lama ist ein globaler Medienstar. Wo immer er hinkommt, ist ihm Aufmerksamkeit sicher. So auch in Zürich, wo er sich anlässlich einer dreitägigen Konferenz zu seinem Besuch in der Schweiz und zur chinesichen Regierung äusserte.
mtz. Es ist Mittag. Medienkonferenz. Im Blitzlichtgewitter betritt der Dalai Lama den mit Videokameras und Mikrofonen bestückte Saal. Er lächelt und faltet seine Hände zur Begrüssung. Rund fünfzig Journalisten warten auf die Worte des obersten Tibeters. In einer kurzen Einleitung streicht der Friendensnobelpreisträger die Bedeutung zweier für ihn wichtigen Punkte heraus: das gleiche Recht aller auf ein glückliches Leben und die Harmonie unter den Religionen. Seine Rede beendete er mit der Bitte an die Medienleute, mehr auf innere Werte zu achten und andere Religionen zu respektieren. Darauf eröffnete er die Fragerunde.
Ob er enttäuscht sei, dass er nicht von der Schweizer Regierung empfangen wurde, wollte ein Journalist wissen. «Wieso sollte ich? Der Hauptzweck meiner Reise ist nicht die Schweizer Regierung», sagte er und lachte. Er wolle mit seinen Besuchen niemandem Unannehmlichkeiten bereiten. Er wäre allein dann enttäuscht gewesen, wenn er ein Anliegen an die Schweizer Regierung gehabt hätte und diese ein Treffen abgelehnt hätte. Dies sei aber nicht der Fall. Die Schweizer Regierung sei immer sehr hilfsbereit gewesen und man stehe in engem Kontakt.
Ankunft der Exiltibeter vor 50 Jahren
Der Hauptgrund für seinen Besuch in Zürich sei die Teilnahme an der «Mind & Life»-Konferenz – eine Veranstaltung, die er 1987 gründete und die nun schon zum zwanzigsten Mal stattfindet. Das Thema der dreitägigen Veranstaltung lautet «Altruismus und Mitgefühl in ökonomischen Systemen».
Als weiteren Grund für seinen Besuch führte er die Feierlichkeiten anlässlich der Aufnahme tibetischer Flüchtlinge in der Schweiz vor fünfzig Jahren an. Es sei seine Pflicht, sich bei der Schweizer Bevölkerung, bei der hiesigen Regierung und beim schweizerischen Roten Kreuz zu bedanken, für die Hilfe, die man den Tibetern damals in einer schwierigen Situation gewährt hatte.
Unverrückbarer Optimistismus
Wie optimistisch er sei, dass er noch zu Lebzeiten in ein freies Tibet zurückkehren könne, wollte ein zweiter Journalist wissen. Der Dalai Lama holte zu einem Exkurs über China aus. Die chinesische Gesellschaft spalte sich immer mehr in Reich und Arm. Die kommunistische Partei werde früher oder später solche neuen Realitäten in ihrem Handeln berücksichtigen müssen. Das Ziel der Regierung müsse die Harmonie zwischen den unterschiedlichen Volksgruppen im Land sein. Leider habe sie bisher versucht, diese mit Gewalt zu erreichen. Nun wisse ja jeder, dass dies keine Lösung sein könne.
Irgendwann werde die chinesische Regierung diese Probleme angehen müssen. Er sei sehr, sehr zuversichtlich, auch wenn er nicht davon ausgehe, dass der Prozess in einer Woche, einem Monat oder einem Jahr in Gang komme. Doch er sei fast sicher, dass es in der nächsten Dekade geschehen werde. «Dies ist aber keine Prophezeiung», sagte er und lachte.
