Uhren, die uigurisch ticken: Ein Jahr nach den blutigen Unruhen herrscht in Chinas Westprovinz Ruhe, kein Frieden

Die Zeit, 2.7.10 -
Schön und fried­lich ist das Bild nur auf den ers­ten Blick: Die rie­sige Mao-Statue und drum herum die zu uigu­ri­schen Wei­sen tan­zen­den Mäd­chen in ihren neon­glit­zern­den Trach­ten. Friede, Freund­schaft, Völ­ker­ver­stän­di­gung soll diese Insze­nie­rung signa­li­sie­ren. Ein Jahr nach den blu­ti­gen Zusam­men­stö­ßen zwi­schen den ein­hei­mi­schen Uigu­ren und zuge­wan­der­ten Han-Chinesen in der Auto­no­men Region Xin­jiang legt die Zen­tral­re­gie­rung Wert auf Har­mo­nie. Nach uigu­ri­schen Anga­ben kamen allein hier in Kash­gar etwa hun­dert Men­schen ums Leben.

Die Span­nun­gen sind immer noch spür­bar, gerade jetzt, zum Jah­res­tag des Kon­flikts. Auf dem Platz des Vol­kes rund um die Mao-Statue kommt keine Fei­er­stim­mung auf. Als das Spek­ta­kel – es gehört zum Rah­men­pro­gramm einer Indus­trie­messe – vor­bei ist, ver­lau­fen sich die Zuschauer schnell. Die Uigu­ren gehen schla­fen, der Staat, der von den Han als größte Volks­gruppe domi­niert wird, bleibt wach­sam. Ab Mit­ter­nacht läuft eine acht­köp­fige mit Maschi­nen­pis­to­len bewaff­nete Truppe über den gespens­tisch lee­ren Platz.

Kash­gar liegt im äußers­ten Wes­ten Chi­nas, fast direkt neben Kir­gi­sis­tan mit sei­nen blu­ti­gen eth­ni­schen Konflikten.Die Uigu­ren, die hier die Mehr­heit stel­len, zäh­len wie die kir­gi­si­schen Kon­flikt­par­teien zu den Turk­völ­kern. Die Stadt­re­gie­rung aber wird von Han-Chinesen kon­trol­liert; sie geht in die­sen Tagen auf Num­mer sicher. Eine Hun­dert­schaft von Sol­da­ten mit Schil­den und Schlag­stö­cken lagert nicht wie sonst in einer Sei­ten­straße, son­dern demons­tra­tiv mit­ten auf dem Platz. Die mus­li­mi­schen Uigu­rin­nen in ihren bun­ten Röcken und ihre dun­kel­häu­ti­gen Män­ner mit dem tür­ki­schen Aus­se­hen lau­fen mit stoi­schem Gleich­mut um die Truppe herum. Ihr Glaube ist nicht ille­gal, öffent­li­che Gebete aber sind es. Ihre Pässe sol­len sie zu Chi­ne­sen machen, doch sogar ihre Zeit­rech­nung betont die Eigen­stän­dig­keit. Trot­zig leben sie im um zwei Stun­den ver­zö­ger­ten Rhyth­mus der zen­tral­asia­ti­schen Zeit­zone, obwohl die chi­ne­si­sche Füh­rung auf Peking­zeit besteht.

In Urumqi, der Pro­vinz­haupt­stadt, schlei­chen regel­mä­ßig ver­git­terte Mann­schafts­wa­gen mit Sol­da­ten in Tarn­uni­form und Stahl­helm durch den Ver­kehr der 2,7-Millionen-Stadt. Und immer wie­der Geschwa­der von Poli­zei­mo­tor­rä­dern, deren schwarz geklei­dete Fah­rer ihre Maschi­nen­pis­to­len auf den Rücken geschnallt haben. Mit ihren schnel­len Fahr­zeu­gen kön­nen sie Ver­däch­tige auch in den engen Gas­sen der Alt­stadt ver­fol­gen, in der fast nichts mehr an China erinnert.

Es gibt Öl und Gas. Für Peking ist die Pro­vinz noch wich­ti­ger als Tibet

Der Han-Staat ist ner­vös. Vor einer Woche erst ver­haf­tete die Staats­si­cher­heit eine angeb­li­che Ter­ror­zelle in West­xin­jiang, die »viele« ter­ro­ris­ti­sche Atta­cken aus­ge­führt haben soll, dar­un­ter einen Anschlag in Kash­gar zum Beginn der Olym­pi­schen Spiele im Som­mer 2008. Die Ver­haf­te­ten sol­len Mit­glie­der der Isla­mi­schen Bewe­gung von Ost­tur­kes­tan sein, einer Gruppe, die 2002 von den Ver­ein­ten Natio­nen auf die Liste der ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gun­gen gesetzt wurde, unter ande­rem, weil sie Ver­bin­dun­gen zu al-Qaida unter­hält. »Nie­mand kann nach­prü­fen, ob die Ver­haf­te­ten wirk­lich die Täter sind oder nur kurz vor dem Jah­res­tag prä­sen­tiert wer­den, um die wah­ren Täter zu erschre­cken«, sagt ein jun­ger Uigure, der als Anwalt arbei­tet und der­zeit sei­nen Namen lie­ber nicht nennt.

