Medienspiegel: S.H. der Dalai Lama in der Schweiz

1. Über 10’000 lau­schen Vor­trag des Dalai Lama

2. Der Dalai Lama spricht zur Bevölkerung

3. Dalai Lama spricht zum ers­ten Mal direkt zu Schweizern

4. Dalai Lama nicht in der Schweiz um Regie­rung zu treffen

5. Mit Dalai Lama, ohne Calmy-Rey

6. «China fehlt es an mora­li­scher Autorität»

7. Was hilft es Tibet, wenn der Dalai Lama ein Super­star ist?

8. Tibe­ti­sches Jugend­par­la­ment gegründet

9. Die Suche nach dem Guten in uns

10. Der Dalai Lama – Ver­kör­pe­rung mensch­li­chen Ideals

1. Über 10’000 lau­schen Vor­trag des Dalai Lama

Bie­ler Tag­blatt, 11.4.10
Mit einem Vor­trag im aus­ver­kauf­ten Zür­cher Hal­len­sta­dion ist der fünf­tä­gige Besuch des Dalai Lama zu Ende gegan­gen. 10’500 Per­so­nen lausch­ten den Wor­ten des bud­dhis­ti­schen Mön­ches, der über “Uni­ver­selle Ver­ant­wor­tung und Wirt­schaft” sprach.

Er müsse zuge­ben, räumte der Dalai Lama ein, das Thema des Vor­tra­ges behage ihm nicht. Sein Wis­sen über Wirt­schaft sei näm­lich “gleich null”, schmun­zelte das geis­tige Ober­haupt der Tibe­ter. Eines wisse er aber doch: Die Wirt­schafts­krise der jüngs­ten Zeit habe in vie­len Län­dern ernst­hafte Besorg­nis hervorgerufen.

Durch Gesprä­che mit Freun­den, dar­un­ter auch Geschäfts­leute, sei er zum Schluss gelangt, dass die glo­bale Krise etwas mit unse­rer Geis­tes­hal­tung zu tun habe: “Ein ganz­heit­li­cher Blick auf die Dinge fehlt”, sagte der Dalai Lama. Das Gefühl fürs Gemein­wohl sei ver­lo­ren gegan­gen, ebenso die “mora­li­schen Prinzipien”.

Damit die Men­schen glück­li­cher wür­den, brau­che es wie­der mehr die­ser Prin­zi­pien. Im Grund­satz gehe es darum, ande­ren Men­schen nach Mög­lich­keit zu hel­fen. Diese Hal­tung führe zu mehr Selbst­ver­trauen, was wie­derum mehr Offen­heit und Ver­trauen mit sich bringe. Der 74-Jährige plä­dierte des­halb dafür, den Blick auf die “innere Welt” zu richten.

Bereits am Sams­tag­nach­mit­tag hat­ten meh­rere tau­send Per­so­nen einer 50-minütigen Anspra­che des Dalai Lama beige­wohnt, die er anläss­lich einer Soli­da­ri­täts­kund­ge­bung für Tibet in der Zür­cher Innen­stadt hielt. Es war das erste Mal, dass er im Rah­men einer sol­chen Ver­an­stal­tung direkt zur Schwei­zer Bevöl­ke­rung sprach.

Am Sams­tag­mor­gen war der Dalai Lama mit den Teil­neh­mern des Ers­ten Tibe­ti­schen Jugend­par­la­ments zusam­men­ge­trof­fen. Dabei habe er die Jugend­li­chen an ihre grosse Ver­ant­wor­tung gegen­über der Tibet­be­we­gung erin­nert, teilte der Ver­ein Tibe­ter Jugend in Europa (VTJE) mit.

2. Der Dalai Lama spricht zur Bevölkerung

Neue Zür­cher Zei­tung, 10.4.10
Meh­rere tau­send Per­so­nen an Soli­da­ri­täts­kund­ge­bung für Tibet

Meh­rere tau­send Per­so­nen haben am Sams­tag­nach­mit­tag in der Zür­cher Innen­stadt an einer Soli­da­ri­täts­kund­ge­bung für Tibet teil­ge­nom­men. Höhe­punkt war die 50-minütige Rede des Dalai Lama. Es war das erste Mal, dass er direkt zur Bevöl­ke­rung sprach.

(sda) In Europa ist dies bis­her erst ein­mal vor­ge­kom­men, und zwar vor zwei Jah­ren in Ber­lin. Damals hielt das geis­tige Ober­haupt der Tibe­ter vor dem Bran­den­bur­ger Tor eine Rede, wie Mig­mar Raith, Medi­en­spre­cher der Gesell­schaft Schweizerisch-Tibetische Freund­schaft (GSTF), auf Anfrage der Nach­rich­ten­agen­tur SDA sagte.

Die mehr­stün­dige Kund­ge­bung auf dem Zür­cher Müns­ter­hof stand unter dem Motto «Die Schweiz für Tibet. Tibet für die Welt», zu der die GSTF auf­ge­ru­fen hatte. Nach­ein­an­der tra­ten bekannte Schwei­zer Kunst­schaf­fende auf, dar­un­ter The Young Gods, Endo Ana­conda und Kutti MC.

Ihre Soli­da­ri­tät bekun­de­ten auch die Natio­nal­räte Mario Fehr (sp., Zürich) und Doris Fiala (fdp., Zürich). Mit ihrem Auf­tritt hät­ten sie auch ein Zei­chen nach Bern schi­cken wol­len, sagte Raith.

Im Publi­kum weh­ten zahl­rei­che tibe­ti­sche Flag­gen, ver­ein­zelt wur­den auch Trans­pa­rente mit­ge­führt, auf denen etwa «Free Tibet» oder «One Love» zu lesen war. Unter den Teil­neh­men­den waren nebst Tibe­te­rin­nen und Tibe­tern ver­schie­de­ner Gene­ra­tio­nen auch zahl­rei­che Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zer. Auf­tritt des Dalai Lama als Höhepunkt

Unbe­strit­te­ner Höhe­punkt war der Auf­tritt des Dalai Lama, der mit fre­ne­ti­schem Jubel begrüsst wurde. Seine frei vor­ge­tra­gene Rede dau­erte mit knapp 50 Minu­ten fast dop­pelt so lange wie vorgesehen.

Das geis­tige Ober­haupt der Tibe­ter dankte den Teil­neh­mern, die er als «Brü­der und Schwes­tern» begrüsste, für ihre Sym­pa­thie und ihr Inter­esse gegen­über der tibe­ti­schen Sache. Dabei gehe es nicht um die Frage, ob man für oder gegen Tibet sei. «Viel­mehr geht es um Gerech­tig­keit», betonte der Dalai Lama.

Die chi­ne­si­sche Regie­rung ten­diere dazu, die Pro­bleme in Tibet zu negie­ren. Das Publi­kum for­derte er des­halb dazu auf, nach Tibet zu rei­sen und sich sich selbst ein Bild von den dor­ti­gen Zustän­den zu machen. Er zeigte sich zuver­sicht­lich, dass die gut besuchte Kund­ge­bung auch von den chi­ne­si­schen Regie­rung wahr­ge­nom­men wer­den wird.

