Botschaft Seiner Heiligkeit des Dalai Lama

Bot­schaft Sei­ner Hei­lig­keit des Dalai Lama zum 39. Jahrestag des tibe­ti­schen Volksaufstandes

Am Vor­abend eines neuen Jahr­tau­sends fin­den über­all auf der Welt grosse Ver­än­de­run­gen statt. Wäh­rend einer­seits neue Kon­flikte aus­bre­chen, ist es ermu­ti­gend, dass wir ande­rer­seits Zeu­gen der Geburt eines Geis­tes des Dia­logs und der Ver­stän­di­gung in vie­len Pro­blem­ge­bie­ten der Welt wer­den. In man­cher Hin­sicht könnte man das 20. Jahr­hun­dert ein Jahr­hun­dert der Kriege und des Blut­ver­gies­sens nen­nen. Ich glaube, dass die mensch­li­che Gemein­schaft aus den Erfah­run­gen die­ses Jahr­hun­derts ihre Leh­ren gezo­gen hat und dadurch rei­fer gewor­den ist. So besteht die Hoff­nung, dass wir das kom­mende Jahr­hun­dert mit Ent­schlos­sen­heit und Hin­gabe zu einem Jahr­hun­dert des Dia­logs und der gewalt­freien Kon­flikt­lö­sung machen können.

Die umfas­sen­den welt­wei­ten Ver­än­de­run­gen haben auch China erfasst. Die von Deng Xia­o­ping initi­ier­ten Refor­men haben nicht nur die chi­ne­si­sche Wirt­schaft, son­dern auch das poli­ti­sche Sys­tem ver­än­dert, das seit­dem weni­ger ideo­lo­gisch ist, weni­ger auf die Mobi­li­sie­rung der Mas­sen baut, mit weni­ger Zwang arbei­tet und den Durch­schnitts­bür­ger weni­ger erdrückt. Auch ist die Regie­rung nicht mehr ganz so zen­tra­lis­tisch. Zudem scheint die chi­ne­si­sche Füh­rung der Ära nach Deng Xia­o­ping in ihrer inter­na­tio­na­len Poli­tik fle­xi­bler zu sein. Dar­auf weist Chi­nas häu­fi­gere Teil­nahme an inter­na­tio­na­len Foren und seine Koope­ra­tion mit inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen und Agen­tu­ren hin. Eine bemer­kens­werte Ent­wick­lung und Leis­tung war der rei­bungs­lose Übergang Hong­kongs in chi­ne­si­sche Sou­ve­rä­ni­tät im ver­gan­ge­nen Jahr und Pekings dar­auf­fol­gende prag­ma­ti­sche und fle­xi­ble Rege­lung der Ange­le­gen­hei­ten Hong­kongs. Auch neuere Ver­laut­ba­run­gen Pekings über die Wie­der­auf­nahme von Ver­hand­lun­gen mit Tai­wan wei­sen augen­schein­lich auf mehr Fle­xi­bi­li­tät und eine weni­ger starre Hal­tung hin. Kurz, es lebt sich heut­zu­tage zwei­fel­los bes­ser in China als noch vor fünf­zehn, zwan­zig Jah­ren. Dies sind sehr lobens­werte his­to­ri­sche Veränderungen.

Trotz­dem muss China sich sei­nen schwer­wie­gen­den Men­schen­rechts­pro­ble­men und ande­ren gewal­ti­gen Her­aus­for­de­run­gen stel­len. Ich hoffe sehr, dass die neue Füh­rung in China mit ihrem neuen Ver­trauen die Weit­sicht und den Mut besit­zen wird, dem chi­ne­si­schen Volk mehr Frei­heit zu gewäh­ren. Die Geschichte lehrt uns, dass mate­ri­el­ler Fort­schritt und Wohl­be­fin­den keine voll­stän­dige Ant­wort auf die Bedürf­nisse und Sehn­süchte einer mensch­li­chen Gesell­schaft sind. Im extre­men Gegen­satz zu den posi­ti­ven Aspek­ten der Ent­wick­lung in China selbst hat sich die Situa­tion in Tibet in den letz­ten Jah­ren auf trau­rige Weise ver­schlim­mert. Vor kur­zem ist offen­bar gewor­den, dass Peking in Tibet eine gezielte Poli­tik des kul­tu­rel­len Völ­ker­mords betreibt. Die infame Kam­pa­gne des “har­ten Vor­ge­hens” gegen die tibe­ti­sche Reli­gion und Nation wurde mit jedem Jahr ver­stärkt. Diese Kam­pa­gne der Repres­sion, die anfangs auf Mönchs– und Non­nen­klös­ter beschränkt blieb, wurde inzwi­schen auf alle Berei­che der tibe­ti­schen Gesell­schaft aus­ge­dehnt. In einige Lebens­be­rei­che in Tibet kehrt wie­der eine Atmo­sphäre der Ein­schüch­te­rung, Unter­drü­ckung und Angst ein, die an die Tage der Kul­tur­re­vo­lu­tion erinnert.

