Interview mit S.H. dem Dalai Lama

S.H. der Dalai Lama

S.H. der Dalai Lama

Der 14. Dalai Lama, das im nord­in­di­schen Exil lebende reli­giöse und welt­li­che Ober­haupt der Tibe­ter, wurde kürz­lich von der Zeit­schrift Asia Week als einer der 50 wich­tigs­ten Män­ner Asi­ens genannt. In der Tat ist der ener­gi­sche 62jährige “ein­fa­che Mönch”, als den er sich selbst bezeich­net, rund um die Uhr für alle poli­ti­schen und reli­giö­sen Belange im Zusam­men­hang mit Tibet sehr gefragt; die Vor­be­spre­chun­gen für das nach­fol­gende Inter­view zogen sich über vier Monate hinweg.

Eure Hei­lig­keit, seit Sie 1959 von Tibet flie­hen muss­ten, sahen Ihre Bemü­hun­gen um eine Lösung der Tibet-Frage mehr Rück­schläge als Erfolge. Trotz­dem kennt man Sie als jeman­den, der nie sei­nen Opti­mis­mus und Sinn für Humor ver­lo­ren hat. Wie kommt das?

Nun, zunächst glaube ich nicht, dass unsere Sache mehr Rück­schläge als Erfolge zu ver­zeich­nen hat. Dann denke ich stän­dig an all die Tibe­te­rin­nen und Tibe­ter, die in ihrem Land über so viele Jahre hin­weg unter schwie­rigs­ten Bedin­gun­gen aus­harr­ten und den­noch Frie­den im Geist bewah­ren konnten.

Und wieso das?

Ich bin über­zeugt, dass neben ande­ren Fak­to­ren der Haupt­grund in der bud­dhis­ti­schen Denk­weise liegt, wie das auch für meine Situa­tion zutrifft. Der Umgang mit Schmerz ist ganz wich­tig. Natür­lich kann man Schmerz nicht ver­leug­nen, wenn er da ist. Aber den­noch ist es mög­lich, mit die­sem Gefühl so umzu­ge­hen, dass es nicht den gan­zen Geist durch­ein­an­der­bringt. Zudem sehe ich seit Anfang der sech­zi­ger Jahre ein welt­weit wach­sen­des Bewusst­sein für das Tibet-Problem, was mir Grund zu Opti­mis­mus gibt. Und auch in China selbst ent­wi­ckelt sich in zuneh­men­dem
Masse ein Inter­esse für Tibet. Gerade kürz­lich hat mir eine Tibe­te­rin, die von einem Besuch zurück­kehrte erzählt, wie in ver­schie­de­nen Regio­nen Chi­nas der tibe­ti­sche Bud­dhis­mus gedeihe und sich ver­mehrt offen Prak­ti­zie­rende fän­den. Ich denke, dass diese Men­schen damit zurück zum Glau­ben in Wahr­heit und Gerech­tig­keit und in die eigene “innere Schön­heit” fin­den. Das braucht natür­lich seine Zeit. Zur Erlan­gung welt­li­cher Macht sind Waf­fen bestimmt ein wirk­sa­me­res Mit­tel. Aber die Erlan­gung inne­rer Kraft erreicht man nur auf dem Weg der Wahr­heit. Die Kraft, die von Waf­fen aus­geht, ist sehr direkt eine Frage der Quan­ti­tät. Nicht so die Kraft, die von der Wahr­heit aus­geht. Es gibt keine “kleine” oder “grosse” Wahr­heit. Gleich ver­hält es sich mit unse­rem Anlie­gen: Es spielt keine Rolle, ob China gross und Tibet klein ist; die Wahr­heit bleibt letzt­end­lich die glei­che. Und an die Kraft, die dar­aus resul­tiert, glaube ich.

In Nepal, wo mehr als 15’000
tibe­ti­sche Flücht­linge leben, hat das Volk im Mai eine kom­mu­nis­ti­sche Mehr­heit ins Par­la­ment gewählt; China wächst, indem es Hong Kong zurück­er­hielt und von den USA erneut zur meist­be­güns­tigs­ten Han­dels­macht ernannt wurde. Wie sehen die Anlie­gen der Tibe­ter in einem sol­chen Umfeld aus?