3. Dalai Lama spricht zum ers­ten Mal direkt zu Schweizern

SF Tages­schau, 10.4.10
Meh­rere tau­send Per­so­nen haben in der Zür­cher Innen­stadt an einer Soli­da­ri­täts­kund­ge­bung für Tibet teil­ge­nom­men. Höhe­punkt war die 50-minütige Rede des Dalai Lama. Es war das erste Mal, dass er direkt zur Schwei­zer Bevöl­ke­rung sprach.

Die mehr­stün­dige Kund­ge­bung auf dem Zür­cher Müns­ter­hof stand unter dem Motto «Die Schweiz für Tibet. Tibet für die Welt», zu der die Gesell­schaft Schweizerisch-Tibetische Freund­schaft (GSTF) auf­ge­ru­fen hatte.

Nach­ein­an­der tra­ten bekannte Schwei­zer Kunst­schaf­fende auf, dar­un­ter The Young Gods, Endo Ana­conda und Kutti MC.

Ihre Soli­da­ri­tät bekun­de­ten auch die Natio­nal­räte Mario Fehr (SP/ZH) und Doris Fiala (FDP/ZH). Mit ihrem Auf­tritt hät­ten sie auch ein Zei­chen nach Bern schi­cken wol­len, sagte ein Spre­cher von GSTF.

Im Publi­kum weh­ten zahl­rei­che tibe­ti­sche Flag­gen, ver­ein­zelt wur­den auch Trans­pa­rente mit­ge­führt, auf denen etwa «Free Tibet» oder »One Love» zu lesen war. Unter den Teil­neh­men­den waren nebst Tibe­tern ver­schie­de­ner Gene­ra­tio­nen auch zahl­rei­che Schweizer.

Begrüs­sung mit «Brü­der und Schwestern»

Höhe­punkt war der Auf­tritt des Dalai Lama, der mit fre­ne­ti­schem Jubel begrüsst wurde. Seine frei vor­ge­tra­gene Rede dau­erte mit knapp 50 Minu­ten fast dop­pelt so lange wie vorgesehen.

Das geis­tige Ober­haupt der Tibe­ter dankte den Teil­neh­mern, die er als «Brü­der und Schwes­tern» begrüsste, für ihre Sym­pa­thie und ihr Inter­esse gegen­über der tibe­ti­schen Sache. Dabei gehe es nicht um die Frage, ob man für oder gegen Tibet sei. «Viel­mehr geht es um Gerech­tig­keit», betonte der Dalai Lama.

Sel­ber nach Tibet reisen

Die chi­ne­si­sche Regie­rung ten­diere dazu, die Pro­bleme in Tibet zu negie­ren. Das Publi­kum for­derte er des­halb dazu auf, nach Tibet zu rei­sen und sich sich selbst ein Bild von den dor­ti­gen Zustän­den zu machen. Er zeigte sich über­zeugt, dass Soli­da­ri­täts­kund­ge­bun­gen wie diese über kurz oder lang auch das Den­ken der chi­ne­si­schen Regie­rung beein­flus­sen werden.

Solange die chi­ne­si­schen Ver­ant­wort­li­chen nicht bereit seien, das Tibet­pro­blem rea­lis­tisch zu betrach­ten und nur die Spra­che der Gewalt und Unter­drü­ckung anwen­de­ten, solange werde es in die­ser Frage keine Ruhe geben. Dies sei, so der Dalai Lama, «hun­dert­pro­zen­tig sicher».

Tibe­ti­sche Kul­tur und Spra­che bewahren

Vor sei­ner Rede war der Dalai Lama bereits mit den Teil­neh­mern des Ers­ten Tibe­ti­schen Jugend­par­la­ments zusam­men­ge­trof­fen. Dabei habe er die Jugend­li­chen an ihre grosse Ver­ant­wor­tung gegen­über der Tibet­be­we­gung erin­nert, wie der Ver­ein Tibe­ter Jugend in Europa (VTJE) mitteilte.

Für das Fort­be­ste­hen des tibe­ti­schen Vol­kes sei es gemäss dem Dalai Lama sehr wich­tig, die tibe­ti­sche Kul­tur und Spra­che zu bewah­ren. Für die Ein­be­ru­fung des Par­la­ments habe er lobende Worte gefunden.

Erst zweite Rede vor öffent­li­chem Publikum

Der Besuch des 74-jährigen Geist­li­chen geht am Sonn­tag mit einem öffent­li­chen Vor­trag im Zür­cher Hal­len­sta­dion zu Ende. Das zwei­stün­dige Refe­rat trägt den Titel «Uni­ver­selle Ver­ant­wor­tung und Wirt­schaft». Ins­ge­samt ste­hen 10’000 Tickets zum Verkauf.

In Europa war es bis­her erst ein­mal vor­ge­kom­men, dass sich das geis­tige Ober­haupt der Tibe­ter direkt an ein öffent­li­ches Publi­kum wandte. Dies war vor zwei Jah­ren in Ber­lin der Fall. Damals hielt der Dalai Lama vor dem Bran­den­bur­ger Tor eine Rede, wie der Spre­cher der GSTF sagte.

4. Dalai Lama nicht in der Schweiz um Regie­rung zu treffen

Sonntags-Zeitung (CH), 9.4.10
Der Dalai Lama ist nicht ent­täuscht dar­über, dass ihn der Bun­des­rat wäh­rend sei­nes der­zei­ti­gen Besu­ches nicht emp­fängt. Er sei aus ande­ren Grün­den in die Schweiz gereist. Gleich­zei­tig zeigte er aber auch Ver­ständ­nis für die Hal­tung der Regierung.

“Wieso sollte ich ent­täuscht sein?” sagte das reli­giöse Ober­haupt der Tibe­te­rin­nen und Tibe­ter vor den Medien in Zürich. Er sei nicht ja nicht hier­her gekom­men, um die Regie­rung zu tref­fen. Der Haupt­zweck sei­nes Besu­ches sei viel­mehr die drei­tä­gige Kon­fe­renz im Zür­cher Kon­gress­haus zum Thema “Altru­is­mus und Mit­ge­fühl in Wirtschaftssystemen”.

Ein ande­rer Grund für sei­nen Besuch seien die Fei­ern anläss­lich der ers­ten Auf­nahme tibe­ti­scher Flücht­linge in der Schweiz vor fünf­zig Jah­ren. “Es ist unsere Pflicht, dafür der Schwei­zer Regie­rung und der Bevöl­ke­rung zu dan­ken”, sagte der Dalai Lama.

Ent­täuscht wäre er gewe­sen, wenn er spe­zi­fi­sche Fra­gen mit dem Bun­des­rat hätte bespre­chen wol­len und die­ser ihm ein Tref­fen ver­wei­gert hätte. Dies sei aber ganz offen­sicht­lich nicht der Fall. Viel­mehr pflege man mit der Schwei­zer Regie­rung “sehr enge Kontakte”.