Chinas Zensur
Es gebe im 21. Jahrhundert weltweite Trends, wie die Demokratisierung odr den freien Informationsfluss. Er sei überzeugt, dass es in Chinas ureigenem Interesse sei, diesen weltweiten Trends zu folgen, um als Land ein respektierter Teil der Welt zu werden. Das Ziel der chinesischen Regierung sei es, zu einer Supermacht zu werden. China sei ökonomisch und militärisch bereits eine Weltmacht. Es fehle der Regierung aber an einer wichtigen Bedingung: An moralischer Autorität und Respekt. Wolle man den Respekt der Weltgemeinschaft gewinnen, müsse man Vertrauen schaffen. Die chinesische Regierung müsse dafür transparenter werden, die Zensur beenden und den freien Informationsfluss zulassen. Viele Probleme zwischen Han-Chinesen und Tibetern entstünden, weil die Zensur zu einem Mangel an gegenseitigem Verständnis zwischen den einzelnen Volksgruppen führe.
China müsse die Demokratie einführen. Nicht wie im Fall der Sowjetunion auf einen Schlag – dies habe damals grosses Chaos ausgelöst –, sondern in graduellen Schritten. Dies sei unter der Herrschaft der Kommunistischen Partei wohl der realistischste Weg.
Altruismus und Mitgefühl
Zum Schluss der Medienkonferenz wollte ein Journalist wissen, warum der Dalai Lama an diese Konferenz über Altruismus und Mitgefühl in der Ökonomie gekommen sei. Wolle er die Wirtschaft stimulieren oder den Managern das Meditieren beibringen? Die entwaffnende Antwort des Dalai Lama: «Meine Kenntnis in der Ökonomie ist null. Die Erklärungen der Experten sind viel befruchtender als meine. In diesem Bereich sind meine Worte nur Bla Bla Bla», sagte er und lachte
7. Was hilft es Tibet, wenn der Dalai Lama ein Superstar ist?
Neue Zürcher Zeitung, 8.4.10
Vom 8. bis 11. April weilt der Dalai Lama in der Schweiz, ohne dass der Bundesrat Zeit fände, ihn zu empfangen. Das religiöse Oberhaupt der Tibeter sorgt weltweit für Eiertänze bei Politikern, die es mit China nicht verderben wollen. Für die Massen ist der Dalai Lama ein spiritueller Superstar. Doch was hat Tibet davon? Von Birte Vogel
Im Fahrtwind des zum Superstar hochstilisierten Dalai Lama, dessen Auftritte oft den Showcharakter grosser Pop-Events haben, wird allzu häufig eins vergessen: dass er nicht nur als Botschafter des buddhistischen Mittelwegs zu Besuch ist, sondern in erster Linie als ein Landesherr ohne Land, der seit Jahrzehnten verzweifelt um das Überleben seines Volkes und von dessen uralter Kultur kämpft. Die einzigen Mittel, die er dafür zur Verfügung hat, sind seine buddhistische Gelassenheit, sein Humor und hier und da ein klares Wort. Nichts, was die chinesischen Machthaber je erschüttern könnte. Doch dafür liebt ihn der Westen. Die Massen füllen Fussballstadien, um diesen unglaublich lebensfrohen Mönch sehen und hören zu können.
Seine umtriebige Heiligkeit
Buddhismus ist hip, schon seit Jahren. So sind auch Social Media und Web 2.0 längst keine Fremdwörter mehr für den Dalai Lama. Seit kurzem lässt Seine umtriebige Heiligkeit sogar twittern. Jenseits der virtuellen Welt folgen ihm scharenweise Prominente, allen voran der amerikanische Schauspieler und konvertierte Buddhist Richard Gere.
Man kennt ihn also, den Dalai Lama. Das ist nicht zu unterschätzen. Die meisten Tibet-Organisationen können so mit seinem Konterfei werben und Spenden für tibetische Flüchtlinge sammeln. Westliche Regierungschefs verharren zwar zitternd im Dauer-Kotau vor der säbelrasselnden Wirtschaftsmacht China, empfangen den Dalai Lama aber dennoch ab und zu in Hinter– und Nebenzimmern. Sie ziehen sich damit den Zorn der chinesischen Regierung zu, doch der verraucht erfahrungsgemäss schnell. Zu sehr braucht China die westlichen Märkte für den Export.