(über­legt lange) Mein Plan, oder eher: meine Vision ist ja, dass wir unsere Frei­heit nicht auf dem Weg der Gewalt­an­wen­dung wie­der­er­lan­gen, son­dern durch Erwe­cken von Ver­ständ­nis für unsere Sache. Aus die­sem Grund zei­gen wir keine Bereit­schaft zur Kon­fron­ta­tion mit China, son­dern arbei­ten am Aus­bau von freund­schaft­li­chen Bezie­hun­gen und Ver­trauen, was am Ende sicher sinn­vol­ler und hilf­rei­cher als Gewalt­an­wen­dung ist. Meine gan­zen Ver­su­che der Annä­he­rung an China basie­ren auf der Ent­wick­lung von Ver­ständ­nis für unsere Pro­bleme, ohne dabei von einer Unab­hän­gig­keit Tibets zu spre­chen, da dies für die chi­ne­si­schen Füh­rer schwer — sehr schwer zu akzep­tie­ren ist. Von unse­rem Stand­punkt aus ist Tibet nach wie vor ein Ent­wick­lungs­land: mate­ri­ell rück­stän­dig — obwohl wir auf der ande­ren Seite spi­ri­tu­ell reich sind — sehr reich (lacht). Aber das ist eben “nur” Reich­tum im geis­ti­gen Sinne, der unsere nicht unsere Mägen zu fül­len ver­mag. Also müs­sen wir Tibet ent­wi­ckeln, was sehr schwie­rig ist. Tibet ist ein gros­ses Land mit einer gerin­gen Bevöl­ke­rungs­dichte, schwie­ri­ger Kom­mu­ni­ka­tion und aber gleich­zei­tig umfang­rei­chen
natür­li­chen Res­sour­cen. Wenn wir mit einem unse­rer gros­sen Nach­barn — wie z.B. China — auf fai­rer Basis zusam­men­ar­bei­ten könn­ten, würde das bei­den Sei­ten grosse Vor­teile brin­gen. Eines mei­ner wei­te­ren Haupt­an­lie­gen ist die Bewah­rung des ein­ma­li­gen tibe­ti­schen kul­tu­rel­len Erbes, das ich “bud­dhis­ti­sche Kul­tur” nenne. In die­ser Kul­tur liegt gros­ses Poten­tial — nicht nur zum Wohl des tibe­ti­schen Vol­kes, son­dern für den gan­zen Himalaya-Raum und bis in die Mon­go­lei im Nor­den. Nicht zu ver­ges­sen, wie ich vor­hin sagte, auch zum Wohl des chi­ne­si­schen Vol­kes, das in den letz­ten Jah­ren ver­mehrt zum — tibe­ti­schen — Bud­dhis­mus zurück­zu­fin­den begann. Ich denke, dass die tibe­ti­sche bud­dhis­ti­sche Kul­tur nicht nur in der Ver­gan­gen­heit lebt, son­dern auch heute noch rele­vant ist und ganz beson­ders auch China die­nen kann. Die tibe­ti­sche Kul­tur darf nicht dem Unter­gang preis­ge­ge­ben, son­dern muss mei­ner Ansicht nach um jeden Preis bewahrt werden.

Aber was kon­kret signa­li­siert für Sie Nepals Ent­scheid zu einer kom­mu­nis­ti­schen Mehrheit?

