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21.12.2008 - "Boykott: Es geht auch ohne China! Ein Selbstversuch"

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.6.08, Winand von Petersdorff

China lauert im Fernseher, im Kleiderschrank und selbst auf dem Frühstückstisch: im grünen Tee aus Doppelkammerbeuteln mit der kombinierten Geschmacksnote Grapefruit & Zitrone.

Die Düsseldorfer Firma Teekanne mischt die Ernten verschiedener Herkunftsländer wild durcheinander mit dem ehrenwerten Ziel, immer die gleiche Geschmacksnote und Geschmacksqualität herauszubekommen. Die Gefahr, dass jeder Doppelkammerbeutel Teeblätter aus China enthält, ist gewaltig. Eine Million Tonnen Tee erntet das Land jedes Jahr und ist damit der größte Erzeuger.

Das ist normalerweise schnuppe, heute aber ein Hindernis. Denn nach der Niederschlagung der Proteste in Tibet postulierten Kritiker den Boykott Chinas. Diese Forderung inspirierte zu einem Experiment: Ein Alltag ohne China - funktioniert das überhaupt noch? ...

... Statt Tee gibt es also Kaffee zum Brötchen, das allerdings nicht mit Erdnussbutter bestrichen werden kann. Denn Erdnüsse können gut aus China kommen. Die erste Ermutigung im Projekt „Ich pfeife auf China“ liefert der Wasserkocher der holländischen Weltfirma Philips: Er kommt aus Polen.

Elektrisch, billig, Plastik

Fest einzukalkulieren ist dagegen der Verzicht aufs Handy. Die amerikanische Firma Motorola lässt mein Gerät W220 in China bauen, die Lithium-Ionen-Batterie kommt zwar aus Korea, aber sie wurde laut Schriftzug auf dem Batteriepack „finished in China“. Tschüs, Handy. Du hast Streikpause. Hätte ich ein Nokia, dann wäre es aus Bochum oder Rumänien. Vielleicht. China hat voriges Jahr 548 Millionen Mobiltelefone gebaut, das war jedes zweite Handy der Welt. Und meins auch.

Was die Recherche allerdings erleichtert: Das Bürotelefon Siemens optiset advantage plus hat das Traditionsunternehmen in Deutschland bauen lassen, das angeflanschte Modul mit den Tasten, die man selbst belegen kann, stammt aus den Vereinigten Staaten.

Die Erkenntnis, dass alles, was elektrisch, billig und mit Plastik umhüllt ist, aus China kommt, hatte sich ja schon ins allgemeine Bewusstsein geschlichen. Aber das gilt längst auch für Elektronik, die teuer ist, wie die „iPhones“, die Steve Jobs von Hon Hai in Shenzhen zusammenschrauben lässt. Dort entstehen auch zahlreiche Playstation-2-Konsolen, weshalb die Söhne meinen China-Boykott boykottieren.

Marktmacht auf dem Gürtel-Segment

Lange muss ich meinen neuen Gürtel anschauen, der den verdächtig niedrigen Preis von 4,95 Euro hat und von einem Plexiglastisch der Woolworth-Filiale in Frankfurt-Bockenheim stammt. Auf der Innenseite steht „Genuine Leather Backing“, das heißt „mit richtigem Leder beschichtet“, was mir erst jetzt in diesem Moment der Niederschrift klarwird.

Die Herkunftsrecherche ist unmöglich: Woolworth weiß nichts, für den auf der Gürtelinnenseite aufgedruckten Firmennamen „Monona“ spuckt Google kein sinnvolles Ergebnis aus. Trotzdem spricht alles dafür, dass der Riemen aus China kommt. Das Land ist, was viele nicht wussten, eine echte Gürtelerzeuger-Hochburg: 16.000 Anbieter listet die inzwischen fast legendäre Website Alibaba auf, die Käufer und Produzenten aus aller Welt zusammenbringt (siehe Porträt Jack Ma, Seite B10). Die zweitmeisten Einträge hat Pakistan mit gerade 1700 Gürtelerzeugern.

Laufen auf asiatischen Sohlen

Gefahr droht auch südlich des Gürtels: Schuhe. Deutschland hat 2007 knapp 500 Millionen Paar Schuhe aus dem Ausland eingeführt - vom Badelatschen bis zum Reitstiefel. 250 Millionen oder 50 Prozent davon kommen aus China, Vietnam steuert 14 Prozent bei, Italien 7 Prozent.