Doch was nützt all das den Menschen in Tibet? Man weiss kaum etwas über das, was dort geschieht, über den Alltag der Menschen und über ihr Leid. Man weiss nichts über ihr Gefühl der Entfremdung im eigenen Land, über den schleichenden Verlust der tibetischen Sprache und Kultur und nichts über die Ängste, den Frust und die Träume der jungen Generation.
Zum einen liegt das an der Abschottung des Landes durch die chinesischen Machthaber. Journalisten dürfen nur begrenzt aus Tibet berichten, wenn überhaupt. Und Tibeter riskieren oft Freiheit und Leben, wenn sie mit westlichen Medienvertretern sprechen – eine Verantwortung, die für seriöse Journalisten schwer zu tragen ist. Zum anderen liegt es daran, dass wir uns im wohlhabenden Westen allzu leicht mit den üblichen Klischees zufriedengeben. Denn was verbinden wir schon mit diesem kleinen (was heisst hier klein? Anm. tf) Land? Zuerst den Dalai Lama, den Buddhismus, die Mönche. Und dann? Berglandschaften. Wandertouren. Und zuletzt vielleicht noch Heinrich Harrer und Brad Pitt. Über diese reduzierten Vorstellungen hinaus ist es nicht leicht, etwas über Tibet zu erfahren. Und je weniger wir erfahren, desto vager bleiben unsere Vorstellungen, desto eher verhaken wir uns im Klischee.
Die vielen Tibet-Organisationen haben meist keine andere Chance, als mit Hilfe des Stereotypen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Doch die Zeiten, in denen gestreute Mandalas, sagenhafte Landschaftsfotos und traditionelles tibetisches Gebäck zu traditionellen tibetischen Gesängen auf breites Interesse stiessen, sind längst vorbei. Woran das liegt, ist unklar. Ist Tibet nicht mehr exotisch genug? Dauert sein Kampf um ein selbstbestimmtes Überleben schon zu lange an? Gibt es zu viele Probleme auf dieser Welt, die scheinbar dringlicher gelöst werden müssten? Sind wir des Klischees überdrüssig? Oder nutzt sich der Superstar-Effekt des Dalai Lama langsam ab?
Facettenreiches Land
Die Anzahl der Versuche, fern der Klischees neues Interesse am heutigen, realen Tibet zu wecken, ist sehr übersichtlich. 2009 erschien ein Buch, das solches wagt, Alice Grünfelders Anthologie «Flügelschlag des Schmetterlings» (Unionsverlag), eine Sammlung von Erzählungen, Essays und Gedichten zeitgenössischer tibetischer Schriftsteller und Schriftstellerinnen aus Tibet, China und aus dem Exil. Hier offenbart sich ein facettenreiches Land, das eben nicht nur aus Mönchen besteht, sondern aus Menschen aus Fleisch und Blut und aus einer sich ständig verändernden Kultur zwischen Tradition und Moderne, die längst den Schimmer des Exotischen abgestreift hat und in der grellen Realität des Heute angekommen ist. Eines Heute, das von Youtube und Handys genauso geprägt ist wie von Unterdrückung und dem drohenden Verlust von Kultur und Sprache. Und doch findet sich auf dem Umschlagbild ein Mönch. «Man muss solche Klischees leider wie Angelhaken auswerfen», sagt Alice Grünfelder. Ein Mönch als Abziehbild eines geschundenen Landes, dessen Kultur unter chinesischer Herrschaft und unter den Augen des Westens zu musealer Bedeutung verkommt.
Davon müsste man endgültig loskommen, denn das Bild hinkt hinter den Realitäten her. Längst stehen nicht mehr nur die chinesischen Machthaber in der Kritik. Ausgerechnet die in China mit Publikationsverbot belegte Schriftstellerin Tsering Woeser findet schonungslose Worte für die junge, materialistische Tibetergeneration: «Wie war ich nur in die Gesellschaft dieser Männer geraten, die sich selbst als die zukünftigen Herren über Tibet sahen? Dieses Land ist ihre Heimat, doch nicht einmal diese lieben sie. Sind sie erst dann zufrieden, wenn sie alles ringsum in ein Schlachtfeld verwandelt haben?» Durch den Verlust von Sprache und Kultur wachsen in Tibet Generationen ohne eigene Identität heran. Sie fühlen sich fremd in ihrer Heimat und in ihren eigenen Traditionen. Und sie entgleiten dem befriedenden Einfluss des Dalai Lama, der machtlos zuschauen muss.