Ich habe Ver­ständ­nis für diese Ent­wick­lung, wenn­gleich es sich damit eher kom­pli­ziert ver­hält. Als ich 1956 im Rah­men einer Pil­ger­fahrt an einer bud­dhis­ti­schen Feier in Indien teil­nahm, wurde ich von eini­gen anwe­sen­den nepa­li­schen Kom­mu­nis­ten freu­dig als einer der ihren begrüsst, da ich ja aus dem kom­mu­nis­tisch besetz­ten Tibet stammte… Und tat­säch­lich würde ich mich selbst auch heute noch als zur Hälfte Mar­xist und zur Hälfte Bud­dhist bezeich­nen, da die reine mar­xis­ti­sche Wirt­schafts­theo­rie nach wie vor eine gewisse Anzie­hungs­kraft auf mich aus­übt. Es geht dabei ja haupt­säch­lich um die gleich­mäs­sige Ver­tei­lung von Gütern und nicht um das Erzie­len von Pro­fi­ten. Von die­sem Gesichts­punkt aus folgt das heu­tige China nicht mehr dem Mar­xis­mus, da es inner­halb Chi­nas zu grosse Grä­ben zwi­schen arm und reich gibt. Aber die mar­xis­ti­sche Theo­rie ver­mag natür­lich auch auf die Armen welt­weit eine gewisse Fas­zi­na­tion aus­zu­üben; In Nepal und Indien, wie auch in den USA. Als ich dort
ein­mal vor schwar­zen Jugend­li­chen sprach, sagte ich dass es mei­ner Ansicht nach o.k. sei wenn jemand ein paar Mil­lio­nen Dol­lar besitze; sobald ein Ver­mö­gen aber die Mil­li­ar­den­grenze erreicht, gibt es defi­ni­tiv keine Ent­schul­di­gung mehr, nicht zu tei­len… Zuviel Reich­tum ist stets die Quelle für Pro­bleme. Beim Mar­xis­mus sehe ich dann Pro­bleme, wenn es bei der Errich­tung eines tota­li­tä­ren Sys­tems unnö­ti­ger­weise zur Anwen­dung von Gewalt und Hass kommt, statt dass Mit­ge­fühl ent­wi­ckelt würde. So gese­hen bin ich natür­lich gegen ein tota­li­tä­res Sys­tem, wenn­gleich ich die sozia­lis­ti­sche Idee völ­lig unter­stütze. Gleich erging es auch dem tibe­ti­schen Volk, als Anfang der 50er Jahre die ers­ten Sol­da­ten der chi­ne­si­schen Volks­be­frei­ungs­ar­mee in Tibet ein­mar­schier­ten: Die Tibe­ter waren posi­tiv von deren Ideo­lo­gie über­rascht und glaub­ten an den Vor­teil der ver­spro­che­nen Refor­men. Ich kann daher auch heute gut nach­voll­zie­hen, wes­halb gerade die Land­be­völ­ke­rung in einem der­art armen Land wie Nepal auf Ver­bes­se­run­gen durch das sozia­lis­ti­sche Sys­tem hofft.

In der Ver­gan­gen­heit hat das euro­päi­sche Par­la­ment wie­der­holt offen Sym­pa­thie für die tibe­ti­schen Anlie­gen gezeigt. Aber Kom­mis­sio­nen und Reden ver­moch­ten die Situa­tion in Tibet nicht zu ver­än­dern. Was erhof­fen Sie sich von der euro­päi­schen Gemein­schaft heute?

Nun, wahre Ver­än­de­run­gen in Tibet wird es erst dann geben, wenn in China selbst Ver­än­de­run­gen statt­ge­fun­den haben. Weder die EU noch die USA ver­mö­gen die Situa­tion in Tibet direkt zu ver­än­dern. Wenn also z.B. die EU zu Ver­bes­se­run­gen in China bei­trägt, fährt dies in der Folge auch zu
Ver­bes­se­run­gen unse­rer Situa­tion. Und ich meine: zwei­fel­los fin­det in China ein Pro­zess statt, gibt es lau­fend Ver­än­de­run­gen. Täg­lich. Und die Spit­zen der kom­mu­nis­ti­schen Füh­rung sind sich ganz klar bewusst, dass das tota­li­täre Sys­tem lang­sam am Ver­schwin­den ist und nie mehr zurück­kom­men wird. Gleich­zei­tig sind sie sich auch dar­über im kla­ren, dass wenn sie jetzt zu viele poli­ti­sche Frei­hei­ten aus­ge­ben, dies zu einem Chaos füh­ren würde, wie es in der ehe­ma­li­gen UdSSR herrscht. Gerade was Tibet anbe­langt bevor­zuge ich schritt­weise Ver­än­de­run­gen in der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Chi­nas, damit ohne gros­ses Chaos wahre und sta­bile Ver­bes­se­run­gen ein­tre­ten. Das ist der beste Weg, um viel mensch­li­ches Lei­den zu verhindern.

