Der undankbare Löwe

«In lang­ver­gan­ge­nen Zei­ten, als der Bodhi­sattva die Zeit sei­ner Ver­dienst­an­samm­lun­gen noch nicht been­det hatte, wurde er als Specht unter den Vögeln wie­der­ge­bo­ren und lebte in einer haus­lo­sen Ein­sam­keit in einer Hügel­ge­gend, die reich war an Berg­flüs­sen, Früch­ten und Blu­men. In der­sel­ben Gegend lebte ein König der Tiere, ein Löwe, der die Gewohn­heit hatte, Gazel­len nach sei­nem Ver­gnü­gen zu ver­schlin­gen. Eines Tages, als er Fleisch aß, blieb ein Kno­chen zwi­schen sei­nen Zäh­nen ste­cken, und der Löwe, der weder Furcht noch Beklem­mung gekannt hatte, war nun — da Zahn­schmer­zen sei­nen Kör­per plag­ten — ganz nie­der­ge­schmet­tert und konnte nichts essen. Glück­li­cher­weise kam ein Specht, der gewohnt war, von einem Baum­wip­fel zum ande­ren zu flie­gen, an den Platz, wo sich der König der Tiere befand. Als er den Löwen so von Schmer­zen geplagt sah, da sagte er: “Onkel, warum bist du so nie­der­ge­schla­gen?” Der Löwe ant­wor­tete: “Neffe, ich bin geplagt von Schmer­zen.” “Was für eine Art von Schmer­zen?” fragte der Specht, und als ihm der Löwe die ganze Geschichte erzählt hatte, sagte der Specht: “Onkel, ich will dei­nen Fall behan­deln. Da du aber der Löwe bist und der König der Tiere, kannst du nütz­lich sein, des­halb mußt du von Zeit zu Zeit auch mir nütz­lich sein.” Der Löwe erwi­derte: “Ich werde so han­deln, wie du sprichst.” Der Specht dachte: “Ich will es so ein­rich­ten, daß der Löwe gar nicht merkt, was ich an ihm mache und erst dar­auf­kommt, wenn er wie­der­her­ge­stellt ist.”

Darum besorgt, dem Löwen zu hel­fen, blieb der Specht bei
ihm, um seine Lebens­weise zu beob­ach­ten. Nach­dem die Wucht des Schmer­zes nach­ge­las­sen hatte, ver­fiel der König der Tiere in eine bes­sere Stim­mung und legte sich, seine Klauen weit von sich gestreckt, auf einem brei­ten, fla­chen Fel­sen schlafen.

Nun näherte sich der Specht dem König der Tiere und dachte, als er den Löwen in einer so ange­neh­men Stel­lung dalie­gen sah, daß dies der rich­tige Augen­blick sei, um ihn zu behan­deln. Nach sorg­fäl­ti­ger Unter­su­chung ent­fernte der Specht den Kno­chen aus des Löwen Zahn, indem er fort­wäh­rend mit den Flü­geln schlug. Der Löwe setzte sich auf mit nach dem Schlafe geöff­ne­ten Augen. Der Specht, der wußte, daß der König der Tiere von Schmer­zen und Unbe­ha­gen befreit wor­den war, kam in gro­ßer Fröh­lich­keit her­bei und sagte: “0 Onkel, hier ist der Kno­chen, der die Schmer­zen
ver­ur­sachte.” Der König der Tiere war sehr erstaunt und sagte: “0 Neffe, da ich dir für deine Dienste dan­ken möchte, komme von Zeit zu Zeit zu mir und sage mir, was ich für dich tun kann.” Der Specht ant­wor­tete: “Gut, so will ich es machen”, und flog davon.

Spä­ter ein­mal, als der König der Tiere gerade Fleisch ver­schlang, kam der Specht der gerade von einem Fal­ken ange­fal­len wor­den und knapp dem Tode ent­ron­nen war  in einer Ver­fas­sung von gro­ßem Hun­ger zu ihm. Nach­dem er seine Nöte beschrie­ben hatte, sagte er zu dem Löwen: “0 Onkel, ich bin von Hun­ger geplagt, gib mir ein Stück­chen Fleisch.” Doch der Löwe ant­wor­tete mit die­sem Vers: “Nach­dem ich die lebende Krea­tur in Stü­cke geris­sen habe, bin ich nun ein­mal ein Wil­der und ein Mis­se­tä­ter. Bist nicht du, der du zwi­schen mei­nen Zäh­nen durch­ge­rutscht bist, dank­bar, am Leben geblie­ben zu sein?”

Auch der Specht ant­wor­tete in einem Vers: “Ohne Nut­zen sind For­men, die man im Schlafe sieht und Ver­dienste, die man in den Ozean wirft. Ohne Nut­zen ist der Ver­kehr mit einem bösen Men­schen und Wohl­ta­ten, die man auf Undank­bare häuft.”»

aus “Per­len alt­ti­be­ti­scher Lite­ra­tur”, B.C. Olschak, Birk­häu­ser Ver­lag Basel und Stuttgart
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