Tibet verschwindet. Und der Westen beschränkt sich wider besseres Wissen auf hohle Gesten. Daran hat auch der Status des Dalai Lama als Superstar nichts geändert.
Birte Vogel ist freie Journalistin, Autorin und Übersetzerin. Sie lebt in Wennigsen, Deutschland.
8. Tibetisches Jugendparlament gegründet
Neue Zürcher Zeitung, 12.4.10
Für Gespräche mit China
Am Sonntag hat in Zürich das erste tibetische Jugendparlament seine dreitägige Sitzung beendet. Das Jugendparlament ist von dem seit 1970 bestehenden Verein Tibeter Jugend in Europa ins Leben gerufen worden und soll in naher Zukunft erneut einberufen werden.
Walther Bernet
Zum Abschluss der Sitzung des neu gegründeten tibetisch Jugendparlaments wurde dem Premierminister der tibetischen Exilregierung, Samdhong Rinpoche, und dem Parlamentspräsidenten, Penpa Tsering, eine Resolution übergeben. Die 122 Teilnehmer aus 11 Ländern sprechen sich darin für das konsequente Weiterverfolgen des friedlichen und gewaltfreien Widerstands aus.
Das Weiterführen des Dialogs mit der chinesischen Regierung wird befürwortet, allerdings unter drei Bedingungen: Ein neutraler Beobachter soll die Gespräche beobachten können, diese sollen ausserhalb Chinas geführt werden, und die chinesische Seite müsse die Existenz eines tibetischen Problems, das der Lösung harrt, anerkennen. Tibet dürfe nicht mehr als belanglose innenpolitische Angelegenheit Chinas betrachtet werden, schreiben die Veranstalter. Am Samstagmorgen ist das Jugendparlament vom Dalai Lama mit einem eineinhalbstündigen Besuch beehrt worden. Die Verantwortung für die tibetische Sache gehe jetzt an die dritte Generation über, sagte er. Wichtig sei es, die eigene Kultur und Sprache zu bewahren.
9. Altruismus-Forschung: Die Suche nach dem Guten in uns
Der Spiegel, 12.4.10
Aus Zürich berichtet Gerald Traufetter
Wie können Menschen zu selbstlosem Handeln und Mitgefühl gebracht werden? Um eine Antwort zu finden, stecken Hirnforscher mitunter gar Mönche in Kernspintomografen. Jetzt haben sich Ökonomen in der Schweiz mit dem Dalai Lama zusammengetan, um sich dem Wesen des Guten zu nähern.
Der Mensch ist selbstsüchtig. Auf dieser Prämisse gründen Wirtschaftswissenschaftler ihre Theorien über den Markt und seine Mechanismen. Der Mensch besitzt gar ein Egoismus-Gen. So lautet das Mantra vieler Biologen.
“Das stimmt so nicht”, sagt der Ökonom Ernst Fehr von der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich und führt seit einigen Jahren einen Kampf für die Anerkennung des Guten im Menschen. Jetzt hat der Forscher geistigen Beistand gefunden: den Dalai Lama. An diesem Wochenende saß er mit dem Oberhaupt der buddhistischen Tibeter viele Stunden auf einem Podium im Zürcher Kongresshaus. “Altruismus und Mitgefühl im Wirtschaftssystem” lautet der Titel der Konferenz. Mit dabei waren: Hirnforscher, Psychologen, Ökonomen und sogar Finanzinvestoren.