…Sie erhof­fen sich also gar nicht all­zu­viel von Europa?

Nein, nein, ich habe immer betont, dass wir inter­na­tio­nale Unter­stüt­zung brau­chen. Wir brau­chen Stim­men — kon­stante Stim­men der Betrof­fen­heit und der Unter­stüt­zung. Stim­men, die für die Ein­hal­tung der Men­schen­rechte spre­chen, für reli­giöse Frei­heit und Stim­men für den ent­führ­ten Pan­chen Lama. Wir brau­chen Leute, die für den Erhalt unse­res kul­tu­rel­len Erbes ein­tre­ten, für Umwelt­schutz usw. Betrof­fen­heit muss so lange zum Aus­druck gebracht wer­den, bis tat­säch­lich Ver­än­de­run­gen in der chi­ne­si­schen Denk­weise ein­ge­tre­ten sind. Die Zeit mag ver­strei­chen, aber die Betrof­fen­heit für Tibet muss blei­ben. Aber: Die wahre Unter­stüt­zung für Tibet geht heute welt­weit eher von Volk und Medien aus denn von den Regie­run­gen; Regie­run­gen müs­sen immer wirt­schaft­li­che und poli­ti­sche Gesichts­punkte in Betracht zie­hen… Und auch von gebil­de­ten Chi­ne­sen, die sich mit der Pro­ble­ma­tik aus­ein­an­der­set­zen, erhal­ten wir zuneh­mende Unter­stüt­zung. Das ist echte Hilfe.

Braucht es zur Lösung der Tibet-Frage nicht mehr als nur Worte? Den­ken wir an Kon­flikte wie in Kuwait und auf dem Balkan…

Das, glaube ich, ist in Bezug auf Tibet unrea­lis­tisch. Und ich würde mei­nen, dass es den Ver­ant­wort­li­chen — gerade bei den euro­päi­schen Inter­ven­tio­nen in Afrika — doch mehr um euro­päi­sche als um afri­ka­ni­sche Anlie­gen ging (lacht). Aber das ist ja wohl Teil der mensch­li­chen Natur… Beim Ver­gleich von Pro­ble­men in Afrika mit der Tibet-Frage fin­det man gewisse –Ähnlich­kei­ten im Bezug auf die Reak­tion der Welt­öf­fent­lich­keit — und aber auch einen sehr wich­ti­gen Unter­schied: Die Prä­senz der Gross­macht China. Ein Boy­kott, wie er gegen Süd­afrika zur Anwen­dung kam, würde auf China nie die­sel­ben Aus­wir­kun­gen zei­gen. Zudem hat Tibet keine Erd­öl­vor­kom­men auf­zu­wei­sen… Den­noch: obwohl die meis­ten Natio­nen heute Tibet als Teil Chi­nas sehen, zei­gen sie anhal­tende Betrof­fen­heit. Wir rech­nen also gar nicht erst mit irgend­ei­ner dra­ma­ti­schen Art von Hilfe wie der Ent­sen­dung einer Armee oder wirt­schaft­li­chen Sank­tio­nen gegen China. Denn die Schwie­rig­keit liegt ja darin, dass die Sank­tio­nen nicht nur von den USA, son­dern auch von Europa und Japan kom­men müss­ten. Und das ist eher unwahr­schein­lich. Das beste ist, wenn Kom­pro­misse auf dem Ver­hand­lungs­weg erreicht wer­den kön­nen — denn nie­mand wird China ein­fach so zu einem Rück­zug aus Tibet bewe­gen kön­nen. Und Tibet ist gross genug, selbst für die Sied­ler­ströme aus China — inso­fern damit die Umwelt nicht belas­tet und die tibe­ti­sche Kul­tur nicht gefähr­det wür­den. Heute müs­sen wir eben mehr glo­bal als nur gerade natio­nal denken.