Dass es nicht zum Tref­fen mit dem Bun­des­rat gekom­men sei, dar­über dürfte sicher­lich die chi­ne­si­sche Regie­rung erfreut sein, sagte der Dalai Lama mit einem Schmun­zeln. Aus­wir­kun­gen auf die Schwei­zer Sym­pa­thien gegen­über Tibet habe die­ser Ent­scheid jedoch sicher nicht.

Ander­seits zeigte der Dalai Lama Ver­ständ­nis für die Rolle der Lan­des­re­gie­rung. Diese habe die Auf­gabe, für das Wohl des Lan­des zu sor­gen. “Es ist des­halb ver­ständ­lich, in die­ser wirt­schaft­lich schwie­ri­gen Zeit gute Bezie­hun­gen zu China zu pfle­gen”, hielt er fest.

5. Mit Dalai Lama, ohne Calmy-Rey

St. Gal­ler Tag­blatt, 9.4.10
Vor rund 50 Jah­ren kam Lob­sang Dalu in die Schweiz, zusam­men mit 1000 ande­ren Tibeter-Kindern. Zur gest­ri­gen Gedenk­feier erschien zwar der Dalai Lama, aber kein Bun­des­rat. Ein Zei­chen von Schwä­che, fin­det Dalu.

Flo­rian RIESEN

zürich. Ein herz­haf­tes, fröh­li­ches Lachen war das erste, das der Dalai Lama beim Betre­ten des Saals von sich gab. Seine Hei­lig­keit war ges­tern nach Zürich gekom­men, um am Fest­akt «50 Jahre Tibe­ter in der Schweiz – Merci Schwiiz» teil­zu­neh­men. Die Schweiz hatte im Jahr 1960 als ers­tes Land der Welt beschlos­sen, Flücht­linge aus Tibet auf­zu­neh­men, die vor der Ver­fol­gung durch die Chi­ne­sen nach dem Volks­auf­stand aus ihrer Hei­mat nach Indien geflo­hen waren.

Zunächst kamen 1000 Kin­der; unter­des­sen leben rund 4000 Tibe­ter hier. Der Dalai Lama schil­derte in sei­ner Anspra­che die miss­li­chen Bedin­gun­gen, unter denen die Kin­der in Indien – ohne Eltern, schuf­tend und ohne medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung – zu leben hat­ten. «Das Wich­tigste war damals, das Über­le­ben die­ser Kin­der zu sichern.»

Schnee fast wie in Tibet

Lob­sang Dalu ist eines der 1000 tibe­ti­schen Kin­der, die damals in die Schweiz kamen. Für den heute 57-Jährigen hatte die Feier im Swis­sô­tel in Oer­li­kon darum eine ganz beson­dere Bedeu­tung. Lob­sang erin­nert sich noch ganz genau, wie er damals als 13-Jähriger mit einer Gruppe von Kin­dern am 24. Januar 1964 in der Schweiz lan­dete. «Es war eine schöne Ankunft, denn es lag Schnee. Das erin­nerte mich an meine Hei­mat in Tibet.» Im indi­schen Exil in Dha­ram­sala hin­ge­gen habe es nie Schnee gegeben.

Lob­sang lebte dar­auf einige Jahre im Pestalozzi-Kinderdorf in Tro­gen, wo er auch eine Erzie­hung in tibe­ti­scher Kul­tur genies­sen durfte. Das sei sehr wich­tig für die Ent­wick­lung sei­ner Iden­ti­tät gewe­sen, erklärt er. «Ich fühle mich heute nach wie vor als Tibe­ter. Die Schweiz ist jedoch zu mei­ner zwei­ten Hei­mat gewor­den.» Und schmun­zelnd fügt er an: «Ich habe einen Schwei­zer Pass und bin ein Appen­zel­ler.» Lob­sang ist mit einer tibe­ti­schen Frau ver­hei­ra­tet, wohnt in der Stadt Zürich im Kreis 3 und arbei­tet in einem Alters­heim als Krankenpfleger.

Wie­der­se­hen mit der Mutter

Ein­mal ist Lob­sang seit sei­ner Flucht nach Tibet zurück­ge­kehrt. Es sind gemischte Gefühle, die ihn an die­sen Besuch erin­nern. Einer­seits traf er dort nach einer 30jährigen Tren­nung zum ers­ten Mal seine Mut­ter. Ande­rer­seits war es für ihn depri­mie­rend, die Unter­drü­ckung und die Zer­stö­rung sei­ner Kul­tur durch die Chi­ne­sen aus nächs­ter Nähe zu erfah­ren. «Ich habe viele Klös­ter gese­hen, die im Namen des Kom­mu­nis­mus zer­stört wor­den sind. Zudem erzählte man mir, dass mein Onkel umge­bracht wor­den ist. » Für das Über­le­ben der tibe­ti­schen Kul­tur hat sich Lob­sang in der Schweiz stets ein­ge­setzt. So hat er sich bei­spiels­weise meh­rere Jahre in einer tibe­ti­schen Kin­der­gruppe im Pestalozzi-Kinderdorf enga­giert oder war bei der Grün­dung des tibe­ti­schen Jugend­ver­eins dabei. In guter Erin­ne­rung ist ihm aus­ser­dem die Demons­tra­tion tibe­ti­scher Akti­vis­ten auf dem Bun­des­platz im Jahr 1999 beim Besuch des chi­ne­si­schen Prä­si­den­ten Jiang Zemin, an der er selbst teil­ge­nom­men hat. Nach­dem Bun­des­prä­si­den­tin Ruth Drei­fuss damals zudem die Lage in Tibet öffent­lich the­ma­ti­sierte, kam es zum Eclat: «Die Schweiz hat einen Freund ver­lo­ren», sagte der chi­ne­si­sche Prä­si­dent wutentbrannt.

Von Sei­ten der Behör­den nah­men an dem Fest­akt ges­tern die Zür­cher Stadt­prä­si­den­tin Corinne Mauch und zahl­rei­che Natio­nal­räte aus der Par­la­men­ta­ri­er­gruppe Tibet–Schweiz teil.

Ent­täuscht vom Bundesrat

Aus dem Bun­des­rat war nie­mand anwe­send. Man habe dafür keine Zeit, hatte sich Aus­sen­mi­nis­te­rin Miche­line Calmy-Rey bereits vor eini­gen Wochen ent­schul­di­gen lassen.

Lob­sang hat dafür abso­lut kein Ver­ständ­nis: Die Demo­kra­tie habe in der Schweiz eine lange Tra­di­tion. Frei­heit und Men­schen­rechte seien hier wich­tig, erklärt er. «Dass sich der Bun­des­rat nun von China dik­tie­ren lässt, wen sie tref­fen darf und wen nicht, scha­det dem Anse­hen der Schweiz in der gan­zen Welt.»