Für einen Wissenschaftskongress ist das ein ungewohntes Bild: Der Dalai Lama hat die Beine zum Schneidersitz gefaltet, trägt eine rote Baseballkappe gegen das Scheinwerferlicht. Vor dem weißen Sessel stehen seine Schuhe. Hinter ihm sind blühende Kirschzweige zu sehen. “Mein Wirtschaftswissen ist gleich null”, sagt er gleich zu Beginn und lacht sein kehliges Lachen. Niemand der über 500 Gäste würde ihm dieses Geständnis übelnehmen.
Der Dalai Lama hört sich an, was Fehr zum Forschungsstand zu berichten hat: In Spielexperimenten sind Menschen bereit, eine Geldsumme mit einer anderen Person zu teilen, obwohl sie das eigentlich nicht machen müssten. “Das Gerechtigkeitsempfinden ist sehr stark ausgeprägt, über alle Kulturen hinweg”, sagt Fehr.
Schwieriger wird es schon, wenn man eine Vierergruppe von Menschen anonym auffordert, Geld für eine Gemeinschaftsaufgabe zu geben — und ihnen die Möglichkeit lässt, nichts zu zahlen, aber trotzdem von dem Geld zu profitieren, das andere einzahlen. Im Steuersystem gibt es solche Betrüger oder in der U-Bahn die Schwarzfahrer. “Schmarotzer finden wir immer”, berichtet Fehr von seinen Studien. Vor allem sei das so, wenn seine Experimente in Ländern gemacht werden, wo Misswirtschaft und Korruption herrschen. “Der Mensch handelt nur altruistisch im Bewusstsein, dass andere sich auch so verhalten”, sagt er und wirft eine Grafik an die Wand mit einer stark abfallenden Kurve. “Wo immer Egoisten auf den Plan treten, bricht Kooperation zusammen.”
Mönch im Kernspintomografen
Vertrauen, Altruismus und Mitgefühl sind in den Augen des Experimentalökonomen wichtige Bedingungen für Wohlstand und wirtschaftlichen Erfolg. Darin liegt auch die Schnittstelle zum Buddhismus. Religiöse Praktiken wie die Meditation, so doziert der Dalai Lama, dienten zum Erlernen von Mitgefühl und Selbstlosigkeit: “Buddhismus, das ist eigentlich die Wissenschaft vom Geiste.”
Was Fehr besonders interessiert: die Fähigkeit buddhistischer Mönche, bestimmte Gefühlszustände durch Meditation bewusst herbeizuführen. Er beobachtet sie im Kernspintomografen, um zu studieren, welche Hirnregionen bei altruistischem Verhalten aktiv sind. Eines jener Studienobjekte war in Zürich anwesend: Matthieu Ricard, ein Franzose und gelernter Molekularbiologe, der seit über 20 Jahren in einem buddhistischen Kloster in Asien lebt. “Mit nur wenigen Monaten Training kann man Mitgefühl in sich entstehen lassen”, sagt Ricard und berichtet von hirnphysiologischen Experimenten, die zeigen, dass Menschen, die regelmäßig meditieren, mehr Anteilnahme zeigen, wenn man ihnen etwa Bilder von leidenden Menschen vorführt.
Um sich in eine Stimmung von Anteilnahme zu versetzen, stelle man sich zunächst eine Person vor, von der man bedingungslose Liebe erfahren habe. “Für viele ist das die eigene Mutter”, sagt Ricard. Schrittweise dehne man dann dieses Gefühl aus auf alle Menschen. “Das ist, wie wenn man sich vorstellt, dass die Sonne nicht nur auf einen selbst scheint, sondern auf alle Lebewesen.”
Solche Ideen waren lange nichts für nüchterne Forscher, und auch heute würde nicht jeder Wissenschaftler seine Labore für spirituelle Menschen wie Ricard öffnen. “Ich bin selber kein Buddhist”, sagt Fehr. Ihn interessiere aber, ob man Menschen zum Altruismus erziehen könne, und da habe er die Vermutung, dass der Buddhismus helfen könne.