Geht die­ses Zuwar­ten nicht auf Kos­ten der Iden­ti­tät des tibe­ti­schen Vol­kes und sei­nes Erbes, die jetzt seit einer vol­len Gene­ra­tion im Exil bewahrt werden?

Stimmt. Vor allem, was die Kul­tur inner­halb Tibets angeht. Die Tibe­ter sind — gerade in den grös­se­ren Städ­ten — zu einer Min­der­heit im eige­nen Land gewor­den. Ihr gan­zer Lebens­stil hat sich zudem ver­än­dert. Des­halb müs­sen wir unsere Anstren­gun­gen jetzt eben voll und ganz auf die Bewah­rung unse­rer Kul­tur im Exil richten.

Beob­ach­ter haben ver­schie­dent­lich die tibe­ti­sche Exil­re­gie­rung als die “erfolg­reichste aller
exi­lier­ten Orga­ni­sa­tio­nen” bezeich­net. Ist das weil Sie sich auf wei­tere 40 Jahre im Exil vor­be­rei­ten?

Ich meine, in vie­len Berei­chen haben wir in den letz­ten Jah­ren doch grosse Fort­schritte erzielt, die uns auch in Zukunft die­nen wer­den. Aber ande­rer­seits müs­sen wir uns ein­ge­ste­hen, dass gerade in der gegen­wär­ti­gen, jun­gen Gene­ra­tion von Tibe­tern grosse Män­gel im Bezug auf die Kennt­nis der eige­nen Kul­tur und Geschichte herr­schen. Da haben wir in der Ver­gan­gen­heit Feh­ler gemacht, die es zu kor­ri­gie­ren gilt. Wenn wir in die­ser Bezie­hung Ver­bes­se­run­gen errei­chen, ist das kul­tu­relle über­le­ben eini­ger kom­men­der Gene­ra­tio­nen im Exil gesi­chert. Das Motto dabei lau­tet: “Hoffe das Beste, sei auf das Schlimmste gefasst”. Selbst als es Ende der sieb­zi­ger und Anfang der acht­zi­ger Jahre zeit­weise so aus­sah als wäre Bei­jing zu Ver­hand­lun­gen bereit, warnte ich meine Leute vor zu ver­früh­ten Hoff­nun­gen. Und auch hier in Dha­ram­sala sehen wir uns der Kri­tik aus­ge­setzt, sobald Bau­ar­bei­ten im Gange sind. Aber auch da kann ich nur beto­nen: Es ist bes­ser, auf das Schlimmste gefasst zu sein…

Bei all ihrer Kri­tik an den Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen erklär­ten die USA erneut China zur “Meist­be­güns­tigs­ten Han­dels­macht”. Was waren Ihre Gefühle, als Sie kürz­lich “halb­of­fi­zi­ell” im Weis­sen Haus zu Gast waren und Clin­tons Sym­pa­thie­be­zeu­gun­gen entgegennahmen?