6. «China fehlt es an mora­li­scher Autorität»

Neue Zür­cher Zei­tung, 9.4.10

Dalai Lama tritt in Zürich vor die Medien

Der Dalai Lama ist ein glo­ba­ler Medi­en­star. Wo immer er hin­kommt, ist ihm Auf­merk­sam­keit sicher. So auch in Zürich, wo er sich anläss­lich einer drei­tä­gi­gen Kon­fe­renz zu sei­nem Besuch in der Schweiz und zur chi­ne­si­chen Regie­rung äusserte.

mtz. Es ist Mit­tag. Medi­en­kon­fe­renz. Im Blitz­licht­ge­wit­ter betritt der Dalai Lama den mit Video­ka­me­ras und Mikro­fo­nen bestückte Saal. Er lächelt und fal­tet seine Hände zur Begrüs­sung. Rund fünf­zig Jour­na­lis­ten war­ten auf die Worte des obers­ten Tibe­ters. In einer kur­zen Ein­lei­tung streicht der Fri­en­dens­no­bel­preis­trä­ger die Bedeu­tung zweier für ihn wich­ti­gen Punkte her­aus: das glei­che Recht aller auf ein glück­li­ches Leben und die Har­mo­nie unter den Reli­gio­nen. Seine Rede been­dete er mit der Bitte an die Medi­en­leute, mehr auf innere Werte zu ach­ten und andere Reli­gio­nen zu respek­tie­ren. Dar­auf eröff­nete er die Fragerunde.

Ob er ent­täuscht sei, dass er nicht von der Schwei­zer Regie­rung emp­fan­gen wurde, wollte ein Jour­na­list wis­sen. «Wieso sollte ich? Der Haupt­zweck mei­ner Reise ist nicht die Schwei­zer Regie­rung», sagte er und lachte. Er wolle mit sei­nen Besu­chen nie­man­dem Unan­nehm­lich­kei­ten berei­ten. Er wäre allein dann ent­täuscht gewe­sen, wenn er ein Anlie­gen an die Schwei­zer Regie­rung gehabt hätte und diese ein Tref­fen abge­lehnt hätte. Dies sei aber nicht der Fall. Die Schwei­zer Regie­rung sei immer sehr hilfs­be­reit gewe­sen und man stehe in engem Kontakt.

Ankunft der Exil­ti­be­ter vor 50 Jahren

Der Haupt­grund für sei­nen Besuch in Zürich sei die Teil­nahme an der «Mind & Life»-Konferenz – eine Ver­an­stal­tung, die er 1987 grün­dete und die nun schon zum zwan­zigs­ten Mal statt­fin­det. Das Thema der drei­tä­gi­gen Ver­an­stal­tung lau­tet «Altru­is­mus und Mit­ge­fühl in ökono­mi­schen Systemen».

Als wei­te­ren Grund für sei­nen Besuch führte er die Fei­er­lich­kei­ten anläss­lich der Auf­nahme tibe­ti­scher Flücht­linge in der Schweiz vor fünf­zig Jah­ren an. Es sei seine Pflicht, sich bei der Schwei­zer Bevöl­ke­rung, bei der hie­si­gen Regie­rung und beim schwei­ze­ri­schen Roten Kreuz zu bedan­ken, für die Hilfe, die man den Tibe­tern damals in einer schwie­ri­gen Situa­tion gewährt hatte.

Unver­rück­ba­rer Optimistismus

Wie opti­mis­tisch er sei, dass er noch zu Leb­zei­ten in ein freies Tibet zurück­keh­ren könne, wollte ein zwei­ter Jour­na­list wis­sen. Der Dalai Lama holte zu einem Exkurs über China aus. Die chi­ne­si­sche Gesell­schaft spalte sich immer mehr in Reich und Arm. Die kom­mu­nis­ti­sche Par­tei werde frü­her oder spä­ter sol­che neuen Rea­li­tä­ten in ihrem Han­deln berück­sich­ti­gen müs­sen. Das Ziel der Regie­rung müsse die Har­mo­nie zwi­schen den unter­schied­li­chen Volks­grup­pen im Land sein. Lei­der habe sie bis­her ver­sucht, diese mit Gewalt zu errei­chen. Nun wisse ja jeder, dass dies keine Lösung sein könne.

Irgend­wann werde die chi­ne­si­sche Regie­rung diese Pro­bleme ange­hen müs­sen. Er sei sehr, sehr zuver­sicht­lich, auch wenn er nicht davon aus­gehe, dass der Pro­zess in einer Woche, einem Monat oder einem Jahr in Gang komme. Doch er sei fast sicher, dass es in der nächs­ten Dekade gesche­hen werde. «Dies ist aber keine Pro­phe­zei­ung», sagte er und lachte.

Chi­nas Zensur

Es gebe im 21. Jahr­hun­dert welt­weite Trends, wie die Demo­kra­ti­sie­rung odr den freien Infor­ma­ti­ons­fluss. Er sei über­zeugt, dass es in Chi­nas urei­ge­nem Inter­esse sei, die­sen welt­wei­ten Trends zu fol­gen, um als Land ein respek­tier­ter Teil der Welt zu wer­den. Das Ziel der chi­ne­si­schen Regie­rung sei es, zu einer Super­macht zu wer­den. China sei ökono­misch und mili­tä­risch bereits eine Welt­macht. Es fehle der Regie­rung aber an einer wich­ti­gen Bedin­gung: An mora­li­scher Auto­ri­tät und Respekt. Wolle man den Respekt der Welt­ge­mein­schaft gewin­nen, müsse man Ver­trauen schaf­fen. Die chi­ne­si­sche Regie­rung müsse dafür trans­pa­ren­ter wer­den, die Zen­sur been­den und den freien Infor­ma­ti­ons­fluss zulas­sen. Viele Pro­bleme zwi­schen Han-Chinesen und Tibe­tern ent­stün­den, weil die Zen­sur zu einem Man­gel an gegen­sei­ti­gem Ver­ständ­nis zwi­schen den ein­zel­nen Volks­grup­pen führe.

China müsse die Demo­kra­tie ein­füh­ren. Nicht wie im Fall der Sowjet­union auf einen Schlag – dies habe damals gros­ses Chaos aus­ge­löst –, son­dern in gra­du­el­len Schrit­ten. Dies sei unter der Herr­schaft der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei wohl der rea­lis­tischste Weg.