“Gebt mir dieses Oxytocin”
Eine Mitstreiterin von Fehr ist Tania Singer, die Professorin an seinem Institut ist. In ihren Experimenten macht sie die Versuchspersonen vertrauensseliger durch ein Hormon namens Oxytocin, das sie in die Nase der Studienteilnehmer sprüht.
“Gebt mir dieses Oxytocin”, scherzt der Dalai Lama, während Singer ihm und den Kongressteilnehmern von ihren Versuchen berichtet. Sie sagt: “Das wirkt aber nur 20 Minuten.” Woraufhin der Dalai Lama erwidert: “Egal.” Dabei will Singer in jetzt anlaufenden Versuchen das Oxytocin ersetzen, indem sie ihren Probanden das Meditieren beibringt. “Unsere Hypothese ist, dass Menschen mit Mitgefühl deutlich altruistischer sind”, sagt Singer. Sie ist unter anderem an der Erforschung bestimmter Nervenzellen beteiligt, sogenannter Spiegelneuronen, die helfen, den Gemütszustand des Gegenübers zu erkennen.
Singer und Fehr sind auf einem Forschungsfeld aktiv, das in der letzten Zeit populär geworden ist. An der Eliteuniversität Stanford etwa haben Hirnforscher gemeinsam mit dem Dalai Lama das Center for Compassion and Altruism Research gegründet. Außerdem sind eine ganze Reihe von Sachbüchern zum Thema erschienen, von so unterschiedlichen Autoren wie dem US-Ökonomen Jeremy Rifkin und dem Affenforscher Frans de Waal.
Es hängt wohl vor allem mit der globalen Finanzkrise und dem Unmut über die Gier der Banker zusammen, dass derzeit so viel über Altruismus geredet wird. Der Ökonom Fehr ist davon überzeugt, dass ein gerechtes, demokratisches und gut organisiertes Staatswesen nötig ist, um mehr Gemeinsinn zu stiften. Fehr glaubt an die Veranlagung des Menschen zum Guten. “Die meisten Menschen haben eine optimistische Vorstellung darüber, dass die Mitmenschen altruistisch sind.”
Ihn stört auch nicht, dass einige Menschen Gutes nur tun, um sich selber gut zu fühlen. Da ist er Wirtschaftswissenschaftler und Pragmatiker. Es komme auf das Resultat an. Hauptsache sei doch, dass die Menschen kooperieren, statt sich gegenseitig auszustechen. “Aus welchen Motiven auch immer”, sagt Fehr.
Der Dalai Lama wusste zu dem zweischneidigen Charakter des Altruismus eine Anekdote zu erzählen. Manchmal, so sagt der Religionsführer, lasse er sich ganz selbstlos von einer Mücke stechen und Blut saugen. “Ein Wohlgefühl stellt sich nachher allerdings nicht ein.”
10. Der Dalai Lama – Verkörperung menschlichen Ideals
Students.ch, 13.4.10
Gemurmel und emsige Vorfreude. Der Blumenschmuck auf der Bühne lässt Erwartungen steigen. Da, ist er das? Das rote Tuch, welches im Scheinwerferlicht erschienen ist, muss tatsächlich „the Holiness“ der 14. Dalai Lama sein. 10 000 Leute erheben sich. Man atmet Ehrfurcht und respektvolle Stille. Gebannt sieht das Stadion zu, wie das rote Tuch über die Bühne schlurft, auf dem thronartigen Sessel Platz nimmt, endlich auf den Bildschirmen gezeigt wird und somit eindeutig als Dalai Lama identifiziert werden kann. Mit humorvollem Abwinken bricht dieser die Spannung, die Menge lacht und man setzt sich.