In den Tagen nach dem Auf­stand trie­ben Poli­zis­ten nach Augen­zeu­gen­be­rich­ten die Bewoh­ner gan­zer Gas­sen aus ihren Häu­sern. Sie trenn­ten junge Män­ner von ihren Fami­lien und depor­tier­ten sie in Last­wa­gen. »Ihre Fami­lien und wir Nach­barn konn­ten nichts tun«, sagt eine Augen­zeu­gin, »wir hat­ten alle Angst, auch weg­ge­bracht zu wer­den.« Bis in den August hin­ein hiel­ten die Raz­zien an, oft kam die Poli­zei in den frü­hen Mor­gen­stun­den. Ein Vater erzählt: »Sie bra­chen die Tür auf. Sie sag­ten, dass mein Sohn Nurid­din mit Freun­den an den Pro­tes­ten betei­ligt gewe­sen sei und die Freunde sei­nen Namen genannt hät­ten. Sie dreh­ten sei­nen Arm auf den Rücken und brach­ten ihn weg.« Seit­dem hat man von dem 20-jährigen Nurid­din nichts mehr gehört.

Warum Peking diese ferne Pro­vinz mit solch har­ter Hand regiert, ist offen­sicht­lich: Xin­jiang ist die stra­te­gisch wich­tigste Pro­vinz Chi­nas, weit wich­ti­ger noch als Tibet. Sie hat Gren­zen mit Russ­land, der Mon­go­lei, Kasachs­tan, Kir­gi­sis­tan, Tad­schi­kis­tan, Pakis­tan, Afgha­nis­tan und Indien. Und in Xin­jiang lie­gen die größ­ten Öl– und Gas­vor­kom­men des Lan­des. »Weil das so ist, gibt es keine rea­lis­ti­sche Chance zur Ent­span­nung, solange die Uigu­ren nicht das tun, was die Chi­ne­sen wol­len«, sagt der Anwalt.

Dass sie das nicht wol­len, ist offen­sicht­lich. Des­halb haben beide Sei­ten, Uigu­ren wie Chi­ne­sen, Angst. Weni­ger vor einem neuen Auf­stand, das ist recht unwahr­schein­lich. Son­dern vor neuen ter­ro­ris­ti­schen Anschlä­gen von Extre­mis­ten, die die Lage aller nur ver­schlim­mern wür­den. Im All­tag fin­den sich immer wie­der zumin­dest Hin­weise auf ein halb­wegs ein­ver­nehm­li­ches Neben­ein­an­der. Ein Han-Chinese zeigt mir seine Handy-Telefonliste. Tur­k­na­men und chi­ne­si­sche Namen wech­seln sich ab. Ein Uigure erzählt, wie er schon als Kind bei den Eltern eines Han-Freundes zu Gast war, die extra einen neuen Topf gekauft hat­ten, damit er nicht Essen aus einem Gefäß essen musste, in dem schon Schwei­ne­fleisch gekocht wor­den war.

Ärger gibt es vor allem dann, wenn Staats­ver­tre­ter die Uigu­ren als Men­schen zwei­ter Klasse behan­deln. »Es ist so«, erklärt ein jun­ger, uigu­ri­scher Geschäfts­mann in Urumqi, »als ob die Eltern zwei Söhne haben und ein Sohn immer die Prü­gel kriegt, weni­ger Taschen­geld bekommt und immer die alten Sachen des Bru­ders tra­gen muss.« Für Uigu­ren ist es zum Bei­spiel viel schwie­ri­ger, einen Pass zu bekom­men, als für Han-Chinesen. Es kann bis zu 40000 Yuan kos­ten und sehr lange dau­ern. Und nur wer per­fekt chi­ne­sisch lesen und schrei­ben kann und sei­nen reli­giö­sen Bräu­chen abschwört, macht in Xin­jiang Kar­riere. Die zen­tra­len Macht­po­si­tio­nen wer­den ohne­hin von Han-Chinesen besetzt. Die Arbeits­lo­sig­keit unter den Uigu­ren ist höher, ihre Lebens­er­war­tung um ganze zehn Jahre nied­ri­ger. Und Peking ver­sucht durch seine Zuwan­de­rungs­po­li­tik sys­te­ma­tisch, ihren Anteil an der Bevöl­ke­rung zu ver­rin­gern. Noch vor 50 Jah­ren stell­ten Han-Chinesen sechs Pro­zent der Bevöl­ke­rung; inzwi­schen sind es 40 Prozent.

