Nach Tibet-Unruhen Säuberungen in chinesischer KP: Drei hohe Parteikader abgesetzt

Der Stan­dard (A), 9.2.12:
Peking — Die jüngs­ten Unru­hen in Tibet und in tibe­ti­schen Gebie­ten der Nach­bar­pro­vinz Sichuan haben nun zu Säu­be­run­gen im regio­na­len Par­tei­ap­pa­rat der chi­ne­si­schen KP geführt. Der Par­tei­chef von Tibet, Chen Quan­guo, ein Han-Chinese, hat am Don­ners­tag die Abset­zung von drei hohen Funk­tio­nä­ren ver­an­lasst, denen Ver­sa­gen wäh­rend der Ereig­nisse ange­krei­det wurde. Chen rief zur kon­se­quen­ten Fort­set­zung des Kamp­fes gegen die sepa­ra­tis­ti­sche “Dalai-Lama-Clique” auf, wie die regio­nale KP-Zeitung “Xizang Ribao” berich­tete. Die­ser Kampf sei “lang und schwie­rig” und müsse mit gro­ßem Ein­satz geführt werden.

Über­wa­chung der Klös­ter verschärft

Die chi­ne­si­schen Behör­den haben die Über­wa­chung der bud­dhis­ti­schen Klös­ter in Tibet wei­ter ver­schärft. Die US-Regierung hatte sich “sehr beun­ru­higt” über jüngste Aus­schrei­tun­gen in tibe­ti­schen Sied­lungs­ge­bie­ten Süd­west­chi­nas gezeigt und Peking vor­ge­wor­fen, mit einer “kon­tra­pro­duk­ti­ven Poli­tik Span­nun­gen zu schaf­fen und die reli­giöse, kul­tu­relle und sprach­li­che Iden­ti­tät des tibe­ti­schen Vol­kes zu gefähr­den”. Peking beschul­digt west­li­che Regie­run­gen, eine anti­chi­ne­si­sche Kam­pa­gne zu insze­nie­ren und Zwi­schen­fälle von gerin­ger Bedeu­tung zu Unru­hen auf­zu­bau­schen. Der Minis­ter­prä­si­dent der tibe­ti­schen Exil­re­gie­rung in Nord­in­dien, Lob­sang San­gay, hat eine inter­na­tio­nale Unter­su­chung der Vor­fälle gefordert.

20 Selbst­ver­bren­nun­gen

In den ver­gan­ge­nen Mona­ten haben sich an die 20 Tibe­ter aus Pro­test gegen die chi­ne­si­sche Herr­schaft selbst in Brand gesetzt. 1965 hat­ten die chi­ne­si­schen Kom­mu­nis­ten große Teile Tibets an die Nach­bar­pro­vin­zen Qing­hai und Sichuan ange­glie­dert. In Sichuan waren die Behör­den zuletzt wie­der mas­siv gegen Tibe­ter vor­ge­gan­gen. Rund 300 bud­dhis­ti­sche Mön­che wur­den im Vor­jahr aus dem Klos­ter Kirti verschleppt.

Der schwer zugäng­li­che bud­dhis­ti­sche Klos­ter­staat Tibet war von 1720 bis 1912 chi­ne­si­sches Pro­tek­to­rat und nach dem Ende des chi­ne­si­schen Kai­ser­tums fak­tisch selbst­stän­dig unter der Herr­schaft des Dalai Lama. 1950/51 mar­schier­ten chi­ne­si­sche kom­mu­nis­ti­sche Trup­pen in Tibet ein. 1959 schlu­gen sie einen Volks­auf­stand blu­tig nie­der, der 14. Dalai Lama, Ten­zin Gyatso, floh mit über 100.000 Lands­leu­ten über die Grenze nach Indien.

 

Wie­ner Zei­tung, 9.2.12: Säu­be­rungs­welle nach Tibet-Unruhen

Chi­ne­si­scher regio­na­ler KP-Chef ent­lässt drei Parteifunktionäre.

Peking. (is) Auch ver­schärfte Repres­si­ons– und Sicher­heits­maß­nah­men konn­ten die jüngste Pro­test­welle der Tibe­ter gegen die chi­ne­si­sche Unter­drü­ckung nicht ein­däm­men. Nun ver­sucht Chi­nas KP, mit einer zusätz­li­chen Säu­be­rungs­welle inner­halb des regio­na­len Par­tei­ap­pa­rats die Lage unter Kon­trolle zu brin­gen. Tibets Par­tei­chef Chen Quan­guo, ein Han-Chinese, ver­an­lasste am Don­ners­tag die Abset­zung von drei hohen Funk­tio­nä­ren, denen vor­ge­wor­fen wird, bei der Ver­hin­de­rung von Unru­hen ver­sagt zu haben. Unklar war zunächst, ob es sich bei den Ent­las­se­nen um Chi­ne­sen oder um von der Regio­nal­ver­wal­tung rekru­tierte Tibe­ter handelt.

Erst am Mitt­woch haben in der Pro­vinz Qing­hai erneut hun­derte Tibe­ter gegen die Unter­drü­ckung durch Peking demons­triert und dabei “Frei­heit für Tibet” und “Es lebe der Dalai Lama” skan­diert. Auch die Selbst­ver­bren­nun­gen von Tibe­tern gehen unver­min­dert wei­ter. In der von China annek­tier­ten Prä­fek­tur Ngaba in der Pro­vinz Sichuan zün­dete sich ein Mann selbst an, um auf das Schick­sal sei­nes Vol­kes auf­merk­sam zu machen, berich­tete die in Lon­don ansäs­sige Orga­ni­sa­tion Free Tibet. Es war die 20. Selbst­ver­bren­nung seit März vori­gen Jahres.

Dass Peking den tibe­ti­schen Auto­no­mie­be­stre­bun­gen auch in Zukunft mit aller Härte begeg­nen will, daran ließ KP-Chef Chen kei­nen Zwei­fel. Er rief zur kon­se­quen­ten Fort­set­zung des Kamp­fes gegen die sepa­ra­tis­ti­sche “Dalai-Lama-Clique” auf, wie die regio­nale KP-Zeitung “Xizang Ribao” berich­tete. Die­ser Kampf sei “lang und schwie­rig” und müsse mit gro­ßem Ein­satz geführt wer­den, sagte er in Lhasa. Gerich­tet ist er vor allem gegen die tibe­ti­schen Klös­ter, wo der gewalt­lose Wider­stand gegen die Besat­zer sei­nen Aus­gang nahm. Hun­derte Mön­che wur­den in den ver­gan­ge­nen Mona­ten von chi­ne­si­schen Sicher­heits­kräf­ten ver­schleppt und gefol­tert. In Wien demons­trier­ten am Mitt­woch rund 60 Akti­vis­ten gegen die sys­te­ma­ti­schen Menschenrechtsverletzungen.

FacebookEmailPrintPrintFriendlyShare

Keine Kommentare möglich.