Thangka

Ein­lei­tung

Allen tibe­ti­schen Roll­bil­dern (thang ka) ist eigen, dass sie dem Gläu­bi­gen Hilfs­mit­tel sind auf sei­nem Weg zur Befrei­ung von Übel und Lei­den, die ihn bedrän­gen. Thang kas wer­den des­halb auch “mthong grol”, Befrei­ung durch Sehen genannt.

Kate­go­rien

Von ihrer kon­kre­ten Anwen­dung her kön­nen die meis­ten Roll­bil­der in meh­rere Kate­go­rien ein­ge­teilt wer­den: Bei­spiels­weise Bil­der mit erzäh­len­dem Inhalt. Bil­der, die an eine reli­giöse Per­son erin­nern. Schutz­bil­der. Bil­der, her­ge­stellt zum Anrei­chern von Ver­dienst. Medi­ta­ti­ons­bil­der. Nicht immer ist es jedoch
mög­lich, ein Bild ein­deu­tig einer Gruppe zuzu­ord­nen. So fällt es bei vie­len in Kul­t­räu­men hän­gen­den Bil­dern schwer, sie auf­grund ihrer Ver­wen­dung einer der genann­ten Kate­go­rien ein­zu­ord­nen, da sie schein­bar nicht zu einem bestimm­ten Zweck gebraucht wer­den, son­dern ‘unbe­nutzt’ an Pfei­lern und Wän­den hän­gen. Aus der Sicht des west­li­chen Betrach­ters die­nen sol­che Bil­der nur dazu, den Kul­traum zu schmü­cken, für den gläu­bi­gen Tibe­ter sind sie jedoch mehr als Schmuck. Sie wer­den, wenn auch nicht bewusst ein­zeln
wahr­ge­nom­men und im Kult ver­wen­det, in ihrer Gesamt­heit als sakral ange­se­hen und ver­ehrt.
Denn sie gel­ten alle dank ihrer Wei­hung als ‘Behält­nisse’ der dar­auf abge­bil­de­ten Gott­hei­ten und Heiligen.

Ver­wen­dung

Die Art der Ver­wen­dung eines Roll­bil­des ist sehr stark abhän­gig von der inne­ren Ein­stel­lung und der Schu­lung des ein­zel­nen Betrach­ters. Ein in die Geheim­nisse der tibe­tisch bud­dhis­ti­schen Lehre Ein­ge­weih­ter sieht ein Roll­bild und des­sen Zweck anders als ein gewöhn­li­cher Mönch, und die­ser wie­derum hat den Roll­bil­dern gegen­über eine andere Ein­stel­lung als ein gläu­bi­ger Laie, der sich nicht in medi­ta­ti­ven Übngen aus­kennt. Für ihn ste­hen die hin­ge­bende Ver­eh­rung und die Bitte um Schutz­ge­wäh­rung im Vordergrund.

Her­stel­lung

Vor Inan­griff­nahme der Arbeit sollte sich ein Künst­ler (meis­tens ein Laie) auf seine anspruchs­volle Tätig­keit vor­be­rei­ten, indem er sich rei­nigt und gedank­lich mit dem Inhalt des zu erschaf­fen­den Bil­des aus­ein­an­der­setzt. Das Zeich­nen und Malen selbst gel­ten als reli­giöse Hand­lung, wäh­rend der auf die Befol­gung der sechs bud­dhis­ti­sche Haupt­tu­gen­den geach­tet wer­den sollte. Als Mal­grund für die tibe­ti­schen Roll­bil­der (thang ka) dient in der Regel ein Baum­woll­stoff. Die­ser wird auf der Vor­der­seite, meis­tens
aber auch hin­ten mit einer dün­nen Schicht aus tie­ri­schem Leim, und nach Trock­nen der­sel­ben mit einer Masse aus Kalk und Tier­leim gleich­mäs­sig bestri­chen. Danach wird die Ober­flä­che geglät­tet und der Maler spannt den Stoff in einen Rah­men.
Es beste­hen meh­rere Metho­den, die Umrisse der abzu­bil­den­den Sze­nen , die exakt iko­no­me­tri­schen Vor­schrif­ten ent­spre­chen müs­sen, auf den vor­be­rei­te­ten Stoff­grund zu übertragen:

  • Die einz­ei­nen Figu­ren wer­den in eine Art Koor­di­na­ten­netz ein­ge­zeich­net, des­sen Masse genau vor­ge­schrie­ben sind.
  • Der Zeich­ner ver­wen­det eine Papier­scha­blone, eine kom­plette Umriss­zeich­nung des her­zu­stel­len­den Bildes.
  • Die Umriss­li­nien kön­nen auch mit Hilfe eines Druck­stocks direkt auf den Stoff gedruckt wer­den, eine Methode, die beson­ders bei Bil­dern mit einem Sei­den­grund ange­wandt wird.

Das Auf­tra­gen der Far­ben erfolgt in meh­re­ren Schrit­ten, oft­mals durch ver­schie­dene Künst­ler: Zuerst wer­den die gros­sen Flä­chen des Hin­ter­grun­des aus­ge­malt Farbe um Farbe, zuerst die hel­len, dann die dun­keln Far­ben , dann wer­den die Figu­ren und klei­nere Details wie Schmuck, Orna­mente auf Klei­dern und
schliess­lich durch den Meis­ter die Gesich­ter der Neben­fi­gu­ren und der Haupt­fi­gur gemalt, wobei die Augen stets zuletzt dran­kom­men. In Tibet ver­wen­de­ten die Maler Far­ben aus Mine­ra­lien und Pflan­zen­pul­ver, das mit Kalk und tie­ri­schem Leim als Bin­der ver­mischt wurde.