Ich muss zunächst beto­nen, dass mir die Defi­ni­tion “offi­zi­ell” oder “halb­of­fi­zi­ell” nicht so wich­tig ist. Was zählt, ist das Gespräch an sich. Dies war der dritte Besuch beim Prä­si­den­ten und auf der mensch­li­chen Ebene kom­men wir uns mit jedem Mal näher, ler­nen uns bes­ser ken­nen, wer­den gute Freunde. Wir dür­fen nicht ver­ges­sen, dass die USA bereits vor vier Jah­ren mit der Kri­tik an der Men­schen­rechts­si­tua­tion gewisse Vor­be­din­gun­gen an China gestellt hat, die Druck aus­üben soll­ten. Das hat keine Wir­kung gezeigt und auch nicht zu einer welt­wei­ten “Ver­ei­ni­gung” in die­ser Sache geführt. Ich glaube auch nicht, dass wei­tere Mass­nah­men von US-Seite der Sache die­nen. Die kon­stante Aus­übung von noch mehr Druck würde schliess­lich so weit eska­lie­ren, dass es zum bewaff­ne­ten Kon­flikt käme… und dass dies eine gute Lösung wäre, denke ich nicht. Das würde tiefe Wun­den in den sino-amerikanischen Bezie­hun­gen hin­ter­las­sen. Selbst wenn wir in der Zwi­schen­zeit viel Leid zu ertra­gen haben: eine Lösung kann nur durch Gesprä­che erzielt wer­den. Die effek­tivste Art, China zu beein­flus­sen liegt darin, Freund­schaft auf­zu­bauen und Miss­trauen
zu besei­ti­gen. Nur so funk­tio­niert das lang­fris­tig. Es muss so lange ver­han­delt wer­den, bis Kom­pro­misse erzielt wer­den; nur so errei­chen wir eine Lösung der Men­schen­rechts– und Tibet-Frage ohne “Neben­wir­kun­gen”. Der neue starke Mann Chi­nas, Jiang Zemin, reprä­sen­tiert die post-Revolutionsära. Was kön­nen Sie sich von ihm erhof­fen? Nun, viel­leicht soviel: Wir soll­ten uns daran erin­nern, dass Jiang Zemin 1989, wäh­rend des Tiananmen-Massakers, Stadt­prä­si­dent von Shang­hai war. Auch er sah sich zu die­ser Zeit mit
gros­sen Unru­hen in sei­ner Stadt kon­fron­tiert. Aber er schaffte es, die Mas­sen zu beru­hi­gen
ohne dabei einen ein­zi­gen Schuss aus­zu­lö­sen. Kommt hinzu, dass er sehr gut Eng­lisch spricht… bes­ser als ich (lacht). Seine Bil­dung ermög­licht es ihm, die Dinge bes­ser zu
beur­tei­len als dies in der Ver­gan­gen­heit der Fall war. Und: Sein Sohn hat in den USA studiert…

Gibt es also begrün­dete Hoff­nun­gen auf einen bal­di­gen sino-tibetischen Dialog?

Ich glaube nicht. Die chi­ne­si­sche Hal­tung ist nach wie vor hart. China spricht immer noch von “Sta­bi­li­tät” und “Ein­heit”, die es mit­tels Waf­fen­ge­walt in die Tat umsetzt. Und wie ich schon zuvor sagte, bewirkt die Anwen­dung von Gewalt keine sta­bi­len, ech­ten Ver­än­de­run­gen. Der Ein­satz von Waf­fen kann für eine bestimmte, kurze Zeit viel­leicht o.k. sein. In kom­mu­nis­ti­schen Län­dern dau­ert diese Phase meist länger…(lacht). Aber: echte “Sta­bi­li­tät” und “Ein­heit” müs­sen aus dem Her­zen kom­men. Einige der chi­ne­si­schen Füh­rer, die für die Unter­drü­ckungs­po­li­tik ver­ant­wort­lich sind, haben wäh­rend der ver­gan­ge­nen Jahre und Jahr­zehnte gehofft, dass wenn sie wei­ter Druck aus­üben, der Dalai Lama eines Tages ein­fach so ver­schwin­den würde und es dann kei­nen Wider­stand mehr gäbe. Aber das hat sich als völ­lige Fehl­kal­ku­la­tion erwie­sen. Sechs
Mil­lio­nen Tibe­ter sind zwar klein in der Anzahl aber den­noch genug, um China einige
Pro­bleme zu schaf­fen… Und bis heute hören die meis­ten Tibe­ter auf meine Stimme. Ein Bei­spiel: Im Ver­lauf der Demons­tra­tio­nen Ende der acht­zi­ger Jahre in Lhasa hoben die Tibe­ter chi­ne­si­sche Waf­fen vom Boden auf, die Sol­da­ten hat­ten fal­len las­sen. Aber die Demons­tran­ten benutz­ten die Gewehre nicht, um sie gegen die Sol­da­ten zu rich­ten — son­dern mach­ten sie ganz ein­fach unbrauch­bar. Das ist wahre Gewalt­lo­sig­keit. Nur auf die­sem Weg kön­nen wir China dazu brin­gen, das Tibet-Problem zu lösen. Und wenn wir hie­für eine Lösung gefun­den haben, wird sich das auch auf die Pro­bleme Chi­nas mit Ost­tur­kes­tan und
Tai­wan aus­wir­ken. Dann wird es mög­lich sein, mit Tai­wan Ver­hand­lun­gen über eine
Wie­der­ver­ei­ni­gung zu führen.