Ist West­china nicht in Wahr­heit Ostturkestan?

Nach den Unru­hen hat die Füh­rung in Peking aller­dings einen Schre­cken bekom­men und pumpt nun Geld in die ent­le­gene Region. In Kash­gar wer­den die zum Teil mehr als 400 Jahre alten Moscheen und Grab­mä­ler der Mus­lime auf­wen­dig saniert. Die Pekin­ger Zen­tral­re­gie­rung hat gar im April den Pro­vinz­se­kre­tär aus­ge­wech­selt, nach­dem sie die erste Arbeits­kon­fe­renz seit Grün­dung der Volks­re­pu­blik über Xin­jiang abge­hal­ten hatte. Dabei wurde auch beschlos­sen, dass Kash­gar eine »Wirt­schafts­ent­wick­lungs­zone« wer­den soll, die den Han­del mit den Nach­bar­län­dern för­dern soll. Die Regie­rung hofft, dass neue wirt­schaft­li­che Impulse dazu bei­tra­gen, »die soziale Lage sta­bi­ler wer­den zu las­sen«, schreibt die eng­lisch­spra­chige Tages­zei­tung China Daily. Denn die meis­ten Auf­stän­di­schen seien arbeits­lose Jugend­li­che gewesen.

Die Oppo­si­tion ver­folgt diese Poli­tik mit Unbe­ha­gen. »Die Inves­ti­tio­nen streuen den Men­schen nur Sand in die Augen«, sagt ein uigu­ri­scher Akti­vist. »Die ein­zige Mög­lich­keit, der Unter­drü­ckung zu ent­kom­men, ist die Unab­hän­gig­keit. Wenn wir ein Teil Chi­nas blei­ben, wird sich nie etwas ändern. Des­halb kämp­fen wir wei­ter.« Er sitzt in einem Ken­tu­cky Fried Chi­cken mit gro­ßen Fens­tern. Ein Mann Ende 30, geklei­det in Jeans und T-Shirt, der sein Haar wie die meis­ten Uigu­ren kurz geschnit­ten trägt. Er spricht gut Eng­lisch und trägt nicht weni­ger als drei Han­dys bei sich. Was aus Pekin­ger Sicht eine west­li­che Pro­vinz ist, das nennt er »Ost­tur­kes­tan«. Aus­führ­lich erzählt er die Geschichte die­ses Lan­des und erläu­tert, warum die Unab­hän­gig­keit auch his­to­risch gerecht­fer­tigt sei. Wird er sich Ver­bün­dete in Nach­bar­län­dern suchen? »Wir koope­rie­ren mit allen, die uns hel­fen, Ost­tur­kes­tan zu befreien.«

Das klingt nach Lan­des­ver­rat; die meis­ten Uigu­ren aller­dings wol­len keine Unab­hän­gig­keit, sie wol­len Sta­bi­li­tät und Gerech­tig­keit. Beide Sei­ten, Uigu­ren und Chi­ne­sen, haben die Anschläge und Auf­stände satt. »Es hat nie­man­dem gehol­fen«, sagt der Han-chinesische Geschäfts­mann bei einem Abend­es­sen in einer gemisch­ten Runde im Hin­ter­zim­mer eines Restau­rants mit wun­der­schö­nen tür­ki­schen Wand­flie­sen. »Ter­ro­ris­ten müs­sen bekämpft und hart bestraft wer­den«, sagt einer der Uigu­ren. Und ein ande­rer Han-Chinese, der in der Ver­wal­tung arbei­tet, ergänzt: »Es kann aber nicht sein, dass die Poli­zei ein­fach Leute ver­schwin­den lässt. Das fin­det hier nie­mand gut. Es kann einen auch selbst treffen.«

So frei ist dies Land aller­dings nicht, dass der­lei Mei­nun­gen offen geäu­ßert wür­den. Dies sind The­men für Gesprä­che bei geschlos­se­ner Tür oder in den Neben­zim­mern von Restau­ran­tes, und sie ver­stum­men, wenn die Bedie­nung kommt. Lange hat die Zen­tral­re­gie­rung hier das Inter­net gesperrt und damit beide Volks­grup­pen gegen sich auf­ge­bracht. Manch einer musste einen Freund in Shang­hai anru­fen, um sich seine E-Mails vor­le­sen zu las­sen. Wie tief die Wut noch sitzt, zeigt sich abends in einem Klub, als ein jun­ger uigu­ri­scher Poli­zist plötz­lich seine Nöte preis­gibt. »Ich mag unsere Regie­rung nicht. Man kann nicht die Wahr­heit sagen.« Warum ist er dann Poli­zist gewor­den? »Es ist schwie­rig hier, einen guten Job zu finden.«

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