Ein­fas­sen, Inschrif­ten, Wei­hung und Stile

Bevor ein tibe­ti­sches Roll­bild in Gebrauch genom­men wird, muss es kor­rekt gerahmt und geweiht wer­den. Der Rah­men besteht in der Regel aus einem Bro­katstoff. Meis­tens lie­gen zwi­schen dem Haupt­rah­men und dem Bild ein bis zwei schmale Bro­kat­strei­fen und häu­fig ist im untern, brei­ten Teil des Rah­mens ein
recht­ecki­ger, beson­ders schön gewirk­ter Bro­katstoff ein­ge­las­sen. Dar­auf abge­bil­dete Motive sind bei­spiels­weise ein Dra­chen, Was­ser, ein Phö­nix. Zum Schutz des Bil­des vor Schmutz, bei Bil­dern mit gehei­mem Inhalt aber auch zum Schutz vor unein­ge­weih­ten Bli­cken, kann ein thang ka mit einem dün­nen Stoff zuge­deckt werden. 

Künst­ler

Den Namen der Per­son zu ken­nen, wel­che ein bestimm­tes Kunst­werk schuf, inter­es­siert die Tibe­ter nicht. Abge­se­hen von eini­gen Fres­ken wer­den Kunst­werke des­halb nie signiert oder datiert. Von Bedeu­tung ist das Pro­dukt, nicht der Her­stel­ler. Dies wohl in ers­ter Linie weil ein Künst­ler nichts Neues kre­iert, weil er
nicht sei­nen eige­nen Gefüh­len Aus­druck ver­leiht, son­dern genaue iko­no­me­tri­sche und iko­no­gra­phi­sche Vor­schrif­ten befolgt.

Wei­he­ze­re­mo­nie

Kul­tisch ver­wend­bar ist ein Roll­bild erst nach einer lan­gen und kom­pli­zier­ten Wei­he­ze­re­mo­nie, die in ihren Grund­zü­gen auf alt­in­di­sche Prak­ti­ken zurück­zu­füh­ren ist. Ohne diese Wei­hung ist das Kunst­werk unbe­lebt und ‘unbe­seelt’. Nach ent­spre­chen­den Vor­be­rei­tun­gen wie Rei­ni­gung des ritu­el­len Plat­zes und der Rezi­ta­tion von hei­li­gen Sil­ben ruft der Pries­ter die Gott­heit an, die im betref­fen­den Bild ihren Sitz ein­neh­men soll, kon­zen­triert sich auf sie, indem er sie sich in allen Ein­zel­hei­ten vor­stellt und sich schliess­lich selbst als diese Gott­heit sieht und als das, was das eigent­li­che Wesen der Gott­heit aus­macht, näm­lich als unzer­stör­bare Licht­sub­stanz. Die eigent­li­che ‘Bele­bung’ geschieht dadurch, dass der aus­füh­rende Pries­ter mit einem ‘Dia­mant­zep­ter’ Kopf, Nacken und Herz­re­gion der abge­bil­de­ten Gott­heit berührt, wobei auf der Rück­seite des thang ka, auf der Höhe der ent­spre­chen­den Kör­per­stelle, die Sil­ben OM, AH und HUM geschrie­ben wer­den.
Von nun an gilt das Roll­bild als von der Gott­heit belebt, als hei­lig, als Sym­bol und Sitz des höchs­ten Prin­zips. Schliess­lich folgt eine reli­giöse Waschung (Initia­tion) der Gott­heit mit­tels ritu­el­len Was­sers und
eines Spie­gels, eine Ver­trei­bung bös­wil­li­ger, behin­dern­der Geis­ter und eine Besei­ti­gung aller Ver­un­rei­ni­gun­gen, die mög­li­cher­weise noch an den den Kult Aus­füh­ren­den und am Bild haf­ten mögen. Stark zusam­men­fas­send kann die Wei­hung als eine Über­tra­gung der gött­li­chen ‘Essenz’ von der (in Gedan­ken kre­ier­ten) Gott­heit auf den Medi­tie­ren­den und von die­sem auf das Bild gese­hen werden.

Stile

Weil tibe­ti­sche Kunst­werke nach genauen Regeln und des­halb inner­halb einer bestimm­ten Schule über Jahr­hun­derte hin­weg sehr ähnlich her­ge­stellt wur­den, ist die Bestim­mung des Alters bei fast allen tibe­ti­schen
Bil­dern und Sta­tuen eine äusserst schwie­rige und unsi­chere Ange­le­gen­heit. Dies nicht zuletzt, da die für eine genaue Datie­rung not­wen­dige Grund­la­gen­for­schung noch in ihren Anfän­gen steckt.
Obschon das Malen nach sehr alten, stren­gen Regeln erfolgt und die ein­zel­nen Künst­ler kaum frei impro­vi­sie­ren dür­fen, haben sich mit der Zeit den­noch ver­schie­dene Stile her­aus­ge­bil­det. So unter­schei­det man stark ver­ein­facht eine von Nepal beein­flusste süd­li­che, eine zen­tral­ti­be­ti­sche und eine ost­ti­be­ti­sche
Malschule.

Mar­tin Brauen
24.04.1997

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