Altru­is­mus und Mitgefühl

Zum Schluss der Medi­en­kon­fe­renz wollte ein Jour­na­list wis­sen, warum der Dalai Lama an diese Kon­fe­renz über Altru­is­mus und Mit­ge­fühl in der Ökono­mie gekom­men sei. Wolle er die Wirt­schaft sti­mu­lie­ren oder den Mana­gern das Medi­tie­ren bei­brin­gen? Die ent­waff­nende Ant­wort des Dalai Lama: «Meine Kennt­nis in der Ökono­mie ist null. Die Erklä­run­gen der Exper­ten sind viel befruch­ten­der als meine. In die­sem Bereich sind meine Worte nur Bla Bla Bla», sagte er und lachte

7. Was hilft es Tibet, wenn der Dalai Lama ein Super­star ist?

Neue Zür­cher Zei­tung, 8.4.10
Vom 8. bis 11. April weilt der Dalai Lama in der Schweiz, ohne dass der Bun­des­rat Zeit fände, ihn zu emp­fan­gen. Das reli­giöse Ober­haupt der Tibe­ter sorgt welt­weit für Eier­tänze bei Poli­ti­kern, die es mit China nicht ver­der­ben wol­len. Für die Mas­sen ist der Dalai Lama ein spi­ri­tu­el­ler Super­star. Doch was hat Tibet davon? Von Birte Vogel

Im Fahrt­wind des zum Super­star hoch­sti­li­sier­ten Dalai Lama, des­sen Auf­tritte oft den Show­cha­rak­ter gros­ser Pop-Events haben, wird allzu häu­fig eins ver­ges­sen: dass er nicht nur als Bot­schaf­ter des bud­dhis­ti­schen Mit­tel­wegs zu Besuch ist, son­dern in ers­ter Linie als ein Lan­des­herr ohne Land, der seit Jahr­zehn­ten ver­zwei­felt um das Über­le­ben sei­nes Vol­kes und von des­sen ural­ter Kul­tur kämpft. Die ein­zi­gen Mit­tel, die er dafür zur Ver­fü­gung hat, sind seine bud­dhis­ti­sche Gelas­sen­heit, sein Humor und hier und da ein kla­res Wort. Nichts, was die chi­ne­si­schen Macht­ha­ber je erschüt­tern könnte. Doch dafür liebt ihn der Wes­ten. Die Mas­sen fül­len Fuss­ball­sta­dien, um die­sen unglaub­lich lebens­fro­hen Mönch sehen und hören zu können.

Seine umtrie­bige Heiligkeit

Bud­dhis­mus ist hip, schon seit Jah­ren. So sind auch Social Media und Web 2.0 längst keine Fremd­wör­ter mehr für den Dalai Lama. Seit kur­zem lässt Seine umtrie­bige Hei­lig­keit sogar twit­tern. Jen­seits der vir­tu­el­len Welt fol­gen ihm scha­ren­weise Pro­mi­nente, allen voran der ame­ri­ka­ni­sche Schau­spie­ler und kon­ver­tierte Bud­dhist Richard Gere.

Man kennt ihn also, den Dalai Lama. Das ist nicht zu unter­schät­zen. Die meis­ten Tibet-Organisationen kön­nen so mit sei­nem Kon­ter­fei wer­ben und Spen­den für tibe­ti­sche Flücht­linge sam­meln. West­li­che Regie­rungs­chefs ver­har­ren zwar zit­ternd im Dauer-Kotau vor der säbel­ras­seln­den Wirt­schafts­macht China, emp­fan­gen den Dalai Lama aber den­noch ab und zu in Hin­ter– und Neben­zim­mern. Sie zie­hen sich damit den Zorn der chi­ne­si­schen Regie­rung zu, doch der ver­raucht erfah­rungs­ge­mäss schnell. Zu sehr braucht China die west­li­chen Märkte für den Export.

Doch was nützt all das den Men­schen in Tibet? Man weiss kaum etwas über das, was dort geschieht, über den All­tag der Men­schen und über ihr Leid. Man weiss nichts über ihr Gefühl der Ent­frem­dung im eige­nen Land, über den schlei­chen­den Ver­lust der tibe­ti­schen Spra­che und Kul­tur und nichts über die Ängste, den Frust und die Träume der jun­gen Generation.

Zum einen liegt das an der Abschot­tung des Lan­des durch die chi­ne­si­schen Macht­ha­ber. Jour­na­lis­ten dür­fen nur begrenzt aus Tibet berich­ten, wenn über­haupt. Und Tibe­ter ris­kie­ren oft Frei­heit und Leben, wenn sie mit west­li­chen Medi­en­ver­tre­tern spre­chen – eine Ver­ant­wor­tung, die für seriöse Jour­na­lis­ten schwer zu tra­gen ist. Zum ande­ren liegt es daran, dass wir uns im wohl­ha­ben­den Wes­ten allzu leicht mit den übli­chen Kli­schees zufrie­den­ge­ben. Denn was ver­bin­den wir schon mit die­sem klei­nen (was heisst hier klein? Anm. tf) Land? Zuerst den Dalai Lama, den Bud­dhis­mus, die Mön­che. Und dann? Berg­land­schaf­ten. Wan­der­tou­ren. Und zuletzt viel­leicht noch Hein­rich Har­rer und Brad Pitt. Über diese redu­zier­ten Vor­stel­lun­gen hin­aus ist es nicht leicht, etwas über Tibet zu erfah­ren. Und je weni­ger wir erfah­ren, desto vager blei­ben unsere Vor­stel­lun­gen, desto eher ver­ha­ken wir uns im Klischee.

Die vie­len Tibet-Organisationen haben meist keine andere Chance, als mit Hilfe des Ste­reo­ty­pen Auf­merk­sam­keit auf sich zu zie­hen. Doch die Zei­ten, in denen gestreute Man­da­las, sagen­hafte Land­schafts­fo­tos und tra­di­tio­nel­les tibe­ti­sches Gebäck zu tra­di­tio­nel­len tibe­ti­schen Gesän­gen auf brei­tes Inter­esse sties­sen, sind längst vor­bei. Woran das liegt, ist unklar. Ist Tibet nicht mehr exo­tisch genug? Dau­ert sein Kampf um ein selbst­be­stimm­tes Über­le­ben schon zu lange an? Gibt es zu viele Pro­bleme auf die­ser Welt, die schein­bar dring­li­cher gelöst wer­den müss­ten? Sind wir des Kli­schees über­drüs­sig? Oder nutzt sich der Superstar-Effekt des Dalai Lama lang­sam ab?

Facet­ten­rei­ches Land

Die Anzahl der Ver­su­che, fern der Kli­schees neues Inter­esse am heu­ti­gen, rea­len Tibet zu wecken, ist sehr über­sicht­lich. 2009 erschien ein Buch, das sol­ches wagt, Alice Grün­fel­ders Antho­lo­gie «Flü­gel­schlag des Schmet­ter­lings» (Uni­ons­ver­lag), eine Samm­lung von Erzäh­lun­gen, Essays und Gedich­ten zeit­ge­nös­si­scher tibe­ti­scher Schrift­stel­ler und Schrift­stel­le­rin­nen aus Tibet, China und aus dem Exil. Hier offen­bart sich ein facet­ten­rei­ches Land, das eben nicht nur aus Mön­chen besteht, son­dern aus Men­schen aus Fleisch und Blut und aus einer sich stän­dig ver­än­dern­den Kul­tur zwi­schen Tra­di­tion und Moderne, die längst den Schim­mer des Exo­ti­schen abge­streift hat und in der grel­len Rea­li­tät des Heute ange­kom­men ist. Eines Heute, das von Youtube und Han­dys genauso geprägt ist wie von Unter­drü­ckung und dem dro­hen­den Ver­lust von Kul­tur und Spra­che. Und doch fin­det sich auf dem Umschlag­bild ein Mönch. «Man muss sol­che Kli­schees lei­der wie Angel­ha­ken aus­wer­fen», sagt Alice Grün­fel­der. Ein Mönch als Abzieh­bild eines geschun­de­nen Lan­des, des­sen Kul­tur unter chi­ne­si­scher Herr­schaft und unter den Augen des Wes­tens zu musea­ler Bedeu­tung verkommt.

