Chinas Kommunisten träumen vom Kaiserreich der Qing

Die Presse (A), 31.10.15, Susanna Bastaroli –

Mark Elliott, Historiker in Harvard, erklärt, warum das KP-Regime die „imperiale Blütezeit“ verherrlicht – und Forschern wie ihm das Leben schwer macht. Es geht auch um Eroberungen unter der letzten Dynastie, den Qing.

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Als Chinas Staatschef, Xi Jinping, Mitte Oktober in einer goldenen Kutsche von Queen Elizabeth durch London geführt wurde, strahlte er. Ein Kommunist, der sich im Glanz und Pomp der Monarchie so öffentlich wohlfühlt, mag vielleicht einigen hartgesottenen Marxisten nicht ganz geheuer sein. Aber in der Volksrepublik China stellt das keinen Widerspruch dar: Nahezu 70 Jahre nach Maos Revolution träumt die KP-Elite ganz offiziell von den goldenen Zeiten des alten chinesischen Kaiserreiches. Nicht nur historische TV-Kostümdramen, Biografien oder Romane über das dynastische China boomen. Imperiale Nostalgie ist auch zur hochpolitischen Angelegenheit geworden: Die patriotische Rhetorik der Regimespitze ist gespickt mit Andeutungen auf die Glorie der mächtigen Kaiser.

Wenn also Chinas Präsident von seinem „chinesischen Traum der grossen Verjüngung der Nation“ spricht, dann beziehe er sich nicht etwa auf die Zukunft, sagt Mark Elliott, renommierter Historiker in Harvard, der sich auf die Qing-Dynastie (1644–1911) spezialisiert hat: „Das Wort ,Verjüngung‘ kann auch mit ,Renaissance‘, ,Wiedergeburt‘ übersetzt werden. Was da eigentlich wiedergeboren werden soll, sagt niemand. Es ist aber eindeutig: Es geht um die alte Grösse der chinesischen Kaiserzeit. Verjüngung bedeutet eine Rückkehr zur vergangenen Blütezeit.“ Und den Weg dorthin ebnet natürlich die Partei.

„Schmachvolles“ 20. Jahrhundert

Von einer Wiederherstellung des alten Reiches spreche dabei niemand, betont Elliott: Das Wort „Imperium“ ist sogar negativ belastet (durch den verwandten Imperialismus). Bei der nostalgischen Welle gehe es vielmehr um ein neues Selbstverständnis. Die Botschaft: China sei wieder eine Grossmacht – fast wie in den vergangenen Jahrhunderten, als das Reich der Mitte Asien wirtschaftlich, kulturell und politisch prägte. Das „schmachvolle“ 20. Jahrhundert, als China sich ausländischen Mächten beugen musste und seine Rolle als Regionalmacht verlor, wird in der offiziellen Historiografie als „Ausrutscher gesehen“, meint Elliott. Mit „Renaissance“ sei de facto „Rückkehr zur Normalität“ gemeint – zu den Zeiten der Macht.

Minuziös wird darauf geachtet, dassdie Darstellung der Vergangenheit zur offiziellen Linie passt. „Chinesische Historiker propagieren das Bild einer linearen, ununterbrochenen Herrschaftstradition in China, die auf das dritte Jahrhundert vor Christus zurückgeht. Sie sprechen von einem Staat, der stets kulturell homogen war: also immer chinesisch“, so Elliott.

Das betrifft vor allem die Darstellungen der Qing, der letzten kaiserlichen Dynastie in China vor der Gründung der Republik 1912. Unter den Qing-Herrschern erlangte China zuletzt den Status einer regionalen Grossmacht. Nicht nur wissenschaftlich und kulturell blühte China bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts. Die vom Volk der Jurchen (später: Mandschu) gegründete Dynastie, die die Ming-Herrscher stürzte, kontrollierte bereits im 18. Jahrhundert etwa das Territorium des zeitgenössischen China. Bei Territorialdisputen mit anderen asiatischen Staaten beruft sich Peking heute noch auf Grenzlinien, die während der Qing-Ära gezogen wurden.