Ich wage zu behaupten, dass diese Beschreibung reicht, um das Kernstück des Dalai-Lama-Auftritt im Hallenstadion zu zeigen. Klar, es wurden Wörter wie „peaceful mind“, „moral principals“ und „selfconfidence“ genannt, Themen vom kalten Krieg bis hin zur Wirtschaftkriese besprochen. Doch eigentlich war es nicht wichtig, welche Bereiche er genau ansprach, seine Rede hätte auch anders verlaufen können. Es ging um den Dalai Lama, darum, einer Persönlichkeit, welche es wagt ohne Maske ins Licht zu treten, zu begegnen. Ein vermenschlichtes Ideal, Inkarnation von Weltfrieden. Und so hing das Publikum an seinen Lippen, liess keine Gelegenheit für Applaus aus und war für Scherze und Lachen empfänglich. Das Ereignis bot den Menschen die zukunftsweisenden Visionen und die unbestechliche Aufrichtigkeit, die sie offenbar suchten. Der Dalai Lama präsentiert in seiner Yoda-ähnlichen Gestalt alles, was in unserer Gesellschaft kaum vorhanden ist: Sicherheit, Gelassenheit und „happiness“. Der grosse Andrang wird diese These bestätigen.
Und so erklärt es sich von selbst, das der Vortrag mehr moralisch aufbauend als konstruktiv bodenständig wirkte. Das einzig Trockene und Rationelle waren die Bemühungen des Übersetzers, der Seite an Seite den Dalai Lama von Englisch ins Deutsche übersetzte und keinen grösseren Gegensatz zu dessen Lockerheit hätte bilden können. Bei dem Vortrag handelte es sich mehr um eine Infiltration des „Guten“ als um ein sachliches Erläutern, was bei der Rolle des Dalai Lama nicht erstaunt, im Vorfeld jedoch so vermarktet wurde.
Dennoch wird wohl manch einem der ein oder andere Satz des Dalai Lama nicht aus dem Kopf gehen. Und ein Spruch wie „more monks, more nons!“ wird dessen rednerisches Talent und die Unmissverständlichkeit seiner Worte unterstreichen und gleichzeitig vorführen, dass die vermittelten Gedanken und Ideale die wunden Punkte und Ängste des modernen Zeitgeistes durchaus treffend beschreiben.
Katrin Schregenberger
Medienkonferenz: Dalai Lama nicht in der Schweiz um Regierung zu treffen
Der Dalai Lama ist nicht enttäuscht darüber, dass ihn der Bundesrat während seines derzeitigen Besuches nicht empfängt. Er sei aus anderen Gründen in die Schweiz gereist. Gleichzeitig zeigte er aber auch Verständnis für die Haltung der Regierung.
“Wieso sollte ich enttäuscht sein?” sagte das religiöse Oberhaupt der Tibeterinnen und Tibeter vor den Medien in Zürich. Er sei nicht ja nicht hierher gekommen, um die Regierung zu treffen. Der Hauptzweck seines Besuches sei vielmehr die dreitägige Konferenz im Zürcher Kongresshaus zum Thema “Altruismus und Mitgefühl in Wirtschaftssystemen”.
Ein anderer Grund für seinen Besuch seien die Feiern anlässlich der ersten Aufnahme tibetischer Flüchtlinge in der Schweiz vor fünfzig Jahren. “Es ist unsere Pflicht, dafür der Schweizer Regierung und der Bevölkerung zu danken”, sagte der Dalai Lama.
Enttäuscht wäre er gewesen, wenn er spezifische Fragen mit dem Bundesrat hätte besprechen wollen und dieser ihm ein Treffen verweigert hätte. Dies sei aber ganz offensichtlich nicht der Fall. Vielmehr pflege man mit der Schweizer Regierung “sehr enge Kontakte”.
Dass es nicht zum Treffen mit dem Bundesrat gekommen sei, darüber dürfte sicherlich die chinesische Regierung erfreut sein, sagte der Dalai Lama mit einem Schmunzeln. Auswirkungen auf die Schweizer Sympathien gegenüber Tibet habe dieser Entscheid jedoch sicher nicht.
Anderseits zeigte der Dalai Lama Verständnis für die Rolle der Landesregierung. Diese habe die Aufgabe, für das Wohl des Landes zu sorgen. “Es ist deshalb verständlich, in dieser wirtschaftlich schwierigen Zeit gute Beziehungen zu China zu pflegen”, hielt er fest.
(sda)