Es ist eine offen­sicht­li­che Tat­sa­che, dass der trau­rige Stand der Dinge in Tibet weder Tibet noch China nützt. So wei­ter­zu­ma­chen wie bis­her, lin­dert weder das Lei­den des tibe­ti­schen Vol­kes, noch bringt es China die Sta­bi­li­tät und Ein­heit, die für die Füh­rung in Peking aller­erste Prio­ri­tät besit­zen. Aus­ser­dem ist die Auf­wer­tung von Chi­nas inter­na­tio­na­lem Anse­hen eines der Haupt­an­lie­gen der chi­ne­si­schen Füh­rung. Die Unfä­hig­keit, die Tibet-Frage auf fried­li­chem Wege zu lösen, hat jedoch Chi­nas Image und guten Ruf befleckt. Ich bin sicher, dass eine Lösung der Tibet-Frage weit­rei­chende posi­tive Fol­gen für Chi­nas Anse­hen in der Welt und für sei­nen Umgang mit Hong­kong und Tai­wan hätte.

Was eine bei­der­sei­tig akzep­ta­ble Lösung des Tibet­pro­blems betrifft, ist meine Hal­tung ganz klar. Ich strebe keine Unab­hän­gig­keit an. Wie ich bereits oft gesagt habe, möchte ich errei­chen, dass das tibe­ti­sche Volk die Mög­lich­keit erhält, sich selbst zu regie­ren, um seine Zivi­li­sa­tion zu erhal­ten und um die ein­zig­ar­tige tibe­ti­sche Kul­tur, Reli­gion, Spra­che sowie Lebens­weise zu erhal­ten und zu för­dern. Mein Haupt­an­lie­gen ist es, sicher­zu­stel­len, dass das tibe­ti­sche Volk mit sei­nem eige­nen bud­dhis­ti­schen kul­tu­rel­len Erbe über­lebt. Wie die ver­gan­ge­nen Jahr­zehnte klar gezeigt haben, ist es hier­für unver­zicht­bar, dass die Tibe­ter all ihre eige­nen inne­ren Ange­le­gen­hei­ten selbst regeln und frei über ihre soziale, wirt­schaft­li­che und kul­tu­relle Ent­wick­lung bestim­men kön­nen. Ich glaube nicht, dass die chi­ne­si­sche Füh­rung irgend­wel­che grund­sätz­li­chen Ein­wände hier­ge­gen hätte. Immer wie­der hat die jewei­lige chi­ne­si­sche Füh­rung uns ver­si­chert, dass die Anwe­sen­heit Chi­nas in Tibet zum Wohle der Tibe­ter gedacht sei und dazu bei­tra­gen solle, “Tibet zu ent­wi­ckeln”. Den poli­ti­schen Wil­len vor­aus­ge­setzt, gibt es des­halb kei­nen Hin­de­rungs­grund für die chi­ne­si­sche Füh­rung, das Thema Tibet auf­zu­grei­fen, indem sie mit uns in einen Dia­log tritt. Dies ist der ein­zig ange­mes­sene Weg, um Sta­bi­li­tät und Ein­heit zu sichern, die nach den Aus­sa­gen der chi­ne­si­schen Füh­rung erste Prio­ri­tät besitzen.