Nach­dem alle Ihre Initia­ti­ven seit 1979, in Ver­hand­lun­gen mit Bei­jing ein­zu­tre­ten, geschei­tert sind, schlu­gen Sie vor drei Jah­ren ein Refe­ren­dum vor, das in die­sen Tagen zur Durch­füh­rung gelangt. Aber tat­säch­lich bräuchte ein gül­ti­ges Refe­ren­dum ja vor allem die Stim­men von inner­halb Tibets, was nicht mög­lich ist. Was wer­den Sie also mit den Stim­men einer exi­lier­ten Min­der­heit anfangen?

Der Plan war, dass wir ja wenigs­tens die Mög­lich­keit haben, inner­halb der Exil­ge­mein­schaft ein Refe­ren­dum offen durch­füh­ren
kön­nen. Und in der Zwi­schen­zeit sam­meln wir Ansich­ten und Stim­men von inner­halb Tibets. Ein Bei­spiel: Im ver­gan­ge­nen Win­ter besuch­ten mich Men­schen aus ver­schie­de­nen Regio­nen Tibets. Das waren sehr ein­fa­che, unschul­dige Leute; “gewöhn­li­che” Leute. Aber sie waren der Über­zeu­gung, dass der von mir vor­ge­schla­gene “Mitt­lere Weg” die beste Lösung ist, da sie auf­grund ihrer Erfah­run­gen in Tibet die rea­lis­ti­schen
Mög­lich­kei­ten kann­ten. Das hat mich in mei­ner Über­zeu­gung der Rich­tig­keit die­ses Weges bestärkt.

Wie hat Bei­jing auf die Ankün­di­gung des Refe­ren­dums reagiert?

Offi­zi­ell hat es ver­lau­ten las­sen, dass dies eine
wei­tere Anstren­gung in Rich­tung Unab­hän­gig­keits­be­stre­bun­gen sei. Gerade vor ein paar Wochen stand im Edi­to­rial von “China Daily”, dass der Dalai Lama die Unab­hän­gig­keit Tibets anstrebe, obwohl die Tibe­ter in ihrem Land sehr sehr glück­lich seien; dass der Dalai Lama zwar als Spre­cher der Tibe­ter auf­trete, in Tat und Wahr­heit aber gegen deren Wün­sche arbeite (lacht).

Ihre Beauf­tragte für UN-Beziehungen in Genf hat bestimmt die UNO für Unter­stüt­zung bei der Durch­füh­rung des Refe­ren­dums angefragt?

Nein. Das wäre der Sache nicht dien­lich. Bei­jing würde ganz klar auch die­ses Anlie­gen umge­hend als Bestre­bung zur Unab­hän­gig­keit aus­le­gen und alles blo­ckie­ren. Das Refe­ren­dum war von Anfang an so geplant, dass es nur inner­halb der tibe­ti­schen Exil­ge­mein­schaft durch­ge­führt würde. Eine der chi­ne­si­schen “Anschul­di­gun­gen” lau­tet ja gerade, dass “der Dalai Lama ver­su­che, die Tibet-Frage zu inter­na­tio­na­li­sie­ren”. Eine sehr kom­pli­zierte Sache…(lacht)

Eure Hei­lig­keit, wir dan­ken Euch für die­ses Interview.

Inter­view und Über­set­zung aus dem Eng­li­schen:
Mar­tin Schei­deg­ger, McLeod Ganj, Indien

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