Davon müsste man end­gül­tig los­kom­men, denn das Bild hinkt hin­ter den Rea­li­tä­ten her. Längst ste­hen nicht mehr nur die chi­ne­si­schen Macht­ha­ber in der Kri­tik. Aus­ge­rech­net die in China mit Publi­ka­ti­ons­ver­bot belegte Schrift­stel­le­rin Tse­ring Woe­ser fin­det scho­nungs­lose Worte für die junge, mate­ria­lis­ti­sche Tibe­ter­ge­ne­ra­tion: «Wie war ich nur in die Gesell­schaft die­ser Män­ner gera­ten, die sich selbst als die zukünf­ti­gen Her­ren über Tibet sahen? Die­ses Land ist ihre Hei­mat, doch nicht ein­mal diese lie­ben sie. Sind sie erst dann zufrie­den, wenn sie alles ringsum in ein Schlacht­feld ver­wan­delt haben?» Durch den Ver­lust von Spra­che und Kul­tur wach­sen in Tibet Gene­ra­tio­nen ohne eigene Iden­ti­tät heran. Sie füh­len sich fremd in ihrer Hei­mat und in ihren eige­nen Tra­di­tio­nen. Und sie ent­glei­ten dem befrie­den­den Ein­fluss des Dalai Lama, der macht­los zuschauen muss.

Tibet ver­schwin­det. Und der Wes­ten beschränkt sich wider bes­se­res Wis­sen auf hohle Ges­ten. Daran hat auch der Sta­tus des Dalai Lama als Super­star nichts geändert.

Birte Vogel ist freie Jour­na­lis­tin, Auto­rin und Über­set­ze­rin. Sie lebt in Wen­nigsen, Deutschland.

8. Tibe­ti­sches Jugend­par­la­ment gegründet

Neue Zür­cher Zei­tung, 12.4.10

Für Gesprä­che mit China

Am Sonn­tag hat in Zürich das erste tibe­ti­sche Jugend­par­la­ment seine drei­tä­gige Sit­zung been­det. Das Jugend­par­la­ment ist von dem seit 1970 beste­hen­den Ver­ein Tibe­ter Jugend in Europa ins Leben geru­fen wor­den und soll in naher Zukunft erneut ein­be­ru­fen werden.

Walt­her Bernet

Zum Abschluss der Sit­zung des neu gegrün­de­ten tibe­tisch Jugend­par­la­ments wurde dem Pre­mier­mi­nis­ter der tibe­ti­schen Exil­re­gie­rung, Samd­hong Rin­po­che, und dem Par­la­ments­prä­si­den­ten, Penpa Tse­ring, eine Reso­lu­tion über­ge­ben. Die 122 Teil­neh­mer aus 11 Län­dern spre­chen sich darin für das kon­se­quente Wei­ter­ver­fol­gen des fried­li­chen und gewalt­freien Wider­stands aus.

Das Wei­ter­füh­ren des Dia­logs mit der chi­ne­si­schen Regie­rung wird befür­wor­tet, aller­dings unter drei Bedin­gun­gen: Ein neu­tra­ler Beob­ach­ter soll die Gesprä­che beob­ach­ten kön­nen, diese sol­len aus­ser­halb Chi­nas geführt wer­den, und die chi­ne­si­sche Seite müsse die Exis­tenz eines tibe­ti­schen Pro­blems, das der Lösung harrt, aner­ken­nen. Tibet dürfe nicht mehr als belang­lose innen­po­li­ti­sche Ange­le­gen­heit Chi­nas betrach­tet wer­den, schrei­ben die Ver­an­stal­ter. Am Sams­tag­mor­gen ist das Jugend­par­la­ment vom Dalai Lama mit einem ein­ein­halb­stün­di­gen Besuch beehrt wor­den. Die Ver­ant­wor­tung für die tibe­ti­sche Sache gehe jetzt an die dritte Gene­ra­tion über, sagte er. Wich­tig sei es, die eigene Kul­tur und Spra­che zu bewahren.

9. Altruismus-Forschung: Die Suche nach dem Guten in uns

Der Spie­gel, 12.4.10
Aus Zürich berich­tet Gerald Traufetter

Wie kön­nen Men­schen zu selbst­lo­sem Han­deln und Mit­ge­fühl gebracht wer­den? Um eine Ant­wort zu fin­den, ste­cken Hirn­for­scher mit­un­ter gar Mön­che in Kern­spin­to­mo­gra­fen. Jetzt haben sich Ökono­men in der Schweiz mit dem Dalai Lama zusam­men­ge­tan, um sich dem Wesen des Guten zu nähern.

Der Mensch ist selbst­süch­tig. Auf die­ser Prä­misse grün­den Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler ihre Theo­rien über den Markt und seine Mecha­nis­men. Der Mensch besitzt gar ein Egoismus-Gen. So lau­tet das Man­tra vie­ler Biologen.

“Das stimmt so nicht”, sagt der Ökonom Ernst Fehr von der Eid­ge­nös­si­schen Tech­ni­schen Hoch­schule in Zürich und führt seit eini­gen Jah­ren einen Kampf für die Aner­ken­nung des Guten im Men­schen. Jetzt hat der For­scher geis­ti­gen Bei­stand gefun­den: den Dalai Lama. An die­sem Wochen­ende saß er mit dem Ober­haupt der bud­dhis­ti­schen Tibe­ter viele Stun­den auf einem Podium im Zür­cher Kon­gress­haus. “Altru­is­mus und Mit­ge­fühl im Wirt­schafts­sys­tem” lau­tet der Titel der Kon­fe­renz. Mit dabei waren: Hirn­for­scher, Psy­cho­lo­gen, Ökono­men und sogar Finanz­in­ves­to­ren.
Für einen Wis­sen­schafts­kon­gress ist das ein unge­wohn­tes Bild: Der Dalai Lama hat die Beine zum Schnei­der­sitz gefal­tet, trägt eine rote Base­ball­kappe gegen das Schein­wer­fer­licht. Vor dem wei­ßen Ses­sel ste­hen seine Schuhe. Hin­ter ihm sind blü­hende Kirsch­zweige zu sehen. “Mein Wirt­schafts­wis­sen ist gleich null”, sagt er gleich zu Beginn und lacht sein keh­li­ges Lachen. Nie­mand der über 500 Gäste würde ihm die­ses Geständ­nis übelnehmen.

Der Dalai Lama hört sich an, was Fehr zum For­schungs­stand zu berich­ten hat: In Spiel­ex­pe­ri­men­ten sind Men­schen bereit, eine Geld­summe mit einer ande­ren Per­son zu tei­len, obwohl sie das eigent­lich nicht machen müss­ten. “Das Gerech­tig­keits­emp­fin­den ist sehr stark aus­ge­prägt, über alle Kul­tu­ren hin­weg”, sagt Fehr.