Ich nutze diese Gele­gen­heit, um die chi­ne­si­sche Füh­rung ein­mal mehr zu drän­gen, meine Vor­schläge ernst­haft in Erwä­gung zu zie­hen. Es ist meine feste Über­zeu­gung, dass uns der Dia­log und die Bereit­schaft, die Rea­li­tät in Tibet klar und ehr­lich zu betrach­ten, zu einer lebens­fä­hi­gen Lösung füh­ren kann. Es ist für uns alle an der Zeit, die “Wahr­heit aus den Tat­sa­chen zu erken­nen”, aus einem gelas­se­nen und objek­ti­ven Stu­dium der Ver­gan­gen­heit Leh­ren zu zie­hen und mit Mut, Weit­sicht und Weis­heit zu handeln.

Die Ver­hand­lun­gen müs­sen dar­auf abzie­len, eine Bezie­hung zwi­schen dem tibe­ti­schen und dem chi­ne­si­schen Volk her­zu­stel­len, die auf Freund­schaft und gegen­sei­ti­gem Nut­zen grün­det, um Sta­bi­li­tät und Ein­heit zu sichern, um das tibe­ti­sche Volk zu ermäch­ti­gen, sich wirk­lich selbst in Frei­heit demo­kra­tisch zu regie­ren, so dass es seine ein­zig­ar­tige Kul­tur bewah­ren und för­dern sowie das pre­käre ökolo­gi­sche Gleich­ge­wicht des tibe­ti­schen Hoch­lands schüt­zen kann.

Dies sind die Haupt­an­lie­gen. Die chi­ne­si­sche Regie­rung bemüht sich jedoch stän­dig, bezüg­lich der wah­ren Streit­fra­gen Ver­wir­rung zu stif­ten. Sie behaup­tet, unsere Anstren­gun­gen ziel­ten dar­auf ab, das tra­di­tio­nelle tibe­ti­sche Gesell­schafts­sys­tem und den Sta­tus und die Pri­vi­le­gien des Dalai Lama wie­der ein­zu­füh­ren. Was die Insti­tu­tion des Dalai Lama betrifft, so habe ich bereits 1969 erklärt, dass es am tibe­ti­schen Volk liegt zu, ent­schei­den, ob diese Insti­tu­tion wei­ter­be­ste­hen sollte oder nicht. Und was mich selbst angeht, so habe ich in einer offi­zi­el­len Ver­laut­ba­rung 1992 klar gemacht, dass ich nach unse­rer Rück­kehr nach Tibet kei­ner­lei Ämter in einer zukünf­ti­gen tibe­ti­schen Regie­rung beklei­den werde. Aus­ser­dem hegt kein Tibe­ter, sei es im Exil oder in Tibet, den Wunsch, das alte Sozi­al­sys­tem in Tibet wie­der ein­zu­füh­ren. Des­halb ist es ent­täu­schend, dass die chi­ne­si­sche Regie­rung sich wei­ter­hin so unfun­dierte und ent­stellte Pro­pa­ganda erlaubt. Dies ver­hilft nicht zu einer Atmo­sphäre des Dia­logs, und ich hoffe, dass Peking von sol­chen Behaup­tun­gen ablässt.

Aus­ser­dem möchte ich den zahl­rei­chen Regie­run­gen, Par­la­men­ta­ri­ern, NGO-Vertretern, Tibet-Unterstützergruppen und den vie­len Ein­zel­per­so­nen meine auf­rich­tige Wert­schät­zung und mei­nen Dank aus­zu­spre­chen, die nach wie vor wegen tief besorgt sind wegen der Repres­sio­nen in Tibet-tief und unab­läs­sig dar­auf drän­gen, dass die Tibet-Frage mit fried­li­chen Ver­hand­lun­gen gelöst wird. Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten sind mit gutem Bei­spiel vor­an­ge­gan­gen, indem sie einen spe­zi­el­len Koor­di­na­tor für tibe­ti­sche Ange­le­gen­hei­ten ernann­ten, um den Dia­log zwi­schen uns Tibe­tern und der chi­ne­si­schen Regie­rung zu erleich­tern. Das euro­päi­sche und das aus­tra­li­sche Par­la­ment befür­wor­te­ten ähnli­che Initia­ti­ven. Im ver­gan­ge­nen Dezem­ber legte die Inter­na­tio­nale Juris­ten­kom­mis­sion ihren drit­ten Bericht zu Tibet vor, der den Titel trägt: “Tibet. Men­schen­rechte und Rechts­staat­lich­keit”. Diese Initia­ti­ven deu­ten auf eine viel­ver­spre­chende Ent­wick­lung und kom­men zur rech­ten Zeit.

