Nach Tibet-Unruhen Säuberungen in chinesischer KP: Drei hohe Parteikader abgesetzt
Von TB | 11. Februar 2012 | Kategorie: China | Kommentare deaktiviertDer Standard (A), 9.2.12:
Peking — Die jüngsten Unruhen in Tibet und in tibetischen Gebieten der Nachbarprovinz Sichuan haben nun zu Säuberungen im regionalen Parteiapparat der chinesischen KP geführt. Der Parteichef von Tibet, Chen Quanguo, ein Han-Chinese, hat am Donnerstag die Absetzung von drei hohen Funktionären veranlasst, denen Versagen während der Ereignisse angekreidet wurde. Chen rief zur konsequenten Fortsetzung des Kampfes gegen die separatistische “Dalai-Lama-Clique” auf, wie die regionale KP-Zeitung “Xizang Ribao” berichtete. Dieser Kampf sei “lang und schwierig” und müsse mit großem Einsatz geführt werden.
Überwachung der Klöster verschärft
Die chinesischen Behörden haben die Überwachung der buddhistischen Klöster in Tibet weiter verschärft. Die US-Regierung hatte sich “sehr beunruhigt” über jüngste Ausschreitungen in tibetischen Siedlungsgebieten Südwestchinas gezeigt und Peking vorgeworfen, mit einer “kontraproduktiven Politik Spannungen zu schaffen und die religiöse, kulturelle und sprachliche Identität des tibetischen Volkes zu gefährden”. Peking beschuldigt westliche Regierungen, eine antichinesische Kampagne zu inszenieren und Zwischenfälle von geringer Bedeutung zu Unruhen aufzubauschen. Der Ministerpräsident der tibetischen Exilregierung in Nordindien, Lobsang Sangay, hat eine internationale Untersuchung der Vorfälle gefordert.
20 Selbstverbrennungen
In den vergangenen Monaten haben sich an die 20 Tibeter aus Protest gegen die chinesische Herrschaft selbst in Brand gesetzt. 1965 hatten die chinesischen Kommunisten große Teile Tibets an die Nachbarprovinzen Qinghai und Sichuan angegliedert. In Sichuan waren die Behörden zuletzt wieder massiv gegen Tibeter vorgegangen. Rund 300 buddhistische Mönche wurden im Vorjahr aus dem Kloster Kirti verschleppt.
Der schwer zugängliche buddhistische Klosterstaat Tibet war von 1720 bis 1912 chinesisches Protektorat und nach dem Ende des chinesischen Kaisertums faktisch selbstständig unter der Herrschaft des Dalai Lama. 1950/51 marschierten chinesische kommunistische Truppen in Tibet ein. 1959 schlugen sie einen Volksaufstand blutig nieder, der 14. Dalai Lama, Tenzin Gyatso, floh mit über 100.000 Landsleuten über die Grenze nach Indien.
Wiener Zeitung, 9.2.12: Säuberungswelle nach Tibet-Unruhen
Chinesischer regionaler KP-Chef entlässt drei Parteifunktionäre.
Peking. (is) Auch verschärfte Repressions– und Sicherheitsmaßnahmen konnten die jüngste Protestwelle der Tibeter gegen die chinesische Unterdrückung nicht eindämmen. Nun versucht Chinas KP, mit einer zusätzlichen Säuberungswelle innerhalb des regionalen Parteiapparats die Lage unter Kontrolle zu bringen. Tibets Parteichef Chen Quanguo, ein Han-Chinese, veranlasste am Donnerstag die Absetzung von drei hohen Funktionären, denen vorgeworfen wird, bei der Verhinderung von Unruhen versagt zu haben. Unklar war zunächst, ob es sich bei den Entlassenen um Chinesen oder um von der Regionalverwaltung rekrutierte Tibeter handelt.
Erst am Mittwoch haben in der Provinz Qinghai erneut hunderte Tibeter gegen die Unterdrückung durch Peking demonstriert und dabei “Freiheit für Tibet” und “Es lebe der Dalai Lama” skandiert. Auch die Selbstverbrennungen von Tibetern gehen unvermindert weiter. In der von China annektierten Präfektur Ngaba in der Provinz Sichuan zündete sich ein Mann selbst an, um auf das Schicksal seines Volkes aufmerksam zu machen, berichtete die in London ansässige Organisation Free Tibet. Es war die 20. Selbstverbrennung seit März vorigen Jahres.
Dass Peking den tibetischen Autonomiebestrebungen auch in Zukunft mit aller Härte begegnen will, daran ließ KP-Chef Chen keinen Zweifel. Er rief zur konsequenten Fortsetzung des Kampfes gegen die separatistische “Dalai-Lama-Clique” auf, wie die regionale KP-Zeitung “Xizang Ribao” berichtete. Dieser Kampf sei “lang und schwierig” und müsse mit großem Einsatz geführt werden, sagte er in Lhasa. Gerichtet ist er vor allem gegen die tibetischen Klöster, wo der gewaltlose Widerstand gegen die Besatzer seinen Ausgang nahm. Hunderte Mönche wurden in den vergangenen Monaten von chinesischen Sicherheitskräften verschleppt und gefoltert. In Wien demonstrierten am Mittwoch rund 60 Aktivisten gegen die systematischen Menschenrechtsverletzungen.