Schwie­ri­ger wird es schon, wenn man eine Vie­rer­gruppe von Men­schen anonym auf­for­dert, Geld für eine Gemein­schafts­auf­gabe zu geben — und ihnen die Mög­lich­keit lässt, nichts zu zah­len, aber trotz­dem von dem Geld zu pro­fi­tie­ren, das andere ein­zah­len. Im Steu­er­sys­tem gibt es sol­che Betrü­ger oder in der U-Bahn die Schwarz­fah­rer. “Schma­rot­zer fin­den wir immer”, berich­tet Fehr von sei­nen Stu­dien. Vor allem sei das so, wenn seine Expe­ri­mente in Län­dern gemacht wer­den, wo Miss­wirt­schaft und Kor­rup­tion herr­schen. “Der Mensch han­delt nur altru­is­tisch im Bewusst­sein, dass andere sich auch so ver­hal­ten”, sagt er und wirft eine Gra­fik an die Wand mit einer stark abfal­len­den Kurve. “Wo immer Ego­is­ten auf den Plan tre­ten, bricht Koope­ra­tion zusammen.”

Mönch im Kernspintomografen

Ver­trauen, Altru­is­mus und Mit­ge­fühl sind in den Augen des Expe­ri­men­tal­öko­no­men wich­tige Bedin­gun­gen für Wohl­stand und wirt­schaft­li­chen Erfolg. Darin liegt auch die Schnitt­stelle zum Bud­dhis­mus. Reli­giöse Prak­ti­ken wie die Medi­ta­tion, so doziert der Dalai Lama, dien­ten zum Erler­nen von Mit­ge­fühl und Selbst­lo­sig­keit: “Bud­dhis­mus, das ist eigent­lich die Wis­sen­schaft vom Geiste.”

Was Fehr beson­ders inter­es­siert: die Fähig­keit bud­dhis­ti­scher Mön­che, bestimmte Gefühls­zu­stände durch Medi­ta­tion bewusst her­bei­zu­füh­ren. Er beob­ach­tet sie im Kern­spin­to­mo­gra­fen, um zu stu­die­ren, wel­che Hirn­re­gio­nen bei altru­is­ti­schem Ver­hal­ten aktiv sind. Eines jener Stu­di­en­ob­jekte war in Zürich anwe­send: Matthieu Ricard, ein Fran­zose und gelern­ter Mole­ku­lar­bio­loge, der seit über 20 Jah­ren in einem bud­dhis­ti­schen Klos­ter in Asien lebt. “Mit nur weni­gen Mona­ten Trai­ning kann man Mit­ge­fühl in sich ent­ste­hen las­sen”, sagt Ricard und berich­tet von hirn­phy­sio­lo­gi­schen Expe­ri­men­ten, die zei­gen, dass Men­schen, die regel­mä­ßig medi­tie­ren, mehr Anteil­nahme zei­gen, wenn man ihnen etwa Bil­der von lei­den­den Men­schen vorführt.

Um sich in eine Stim­mung von Anteil­nahme zu ver­set­zen, stelle man sich zunächst eine Per­son vor, von der man bedin­gungs­lose Liebe erfah­ren habe. “Für viele ist das die eigene Mut­ter”, sagt Ricard. Schritt­weise dehne man dann die­ses Gefühl aus auf alle Men­schen. “Das ist, wie wenn man sich vor­stellt, dass die Sonne nicht nur auf einen selbst scheint, son­dern auf alle Lebewesen.”

Sol­che Ideen waren lange nichts für nüch­terne For­scher, und auch heute würde nicht jeder Wis­sen­schaft­ler seine Labore für spi­ri­tu­elle Men­schen wie Ricard öffnen. “Ich bin sel­ber kein Bud­dhist”, sagt Fehr. Ihn inter­es­siere aber, ob man Men­schen zum Altru­is­mus erzie­hen könne, und da habe er die Ver­mu­tung, dass der Bud­dhis­mus hel­fen könne.

“Gebt mir die­ses Oxytocin”

Eine Mit­strei­te­rin von Fehr ist Tania Sin­ger, die Pro­fes­so­rin an sei­nem Insti­tut ist. In ihren Expe­ri­men­ten macht sie die Ver­suchs­per­so­nen ver­trau­ens­se­li­ger durch ein Hor­mon namens Oxy­to­cin, das sie in die Nase der Stu­di­en­teil­neh­mer sprüht.

“Gebt mir die­ses Oxy­to­cin”, scherzt der Dalai Lama, wäh­rend Sin­ger ihm und den Kon­gress­teil­neh­mern von ihren Ver­su­chen berich­tet. Sie sagt: “Das wirkt aber nur 20 Minu­ten.” Wor­auf­hin der Dalai Lama erwi­dert: “Egal.” Dabei will Sin­ger in jetzt anlau­fen­den Ver­su­chen das Oxy­to­cin erset­zen, indem sie ihren Pro­ban­den das Medi­tie­ren bei­bringt. “Unsere Hypo­these ist, dass Men­schen mit Mit­ge­fühl deut­lich altru­is­ti­scher sind”, sagt Sin­ger. Sie ist unter ande­rem an der Erfor­schung bestimm­ter Ner­ven­zel­len betei­ligt, soge­nann­ter Spie­gel­neu­ro­nen, die hel­fen, den Gemüts­zu­stand des Gegen­übers zu erkennen.

Sin­ger und Fehr sind auf einem For­schungs­feld aktiv, das in der letz­ten Zeit popu­lär gewor­den ist. An der Eli­te­uni­ver­si­tät Stan­ford etwa haben Hirn­for­scher gemein­sam mit dem Dalai Lama das Cen­ter for Com­pas­sion and Altru­ism Rese­arch gegrün­det. Außer­dem sind eine ganze Reihe von Sach­bü­chern zum Thema erschie­nen, von so unter­schied­li­chen Auto­ren wie dem US-Ökonomen Jeremy Rif­kin und dem Affen­for­scher Frans de Waal.

Es hängt wohl vor allem mit der glo­ba­len Finanz­krise und dem Unmut über die Gier der Ban­ker zusam­men, dass der­zeit so viel über Altru­is­mus gere­det wird. Der Ökonom Fehr ist davon über­zeugt, dass ein gerech­tes, demo­kra­ti­sches und gut orga­ni­sier­tes Staats­we­sen nötig ist, um mehr Gemein­sinn zu stif­ten. Fehr glaubt an die Ver­an­la­gung des Men­schen zum Guten. “Die meis­ten Men­schen haben eine opti­mis­ti­sche Vor­stel­lung dar­über, dass die Mit­men­schen altru­is­tisch sind.”

Ihn stört auch nicht, dass einige Men­schen Gutes nur tun, um sich sel­ber gut zu füh­len. Da ist er Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler und Prag­ma­ti­ker. Es komme auf das Resul­tat an. Haupt­sa­che sei doch, dass die Men­schen koope­rie­ren, statt sich gegen­sei­tig aus­zu­ste­chen. “Aus wel­chen Moti­ven auch immer”, sagt Fehr.