In meiner Freizeit trage ich Schuhe des Herstellers Camper, die für die Füße das sind, was Bionade für den Magen ist: ein Produkt, das irgendwie gut ist. In den älteren Ausgaben der Zeitschriften „Brand eins“ und „Greenpeace Magazin“ schreiben die Autoren herzerwärmend, dass Camper in Manufakturen rund ums Mittelmeer schustern lasse, um die Qualität und die Einhaltung ethischer Standards gut überwachen zu können.

Es sind ein paar Jahre ins Land gegangen, und die Lohas (Anhänger des Lifestyle of Health and Sustainability) müssen einen kleinen Dämpfer verwinden: China hat sich zu einem der wichtigsten Produktionsstandorte für den Kultschuhmacher aus Mallorca gemausert. Die Nike-Joggingschuhe müssen ebenfalls im Schrank bleiben. Ein Drittel aller Nikes plus meine kommen aus dem großen Land. 180 Fabriken und 21.0000 Beschäftigte hat der Sportartikelhersteller dort.

Wenigstens die Levi's-Jeans bleibt an

Ein anständiger China-Boykotteur muss größtes Misstrauen entfalten, wenn es um Textilien geht. Rund ein Viertel der Importware steuert inzwischen China bei. Selbst die weltgrößte Textilgruppe Inditex mit Zara, die lange nur in Europa nähen ließ, ist mittlerweile in China.

Bei der Unterwäsche ist die Herkunftsrecherche nicht ganz leicht, weil die Textilschilder nach häufigen Waschgängen verbleichen. Getröstet hat mich heute, dass meine Lieblingsjeans Levi's, die ein deutscher Auswanderer in Kalifornien für Goldschürfer erfunden hatte, in Ungarn genäht wurde.

Dafür wird das Licht im Flur gelöscht. Die Ikea-Wandleuchte hat einen sehr langen Weg durch Asien hinter sich. Mein Kühlschrank zumindest muss nicht abgetaut werden, er kommt aus der Türkei. Aber die Mikrowelle werde ich ein wenig bestreiken.

Schlitzaugen für Baby Born

Eine gute Nachricht findet sich: Auslegware und Teppichböden werden wohl auch in zehn Jahren noch in Europa produziert werden, verrät die Beratungsfirma Boston Consulting. Die Ware verformt sich auf langen Transportwegen durch ihr Eigengewicht. Sie ist für Containertransporte nicht geeignet.

Jedem hartgesottenen China-Boykotteur gibt es aber einen Stich, wenn er ein Kinderzimmer betritt. Baby Born müsste längst Schlitzaugen haben, elektronisches Spielzeug ist ohnehin nicht koscher. Und ein stiller Star des Spielzimmers verliert seinen Nimbus: Schleich aus Schwäbisch Gmünd. Niemand hat so schöne Tierfiguren. Der Bär kommt aus Deutschland, der Strauß auch. Der Elefant kommt aus Portugal, doch die Giraffe entsteht in China, lerne ich im Internetblog Manyger.

Am Ende muss über den Computer geredet werden. Der Bildschirm in meinem Büro ist in Japan geboren. Doch die Hewlett-Packard-Tastatur: made in China. Dies ist die Geschichte eines gescheiterten Boykotts.

Antworten: 1 Kommentar

Ein Bokyott ist immer nur dann sinnvoll, wenn er von einer breiten Masse mitgetragen wird. Die ganze
Entwicklung konnte aber nur diese
Richtung nehmen, da die Mehrzahl der
KonsumentInnen haupsächlich auf den
Preis fixiert sind. Weniger auf die Qualität, und noch weniger auf die Einhaltung von ethischen und ökologi-schen Mindeststandards.
Sinnvoller wäre es also sicher in den meisten Fällen, von vorne herein sich
für die Einhaltung dieser Standards
weltweit einzusetzen, und auch die
KonsumentInnen über die Vor-bzw.
Nachteile der Einhaltung bzw. des
Fehlens solcher Standards zu informieren.

Aufgegeben von Christian Knotzinger @ 26.06.2008 07:50 AM MEZ


 

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