Diesen neuen Qing-Boom bekommen Historiker wie Elliott, die sich bisher eher ungestört mit den Mandschu-Herrschern beschäftigt haben, unangenehm zu spüren: „Meine Arbeit ist hochpolitisch geworden“, sagt der Historiker. Erst vor Kurzem wurden zum Teil jahrealte Veröffentlichungen von Elliott und anderen US-Kollegen von der chinesischen Akademie der Wissenschaften an den Pranger gestellt, ihre Autoren als „arrogant und imperialistisch“ beschimpft.

Eroberung nicht chinesischer Völker

Der Stein des Anstosses: Die Historiker hatten behauptet, dassQing-Kaiser die Grenzen des heutigen China geschaffen haben, indem sie Völker im Westen eroberten, die nicht chinesisch waren. „Wir haben einfach gezeigt, was ohnehin jeder weiss: dasssich Chinas Grenzen im Lauf der Geschichte immer wieder verschoben haben.“ Für Zündstoff sorgen solche Behauptungen auch, weil es unter anderem um die aufständischen Provinzen Tibet und Xinjiang geht. Die Machthaber in Peking fürchten offensichtlich, dassentsprechende historische Interpretationen als weiteres Argument für die Unabhängigkeitsbestrebungen dieser Regionen verwendet werden könnten. Dazu merkt Elliot an: „Ich habe nie behauptet, dassdiese Regionen nicht Teil der Volksrepublik und des chinesisches Staates sind. Was ich sagte, ist lediglich, dasssie nicht immer Teil des chinesischen Staates waren.“

„Ausländische Einmischung“

Heftig angegriffen wurde Elliott auch, weil er die Einzigartigkeit der Qing-Dynastie hervorgehoben hat. Entgegen der offiziellen Historiografie sieht Elliott keine lineare Kontinuität in der Geschichte des imperialen China: „Der Staat der Qings unterschied sich stark von anderen Herrschaftsformen in China: Er war multikulturell und kosmopolitisch, ein Staat, der nicht von ethnischen Chinesen – also Han-Chinesen – regiert wurde.“ DassElliott und seine Kollegen für ihre Forschung Quellen in den nicht chinesischen Sprachen des Qing-Reiches konsultierten (Tibetisch, Mandschurisch, Mongolisch) sei als „ausländische Einmischung in interne chinesische Angelegenheiten“ empfunden worden.

Dassdie Erforschung einer entfernten Epoche heute solche Emotionen auslöst, ist für Elliott symptomatisch: Hinter der Politisierung der Qing-Zeit sieht er den Versuch eines verunsicherten Regimes, neue Referenzpunkte für die nationale Identität und soziale Kohäsion zu schaffen. Denn das Revolutionsnarrativ einer nationalen Erneuerung und Modernisierung kann im heutigen, marktorientierten China nicht mehr überzeugen: Und so wurde es mit dem Mythos einer „wiederherzustellenden vergangenen Grösse“ ersetzt. Die einst „dekadenten Feudalherren“ der Kaiserzeit sind plötzlich keine Unterdrücker von Bauern und Bremser der Geschichte mehr, sondern Helden einer prämodernen „Blütezeit“.

Elliott kann dem freilich wenig abgewinnen: Geschichtsforschung sollte Historikern überlassen werden, meint er. Anstatt ständig in der Vergangenheit zu graben, sollte sich Chinas Führung lieber durch die Lösung von akuten aktuellen Problemen legitimieren; wie etwa die Verbesserung des Gesundheitssystems, der Nahrungsqualität, der Ausbildung. „Aber das ist wohl zu langweilig.“

ZUR PERSON

Mark C. Elliott ist Professor für chinesische Geschichte in Harvard und dort Direktor des Fairbank Center for Chinese Studies. Er ist einer der weltweit bekanntesten Spezialisten des letzten Kaiserreichs, der Qing-Dynastie. So erschien 2001 „The Manchu Way: The Eight Banners and Ethnic Identity in Late Imperial China“. Elliott war auf Einladung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien.  Clemens Fabry

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