Das wach­sende Ver­ständ­nis, die Unter­stüt­zung und Soli­da­ri­tät unse­rer Brü­der und Schwes­tern in China und auf der gan­zen Welt für die Grund­rechte des tibe­ti­schen Vol­kes und für mei­nen Ansatz des “mitt­le­ren Weges” inspi­rie­ren uns Tibe­ter ganz beson­ders und sind eine Quelle der Ermutigung.

Anläss­lich des 50. Jah­res­ta­ges der Unab­hän­gig­keit Indi­ens möchte ich fer­ner im Namen des tibe­ti­schen Vol­kes unsere herz­lichs­ten Glück­wün­sche dazu aus­spre­chen und gegen­über der Regie­rung Indi­ens und dem Volk, des­sen Land der Mehr­heit der Exil­ti­be­ter eine zweite Hei­mat wurde, noch ein­mal unsere tiefe Wert­schät­zung und unse­ren Dank aus­drü­cken. Indien bie­tet uns Tibe­tern nicht nur einen siche­ren Zufluchts­ort, son­dern es ist-uns für ein Land, des­sen alte Phi­lo­so­phie des Ahimsa und des­sen tief ver­wur­zelte demo­kra­ti­sche Tra­di­tion unsere Werte und Bestre­bun­gen inspi­riert und geformt haben. Zudem glaube ich, dass Indien bei der fried­li­chen Lösung des Tibet­pro­blems eine kon­struk­tive und ein­fluss­rei­che Rolle spie­len kann und sollte. Mein Ansatz des “mitt­le­ren Weges” liegt auf einer Linie mit den Grund­sät­zen der indi­schen Poli­tik gegen­über Tibet und China. Es gibt kei­nen Grund, warum Indien nicht aktiv dazu bei­tra­gen sollte, den Dia­log zwi­schen den Tibe­tern und der chi­ne­si­schen Regie­rung vor­an­zu­trei­ben. Ohne Frie­den und Sta­bi­li­tät im tibe­ti­schen Hoch­land ist es unrea­lis­tisch, zu glau­ben, dass wie­der ech­tes Ver­trauen und Zuver­sicht die Bezie­hung zwi­schen Indien und China prä­gen können.

Im ver­gan­ge­nen Jahr haben wir unter den Exil­ti­be­tern eine Umfrage durch­ge­führt und, wo immer mög­lich, auch die Tibe­ter in Tibet um Vor­schläge zur Durch­füh­rung einer Volks­be­fra­gung gebe­ten, in der über eine zukünf­tige Stra­te­gie unse­res Frei­heits­kamp­fes abge­stimmt wer­den sollte, mit der alle Tibe­ter zufrie­den sein kön­nen. Gestützt auf das Ergeb­nis der Umfrage und die Vor­schläge, die aus Tibet kamen, ver­ab­schie­dete unser Exil­par­la­ment eine Reso­lu­tion, die mir in die­ser Frage freie Hand ein­räumt, ohne dass dazu eine Volks­be­fra­gung nötig wäre. Ich möchte mich beim tibe­ti­schen Volk für sein über­wäl­ti­gen­des Ver­trauen, seine Zuver­sicht und die Hoff­nung, die es in mich setzt, bedan­ken. Ich bin wei­ter­hin der Über­zeu­gung, dass mein Ansatz des “mitt­le­ren Weges” der rea­lis­tischste und prag­ma­tischste Weg ist, um die Tibet-Frage fried­lich zu lösen. Die­ser Ansatz ver­tritt die wich­tigs­ten Inter­es­sen des tibe­ti­schen Volkes,während er gleich­zei­tig Ein­heit und Sta­bi­li­tät der Volks­re­pu­blik China sichert. Des­halb werde ich mich wei­ter­hin mit vol­lem Enga­ge­ment für die­sen Weg ein­set­zen und mich ernst­haft bemü­hen, mit der chi­ne­si­schen Füh­rung Kon­takt aufzunehmen.

Mit mei­ner Hul­di­gung all jener tap­fe­ren Män­ner und Frauen Tibets, die für die Frei­heit Tibets gestor­ben sind und mit einem Gebet für ein schnel­les Ende des Lei­dens unse­res Vol­kes und für den Frie­den und das Wohl­er­ge­hen aller füh­len­den Wesen.

Der 14. Dalai Lama

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