Der Dalai Lama wusste zu dem zwei­schnei­di­gen Cha­rak­ter des Altru­is­mus eine Anek­dote zu erzäh­len. Manch­mal, so sagt der Reli­gi­ons­füh­rer, lasse er sich ganz selbst­los von einer Mücke ste­chen und Blut sau­gen. “Ein Wohl­ge­fühl stellt sich nach­her aller­dings nicht ein.”

10. Der Dalai Lama – Ver­kör­pe­rung mensch­li­chen Ideals

Stu​dents​.ch, 13.4.10
Gemur­mel und emsige Vor­freude. Der Blu­men­schmuck auf der Bühne lässt Erwar­tun­gen stei­gen. Da, ist er das? Das rote Tuch, wel­ches im Schein­wer­fer­licht erschie­nen ist, muss tat­säch­lich „the Holiness“ der 14. Dalai Lama sein. 10 000 Leute erhe­ben sich. Man atmet Ehr­furcht und respekt­volle Stille. Gebannt sieht das Sta­dion zu, wie das rote Tuch über die Bühne schlurft, auf dem thron­ar­ti­gen Ses­sel Platz nimmt, end­lich auf den Bild­schir­men gezeigt wird und somit ein­deu­tig als Dalai Lama iden­ti­fi­ziert wer­den kann. Mit humor­vol­lem Abwin­ken bricht die­ser die Span­nung, die Menge lacht und man setzt sich.

Ich wage zu behaup­ten, dass diese Beschrei­bung reicht, um das Kern­stück des Dalai-Lama-Auftritt im Hal­len­sta­dion zu zei­gen. Klar, es wur­den Wör­ter wie „peace­ful mind“, „moral prin­ci­pals“ und „self­con­fi­dence“ genannt, The­men vom kal­ten Krieg bis hin zur Wirt­schaft­kriese bespro­chen. Doch eigent­lich war es nicht wich­tig, wel­che Berei­che er genau ansprach, seine Rede hätte auch anders ver­lau­fen kön­nen. Es ging um den Dalai Lama, darum, einer Per­sön­lich­keit, wel­che es wagt ohne Maske ins Licht zu tre­ten, zu begeg­nen. Ein ver­mensch­lich­tes Ideal, Inkar­na­tion von Welt­frie­den. Und so hing das Publi­kum an sei­nen Lip­pen, liess keine Gele­gen­heit für Applaus aus und war für Scherze und Lachen emp­fäng­lich. Das Ereig­nis bot den Men­schen die zukunfts­wei­sen­den Visio­nen und die unbe­stech­li­che Auf­rich­tig­keit, die sie offen­bar such­ten. Der Dalai Lama prä­sen­tiert in sei­ner Yoda-ähnlichen Gestalt alles, was in unse­rer Gesell­schaft kaum vor­han­den ist: Sicher­heit, Gelas­sen­heit und „hap­pi­ness“. Der grosse Andrang wird diese These bestätigen.

Und so erklärt es sich von selbst, das der Vor­trag mehr mora­lisch auf­bau­end als kon­struk­tiv boden­stän­dig wirkte. Das ein­zig Tro­ckene und Ratio­nelle waren die Bemü­hun­gen des Über­set­zers, der Seite an Seite den Dalai Lama von Eng­lisch ins Deut­sche über­setzte und kei­nen grös­se­ren Gegen­satz zu des­sen Locker­heit hätte bil­den kön­nen. Bei dem Vor­trag han­delte es sich mehr um eine Infil­tra­tion des „Guten“ als um ein sach­li­ches Erläu­tern, was bei der Rolle des Dalai Lama nicht erstaunt, im Vor­feld jedoch so ver­mark­tet wurde.

Den­noch wird wohl manch einem der ein oder andere Satz des Dalai Lama nicht aus dem Kopf gehen. Und ein Spruch wie „more monks, more nons!“ wird des­sen red­ne­ri­sches Talent und die Unmiss­ver­ständ­lich­keit sei­ner Worte unter­strei­chen und gleich­zei­tig vor­füh­ren, dass die ver­mit­tel­ten Gedan­ken und Ideale die wun­den Punkte und Ängste des moder­nen Zeit­geis­tes durch­aus tref­fend beschreiben.

Kat­rin Schregenberger

Medi­en­kon­fe­renz: Dalai Lama nicht in der Schweiz um Regie­rung zu treffen

Der Dalai Lama ist nicht ent­täuscht dar­über, dass ihn der Bun­des­rat wäh­rend sei­nes der­zei­ti­gen Besu­ches nicht emp­fängt. Er sei aus ande­ren Grün­den in die Schweiz gereist. Gleich­zei­tig zeigte er aber auch Ver­ständ­nis für die Hal­tung der Regierung.

“Wieso sollte ich ent­täuscht sein?” sagte das reli­giöse Ober­haupt der Tibe­te­rin­nen und Tibe­ter vor den Medien in Zürich. Er sei nicht ja nicht hier­her gekom­men, um die Regie­rung zu tref­fen. Der Haupt­zweck sei­nes Besu­ches sei viel­mehr die drei­tä­gige Kon­fe­renz im Zür­cher Kon­gress­haus zum Thema “Altru­is­mus und Mit­ge­fühl in Wirtschaftssystemen”.

Ein ande­rer Grund für sei­nen Besuch seien die Fei­ern anläss­lich der ers­ten Auf­nahme tibe­ti­scher Flücht­linge in der Schweiz vor fünf­zig Jah­ren. “Es ist unsere Pflicht, dafür der Schwei­zer Regie­rung und der Bevöl­ke­rung zu dan­ken”, sagte der Dalai Lama.

Ent­täuscht wäre er gewe­sen, wenn er spe­zi­fi­sche Fra­gen mit dem Bun­des­rat hätte bespre­chen wol­len und die­ser ihm ein Tref­fen ver­wei­gert hätte. Dies sei aber ganz offen­sicht­lich nicht der Fall. Viel­mehr pflege man mit der Schwei­zer Regie­rung “sehr enge Kontakte”.

Dass es nicht zum Tref­fen mit dem Bun­des­rat gekom­men sei, dar­über dürfte sicher­lich die chi­ne­si­sche Regie­rung erfreut sein, sagte der Dalai Lama mit einem Schmun­zeln. Aus­wir­kun­gen auf die Schwei­zer Sym­pa­thien gegen­über Tibet habe die­ser Ent­scheid jedoch sicher nicht.

Ander­seits zeigte der Dalai Lama Ver­ständ­nis für die Rolle der Lan­des­re­gie­rung. Diese habe die Auf­gabe, für das Wohl des Lan­des zu sor­gen. “Es ist des­halb ver­ständ­lich, in die­ser wirt­schaft­lich schwie­ri­gen Zeit gute Bezie­hun­gen zu China zu pfle­gen”, hielt er fest.
(sda)

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